Wien, am 7. Mai 1915. [Initialenstempel]J. B. Lieber Freund Treumann! Schon seit längerer Zeit hatten wir die Absicht an Sie zu schreiben, kommen infolge großer Arbeit erst heute dazu. Wie sehr wir uns über Ihren colossalen Erfolg in Berlin gefreut haben, wissen Sie ja, und es ist uns eine ganz besondere Genug= thuung, daß wir gerade diejenigen waren, die Ihnen dazu die Hand reichten. Wir haben miteinander nun schon zweimal Glück gehabt und erblicken darin die schönsten Auspicien für die Zukunft! Der Zweck unseres heutigen Briefes sei zunächst, Ihnen lieber Freund mitzuteilen, daß wir gemeinsam mit Leo Fall an einem Werke arbeiten, daß wie wir Ihnen schon andeuteten eine fulminante Rolle für Sie enthält, und Sie wissen, daß wir es verstehen, Rollen zu schreiben. Buch und Musik sind bis weit in den zweiten Akt hinein gediehen, und werden bis zum Sommer, wo Sie wahrscheinlich in Mondsee sind, fertig sein. Die Uraufführung über die momentan noch nicht fest verfügt ist, soll in Berlin stattfinden, am liebsten natürlich an dem Theater, wo Sie engagirt sind. Und nun sind wir bei der Frage angelangt, was Sie überhaupt für's nächste Jahr planen? Wir nehmen an, daß Sie vor der Hand noch gar nichts festes beschlossen haben und noch zwischen Wien und Berlin schwanken, aber schließlich werden Sie dort abschließen, wo man Ihnen die beste Rolle anzubieten vermag, und dies werden war= scheinlich wir sein! Schreiben Sie uns baldmöglichst ein paar Zeilen, wie Sie darüber denken, hauptsächlich ob Sie die Absicht haben in Berlin zu bleiben und wo - ? Wir haben uns in den Kopf gesetzt die nächsten zwei Jahre mit Ihnen zu arbeiten, und dabei werden Sie und wir sicherlich gut fahren. Wie lange spielen Sie noch in Berlin, wann sind Sie in Mondsee? Mit vielen herzlichen Grüßen Ihre Julius Brammer Alfred Grünwald. [Bleistift, andere Hand:] Angebot an L. Treumann, im nächsten Stück (Musik L. Fall) mitzu- wirken. Wohl "Fürstenliebe"?