Hochwohlgeboren Herrn Schriftsteller Adam Müller-Guttenbrunn Wien XVIII Hofstattgasse 17 Oberbaurat Jul. Deininger, Wien IV. Favoritenstraße 1 Wien 15. XI. 1915 Hochverehrter Freund! Heute erst spreche ich Dir meinen herz= lichsten Dank aus für die freundliche Zusendung Deines Romanes "der große Schwabenzug"; ich wollte es nicht früher tun, bevor ich ihn nicht auch gelesen hatte. Heute aber kann ich Dir mit alter Ehr= lichkeit gratulieren u. sagen, daß ich noch selten einen Roman mit so gro= ßem Interesse u. so viel Vergnügen ge= lesen habe, wie diesen. Und eigentlich ist es gar kein Ro= man, sondern eine sehr wertvolle kul= turgeschichtliche Studie, die Du durch die Romanform schmackhafter gemacht u. der persöhnlichen Empfindung näher gebracht hast. Wozu auch die Kenn= zeichnung der biederen, tüchtigen Art des Schwabenvolkes in Sprache u. Gehaben nicht wenig beiträgt. Und doch möchte ich wieder sagen: es ist doch ein Roman, denn ein solcher Ausschnitt aus der Kultur= geschichte soll ein wirklich bedeu= tender Roman eigentlich immer sein u. ist es auch - wenn ich da mit meiner Meinung nicht sehr auf dem Holzweg bin - immer gewesen. Vermutlich hast Du mit diesem Roman auch noch die Nebenabsicht verfolgt - u. auch glänzend erreicht - diesem tapferen Auswanderervölklein, welches die Kultur in den ganz nahen Osten getragen hat, u. dem ja auch Deine eigenen Ahnen angehört ha= ben, ein ebenso liebes als liebevolles literarisches Denkmal zu setzen. Ich danke Dir nochmals herzlichst, daß Du mir den Genuß dieser - darf man "Lektüre" noch schreiben? - verschafft hast u. bitte auch die freundschaftlichsten Grüße für Dich u. Deine werte Familie entgegen= nehmen zu wollen von Deinem aufrichtigen alten Freunde Julius Deininger