Molveno bei Mezolombardo. 26. Aug. 19. Meine verehrte liebe Else! Soeben, heute am 26. August kam Deine liebe Karte aus Oetz vom 6. Juli hier an! Es ist nicht zu glauben, aber leider wahr. Und wir hatten uns schon ehrlich gekränkt, daß unsere liebe Reisegesellschaft so garnichts von sich hören ließ. Wir konnten ja nicht schreiben, da wir nicht wußten, wo Du und Dein lieber Gemal gelandet. Wir freuen uns herzlich, daß der Aufenthalt in Oetz Euch so behagte, wir kennen ja die reizende Gegend auch. Ueber unsern Aufenthalt hier werde ich mündlich berichten, nur soviel für heute, die Höhe des Agios macht eine event. Wiederholung unmöglich, denn ich glaube nicht, daß unser armes Deutsch-Oesterreich sich von diesem Tiefstand bald erholen wird. Unser diesjähriger Sommer kostet ein kleines Vermögen. Wir kommen aller Voraussicht nach gegen d. 28. September nachhause, müssen, wenn die Kohlenmisère sich nicht bessert, drei Tage von Bozen nach Wien fahren. Das Wetter war vom 7. August bis heute herrlich, vorher schön und unbeständig wechselnd. Herrlich ist ja der Fleck hier, wie ja vorher, aber es lastet ein Unbestimmtes auf uns, das wir nicht überwinden können. Du wirst verstehen, was ich meine! Wir bleiben nur bis zum Ende meines Urlaubs, weil die Wiener Perspektive, nach allem was wir hören, nicht verlockend ist und man weiß, welchem Winter wir entgegen gehen. Wenn wir, wie es wahrscheinlich ist, nicht wieder hier- herkommen, wollen wir den kost- spieligen Aufenthalt wenigstens noch in seiner alten Schönheit bis zum Schluß auskosten, auf den wälischen Salat - wie der Wiener sagt - kommt es nun auch nicht mehr an, nachdem das übrige Essen so teuer war. Das hat alles der unglückliche Krieg schuld. Gott besser's! Viele herzliche Grüße von Gina u. mir an Dich und Deinen lieben Gemal und auf Wiedersehen auf dem Wiener Schlachtfeld. In treuer Ergebenheit Dein alter Max Devrient.