Sane MihingeiLiebe Verwandte und Freunde Wir müssen Euch ein schweres, entsetzliches Unglück melden. Unsere innigstgeliebte Erna, die sich zu unserer großen Freude zu Weihnachten mit Herrn Landgerichtsrat Dr. Wieman aus Osnabrück verlobt hatte, hat vorgestern Dienstag den 31. Dezember morgens ihrem Leben freiwillig ein Ziel gesetzt, in einem Anfall von Melancholie, wie sie schon seit vielen Jahren öfters von solchen Schwermutszuständen bedrängt war. Sie geriet in beängstigende Zweifel darüber, ob sie imstande sein werde, den Mann, den sie heiß liebte, und der sie mit ebensolcher heißen Liebe umfaßte, auf die Dauer glücklich zu machen. Sie getraute sich nicht die innere Kraft zu, ihm und ihrer eventuellen zukünftigen Familie Harmonie zu bringen, da sie selbst an den Disharmonien des Lebens schwer litt, und in den sich bekämpfenden Gegensätzen der Welt sich nicht mehr zurecht finden konnte. Leider hatte sie sich in ihrem übergroßen Zartgefühl weder ihren Eltern noch ihrem Verlobten gegenüber so deutlich darüber ausgesprochen, daß wir klar sehen und ihr die schweren Gedanken zerstreuen konnten. So fand sie keinen anderen Ausweg als den freiwilligen Tod. In ihren letzten Aufzeichnungen, die sie in der Nacht vor dem Tode machte, schreibt sie:„Ich kehre heim, ich will ganz Geist sein." Auch aus früheren Aufzeichnungen haben wir entnommen, daß sie mit den Problemen des Lebens schwer rang, und den Tod als befreienden Erlöser wünschte. Erna selbst hat folgenden Entwurf zu einer Todesanzeige hinterlassen: „Unsere Tochter Erna, meine Schwester, meine geliebte Braut, hat am heutigen Tage freiwillig das Leben verlassen. Ihre letzte Bitte an uns und alle ihre Freunde ist: sich mit ihr zu freuen, daß sie heute getan, was sie schon lange gewollt, wozu sie bis heute den Mut nicht gefunden. Sie ertrug sich nicht mehr, sie befreite sich von sich selbst. Ihr Schrei nach Erlösung, ihre Sehnsucht nach dem Überpersönlichen, Überzeitlichen, Reingeistigen, ihr Leiden und Mit-Leiden suchte im Nichtsein Seligkeit, Ruhe, Lächeln. Sie verging, treu ihrem Wesen und ihren Oberzeugungen Ihrem Wunsche folgend, werden wir ihren Leib durch Flammen auflösen.“ Das Andenken der Dahingegangenen ist uns heilig. Sie hat in ihrem kurzen Erdendasein uns unermeßlich viel Liebes, Gutes und Schönes gegeben. Dessen wollen wir uns freuen, dafür dankbar sein. In diesem Sinne lebt sie immerdar fort in unserm Rreise Die Totenfeier findet Sonnabend den 4. Januar Nachm. 3 Uhr in der großen Kapelle des Gertraudenfriedhofes statt. Wir bitten, von Beileidsbesuchen Abstand zu nehmen. Halle, Reichardtstr. 15 im Januar 1919. Dr. Hans Vaihinger, Geh. Reg.-Rat, Professor. Elisabeth Vaihinger geb. Schweigger. Dr. Bernard Wieman, Landgerichtsrat in Osnabrück. Richard Vaihinger, Ingenieur Am 31. Dezember 1918 schied in ihrem 23. Lebensjahr freiwillig aus diesem Leber meine heißgeliebte, mir aus tiefstem Herzensgrunde zugetane Braut Erna Vaihinger aus Halle. Sie war zu fein und zu edel für diese Welt, und ist am Leben zerbrochen, Reiche Liebe hat ihr die letzten Tage verschönt. Sie wollte heimkehren in ihre Heimat. Diesen Wunsch hatte sie schon lange; in den Tagen höchsten Glückes fand sie den Weg. Sie war der frömmste, reinste und gütigste Mensch, vollendet schön an Geist und Körper, treu ergeben ihrer hohen Kunst, der Bildhauerei, in der sie Großes hätte leisten können. In unsagbarem Schmerz Osnabrück, Johannisstr. 90. Dr. Wieman, Landgerichtsrat.