CURRICULUM GEWALT GEGEN FRAUEN UND KINDER Opferschutz an Wiener Krankenanstalten EIN HANDBUCH IMPRESSUM Medieninhaberinnen und Herausgeberinnen: MA 57 – Frauenförderung und Koordinierung von Frauenangelegenheiten, Friedrich Schmidt-Platz 3, 1082 Wien Fonds Soziales Wien, dieSie – Wiener Programm für Frauengesundheit, Guglgasse 7-9, 1030 Wien Konzept und Umsetzung: Mag a. Alexandra Grasl, Dr in. Karin Spacek, a.o. Univ.Prof. in. Dr in. Beate Wimmer-Puchinger Redaktion und Koordination: Dr in. Birgit Buchinger, Mag a. Ulrike Gschwandtner, Solution, Sozialforschung und Entwicklung, Buchinger und Gschwandtner OEG, Salzburg, www.solution.co.at Lektorat: Mag a. Anna Stiftinger, neue medien& kommunikation, Salzburg Layout: Mag. Christian Datz, media&design network, Salzburg Coverfoto:© Corbis Druck: AV Druck ISBN-Nr.: 3-902125-48-9 Wien, November 2005 KONTAKT 24-Stunden-Frauennotruf, MA 57 E-Mail: frauennotruf@m57.magwien.gv.at Tel.:+43-1- 71719 Web: http://www.frauennotruf.wien.at http://www.frauen.wien.at dieSie – Wiener Programm für Frauengesundheit E-Mail: frauengesundheit@fsw.at Tel.:+43-1- 4000-66771 Web: http://www.diesie.at/ Inhalt VORWORT INHALTLICHE GRUNDLAGEN DES PROJEKTES Frauengesundheit und Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen und Kindern: Relevanz für das Gesundheitssystem Zur Rolle der Krankenanstalten im Umgang mit der Gewalt gegen Frauen und Kinder Gewalt gegen Frauen – Zur Bedeutung des Opferschutzes Zur Bedeutung der Kinderschutzarbeit ORGANISATORISCHE GRUNDLAGEN DES PROJEKTES Überblick über Entwicklung und Umsetzung des Curriculums »Gewalt gegen Frauen und Kinder« MITARBEITER/INNEN-BEFRAGUNG IM RAHMEN DES PROJEKTES Ist-Stand Erhebung an den Modellspitälern TeilnehmerInnen und Feedback WISSENSVERMITTLUNG IM PROJEKT Die Fortbildungsinhalte im Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« Informationsmaterialien OPFERSCHUTZGRUPPEN IN DER PRAXIS ERFAHRUNGEN UND EMPFEHLUNGEN AUS DEM PROJEKT Allgemein fördernde Rahmenbedingungen Spezifische Rahmenbedingungen der Planungs- und Durchführungsphase Weiterführende Maßnahmen MITWIRKENDE PERSONEN UND INSTITUTIONEN ANHANG 4 9 11 16 18 24 27 29 35 37 41 43 45 48 59 67 69 72 75 77 80 Vorwort Vorwort Grete Laska Vizebürgermeisterin Mag a. Renate Brauner Gesundheitsstadträtin Mag a. Sonja Wehsely Frauenstadträtin 4 Gewalt gegen Frauen und Kinder ist ein ernst zu nehmendes Problem, dem auf ver­ schiedenen Ebenen konsequent entgegen­ gewirkt werden muss. Die Stadt Wien bietet eine Vielzahl von kinder- und frauenspezifi­ schen Beratungsstellen und Krisenein­ richtungen und fördert oder entwickelt Projekte in den Bereichen Gewaltprä­ vention und Opferschutz. Die gesundheitlichen Folgen von Gewalt zeigen sich zum einen in der Akutbetreuung, das heißt, wenn es um die Behandlung von Verletzungen geht, aber auch in lang­ fristigen Folgeerscheinungen. ÄrztInnen und Pflegepersonal sind mit beidem kon­ frontiert. Da für uns auch diese gesund­ heitlichen Auswirkungen von Gewalt ein besonderes Anliegen darstellen, wurde die Vermeidung von Gewalt gegen Frauen und Kinder bereits im Jahre 1998 als Schwer­ punktthema im Wiener Frauengesundheits­ programm verankert. Das Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« wurde im Jahr 2001 im Sozialmedizinischen Zentrum Ost gestartet und hatte zum Ziel, das medizinische Personal im Umgang mit Gewaltopfern zu sensibili­ sieren und opferspezifische Versorgungs­ standards zu etablieren. Als Maßnahme des Frauengesundheitsprogramms konnte das Projekt nach einer 4-jährigen Laufzeit an sechs Wiener Schwerpunktspitälern erfolg­ reich zum Abschluss gebracht werden. Opferschutzgruppen wurden in Spitälern fix eingerichtet, die Zusammenarbeit zwi­ schen Spitälern und extramuralen Ein­ richtungen wurde vertieft und Standards bei der Erstversorgung wurden implemen­ tiert. Austausch und Vernetzung waren zen­ trale Elemente, die neben Wissenstransfer auch die Etablierung von fachbezogenen Netzwerken förderten. Bereits in der Projektentwicklung und bei der Durchführung wurde eine enge Ko– operation ins Zentrum gestellt: Der Wiener Krankenanstaltenverbund, der 24-Stunden Frauennotruf der MA 57, die MAG ELF, die Unfallabteilungen im Sozialmedizinischen Zentrum Ost und im Wilhelminenspital, die Bundespolizeidirektion Wien sowie die Gerichtsmedizin Wien – sie alle waren unter Koordination des Wiener Frauenge­ sundheitsbüros beteiligt. Ein ebenso herzliches Dankeschön gilt allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltungen, die durch ihren täglichen Einsatz bei der Betreuung von Gewalt­ opfern einen unverzichtbaren Beitrag im Kampf gegen Gewalt leisten. Ihre positiven Rückmeldungen zum Projekt sehen wir als wichtige Unterstützung und Bestärkung für unsere Arbeit an. Das nun vorliegende Handbuch soll neben einer detaillierten Projektbeschreibung auch Erfahrungswerte vermitteln und ins­ besondere EntscheidungsträgerInnen und VertreterInnen von Organisationen bei der Planung sowie Durchführung von ähn­ lichen Opferschutzprojekten als Anregung dienen. Erfahrungen zeigen, dass Unterstützung, Schutz und bestmögliche Betreuung von Gewaltopfern nur mittels interdisziplinä­ rer Zusammenarbeit und Kooperation ver­ schiedener Institutionen gewährleistet werden kann. Es ist uns daher sehr wichtig, die Einzigartigkeit und den Vorbildcharakter dieses Projektes hervorzuheben, das den interdisziplinären Gedanken durchgehend umgesetzt hat. Der Erfolg des Projektes, seine Praxistauglichkeit und Nachhaltigkeit hän­ gen unweigerlich damit zusammen. Unser Dank gebührt den OrganisatorInnen sowie allen mitwirkenden Institutionen und deren VertreterInnen. Nur durch ihr Engagement und durch ihre Kompetenz ist die Umsetzung des Projektes in dieser Qualität überhaupt erst möglich geworden. Grete Laska Vizebürgermeisterin Mag a. Renate Brauner Gesundheitsstadträtin Mag a. Sonja Wehsely Frauenstadträtin 5 Vorwort Dr. Wilhelm Marhold Generaldirektor, Wiener Krankenanstaltenverbund Gewalt gegen Frauen und Kinder ist immer noch ein gesellschaftliches Tabu­ thema, über das nicht gern gesprochen wird. Selten will jemand etwas merken, selten wird etwas aktiv unternommen. Oft kommen Gewaltopfer mit gewöhnlich scheinenden Verletzungen wie einem blau­ en Auge oder einer Verstauchung zu einer Behandlung in ein Krankenhaus. waltopfern, die rechtlichen Rahmen­ bedingungen und ein Überblick über bestehende Hilfsangebote notwendig. Die in allen Schwerpunktkrankenanstalten des Wiener Krankenanstaltenverbundes durchgeführten Fortbildungsangebote zum Thema»Gewalt gegen Frauen und Kinder« waren ein großer Erfolg und werden kon­ sequent weitergeführt. Die MitarbeiterInnen in den Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbundes sind gefordert, rasch zu erkennen, ob Körper­ verletzungen durch die Einwirkung Dritter vorliegen. Die Betreuung von Opfern körper­ licher beziehungsweise sexueller Gewalt erfordert einen entsprechenden sensiblen Umgang und darüber hinaus auch ausrei­ chende Kenntnisse von Unterstützungs­ angeboten für die Betroffenen. Der Wiener Krankenanstaltenverbund nimmt mit seinen öffentlichen Spitälern eine Schlüsselfunktion ein, das immer noch tabuisierte und in Folge von Scham­ gefühlen oft verschwiegene Problem der Gewaltanwendung entsprechend aufzu– arbeiten. Um dem medizinischen Personal und den PflegerInnen im Anlassfall die Möglichkeit zu geben, rasch und unbüro­ kratisch entsprechende Hilfestellungen in die Wege zu leiten, sind gezielte Schulungen über den Umgang mit Ge­ Besonderer Dank gilt dabei der Frauen­ gesundheitsbeauftragten a.o. Univ.Prof in. Dr in. Beate Wimmer-Puchinger sowie Dr in. Karin Spacek, MA 57 – Frauenförderung und Koordinierung von Frauenangelegen­ heiten für die intensive Zusammenarbeit bei der Erstellung des Curriculums und die aktive Unterstützung unserer Arbeit. Insbesondere danken wir allen Führungen unserer Spitäler, die bei dieser erfolgrei­ chen Fortbildung mitgearbeitet haben. Dr. Wilhelm Marhold Generaldirektor, Wiener Krankenanstaltenverbund 6 7 INHALTLICHE GRUNDLAGEN DES PROJEKTES 8 9 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Um das Thema»sichtbar« zu machen, thematisieren während der Projektwochen 2001 in den Modellspitälern lebensgroße Figuren im Eingangsbereich der Ambulanzen Gewalt gegen Frauen und Kinder als ein Thema der Medizin. 10 Inhaltliche Grundlagen des Projektes INHALTLICHE GRUNDLAGEN DES PROJEKTES Frauengesundheit und Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen und Kindern: Relevanz für das Gesundheitssystem a.o. Univ.Prof in. Dr in. Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Sexuelle, körperliche und psychische Gewalt gegen Frauen und Kinder wurden lange Zeit als»Kavaliersdelikt« und private Angelegenheit betrachtet. Dies trifft für viele Staaten auch heute noch zu. Die Forderung, dass dies nicht nur ein Anliegen der Frauen sein kann, sondern die gesamte Gesellschaft betreffen muss, ist durch zahlreiche internationale Menschenrechtserklärungen und Legistiken belegt. Angesichts der weit reichenden psychi­ schen, gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen stellt Prävention von Gewalt gegen Frauen und Kinder eine wichtige und auch gesundheitspolitische Heraus­ forderung dar. Zahlreiche internationale Vereinbarungen und Resolutionen sind seitens des Europarates und der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen und Kindern getroffen worden. (Beijing-Deklaration, 1995) Definition von Gewalt in der Beijing-Deklaration Der Begriff»Gewalt gegen Frauen« bezeichnet jede Handlung geschlechterbezo­ gener Gewalt, die der Frau körperlichen, sexuellen oder psychischen Schaden oder Leid zufügen kann, einschließlich der Androhung derartiger Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsberaubung in der Öffentlichkeit oder im Privatleben. Gewalt gegen Frauen umfasst folgende Formen: • Körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt in der Familie, Misshandlungen von Frauen, sexueller Missbrauch von Mädchen in der Familie, Gewalt im Zusammenhang mit der Mitgift, Vergewaltigung in der Ehe, Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane und andere traditionelle, für die Frau schädi­ gende Praktiken, Gewalt außerhalb der Ehe und Gewalt im Zusammenhang mit Ausbeutung. • Körperliche, sexuelle und psychische Gewalt in der Gemeinschaft, so auch Vergewaltigung, Missbrauch, sexuelle Belästigung und Einschüchterung am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen etc., Frauenhandel und Zwangs­ prostitution. • Vom Staat ausgeübte oder geduldete körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt, wo immer sie auftritt. Quelle: Beijing-Deklaration und Aktionsplattform; vierte Welt-Frauenkonferenz, Peking, China, 4. bis 15. September 1995(United Nations, 1996, Abschnitt D.113) 11 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Ausmaß und gesundheitliche Folgen der Gewalt Laut Schätzungen erfährt in Österreich jede 5. Frau in einer aktuellen oder früheren Partnerschaft körperliche Gewalt. Ein wei­ teres Problemfeld stellt sexuelle Gewalt (Missbrauch) bei Mädchen und Burschen dar. Wissenschaftlich erwiesen sind die folgen­ den kurz- und langzeitwirkenden gesund­ heitlichen Konsequenzen 1 : KÖRPERLICHE FOLGEN Verletzungen, funktionelle Beeinträchtigungen, dauerhafte Behinderungen PSYCHOSOMATISCHE FOLGEN Chronische Schmerzsyndrome, Reizdarm­ syndrom, Magen-Darm-Störungen PSYCHISCHE FOLGEN Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Schlafstörungen, Panikattacken, Essstörungen, Verlust von Selbstachtung und Selbstwertgefühl REPRODUKTIVE GESUNDHEIT Ungewollte Schwangerschaft, Schwangerschafts­ komplikationen, Fehlgeburten, niedriges Geburts­ gewicht, STDs/sexuell übertragbare Krankheiten, Eileiter- und Eierstockentzündungen GESUNDHEITSGEFÄHRDENDE STRATEGIEN Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, risikoreiches Sexualverhalten TÖDLICHE FOLGEN Mord, Selbstmord Der Schweregrad der Erkrankungen ist abhängig von der Bedrohlichkeit, der Dauer des Zeitraums, der Häufigkeit, dem Alter, der emotionalen Bindung an den Täter 2 sowie von den familiären und sozi­ alen Reaktionen gegenüber dem Opfer. Eine Multi-Center-Studie 3 an elf gynäko­ logischen Abteilungen in Österreich (n= 1.378 Frauen) über die gynäkologi­ schen Langzeitfolgen von sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend zeigt hochsigni­ fikant, dass Frauen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen ein Leben lang häufiger unter Unterbauchschmerzen, Eierstock- und Blasenentzündungen sowie menstruellen Beschwerden leiden als jene Frauen, die keine Gewalterfahrungen erle­ ben mussten. Deutlich wurde in dieser Studie überdies, dass diese Erfahrungen zu Serien unglücklicher Beziehungen sowie sexuellen Problemen führen. Ins­ gesamt berichten 13,6 Prozent aller befragten Frauen eine Vorgeschichte mit sexuellem Missbrauch, davon 3,8 Prozent mit versuchter Penetration. Das Durch­ schnittsalter betrug beim ersten Miss­ brauchserlebnis zwölf Jahre. Die Täter waren nahezu zu 100 Prozent aus dem familiären Umfeld. Gesundheitliche Folgekosten Dass Gewalt nicht nur die Betroffenen massiv schädigt und zu lebenslangen Traumen führen kann, sondern sich auch in massiven Kosten für das Gesundheits­ wesen niederschlägt, ist mittlerweile durch gesundheitsökonomische Berechnungen evident. Ein weiterer Kostenfaktor sind die für die Betroffenen notwendigen Be­ ratungs- und Unterstützungseinrichtungen. Nach aktuellen Berechnungen im Auftrag der britischen Regierung 4 verursacht häusliche Gewalt in Polizei, Justiz, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen jährlich Kosten in Höhe von 3,1 Mrd. Pfund(4,55 Mrd. Euro). Die höchsten Kosten entstehen dieser Studie zufolge im Gesundheitssystem: Der National Health Service muss jährlich ca. 1,37 Mrd. Pfund (2,055 Mrd. Euro) zur Behandlung der Folgeschäden von Gewalt gegen Frauen und Kinder aufbringen. 12 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Kostenschätzungen in den USA belaufen sich auf 3,3 Prozent des Bruttoinlands­ produkts, 40,2 Billionen Dollar jährlich. Obwohl die Erkenntnis, dass Gewalt dra­ matische gesundheitliche Folgen hat, nicht neu ist, wurde bis dato im Gesundheits­ system nicht entsprechend reagiert: Weder war es Thema von Aus- und Fortbildungen im Bereich der Medizin und Pflege, noch gab es Behandlungsstandards. Um diese sowohl für die Prävention als auch für die Behandlungsqualität wichtige Lücke zu schließen, wurde dieses Handlungsfeld in das Wiener Frauengesundheitsprogramm 1998 aufgenommen. Eine Sensibilisierung medizinischer Spitals­ mitarbeiterInnen ist wichtig, • da sie über die Situation und Befindlich­ keit von betroffenen Frauen und Kindern sowie über die Dynamik von Gewalt­ beziehungen informiert werden müssen, • da sie wissen müssen, wie sie Gesetze zugunsten der betroffenen Frauen ein­ setzen und nutzen können, • und da sie sich auch der Grenzen ihrer jeweiligen professionellen Handlungs­ und Einwirkungsmöglichkeiten bewusst sein und zur Zusammenarbeit mit anderen Hilfseinrichtungen verpflichtet werden müssen. 5 Modelle aus dem Ausland: Das Berliner Fortbildungsprojekt S.I.G.N.A.L. Das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm am Universitätsklinikum Benjamin Franklin hatte zum Ziel, die Sicherstellung einer passenden Versorgung für gewaltbetroffe­ ne Frauen aufzubauen. Neben der direkten medizinischen Versorgung erhalten Gewalt­ opfer in der Ersten Hilfe des Klinikums Gesprächsangebote, Informationen über Unterstützungsprojekte und Zufluchts­ möglichkeiten sowie Hilfe bei der Kontakt­ aufnahme. Die Ergebnisse von S.I.G.N.A.L. 6 zeigten, dass das Pflegepersonal mit den zweitägigen Schulungen gut, die ÄrztInnen allerdings kaum erreicht wurden. Das Pflegepersonal beurteilte die Schulungen als positiv. Eine deutliche Mehrheit zeigte Interesse an vertiefenden Fortbildungen und einem praxisbezogenen Austausch unter KollegInnen. Die Befragten gaben auch an, sich nach der Schulung besser informiert zu fühlen, aufmerksamer gegen­ über der Gewaltproblematik zu sein und gewaltbetroffene Patientinnen über weiter­ führende Hilfsangebote informieren zu können. Die Befragung zeigte, dass viele ÄrztInnen mit gewaltbetroffenen Frauen konfrontiert sind und ein Bedürfnis nach Austausch und Kooperation mit fach- und sachkompetenten BeraterInnen haben, um ihnen Patientinnen auf kürzestem Weg übermitteln zu können. Das Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« an Wiener Krankenanstalten Das Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« ging von folgenden Ausgangsüber­ legungen aus: Gewaltopfer werden in Folge von Scham und Schuldgefühlen der Betroffenen oft nicht erkannt und daher nur kurzfristig behandelt. Gewaltopfer suchen den Schutz der Anonymität einer Krankenhausambulanz und vermeiden niedergelassene ÄrztInnen. Die öffentlichen Krankenhäuser sind daher wesentliche Gatekeeper der Prävention. Daraus leiten sich folgende Ziele des Fortbildungsprogramms ab: • Sensibilisierung des Personals • Verbesserung der Früherkennung • Erleichterung des Behandlungsprocederes • Klarere interne Kommunikationsabläufe • Erstellung eines Notfallbehandlungs­ planes • Kenntnis der extramuralen Betreuungs­ ressourcen • Anregung zur Einrichtung von Opfer­ schutzgruppen im Spital 13 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Bei einer Ist-Stand-Analyse, die in zwei Pilot-Spitälern zum Thema körperliche und seelische Gewalt gegen Frauen und Kinder durchgeführt wurde, stufte sich nur ein Viertel der befragten ÄrztInnen und Pflegefachkräfte als gut informiert ein und 80 Prozent wünschten sich mehr Hintergrundinformation zum Thema sowie bessere Kenntnis über extramurale Be­ treuungsangebote. 1. PROJEKTSTRUKTUR Auf Basis der Ergebnisse der Befragung wurde das Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« als Fortbildung für das Spitalspersonal in Form einer Ko­ operation verschiedener Einrichtungen der Stadt Wien entwickelt und umgesetzt. Von Anfang an erfuhr das Projekt die Unterstützung der Gesundheitsstadträtin, der Frauenstadträtin sowie der Vizebürger­ meisterin und Stadträtin für Jugend und Soziales. TrägerInnen sind das Wiener Programm für Frauengesundheit, die Magistrats­ abteilung 57 – Frauenbüro(im Folgenden MA 57), die Magistratsabteilung 11 – Amt für Familie und Jugend(im Folgenden MAG ELF) und der Wiener Krankenan­ staltenverbund, die die Steuerungsgruppe bilden. KooperationspartnerInnen sind die Bundespolizeidirektion Wien und das Institut für Gerichtsmedizin.(siehe Abb. 2) In der inhaltlichen Projektgruppe(siehe Abb. 2) wurden auf Basis der Mitarbei­ terInnenbefragung die Inhalte der Fort­ bildung erarbeitet, es wurden ein Refe­ rentInnen-/ExpertInnen-Pool aus den relevanten Arbeitsgebieten zusammenge­ stellt sowie Arbeitsunterlagen entwickelt. 2. DIE ZIELGRUPPEN Zielgruppen des Curriculums»Gewalt gegen Frauen und Kinder« sind ÄrztInnen und Pflegefachpersonal sowie Psycho­ logInnen, Hebammen, Spitalssozialar­ beiterInnen und PhysiotherapeutInnen, die in den Bereichen Gynäkologie, Urolo­ gie, Pädiatrie, HNO, Augenheilkunde, Dermatologie, Interne Chirurgie, Psychia­ trie und in Notfalls- und Unfallsambu­ lanzen tätig sind. Der Ansatz des Wiener Curriculums, Pflegepersonal und ÄrztInnen in einem Top-Down-Prinzip in einer Ausbildung für mehrere Abteilungen zusammenzufassen, diente auch der Vernetzung, dem Lern­ transfer und der Transparenz. 3. RESÜMEE Die Erfahrungen zeigten deutlich, dass es in Wien gelungen ist, trotz der knappen Zeitressourcen der MitarbeiterInnen der öffentlichen Krankenanstalten, die Pro­ blematik und die gesundheitlichen Folgen von Gewaltopfern zu transportieren. Das Konzept der Multiprofessionalität und Interdisziplinarität, das nicht nur die Zielgruppen, sondern auch die Inhalte auszeichnet, hat sich als effizient und res­ sourcenschonend erwiesen. Was die Implementierung vor Ort anbelangt, so haben die jeweiligen Fortbildungsre­ ferentInnen der Krankenanstalten die Verantwortung für die interne Kommuni­ kation und Organisation übernommen. Somit ist es auch gelungen, das Problem­ feld Gewalt und seine gesundheitlichen Folgen als Weiterbildung in den Kranken­ hausalltag zu integrieren. Das Curriculum sollte auch zur Bildung von Operschutz­ gruppen in den Spitälern anregen, was im Sozialmedizinischen Zentrum Ost erfolg­ reich gelungen ist. Offenheit der verschie­ denen Berufsgruppen in den relevanten medizinischen Disziplinen für das hoch­ sensible Thema Gewalt gegen Frauen und Kinder zeugt von einer hohen sozialen Verantwortung und vom Bemühen um beste Betreuungsqualität und Verständnis der MitarbeiterInnen. Durch die Sensi­ bilisierung für Gewalt gegen Frauen und Kinder als ein Thema, das alle im Gesundheitsbereich tätigen Gruppen be­ 14 Inhaltliche Grundlagen des Projektes trifft, wird mehr Verständnis für psycho­ soziale und psychosomatische Folgen ver­ mittelt. Dies verstärkt den für unsere Gesellschaft wichtigen Solidaritätseffekt, gemeinsam gegen Gewalt einzutreten. Abb. 1: TrägerInnenstruktur Abb. 2: Inhaltliche Projektgruppe 15 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Zur Rolle der Krankenanstalten im Umgang mit der Gewalt gegen Frauen und Kinder Charlotte Staudinger, akademische Krankenhausmanagerin, Generaloberin, Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbundes Im Rahmen der Umsetzung des Wiener Frauengesundheitsprogramms war und ist es dem Wiener Krankenanstaltenverbund als größtem Spitalserhalter Österreichs ein wichtiges Anliegen, die im Wiener Frauen­ gesundheitsprogramm initiierte Entwick­ lung und Umsetzung eines Fortbildungs­ angebotes zum Thema»Gewalt gegen Frauen und Kinder« zu fördern sowie Gewaltschutzgruppen/Opferschutzgruppen einzurichten. Ziel dieses Fortbildungsangebotes ist es, das medizinische Personal und das Pflege­ personal aller Abteilungen so zu schulen beziehungsweise zu informieren, dass eine hohe Sensibilität für das Thema»Gewalt gegen Frauen und Kinder« erreicht wird und somit die Erkennung von Gewalt­ opfern und der Umgang mit diesen Opfern erleichtert werden. Dazu wurden vor allem interdisziplinäre Schulungen über Kennt­ nisse in Gesprächsführung und das Beherrschen von Kriseninterventions­ techniken angeboten. Im Rahmen der Ausbildungsinhalte sowie der Umsetzungs­ programme ist es wichtig, den Mitar­ beiterInnen die Sensibilität, aber auch die enorme Hemmschwelle von Be­ troffenen, darüber zu reden, klar zu machen. Voraussetzung dafür war und ist das Funktionieren von interdisziplinärer Zusammenarbeit, also die Bereitschaft aller beteiligten Berufsgruppen, sich gegenseitig zu respektieren und die unterschiedlichen Arbeitsweisen zu akzeptieren. Weiters soll die Fortbildungsveran­ staltung dazu dienen, dass eine koordi­ nierte Zusammenarbeit zwischen den ein­ zelnen klinischen Fachabteilungen, vor allem den Unfallchirurgischen, Gynäko­ logischen, Pädiatrischen und Psychia­ trischen Abteilungen, den Fachabteilungen wie Urologie, Hals-, Nasen- und Ohrenabteilung, Dermatologie, Interne Medizin und Chirurgie, aber auch den wei­ teren Anlaufstellen beziehungsweise Betreuungseinheiten sichergestellt ist. Ebenso war und ist es erklärtes Ziel, im Rahmen dieser Fortbildungen Standards und Richtlinien zu erarbeiten, nach welchen eine Behandlung und Betreuung von Gewaltopfern durchzuführen sind. Leitfäden für das gesamte Krankenhaus, wel­ che die Anhaltspunkte für den optimalen Umgang mit den Gewaltopfern und auch die wichtigsten Telefonnummern und Kontaktmöglichkeiten zu allen Bereichen wie Frauennotruf, Frauenhäuser und andere soziale Einrichtungen umfassen, sind erklärtes Ausbildungs- und Umsetzungs­ ziel. In weiterer Folge sind die Konstituierung und Implementierung von interdiszipli­ nären Gewaltschutzgruppen/Opferschutz­ gruppen in allen Schwerpunktkrankenanstalten Wiens erklärte Projektziele. Die wesentliche Bedeutung der Gewalt­ schutzgruppe/Opferschutzgruppe liegt in der Drehscheibenfunktion für das Kranken­ haus. Sie ist zuständig für die laufende Aus- und Weiterbildung des Personals, für Aktualisierungen der Richtlinien, für die Erstellung von Jahresberichten und für Netzwerkkontakte zu Opferschutzein­ richtungen und anderes mehr. Derzeit gibt es sowohl im Wilhelminenspital als auch im Sozialmedizinischen Zentrum Ost bereits etablierte Gewaltschutzgruppen/ Opferschutzgruppen. An der Einrichtung in anderen Schwerpunktkrankenanstalten des Wiener Krankenanstaltenverbundes wird gearbeitet. 16 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Um die Bedeutung des Themas»Gewalt gegen Frauen und Kinder« und das Wissen darüber auf mehreren Ebenen zu verankern, wurde von der Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbundes das Top-Down-Prinzip zur Umsetzung und Etablierung ausgewählt. Über die Kollegiale Führung des Krankenhauses wurden die Abteilungsleitungen informiert, und jede Abteilung wurde verpflichtet, je eine/n VertreterIn des Ärztlichen Personals und des Pflegepersonals zur Fortbildungsver­ anstaltung zu entsenden. Somit ist es gelungen, beim medizinischen Personal eine solide Anzahl an ausgebildeten MitarbeiterInnen zu haben. Der Wiener Krankenanstaltenverbund wird diesem sensiblen Thema weiterhin großes Augenmerk schenken, im Rahmen der Gewaltschutzgruppen/Opferschutzgruppen die weitere Zusammenarbeit sicherstellen und allfällige Verbesserungen und Entwicklungen in die laufenden Programme einbauen. »Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt an Menschen. Wir positionieren uns gegen Gewalt an Frauen und Kindern.« Statement von Oberin Eva Gantner, Direktorin des Pflegedienstes, Allgemeines Krankenhaus »Die Bedeutung des Curriculums kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, da sich die Gewalt gegen Frauen und Kindern in den letzten Jahren dramatisch entwickelt hat. Zahlreiche mediale und persönliche Berichte führen uns diese Tatsachen und dieses menschenunwürdige Geschehen – welches es mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Maßnahmen zu verhindern und erkennen gilt – lei­ der immer wieder vor Augen. Sachliche, fundierte und wegweisende Informationen können Gewalt und ihre traumatischen Folgen erkennbar und benennbar machen. Als direkter und indirekter Nutzen dieser Veranstaltung kann genannt werden: • Persönliche Wissenserweiterung • Heranführen an die Dimensionen der Gewalt • Früherkennung und Prävention von Gewaltanwendungen • Sensibilisierung und Steigerung der Wahrnehmungsfähigkeit • Sensibilisierung für komplexe Probleme als Folge von Gewalterfahrung und Langzeitfolgen • Verbesserung von präventiven und opferspezifischen Maßnahmen • Verbesserung von Diagnose- und Therapieangeboten • Verbesserung der interdisziplinären intra­ und extramuralen Kooperationen • Professioneller Umgang mit den Betroffenen« 17 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Gewalt gegen Frauen – Zur Bedeutung des Opferschutzes Dr in. Karin Spacek, 24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien, MA 57 Arbeit einer Opferschutzeinrichtung Der 24-Stunden Frauennotruf, eine Service­ einrichtung der Frauenabteilung der Stadt Wien, ist eine spezialisierte Fachstelle im Bereich sexuelle, körperliche und psychi­ sche Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Der Leistungsschwerpunkt liegt in der Akut- und Krisenhilfe sowie der mittel­ fristigen Betreuung von Gewaltopfern und umfasst telefonische und persönliche Beratung, Begleitungen zu einer Anzeige, zu einer Untersuchung ins Spital oder zu Gericht. Den betroffenen Frauen und Mädchen steht das Angebot der psycholo­ gischen, rechtlichen und sozialarbeiteri­ schen Beratung und Unterstützung rund um die Uhr zur Verfügung. Der Frauennotruf war für die Frauen­ abteilung der Stadt Wien in der Steuerungs­ gruppe des Curriculums»Gewalt gegen Frauen und Kinder« vertreten und brachte in dieser Funktion Expertise von einem frauen- und opferspezifischen Blickwinkel ein. Bei der Erarbeitung des inhaltlichen Konzeptes wurde seitens des Frauennot­ rufes großes Gewicht darauf gelegt, dass möglichst viele Institutionen einbezogen werden. Beispielsweise wurden in einer Arbeitsgruppe mit der MAG ELF-Amt für Familie und Jugend und der Kinder­ schutzgruppe des Sozialmedizinischen Zentrums Ost das Informationsmaterial – die Folder, die Postkarten, die Plakate und die Checkkarte – gemeinsam entwickelt. Die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen ist im Frauennotruf ein wesentlicher Bestandteil des Krisen­ managements und Vorraussetzung für eine umfassende Betreuung von Gewaltopfern. Insbesondere Institutionen wie Spitäler, Polizei oder Frauenhäuser sind uner­ lässliche Ansprech- und Kooperations­ partnerInnen, wobei nicht zuletzt die 24­ stündige Erreichbarkeit mit dem Ver­ sorgungsauftrag der Soforthilfe ein gemein­ sames und wichtiges Element für die wech­ selseitige Inanspruchnahme der Hilfsange­ bote darstellt. Spezifische Grundlagen des Opferschutzes Bei der Frage nach dem benötigten Fach­ wissen und den notwendigen strukturel­ len Rahmenbedingungen zur optimalen Versorgung von Gewaltopfern muss der Grundauftrag der jeweiligen Institution berücksichtigt werden. So gelten für eine Spezialeinrichtung zur Betreuung von Gewaltopfern andere Vorgaben als für Institutionen mit einem breiten Ver­ sorgungsauftrag. Für alle sollte jedoch gelten: Unabhängig davon, an wen sich die Betroffenen wenden, ob nun an die Polizei, an das Krankenhaus, an das Gericht oder an eine Opferschutzeinrichtung, überall sollen sie die Sicherheit haben, dass ihnen mit der nötigen Sensibilität begegnet wird und sie den spezifischen Bedürfnissen entsprechend behandelt werden. Damit dieser berechtigte Anspruch auch in der Praxis erfüllt werden kann, ist in den Institutionen Wissensvermittlung für bestimmte Bereiche unerlässlich. • Wissen über das Ausmaß und Formen von Gewalt und die psychischen sowie körperlichen Auswirkungen auf die Opfer • Kenntnisse über vorherrschende Vorur­ teile und Mythenbildungen in der Ge­ sellschaft und deren mögliche Aus­ wirkungen auf die Opfer sowie auf die 18 Inhaltliche Grundlagen des Projektes eigene Grundhaltung gegenüber Gewalt­ opfern • Kenntnisse über rechtliche Grundlagen im Bereich Opferschutz • Entwicklung und Implementierung von Behandlungsstandards und Interventions­ richtlinien in der jeweiligen Institution • Standardisierte interdisziplinäre und interinstitutionelle Zusammenarbeit bei der Akutversorgung von Gewaltopfern • Kenntnisse über die institutionellen und persönlichen Zuständigkeiten und Grenzen AUSMASS UND FOLGEN DER GEWALT Internationale Daten und wissenschaftli­ che Untersuchungen zeigen eindeutig auf: Gewalt ist ein weit verbreitetes soziales Problem: • Eine von vier in Europa lebenden Frauen ist von Gewalt durch ihren jetzigen oder ehemaligen Partner betroffen. 7 • Zehn bis 15 Prozent der Frauen in Industrieländern werden durch ihren aktuellen Lebenspartner zu sexuellen Handlungen gezwungen. 8 • Bei einer Befragung von 10.000 Frauen in Deutschland gaben 40 Prozent an, seit dem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben. 9 Auch wenn die Auswirkung von Gewalt, die Art und Ausprägung der psychischen Reaktion vom situativen Kontext der Gewalttat(Ort, Dauer, Täter), von der eige­ nen Persönlichkeitsstruktur und den er­ lernten Copingmechanismen beziehungs­ weise Bewältigungsstrategien abhängen, muss grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass sexuelle, körperliche oder psychische Gewalt immer zu gesundheit­ lichen Folgeschäden führt. So kann eine akute Belastungsreaktion unmittelbar nach einer Gewalterfahrung auftreten und sich unter anderem in Angstzuständen, Schlafstörungen und Alpträumen oder psychosomatischen Be­ schwerden äußern. Als besonders belas­ tend erleben die Betroffenen Flash backs, die als real erlebte Erinnerungsbilder der Tat plötzlich auftreten und etwa durch Gerüche, Geräusche oder Bilder ausgelöst werden. Zu den Spätfolgen zählt etwa die posttraumatische Belastungsstörung, die nicht unterschätzt werden darf. Die Prävalenzrate, also die Rate jener, die nach einer Vergewaltigung an einer posttrau­ matischen Belastungsstörung erkranken, wird mit 30 bis 55 Prozent angegeben. 10 RECHTLICHE GRUNDLAGEN Verschiedene gesetzliche Regelungen und Bestimmungen stellen wesentliche Rahmen­ bedingungen für den Schutz von Opfern von Gewalt sicher. Besonders hervorzuhe­ ben ist etwa das Bundesgesetz zum Schutz vor Gewalt in der Familie, das mit 1. Mai 1997 in Österreich in Kraft getreten ist und einen Meilenstein im Kampf gegen Gewalt darstellt. Mit diesem Gesetz wurde eine Rechtsgrundlage für das Einschreiten der Polizei bei häuslicher Gewalt geschaf­ fen. Damit wird den betroffenen Opfern unmittelbar und rasch Schutz vor dem Gewalttäter in der eigenen Wohnung zuteil. Die Polizei kann eine Person, von der eine Gefährdung ausgeht, aus der Wohnung wegweisen und ihr die Rückkehr für maximal zehn Tage untersagen (Betretungsverbot). Wird in dieser Zeit vom Gewaltopfer beim Bezirksgericht eine einstweilige Verfügung beantragt, so ver­ längert sich das polizeiliche Betretungs­ verbot automatisch bis zu 20 Tage. Das Gericht prüft den Antrag innerhalb dieses Zeitraums. Eine einstweilige Verfügung kann bis zu drei Monate oder bis zum Ende eines laufenden Verfahrens(etwa Scheidungsverfahren) gelten, wobei auch die»Schutzzone« über den unmittelbaren Wohnbereich hinausgehend ausgeweitet werden kann. Eine wesentliche Begleitmaßnahme des Gewaltschutzgesetzes war die Errichtung von Interventionsstellen in allen Bundes­ 19 Inhaltliche Grundlagen des Projektes ländern, die aktiv mit den Gewaltopfern Kontakt aufnehmen und Beratung, Infor­ mation und Betreuung im Rahmen des Gesetzes anbieten. Die polizeiliche Statistik der letzten Jahre zeigt eindeutig auf, dass die Maßnahmen im Gewaltschutz verstärkt zur Anwendung kommen. Wurden öster­ reichweit im Jahr 2002 rund 4.000 Be­ tretungsverbote verfügt, so lag im Jahr 2004 die Anzahl bei fast 4.800 Verfügungen. Dabei war in Wien die höchste Steigerungsrate mit 40 Prozent zu verzeichnen. 11 GEWALTDYNAMIK UND MYTHENBILDUNG Ein besonderer Aspekt, den es in der Arbeit mit Gewaltopfern zu berücksichti­ gen gilt, ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Opfer und Täter. Die Täter sind den betroffenen Frauen viel­ fach bekannt, sie sind gute Bekannte, kom­ men aus dem Freundeskreis, sind Arbeits­ kollegen oder es sind der Partner oder der Ehemann. So zeigt die Kriminalstatistik Österreich bei der Analyse der Täter-Opfer­ beziehung beim Delikt Vergewaltigung für das Jahr 2004, dass in nur elf Prozent der Fälle der Täter unbekannt war. Bei 41 Prozent gab es ein Bekanntschaftsverhältnis, bei 17 Prozent gab es eine Zufallsbekannt­ schaft, bei 22 Prozent bestand eine familiäre Beziehung mit und bei sieben Prozent ohne Hausgemeinschaft. Die Erfahrungen aus der Beratungsarbeit des Frauennotrufes zeigen, dass gerade bei familiärer Gewalt eine jahrelange Gewalterfahrung bei den Opfern nicht nur zu psychischen und körperlichen Schädigungen, sondern auch zum Verlust der eigenen Selbsthilfemechanismen führt. Die Angst vor einer vom Partner angedroh­ ten massiveren Gewalt, sollte eine dritte Person davon erfahren, lassen die Be­ troffenen lange schweigen. Die gleichzei­ tig damit einhergehende soziale Isolation und eine finanzielle Abhängigkeit sind zusätzliche verstärkende Faktoren. Die Grenzüberschreitung durch eine Person, die sie gut zu kennen glauben, mit der sie womöglich zusammenleben und der sie vertraut haben, macht es für die Betroffenen besonders schwer, die Unrecht­ mäßigkeit der Tat zu begreifen. Eine Er­ klärung zu finden führt oft dazu, dass die betroffenen Frauen die Schuld bei sich suchen, sich Selbstvorwürfe machen und so die Gewalttat auch bagatellisieren. Zu­ dem verstärken gesellschaftliche Vorur­ teile, die potenziell den Opfern(in der Regel Frauen) Mit- oder Teilschuld geben und die Täter(in der Regel Männer) von der Schuld freisprechen oder sie in bere­ chenbare Kategorien einteilen, die Schuldund Schamgefühle der Gewaltopfer. Selbst­ vorwürfe, Ängste für die Tat verantwort­ lich gemacht zu werden oder erst gar nicht ernst genommen zu werden, sind oft Gründe, warum sich die Opfer nach der Tat niemandem anvertrauen. Die Reaktion des unmittelbaren Umfeldes stellt daher einen wesentlichen Faktor für den Verlauf der traumatischen Krise dar. Da­ bei sind die ersten Reaktionen von Krisenan­ laufstellen von zentraler Bedeutung. Nur wenn dem Gewaltopfer mit der Grund­ haltung und Position begegnet wird, bei der die Tat als unentschuldbarer Angriff gesehen wird, für die allein der Täter ver­ antwortlich zu machen ist, kann über­ haupt erst ein Vertrauensverhältnis aufge­ baut werden. BEHANDLUNGSSTANDARDS Es ist ein Faktum, dass Opfer von Gewalt nicht nur wegen ihrer akuten Ver­ letzungen, sondern wegen vieler anderer Beschwerden oder Erkrankungen das Gesundheitssystem aufsuchen. Das Wissen um die psychischen und körperlichen Auswirkungen von Gewalt bedingt die Entwicklung von spezifischen Kriterien bei der Behandlung oder Beratung von Gewaltopfern, um einen opfersensiblen Umgang gewährleisten zu können. 20 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Unter Berücksichtigung von Praxiser­ fahrungen des Frauennotrufes, die im Rahmen von Begleitungen zu Unter­ suchungen in Krankenhäusern gewonnen wurden, von Berichten von Klientinnen, die ihre Wahrnehmungen und Beur­ teilungen einer Erstversorgung im Spital den Beraterinnen schilderten sowie von Ergebnissen aus interdisziplinären Arbeits­ gruppen können folgende wesentliche Maßnahmen oder Kriterien definiert wer­ den: • Die Wartezeit im Ambulanzbereich für Gewaltopfer möglichst gering halten, • einen ruhigen, geschützten Rahmen/ Raum für die Anamnese sicherstellen, • wenn möglich, die Untersuchung durch eine Ärztin gewährleisten oder zumin­ dest in Anwesenheit von weiblichem Pflegepersonal durchführen, • dem Wunsch der Betroffenen nachkom­ men, von einer Vertrauensperson ins Unter­ suchungszimmer begleitet zu werden, • die Betroffene über die geplanten Inter­ ventionen oder Untersuchungsschritte genau informieren, • eine interdisziplinäre Opferschutzgruppe im Spital installieren, die sich aus spe­ ziell geschultem Personal verschiedener Abteilungen zusammensetzt, • psychosoziale Betreuung vermitteln und, falls vorhanden, auch die internen Ressourcen der Opferschutzgruppe nützen, • über weiterführende Betreuung und Beratung in einer Opferschutz­ einrichtung informieren oder die Kontaktaufnahme zu dieser initiieren, • Informationsmaterial über Hilfsein­ richtungen in den Ambulanzen auflegen. INSTITUTIONELLE ZUSAMMENARBEIT Aufgrund der Multitraumatisierung der Gewaltopfer benötigen diese in der Regel Unterstützung von verschiedenen Hilfsein­ richtungen. Die Zusammenarbeit zwischen Institutionen wie etwa Frauennotrufen, Frauenhäusern, der Polizei, Rettung oder Krankenhäusern ist bei der Akutver­ sorgung von Gewaltopfern eine Grundlage dafür, effektiv Hilfe und Schutz gewährlei­ sten zu können. Die Erfahrung zeigt: Je besser die wech­ selseitigen Kenntnisse um die jeweiligen Zuständigkeiten, internen Organisations­ abläufe sowie Serviceangebote sind, desto besser und leichter kann bei akuten Fällen die Fachressource einer anderen Institution genutzt werden. Kommunikation, fach­ licher Austausch und ein Lernen vonein­ ander schaffen zudem eine Ausgangsbasis, die eine Entwicklung von verbesserten und gezielten Hilfsmaßnahmen bei der Versorgung von Gewaltopfern ermöglicht. Das Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kindern« konnte diesbezüglich auf ver­ schiedenen Ebenen einen wesentlichen Beitrag für die Qualitätssicherung und Verbesserung der Versorgung von Gewalt­ opfern leisten. Beispielhaft ist ein Projekt zu nennen, das während der Umsetzungsphase des Curricu­ lums »Gewalt gegen Frauen und Kinder« entstanden ist und das Ziel verfolgte, den Qualitätsstandard der Spurensicherung bei Sexualdelikten und der Betreuung von Vergewaltigungsopfern zu verbessern. Das Projekt wurde gemeinsam von der Wiener Polizei, dem Wiener Krankenanstalten­ verbund, der Gerichtsmedizin Wien und dem 24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien durchgeführt. Die Projektgruppe ent­ wickelte ein»Spurensicherungs-Set«, das mittlerweile an allen Wiener Schwer­ punktspitälern zur Anwendung kommt und eine einheitliche Spuren- und somit Beweissicherung nach Sexualdelikten sicherstellt. Gleichzeitig wurden zentrale Aspekte des Opferschutzes berücksichtigt, die bei der Erstversorgung als Standard definiert wurden – ein ärztliches Gespräch in geschütztem Rahmen wird angeboten, die Begleitung durch eine Vertrauens­ person wird ermöglicht, die medizinische 21 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Untersuchung erfolgt nach eingehender Information und nach Zustimmung der Betroffenen, ein Informationsblatt über die Spurensicherung, die Anzeige und über wichtige Opferberatungsstellen wird den Betroffenen mitgegeben und bei Bedarf wird ein Kontakt zu einer Einrichtung ver­ mittelt. »… Gewalt nicht nur zu bekämpfen, sondern sie verhindern.« Statement von Univ.Prof. Dr. Fritz Gschnait, Vorstand der Hautabteilung und Ärztlicher Direktor, Krankenhaus Wien-Hietzing(vormals Lainz) »Gewalt gegen Frauen und Kinder ist leider eine unterschätzte Realität, mit der auch Ärzte und Ärztin­ nen sowie das Krankenpflegepersonal in zunehmendem Maße konfrontiert sind. In zunehmendem Maße deshalb, weil die Gewaltbereitschaft steigt, nicht zuletzt als Folge der zahlreichen Stresseinflüsse, denen die heutigen Menschen besonders in Ballungszentren ausgesetzt sind, sowie der dramatisch ansteigenden ›Egoistizierung‹ der Zeit. Menschen sind in vermehrtem Maße nur mehr auf sich selbst ausgerichtet, zuneh­ mend weniger bereit, für andere Mitmenschen auch in der eigenen Familie etwas auf sich zu nehmen, und reagieren ablehnend – leider auch mit Gewaltmaßnahmen. Aufklärungsmaßnahmen wie das Curriculum ›Gewalt gegen Frauen und Kinder‹ sind sehr wichtig, damit Ärzte und Ärztinnen sensibilisiert werden, bestimmte Verletzungsformen besonders an der Haut und den Schleimhäuten als Folgen von Gewalteinwirkung zu erkennen und damit zu diagnostizieren. Da die Betroffenen nicht zu selten schweigen, kommt dem Arzt, der Ärztin hier die wichtige Aufgabe zu, die Gewaltfolge nicht nur zu behandeln, sondern auch geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die hinter der Verletzung stehende psychische Problematik einer Lösung zuzuführen. In diesem Sinne sind Fortbildungsveranstaltungen dieser Art großartig, tragen den Bedürfnissen unserer Zeit Rechnung und sollten weiter ausgebaut werden. Allerdings darf dies erst der Anfang sein. Wie immer in der Medizin ist Vorbeugen besser als Heilen. Die Gesellschaft ist daher aufgerufen, auf allen zur Verfügung stehenden Wegen der Gewalt in der Gesellschaft vorzubeugen, Gewalt nicht nur zu bekämpfen, sondern sie zu verhindern. Richtige Erziehung in der Familie und in der Schule sind hier ebenso gefordert wie Maßnahmen zur Stressvermeidung im Wohnbau, im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz, im gesamten sozialen Gefüge der Menschen. Gewalt wird letztlich nicht allein durch Strafen aus der Welt geschafft werden, sondern in erster Linie durch Vermeidung und Bekämpfung jener Faktoren, welche Menschen gewaltbereit machen. Ich wünsche dem Curriculum ›Gewalt gegen Frauen und Kinder‹ als einen wichtigen Teil des not­ wendigen Gesamtkonzeptes weiterhin viel Erfolg.« 22 Inhaltliche Grundlagen des Projektes RESÜMEE Aus Sicht des 24-Stunden Frauennotrufs hat das Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« zentrale Themen des Opfer­ schutzes nicht nur aufgegriffen, sondern auch in konkrete Maßnahmen umsetzen können. Darin liegt auch die Chance, dass die Erweiterung der institutionellen Handlungsspielräume und der Zusammen­ arbeit über das Projekt hinaus Fortbe­ stand hat. »… dass das Curriculum wachrütteln und aufzeigen soll, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder nicht als Kavaliers­ delikt oder als ein Recht des Mannes gesehen werden darf.« Statement von Pflegevorsteher Anton Kopinits, Direktor des Pflegedienstes, Kaiser-Franz-Josef-Spital »Der Nutzen des Curriculums ist sehr hoch. Zuerst einmal in dem Sinne, dass durch das Thematisieren von Gewalt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wachgerüttelt werden, sie sollen auch Zivilcourage entwickeln, das heißt, nicht wegschauen, weil sie sich Ärger einhandeln könnten. Ich könnte mir vor­ stellen, dass es auch heikel sein kann, wenn man sich einmischt. Da muss man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sagen: ›Wir stehen alle an eurer Seite, schaut nicht weg und auch bei einer Vermutung ist es besser, man irrt sich einmal, als man irrt sich ein­ mal zu wenig.‹ Man braucht nicht jedes Mal strenge Vorschriften, aber gewisse Leitlinien. Das Curriculum ist eine Leitlinie, an der man sich anhalten kann und anhand derer man vorgehen kann, wenn man unsi­ cher ist. Beim Thema Gewalt ist die Redundanz wichtig. Im Vordergrund steht das Immer-wieder-aufmerksamMachen. Die Gefahr, dass eine Aktion einschläft, ist sehr groß. Was man bei einem guten Handbuch noch besser machen kann, ist, es immer wieder in Er­ innerung zu bringen, es nachzudrucken und es nicht als eine Einmalaktion zu belassen.« 23 Inhaltliche Grundlagen des Projektes Zur Bedeutung der Kinderschutzarbeit Mag a. Renate Balic-Benzing, Leiterin der MAG ELF – Amt für Jugend und Familie Kinder schützen und Eltern stützen sind die gesetzlichen Kernaufgaben und erklär­ ten Ziele der MAG ELF. Mit der reichen Angebotspalette»Soziale Dienste und Prävention« reagieren Sozial­ arbeiterInnen und PsychologInnen der MAG ELF bereits frühzeitig auf mögliche Überforderungssituationen von Eltern, die in der Folge zu Kindesmisshandlung führen können, und unterstützen Eltern dabei, Strategien zu entwickeln, ihren Kindern ein Aufwachsen in einer angstfreien und fördernden Atmosphäre zu ermöglichen. Öffentliche Thematisierung und Sensibili­ sierung leisten einen wichtigen Beitrag dazu. Die neue Kinderschutz-Kampagne der MAG ELF weist darauf hin, dass Kinder aktiv Gewalt ablehnen und auf ihr Recht auf Schutz vor Gewalt bestehen kön­ nen, und sie fordert auf, den Kindern eine Stimme zu geben und diese Kinder dann auch zu hören. Unter dem Slogan»Du sagst, was gespielt wird«, lenken wir ver­ stärkte Aufmerksamkeit auf die Rechte der Kinder, insbesondere das Recht auf Schutz vor Gewalt in jeder Form. Die Kampagnen zum Kinderschutz der MAG ELF helfen mit, eine Enttabuisierung der Themen Gewalt in der Familie und Gewalt an Kindern zu erreichen und damit eine Sensibilisierung zu bewirken. Die Zahl an Abklärungsverfahren, in welchen die mögliche Misshandlung oder Vernachlässigung eines Kindes dem Jugend­ wohlfahrtsträger gemeldet und von diesem überprüft wird, ob eine Gefährdung des Kindes besteht, und sodann entschieden wird, welche Maßnahme der Jugendwohl­ fahrt erforderlich ist, um diese Ge­ fährdung des Kindes abzuwenden, steigt laufend – von 5.277 im Jahr 2001 auf 7.994 im Jahr 2004 – an. Kindesmisshandlung ist eine nicht zufällige gewaltsame Handlung von Eltern oder anderen Erwachsenen, die das Kind körper­ lich und psychisch verletzt, in seiner Ent­ wicklung nachhaltig beeinträchtigt oder es sogar tötet. Sie beinhaltet alle Formen physischer Gewalt, die entweder unmittel­ bar aus einer Situation heraus, als be­ wusst geplante»Erziehungsmaßnahme« oder aufgrund sadistischer Neigung, ge­ setzt werden. Sie kann auch durch Ver­ weigerung und Entzug körperlicher und seelischer Grundbedürfnisse erfolgen. Ebenso zählen Ablehnung, Demütigung und Herabsetzung, Überforderung durch unangemessene Anforderungen und An­ sprüche, Liebesentzug, Gleichgültigkeit und Ignorieren, Angst machen und Drohun­ gen zu Formen der Kindesmisshandlung. Kinder werden durch das wiederholte Miterleben von Gewalt an der Mutter, sei es durch den Vater oder den Lebens­ partner, genauso traumatisiert wie durch das direkte Erleben von Gewalt am eigenen Körper. Die Symptome und Auswirkungen bei Kindern sind so vielfältig wie die aus­ geübten Formen von Gewalt, sie sind manchmal deutlich, manchmal verdeckt erkennbar. Gewaltsysteme in Familien funktionieren, indem sie verschleiern, abschwächen, zum Schein kooperieren. Diese Muster zu erkennen und zu durch­ brechen ist Aufgabe von HelferInnen. Das Erkennen von Symptomen und die Klärung der Ursachen können nur durch eine Zu­ sammenarbeit aller beteiligten Professionen erfolgen. Dabei zeigt sich immer wieder 24 Inhaltliche Grundlagen des Projektes deutlich, wie wichtig die Vernetzung und Zu­ sammenarbeit der beteiligten HelferInnen­ gruppen ist. In der Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen im Kinderschutz sind offene Kommunikation, umsichtiges Vorgehen zum Schutz der betroffenen Kinder, um sekun­ däre Traumatisierung zu vermeiden, und klare Aufgabenteilungen unumgänglich. Das Wissen um die Möglichkeiten und Methoden der KooperationspartnerInnen ist unverzichtbar. Die Entwicklung von Qualität und Standards im Kinderschutz ist ein laufender Prozess, in den alle betei­ ligten und handelnden Berufsgruppen involviert sind und der nie abgeschlossen sein kann und darf. Dies setzt einen möglichst einheitlichen Wissensstand aller Beteiligten voraus. Gemeinsame und gegenseitige Schulungen sind ein bedeutender und wertvoller Schritt zur Umsetzung der wichtigen Aufgabe Kinderschutz. Das Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder«, durchgeführt vom Wiener Pro­ gramm für Frauengesundheit in Zusammen­ arbeit mit der MAG ELF, der MA 57 – 24­ Stunden Frauennotruf und dem Kranken­ anstaltenverbund, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung und ein wesent­ licher Beitrag zur Verbesserung des Kinder­ schutzes in Wien. »Letztlich bedeutet Gewalt gegen Kinder immer auch Gewalt gegen Frauen.« Statement von Dr in. Sonja Havlicek, Leiterin der Kinderschutzgruppe, Wilhelminenspital »Die interdisziplinäre Kinderschutzgruppe des Wilhelminenspitals hat sich eine möglichst frühzeitige Diagnosestellung bei allen Formen der Misshandlung und die Erstellung ›kindorientierter‹ Lösungsstrategien zum Ziel gesetzt. Was heute ein paar Hämatome als Nebenbefund darstellt, kann nächste Woche eine Fraktur und nächstes Monat auch den Tod des Kindes bedeuten. Besonders Menschen in helfenden Berufen können Gewalt und bewusste Verletzung nur schwer nach­ vollziehen und wollen solche auch nicht wahrhaben. Wie bei anderen Diagnosen gehören aber solche Fakten erhoben. Das von der Kinderschutzgruppe ent­ worfene Verletzungsblatt soll bei der Dokumentation und der Festlegung der weiteren Maßnahmen helfen. Prinzipiell streben wir bei Verdacht eine sofortige stationäre Aufnahme an der Kinderabteilung an. Die Existenz und die Arbeit der Kinderschutz­ gruppe des Wilhelminenspitals tragen dadurch aktiv zum Gewaltschutz und zur Sensibilisierung des Personals bei. Letztlich bedeutet Gewalt gegen Kinder immer auch Gewalt gegen Frauen.« 25 ORGANISATORISCHE GRUNDLAGEN DES PROJEKTES 26 27 Organisatorische Grundlagen des Projektes Eröffnung der Projektwochen am 16. Oktober 2001 durch die Stadträtinnen Grete Laska, Mag a. Renate Brauner und Primaria Dr in. Elisabeth Pittermann-Höcker. 28 Organisatorische Grundlagen des Projektes ORGANISATORISCHE GRUNDLAGEN DES PROJEKTES Überblick über Entwicklung und Umsetzung des Curriculums»Gewalt gegen Frauen und Kinder« Mag a. Alexandra Grasl, Projektmanagerin, Wiener Programm für Frauengesundheit 1998 hat der Gemeinderat das Wiener Pro­ gramm für Frauengesundheit einstimmig beschlossen, in dem Gewalt als eines von insgesamt zwölf zentralen Handlungs­ feldern beschrieben ist. Der darin enthal­ tene Maßnahmenkatalog umfasst die Ent­ wicklung eines Schulungsangebots für Spitalspersonal zur Sensibilisierung und Früherkennung der Auswirkungen von Gewalt. Planung Mit Unterstützung von Gesundheits­ stadträtin Dr in. Elisabeth PittermannHöcker, Frauenstadträtin Mag a. Renate Brauner und Jugendstadträtin Grete Laska richtete die Wiener Frauengesund­ heitsbeauftragte im August 2000 eine Steuerungsgruppe ein, in deren Rahmen mehrere Einrichtungen der Stadt Wien kooperierten, um in den Gemeinde­ spitälern ein entsprechendes Fortbildungs­ programm umzusetzen: Wiener Kranken­ anstaltenverbund, 24-Stunden Frauennot­ ruf der MA 57, MAG ELF – Amt für Jugend und Familie und das Wiener Programm für Frauengesundheit. Die Polizeidirektion Wien und das Institut für Gerichtsmedizin wurden als KooperationspartnerInnen gewonnen. Ist-Stand Erhebung 2000/2001 wurde eine MitarbeiterInnen­ befragung an den Krankenhäusern Sozialmedizinisches Zentrum Ost und Kaiser­ Franz-Josef-Spital durchgeführt. Befragt wurden ÄrztInnen und Pflegefachkräfte der Abteilungen Gynäkologie, Urologie, Hals-, Nasen- und Ohrenabteilung, Derma­ tologie, Augenheilkunde, Pädiatrie, Psy­ chiatrie, Interne, Chirurgie und der Not­ fallsambulanzen über ihre Erfahrungen im Umgang mit Gewaltopfern. Die Ergebnisse zeigen nicht nur ein Informationsdefizit, sondern auch den Wunsch der Befragten nach adäquater Aus- und Fortbildung. Inhalte Auf Basis dieser Ist-Analyse wurde das Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« entwickelt, das sich durch einen interdisziplinären Zugang auszeichnet. Der Inhalt umfasst fünf Module: • Formen und Auswirkungen sexueller und körperlicher Gewalt gegen Frauen • Formen und Auswirkungen sexueller und körperlicher Gewalt gegen Kinder • Spurensicherung und DNA-Analyse • Rechtliche Informationen • Vorstellung von Opferschutzgruppen an Wiener Krankenanstalten 29 Organisatorische Grundlagen des Projektes Zielgruppen Das Fortbildungsprogramm ist für die Ziel­ gruppen ÄrztInnen und Pflegepersonal, aber auch für andere im Spital tätige Berufsgruppen wie Hebammen, Sozialar­ beiterInnen, PsychologInnen konzipiert. Ziel ist es, die MitarbeiterInnen vor Ort, im Spital, zum Thema Gewaltprävention und-intervention zu informieren und zu sen­ sibilisieren sowie Behandlungsstandards in den Spitälern zu etablieren. Vortragende der Kommunikation mit und der Unter­ suchung von Gewaltopfern und sie infor­ mieren weiters über Beratungsein­ richtungen. An die BesucherInnen der Ambulanzen werden Poster sowie Post­ karten mit den wichtigsten Anlaufstellen bei Gewalt gegen Frauen und bei Gewalt gegen Kinder verteilt. Um das Thema »sichtbar« zu machen, thematisieren wäh­ rend der Projektwochen in den Modell­ spitälern lebensgroße Figuren im Ein­ gangsbereich der Ambulanzen Gewalt gegen Frauen und Kinder als ein Thema der Medizin. Für die Phase der Implementierung des Projektes und bei der Durchführung der Fortbildung in den Wiener Gemeinde­ spitälern waren ExpertInnen des 24­ Stunden Frauennotrufs, der MAG ELF – Amt für Jugend und Familie, der Polizei, der Gerichtsmedizin Wien, der Rechtsab­ teilung des Wiener Krankenanstalten­ verbunds, der Opferschutzgruppen von Wilhelminenspital und Sozialmedizi­ nischem Zentrum Ost sowie der Spitals­ sozialarbeit des Fonds Soziales Wien(vor­ mals MA 47) verantwortlich. Die Fort­ bildungsreihe im Allgemeinen Kranken­ haus wurde um Expertinnen der Wiener Frauenhäuser erweitert. Zudem waren die Bundespolizeidirektion Wien und die Gerichtsmedizin Wien wichtige Koopera­ tionspartnerInnen und stellten über den gesamten Projektzeitraum neben Fach­ vortragenden auch ihre inhaltliche Ex­ pertise zur Verfügung. Umsetzung Der medial begleiteten Kick-off-Veran­ staltung am 16. Oktober 2001 im Sozialmedizinischen Zentrum Ost, die die Stadt­ rätinnen Grete Laska, Mag a. Renate Brauner und Primaria Dr in. Elisabeth Pittermann-Höcker im Rahmen einer Pressekonferenz eröffnet haben, folgten Projektwochen, in deren Rahmen das Curriculum vor Ort angeboten wurde: 2001 startete das Pilotmodell in den beiden Spitälern, in denen die MitarbeiterInnen zuvor befragt worden waren. 2004 wurde das Curriculum in der Krankenanstalt Rudolfstiftung und im Krankenhaus WienHietzing(ehemals Lainz) sowie 2005 im Allgemeinen Krankenhaus durchgeführt. Die Teilnahme am Curriculum ist kosten­ los. Von allen ProjektpartnerInnen wurden interne Personalressourcen für Planung, Koordination und für die Vortragstätigkeit zur Verfügung gestellt. Informationsmaterial Ein Informationsfolder und eine CheckKarte im Brusttaschenformat mit einer Liste der wichtigsten Maßnahmen sowie der Notfallnummern richten sich direkt an das Krankenhauspersonal. Diese dienen den SpitalsmitarbeiterInnen als Leitfaden für die wichtigsten Handlungsschritte bei Die Planung und Umsetzung des Curriculums verlief in vier Phasen: Phase 1, 2000: Konstituierung der Steuerungsgruppe, Entwicklung des Fortbildungskonzeptes, MitarbeiterInnenbefragung in den Modell­ spitälern Sozialmedizinisches Zentrum 30 Organisatorische Grundlagen des Projektes Ost und Kaiser-Franz-Josef-Spital, Ent­ wicklung von Informationsmaterialien. Phase 2, 2001: Durchführung der Fortbildung in den bei­ den Modellspitälern, wobei im Sozialmedizinischen Zentrum Ost und im Kaiser­ Franz-Josef-Spital 20 Fortbildungen zu je 1,5 Stunden angeboten wurden. Zu jedem Themenschwerpunkt fanden zwei Alternativ­ termine statt. Phase 3, 2002/2003: Überarbeitung des Fortbildungskonzepts aufgrund der Auswertung der Ergebnisse aus Phase 1: Anpassung der Fortbildungs­ struktur, Umstieg auf geblockte Veran­ staltungen mit zwei Tagen zu jeweils 6,5 Stunden sowie Überarbeitung der Standards bei der Spurensicherung und deren Inte­ gration in die Fortbildungsinhalte. Phase 4, 2004/2005: Durchführung der Fortbildungen in der Krankenanstalt Rudolfstiftung und im Krankenhaus Wien-Hietzing(vormals Lainz) an jeweils zwei Vormittagen zu je 6,5 Stunden. Im Allgemeinen Krankenhaus wurde aufgrund der Größe des Spitals die Fortbildung zweimal angeboten, das heißt, es wurden insgesamt vier Vormittage zu je 6,5 Stunden abgehalten. Know-how-Transfer Das Wilhelminenspital, das ebenfalls zum Krankenanstaltenverbund gehört, war auf­ grund dort bereits bestehender Gewalt­ schutzaktivitäten als Good-Practice-Bei­ spiel in das Curriculum integriert: Mit­ arbeiterInnen des Wilhelminenspitals be­ richteten über die Arbeit der Gewalt­ schutzgruppe und trugen damit zu einem wichtigen Know-how-Transfer in andere Spitäler bei. Auch die in Folge des Curricu­ lums entstandene Opferschutzgruppe im Sozialmedizinischen Zentrum Ost wurde zu einem fixen Bestandteil des Curriculums. Behandlungsstandards In Folge der guten Zusammenarbeit ent­ wickelten der Wiener Krankenanstalten­ verbund, der 24-Stunden Frauennotruf, die Polizei und die Gerichtsmedizin ein Spurensicherungs-Set, das eine einheitliche Beweissicherung garantiert und in den Ge­ meindespitälern als Behandlungsstandard zur Untersuchung von Opfern sexueller Gewalt etabliert wurde. Zu diesem Zweck finden eigene Einschulungstermine in den Spitälern statt. Feedback-Befragung Ab 2004 erhielten die TeilnehmerInnen die Möglichkeit zu den Inhalten des Curricu­ lums via Fragebogen anonym eine Rück­ meldung abzugeben. Drei Monate später bekamen die TeilnehmerInnen noch ein­ mal einen Fragebogen zugeschickt, um die Praxistauglichkeit der Fortbildung zu überprüfen. Organisation Koordinierende Aufgaben wurden durch das Wiener Programm für Frauengesund­ heit geleistet. Dies betraf etwa die Kom­ munikation mit Spitalsverwaltung und Vortragenden sowie die Terminkoordina­ tion und Erstellung des Programmablaufs. Zentral war die Mitarbeit des Kranken­ hauses: Dieses hat eine interne Person für die Koordination nominiert, die wiede­ rum für die Kommunikation vor Ort und für die Organisation des Vortragsraums zuständig war und die Veranstaltung begleitend moderiert hat. Top-Down-Prinzip Um das Wissen und die soziale Bedeutung des Themas Gewalt auf mehreren Ebenen zu verankern, hat sich das Top-Down­ 31 Organisatorische Grundlagen des Projektes Prinzip bewährt: Zuerst wurde die Direktionsebene des Krankenhauses – und zwar die Ärztliche Leitung und die Pflegeleitung – um Unterstützung gebeten, diese wiederum wandte sich an die Abteilungsleitungen. Die Vorstände der Fachabteilungen wurden im Rahmen der PrimarärztInnensitzung der Kranken­ häuser über das Thema Gewalt gegen Frauen und Kinder sowie über den Ablauf des geplanten Curriculums im jeweiligen Krankenhaus informiert. Auch wenn grund­ sätzlich eine obligatorische Teilnahme aller anzustreben ist, war es in dieser Phase sinnvoll, dass jede Abteilung je eine Vertreterin oder einen Vertreter des ärzt­ lichen Personals und des Pflegepersonals zum Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« entsendet hat. 10 Durchführungsschritte 1. Kontaktaufnahme zu Entscheidungs­ trägerInnen relevanter Einrichtungen 2. Konstituierung einer Projektsteuerungsgruppe 3. Ist-Stand Erhebung im Krankenhaus 4. Entwicklung der Fortbildungsinhalte 5. Schriftliche Information an die Krankenhausleitung(Ärztliche- und Pflegeleitung) 6. Koordinierungsgespräch mit der Krankenhausleitung 7. Vorstellung des Themas und Fortbildungsangebots in der PrimarärztInnensitzung des Krankenhauses 8. Bestimmung einer spitalsinternen Koordinationsperson zwecks Organisation und Kommunikation vor Ort 9. Durchführung der Fortbildung im Spital – Moderation durch eine/n KrankenhausmitarbeiterIn 10. Feedback-Befragung der TeilnehmerInnen Organisatorische Grundlagen des Projektes »Es gibt auch mehr Wissen über Kontaktstellen, es ist einfacher für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Frauen an die richtigen Stellen zu verweisen.« Statement von Elfriede Geyer, Pflegedirektion, Krankenhaus Rudolfstiftung »Die Rückmeldung, die wir von den MitarbeiterInnen bekommen haben, war, dass sie ein stärkeres Bewusstsein für das Thema bekommen haben. Auch die MitarbeiterInnen der Kinderambulanz, die immer schon sehr sensibel im Bezug auf Zeichen von Gewaltanwendung waren, sagten, sie seien jetzt noch hellhöriger geworden. Diese höhere Sensibilität trifft für das Thema Frauen und Gewalt zu. Insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gynäkologie berichten vom großen Nutzen der Spurensicherungsboxen. Hier sei alles Notwendige enthalten, inklusive einer genauen Anleitung. Es gibt auch mehr Wissen über Kontaktstellen, es ist einfacher für die MitarbeiterInnen, die Frauen an die richtigen Stellen zu verweisen beziehungsweise selbst Kontakte herzustellen. Die multiprofessionelle Teilnahme seitens des Krankenhauses ist sicher ganz wichtig. Seitens der Vortragenden war diese mul­ tiprofessionelle Teilnahme ja gegeben. Es sollte weiterhin genügend Zeit bleiben, um auch Fragen stel­ len zu können, was bei dem Curriculum der Fall war. Eine Wiederholung des Curriculums wäre sicher gut, weil damit eine größere Personengruppe die Möglichkeit hätte, daran teilzunehmen. Außerdem wäre es wichtig, dass es genügend SozialarbeiterInnen für einen Informationsaustausch gäbe. Aktuell ist die Situation, etwa in der Kinderabteilung, unbefriedigend, weil SozialarbeiterInnen abgezogen worden sind und es keine Rückmeldungen mehr gibt.« 32 33 MITARBEITER/INNEN-BEFRAGUNG IM RAHMEN DES PROJEKTES 34 35 MitarbeiterInnenbefragung im Rahmen des Projektes Figuren im Rahmen der Projektwoche 2001 weisen im Eingangsbereich der Ambulanzen darauf hin, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder ein Thema der Medizin ist. 36 MitarbeiterInnenbefragung im Rahmen des Projektes MITARBEITER/INNEN-BEFRAGUNG IM RAHMEN DES PROJEKTES Ist- Stand Erhebung an den Modellspitälern Im Jahr 2001 wurde das Meinungs­ forschungsinstitut Fessel-GfK vom Büro der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten mit einer schriftlichen MitarbeiterInnenbe­ fragung an den beiden Gemeindespitälern Sozialmedizinisches Zentrum Ost(in der Folge SMZ Ost genannt) und Kaiser-Franz­ Josef-Spital beauftragt. 12 Mit dieser Befragung sollte einerseits erhoben wer­ den, welche Kontakte und Erfahrungen die befragten Personen bislang in ihrem beruflichen Alltag mit Gewaltopfern ge­ habt haben, andererseits sollte der Bedarf an Unterstützung in dieser Arbeit erfragt werden. Ein weiteres Thema war, welche Einstellungen zum Thema Gewalt bestehen. Die MitarbeiterInnenbefragung basierte auf zwei methodischen Schritten. Neben einer Fragebogenerhebung wurden vertie­ fende persönliche Interviews durchge­ führt. Folgende Abteilungen wurden befragt: interne Aufnahmestation, Gynäkologie, Hals-Nasen-Ohren-Station, Psychiatrie, Un­ fallchirurgie und Chirurgie, Dermatologie, Kinderinterne sowie Kinderchirurgie. Die Krankenhausdirektionen wurden vor­ ab von der Wiener Frauengesundheitsbeauf­ tragten schriftlich über den Grund und das Ziel der Erhebung informiert. Zudem erfolgte eine persönliche Vorstellung des Projektvorhabens durch die Projektverant­ wortlichen. Diese Vorbereitungen waren wesentlich, es konnte ein Rücklauf von 25 Prozent der Fragebögen erreicht werden. Insgesamt haben sich an der Befragung 209 Personen beteiligt. 81 Prozent der Befragten waren weibliches, 13 Prozent männliches Personal. 13 Zentrale Ergebnisse der Fragebogenerhebung KONTAKTHÄUFIGKEIT MIT GEWALTOPFERN Kinder und Jugendliche als Gewaltopfer 41 Prozent der Befragten hatten im Jahr vor der Befragung beruflichen Kontakt mit Kindern und Jugendlichen, die Opfer kör­ perlicher beziehungsweise sexueller Gewalt waren. Durchschnittlich hatte im letzten Jahr jede der befragten Personen Kontakt mit rund zehn jungen PatientInnen mit Gewalterfahrungen. Deutlich werden hier Unterschiede zwischen den einzelnen Abteilungen: So etwa haben bedeutend mehr der befragten Personen der kinderin­ ternen Station, der kinderchirurgischen Station sowie der Unfallchirurgie angege­ ben, im Laufe des letzten Jahres Kontakte mit kindlichen oder jugendlichen Gewalt­ opfern gehabt zu haben, als an anderen Abteilungen. Dennoch haben mehr als 20 37 MitarbeiterInnenbefragung im Rahmen des Projektes Prozent der befragten Personen an gynäko­ logischen Abteilungen zumindest einmal im letzten Jahr jugendliche Gewaltopfer betreut. Insgesamt wurden rund 87 Prozent der kindlichen und jugendlichen Gewaltopfer von Personen begleitet. Frauen als Gewaltopfer Mit erwachsenen weiblichen Gewaltopfern haben deutlich mehr der befragten Per­ sonen im Laufe des letzten Jahres Kontakt gehabt, dies trifft auf insgesamt 56 Prozent der Befragten zu. Besonders häufig war dies in der Psychiatrie, in der(Unfall)­ Chirurgie sowie auf der Dermatologie der Fall. Durchschnittlich haben jene Befragte, die im Laufe des letzten Jahres Kontakt mit einem erwachsenen weiblichen Gewalt­ opfer gehabt haben, 7,7 Opfer von körper­ licher und 5,3 Opfer von sexueller Gewalt betreut. Anders als bei den kindlichen beziehungs­ weise jugendlichen Gewaltopfern gaben nur rund 50 Prozent der Befragten an, Be­ gleitpersonen der von Gewalt betroffenen Frauen wahrgenommen zu haben. WAHRNEHMUNG UND VERDACHT AUF GEWALT Kinder und Jugendliche als Gewaltopfer Die befragten Personen 14 hatten häufig den Verdacht, dass die Verletzungsur­ sachen verschleiert werden sollten. Be­ sonders häufig wurde dies in Zusammen­ hang mit sexueller Gewalt(66 Prozent der Befragten), aber auch häufig in Verbindung mit körperlicher Gewalt(53 Prozent der Be­ fragten) vermutet. Frauen als Gewaltopfer Dass die Verletzungsursachen verschleiert werden sollten, vermuteten 41 Prozent der Befragten 15 in Zusammenhang mit sexuel­ ler Gewalt und 37 Prozent in Verbindung mit körperlicher Gewalt. VORGEHEN BEI VERDACHT AUF GEWALT Bei vermuteten Gewaltdelikten verhielten sich die befragten Personen wie folgt: Vorgehensarten bei Kindern und bei Frauen Jugendlichen Austauschen mit KollegInnen Direktes Ansprechen des Opfers Kontaktaufnahme mit Jugendamt Ansprechen der Begleitperson Kontaktaufnahme zu extramuralen Einrichtungen Kontaktaufnahme zu Polizei 93 Prozent 79 Prozent 44 Prozent 59 Prozent 34 Prozent 15 Prozent 33 Prozent 21 Prozent 21 Prozent 32 Prozent 8 Prozent 13 Prozent BETREUUNGSVERSTÄNDNIS UND BEHANDLUNGSSTANDARDS Kinder und Jugendliche als Gewaltopfer In Hinblick auf das Betreuungsprocedere definierte eine deutliche Mehrheit der Befragten die eigene Funktion in der Leistung der medizinischen Versorgung und in der additiven Weiterleitung an Hilfseinrichtungen(insgesamt rund 70 Prozent). Nur 16 Prozent der Befragten führten aus, ausschließlich medizinische Versorgung zu leisten. 63 Prozent der Befragten gaben an, dass in Zusammenhang mit sexueller Gewalt an kindlichen und jugendlichen Gewaltopfern Richtlinien für die Betreuung existieren. 57 Prozent der Befragten gaben an, dass dies auch bei körperlicher Gewalt der Fall ist. Frauen als Gewaltopfer In Hinblick auf das Betreuungsverständnis gegenüber von Gewalt betroffenen Frauen 38 MitarbeiterInnenbefragung im Rahmen des Projektes sah – ebenso wie bei kindlichen bezie­ hungsweise jugendlichen Gewaltopfern – die überwiegende Mehrheit der Befragten (rund 74 Prozent) ihre Aufgabe sowohl in der medizinischen Versorgung als auch in der Weiterleitung an andere Hilfsein­ richtungen. Nur 15 Prozent der Befragten gaben an, ausschließlich medizinische Ver­ sorgung zu leisten. Nur 30 Prozent der Befragten geben an, dass Betreuungsrichtlinien für den Fall von sexueller oder körperlicher Gewalt gegen Frauen vorliegen. UNTERSTÜTZUNGSBEDARF IM UMGANG MIT GEWALTOPFERN Die befragten ÄrztInnen und Pflege­ personen fühlten sich in Hinblick auf den Umgang und die Betreuung von Opfern körperlicher und/oder sexueller Gewalt relativ gering informiert, nur ein Viertel bezeichnete sich als gut informiert. Knapp die Hälfte fühlte sich eher schlecht und immerhin 15 Prozent sehr schlecht infor­ miert. Deutlich höher ist der Informations­ bedarf bei Mitgliedern des höheren Pflege­ personals sowie in den Abteilungen Chirur­ gie und interne Aufnahmestation. Die verschiedenen extramuralen Hilfsein­ richtungen waren den befragten ÄrztInnen und Pflegepersonen in unterschiedlichem Ausmaß bekannt. Während die Mehrheit Betreuungseinrichtungen wie Frauen­ häuser(82 Prozent), Jugendamt(79 Pro­ zent) oder den 24-Stunden Frauennotruf (60 Prozent) kannte, traf dies auf andere Einrichtungen, etwa den kriminalpolizei­ lichen Beratungsdienst(37 Prozent) oder das Kinderschutzzentrum(35 Prozent), nur mehr für ein gutes Drittel der Befragten zu. Lediglich elf Prozent der Befragten haben eine spezielle Ausbildung/Weiterbildung für die Betreuung von Opfern körperlicher beziehungsweise sexueller Gewalt absol­ viert. Vor diesem Hintergrund ist das Ergebnis, dass sich 80 Prozent der Befragten ver­ mehrt Hilfestellungen unterschiedlicher Art für den künftigen Umgang mit Gewalt­ opfern wünschten, nachvollziehbar: 22 Prozent wünschten sich konkret Angebote für Weiter-, Aus- und Fortbildungen, elf Prozent artikulierten Unterstützungsbedarf im Bereich Gesprächsführung beziehungs­ weise Umgang mit Gewaltopfern. Die rest­ lichen Angaben verteilten sich auf Wunsch nach Kontaktadressen, Broschüren, ver­ bindlichen Betreuungsstandards, psycholo­ gischer Beratung oder Informationen über rechtliche Grundlagen. Zentrale Ergebnisse der vertiefenden Interviews Zusätzlich zu der Fragebogenerhebung wurden 30 persönliche Interviews mit ÄrztInnen und Pflegepersonal(14 Frauen, 16 Männer) durchgeführt. Ziel dieser qua­ litativen Erhebung war eine vertiefende Erhebung der Erfahrungen im Umgang mit Gewaltopfern, der Interventions- und Behandlungsroutinen sowie der Bekannt­ heit und der Ressourcen intra- sowie extra­ muraler Stellen. 16 ÜBERFORDERUNG IM UMGANG MIT GEWALTOPFERN Rund die Hälfte der Befragten gab an, bei der ersten Begegnung mit einem Gewalt­ opfer völlig unvorbereitet in diese Situation gegangen zu sein. Im Rahmen der Inter­ views wurde wiederholt darauf hingewie­ sen, wie schockierend dieser erste Kontakt mit Gewaltopfern gewesen wäre. INFORMATIONSDEFIZIT ÜBER HILFSEINRICHTUNGEN Der Informationsstand über extramurale Hilfseinrichtungen war bei den Befragten unterschiedlich hoch, dennoch wurde überwiegend die Ansicht vertreten, mehr Informationen über die Leistungen der einzelnen Einrichtungen zu benötigen. 39 MitarbeiterInnenbefragung im Rahmen des Projektes WUNSCH NACH FORTBILDUNGSANGEBOTEN Im Rahmen der Interviews wurde auch auf große Informationsmankos in Bezug auf die Betreuung von Gewaltopfern verwiesen. Es wurde beispielsweise hervorgehoben, dass zu wenig Fortbildungsangebote existierten, beziehungsweise, dass Informationen nicht zugänglich wären. Einige InterviewpartnerInnen haben sich durch berufliche Erfahrungen, durch Literaturstudium oder den Besuch von Veranstaltungen Informationen für den Umgang mit Gewaltopfern beschafft. Im Sozialmedizinischen Zentrum Ost wurde besonders hervorgehoben, dass die dort bestehende Kinderschutzgruppe stark zur Ausbildung im Umgang mit kindlichen beziehungsweise jugendlichen Gewaltopfern beigetragen hat. Am deutlichsten wurde der Wunsch nach Fortbildungsveranstaltungen formuliert, wobei Vorträge und Diskussionen als adä­ quateste Vermittlungsform genannt wurden. »Die Fortbildung wird den MitarbeiterInnen helfen, in Zukunft schwierige Situationen noch besser zu bewältigen.« Statement von Univ.Prof. Dr. Reinhard Krepler, Ärztlicher Direktor, Allgemeines Krankenhaus »Das Curriculum ist ausgezeichnet. Am wichtigsten ist, präventiv tätig zu werden und Betroffenen Hilfe leicht zugänglich zu machen. Ich halte die Aus- und Weiterbildung auf diesem Gebiet im Krankenhaus für besonders wichtig. Die Fortbildung wird den MitarbeiterInnen helfen, in Zukunft schwierige Situationen noch besser zu bewältigen. Betroffene Frauen und Kinder können von entsprechend ausge­ bildetem Personal besser vor weiteren Schäden bewahrt werden.« 40 MitarbeiterInnenbefragung im Rahmen des Projektes TeilnehmerInnen und Feedback Insgesamt haben 800 TeilnehmerInnen das Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« absolviert: 110 MitarbeiterInnen im Kaiser-Franz-Josef-Spital, 259 im Sozialmedizinischen Zentrum Ost, 147 in der Krankenanstalt Rudolfstiftung, 57 im Krankenhaus Wien-Hietzing(vormals Lainz) sowie 120 im Allgemeinen Krankenhaus. An vertiefenden Workshops zur Hand­ habung des Spurensicherungs-Sets nah­ men 110 MitarbeiterInnen im Kaiser­ Franz-Josef-Spital, im Wilhelminenspital und im Sozialmedizinischen Zentrum Ost teil. An allen Spitälern zeigte sich als deutlicher Trend, dass mehr weibliche MitarbeiterInnen an der Fortbildung teil­ nahmen. Eine Auswertung der Teilnahme am Curriculum nach Berufsgruppen be­ legt, dass rund 70 Prozent der Teil­ nehmerInnen aus dem Pflegebereich, 15 Prozent aus dem ärztlichen Bereich und 15 Prozent aus therapeutischen Bereichen stammen, nicht ausgewertet wurden hier die TeilnehmerInnen an den Schulungen zum Spurensicherungs-Set. Die Abteilung Organisation des Wiener Krankenanstaltenverbundes führte in den Krankenhäusern Rudolfstiftung und WienHietzing(vormals Lainz) eine anonyme Feed-Back-Befragung der TeilnehmerInnen am Curriculum durch. Ein Fragebogen wurde unmittelbar nach Ende der Fort­ bildung ausgefüllt, ein zweiter drei Monate nach Absolvieren des Curriculums. Die Befragten bewerteten die inhaltliche Gestaltung und die Praxistauglichkeit durchgehend als sehr positiv. Im Feedback nach drei Monaten fiel auf, dass die Befragten angaben, dass sie das im Curriculum erworbene Wissen in ihrer täglichen Arbeitspraxis sehr gut anwen­ den konnten und die zur Verfügung gestellten Informationsmaterialien eine wichtige Unterstützung darstellten. So etwa kannten 97 Prozent der Befragten den Folder und rund 80 Prozent der Befragten auch die Postkarten, die im Rahmen des Curriculums»Gewalt gegen Frauen und Kinder« aufgelegt wurden. Viele Befragte wünschten sich jedoch mehr und unterschiedliche Fortbildungen zum Thema Gewalt, mehr Vernetzung zwi­ schen den Abteilungen und nach außen sowie eine aktivere Beteiligung des ärzt­ lichen Personals. »Es muss ein Ziel sein, die Dunkelziffer der betroffenen Menschen durch Information und Aufklärung zu senken.« Statement von Oberin Monika Tischer, Direktorin des Pflegedienstes, Wilhelminenspital »Das Wichtigste am Curriculum ist für mich die Information und Aufklärung für MitarbeiterInnen und Betroffene. Der Nutzen dieser Fortbildung ist sehr hoch, denn ohne Information kann nicht rea­ giert und somit kein Schutz angeboten werden. Eine Gleichbehandlungsbeauftragte der Gemeinde Wien könnte eine Ergänzung für diese Veranstaltung sein. Denn oft beginnt es mit sexueller Belästigung und endet mit sexueller Gewalt! Es muss ein Ziel sein, die Dunkelziffer der betroffenen Menschen durch Infor­ mation und Aufklärung zu senken.« 41 WISSENSVERMITTLUNG IM PROJEKT 42 43 Wissensvermittlung im Projekt Figuren im Rahmen der Projektwoche 2001 weisen im Eingangsbereich der Ambulanzen darauf hin, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder ein Thema der Medizin ist. 44 Wissensvermittlung im Projekt WISSENSVERMITTLUNG IM PROJEKT Die Fortbildungsinhalte im Curriculum »Gewalt gegen Frauen und Kinder« Die Ergebnisse der Erhebung des FesselGfK Instituts fanden sowohl bei der in­ haltlichen als auch bei der zeitlichen Ge­ staltung des Curriculums Berücksichtigung. Es musste bei der Planung insbesondere auf die Rahmenbedingungen in einer Krankenanstalt hinsichtlich zeitlicher Lage der Veranstaltung Rücksicht genom­ men werden, um möglichst vielen Mitar­ beiterInnen Gelegenheit zu einer Teilnahme zu geben. Nach der Durchführung des Curriculums an den Modellspitälern Sozialmedizinisches Zentrum Ost und Kaiser­ Franz-Josef-Spital wurden organisatorische Änderungen vorgenommen. Die Inhalte wurden dann geblockt jeweils an zwei Vor­ mittagen zu je 6,5 Stunden in folgenden Modulen vermittelt. esse der betroffenen Kinder, Aufgaben, ge­ setzlichen Grundlagen und Arbeitsweise des Jugendwohlfahrtsträgers. Modul»Spurensicherung und DNA-Analyse« Informationen zur richtigen Abnahme von Spuren und Vorgehen bei einer spuren­ kundlichen Untersuchung mit Verwendung des Spurensicherungs-Sets. Information über die Aufgaben und Zuständigkeiten der Gerichtsmedizin Wien. Polizeiliche Arbeit und Grundlage der DNA-Analyse in Hinblick auf die Beweis­ führung von kriminellen Delikten. Modul»Sexuelle und körperliche Gewalt gegen Frauen« Informationen über Formen, Ausmaß und Folgen von Gewalt gegen Frauen, Dynamik von Gewaltbeziehungen und Phasen der Trauma­ tisierung, Auswirkungen von gesellschaft­ lichen Mythen, Grundlagen des Opferschutzes, weiterführende Betreuungsangebote, Arbeits­ weise und Aufgaben des Frauennotrufes. Modul»Sexuelle und körperliche Gewalt gegen Kinder« Information zu Erscheinungsformen und Symptomen von Gewalt gegen Kinder, interdisziplinärer Zusammenarbeit im Inter­ Modul»Rechtliche Informationen« Grundlagen des Sexualstrafrechts und Opferrechte im Strafverfahren, Vorgehens­ weise der Behörden bei Offizialdelikten, der Ablauf von einer Anzeige bis zum Ge­ richtsverfahren, Prozessbegleitung und Unterstützung der Opfer durch Opfer­ schutzeinrichtungen. Information über die Bestimmungen des Gewaltschutzgesetzes, die rechtlichen Maßnahmen der Wegweisung und des Betretungsverbotes, die Möglichkeiten der Polizei und Erfahrungen aus der Praxis. Rechtliche Grundlagen des Ärztegesetzes und Krankenanstaltengesetzes und einschlä­ 45 Wissensvermittlung im Projekt gige Dienstvorschriften. Die juristische Definition von Gewalt, etwa von»schwerer« oder»leichter« Körperverletzung. Modul»Opferschutzgruppen im Krankenhaus« Die Entstehungsgeschichte, die Aufgaben und Arbeitsweisen von Opferschutzgruppen. Darstellung der entwickelten Standards und krankenhausinternen Versorgungsabläufe sowie Kooperationen mit extramuralen Einrichtungen. Modul Wiener Frauenhäuser – Sicherheit und Wendepunkt Information über die Geschichte, die Aufgaben, Angebote und Arbeitsweisen der vier Wiener Frauenhäuser mit dem angeschlossenen Nachbetreuungshaus und der Beratungsstelle. Hinweis: Dieser Fortbildungsinhalt wurde bei der Veranstaltung im Allgemeinen Krankenhaus als zusätzliches Modul aufgenommen. »… dass man die richtigen Schritte setzt.« Statement von Dr in. Heidrun Flores-Genger, Gynäkologische und Geburtshilfliche Abteilung, Sozialmedizinisches Zentrum Ost »Das Aufmerksam-Machen auf die Problematik und das Wecken der Bereitschaft zu helfen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Spital scheint mir das Wichtigste zu sein, das heißt, die Information, worum es geht, wie man sich verhält und wie man den Opfern helfen kann, welche Möglichkeiten es gibt. Durch das bessere Wissen gibt es auch eine größere Bereitschaft, sich zu beteiligen, die richtigen Schritte zu setzen. Wir auf der Gynäkologie sind zum Beispiel immer wieder mit vergewaltigten Frauen konfrontiert, hier ist die richtige Spurensicherung wichtig, das haben wir vorher nicht gewusst. Das Curriculum war insgesamt sehr gut, sehr kompakt und konzentriert. Man könnte vielleicht noch das Thema Genitalverstümmelung bei Frauen anderer Kulturen mit einbeziehen, das ist etwas, womit man nicht jeden Tag zu tun hat. Dinge, von denen man nichts weiß, erkennt man vielleicht nicht. Das ist insbesondere dann schwierig, wenn Frauen nicht unsere Sprache sprechen.« 46 Wissensvermittlung im Projekt 47 Wissensvermittlung im Projekt Informationsmaterialien Plakate Wissensvermittlung im Projekt 48 49 Wissensvermittlung im Projekt Informationsmaterialien Folder Wissensvermittlung im Projekt 50 51 Wissensvermittlung im Projekt Informationsmaterialien Folder Wissensvermittlung im Projekt 52 53 Wissensvermittlung im Projekt Informationsmaterialien Infokarten Wissensvermittlung im Projekt 54 55 Wissensvermittlung im Projekt Informationsmaterialien Checklisten Wissensvermittlung im Projekt 56 57 OPFERSCHUTZGRUPPEN IN DER PRAXIS 58 59 Opferschutzgruppen in der Praxis »… groß ist der Informationsbedarf der in der Medizin Tätigen.« Statement von Rektor Univ.Prof. Dr. Wolfgang Schütz, Leiter Allgemeines Krankenhaus-Universitätskliniken »Als Rektor der medizinischen Universität Wien be­ grüße ich die Etablierung eines Curriculums ›Gewalt gegen Frauen und Kinder‹ ganz besonders, da Gewalt­ erfahrungen, wie internationale Studien eindrucks­ voll aufzeigen, die Gesundheit der davon Betroffenen nachhaltig und maßgeblich negativ beeinflussen können und einen bis dato noch zu wenig berück­ sichtigten gesundheitlichen Risikofaktor darstellen. Entsprechend groß ist daher der Informationsbedarf der in der Medizin Tätigen. In diesem Zusammen­ hang erscheinen mir insbesondere die Vorträge zu Gewaltschutzaktivitäten in Spitälern und jene Vorträge, die sich mit der Dynamik von Gewalt­ beziehungen sowie Erscheinungsformen und lang­ fristigen Folgen von Gewalterfahrungen befassen, als besonders wichtig. Der Nutzen dieser FortbildungsVeranstaltung für das im AKH tätige Personal sollte dementsprechend groß sein. Das in den Vorträgen vermittelte Wissen sollte um entsprechende Fähigkeiten/Fertigkeiten im Umgang mit von Gewalt betroffenen Frauen und Kinder erweitert werden, um eine adäquate und sensible Betreuung dieser oft­ mals schwer traumatisierten Personengruppe sicher­ zustellen.« 60 Opferschutzgruppen in der Praxis OPFERSCHUTZGRUPPEN IN DER PRAXIS Einleitung Für die Durchführung des Curriculums hat sich die Existenz von Opferschutz­ gruppen als äußerst positiv erwiesen. Derzeit gibt es in zwei Wiener Kranken­ häusern(Wilhelminenspital und Sozialmedizinisches Zentrum Ost) Opferschutz­ gruppen. Kosten zu verursachen. Synergien wurden optimal ausgeschöpft. »DIE SICHERHEIT DES GEWALTOPFERS STEHT FÜR UNS IM VORDERGRUND.« DGKP Friedrich Anger-Schmidt, Leiter der Opferschutzgruppe des Wilhelminenspitals, und DSA Josef Heindl, Mitarbeiter der Opfer­ schutzgruppe des Wilhelminenspitals Bericht der Opferschutzgruppe im Wilhelminenspital Seit Herbst 1997 besteht im Wilhelminen­ spital eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe zum Schutz für Frauen, die von familiärer Gewalt betroffen sind. Ziel des Projekts war es, im Spital ein Angebot zu installie­ ren, das Frauen zugute kommt und ihnen umfassende Versorgung, Unterstützung und Information bieten soll. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde eine Arbeits­ gruppe mit VertreterInnen aller beteiligten Institutionen ins Leben gerufen, mit dem Ziel, die Organisation und die Einhaltung erarbeiteter Strukturen zu sichern, ein Forum für den Austausch mit den Mit­ arbeiterInnen zu bilden, um Reflexion und Verbesserungen zu ermöglichen. Das Modell funktioniert mittlerweile seit Mai 1998 im Regelbetrieb. In dieser Zusammenarbeit ist es gelungen, die komplementären Be­ dürfnisse aller beteiligten Berufsgruppen und die Interessen dreier Institutionen (Unfallchirurgische Abteilung, Fonds Soziales Wien, 24-Stunden Frauennotruf der MA 57) zur Deckung zu bringen, ohne »Für uns steht die Sicherheit des Gewaltopfers im Vordergrund. Wenn eine Rückkehr in die Wohnung – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglich ist, besteht die Möglichkeit einer stationären Aufnahme an unserer Abteilung oder einer Unterbringung in einem Frauenhaus. In der Statistik ist ein klarer Anstieg bemerk­ bar. So haben wir im Jahre 1999 37 Fälle registriert und 2004 85 Fälle. Im Halbjahr 2005 sind wir schon bei 54 Fällen, so dass wir heuer mit über 100 Betroffenen rech­ nen. Woran es liegt, lässt sich nur speku­ lieren. Ich vermute, dass es ein Mix aus mehr ›Gewaltbereitschaft‹ und mehr ›drüber reden Trauen‹ ist. Mein Wunsch ist nach wie vor eine wienweite Institutio­ nalisierung in anderen Unfallabteilungen und eine Vernetzung der Daten. Mit dem Sozialmedizinischen Zentrum Ost ist sicher schon ein Anfang gemacht.« (DGKP Friedrich Anger-Schmidt) »Die Sozialarbeit im Wilhelminenspital funktioniert mit einem neuen Konzept als Prototyp einer sozialen Servicestelle mit garantierter Erreichbarkeit von 8 Uhr bis 61 Opferschutzgruppen in der Praxis 15 Uhr für PatientInnen, Angehörige und auch Spitalspersonal. Diese gute Erreich­ barkeit ermöglicht es der Sozialarbeit, sich als integraler Bestandteil bei Pro­ grammen, die eine bestimmte PatientInnen­ gruppe betreffen, anzubieten. Unser Projekt zeigt sehr deutlich, wie sehr Gesundheit und Soziales ineinander ver­ woben sind und Patientinnen dement­ sprechend auch von unterschiedlichen Professionen begleitet werden sollen. Voraussetzung für das Funktionieren von interdisziplinärer Zusammenarbeit ist die Bereitschaft aller beteiligten Berufsgruppen sich gegenseitig zu respek­ tieren und die unterschiedlichen Arbeitsweisen zu akzeptieren. Das Personal an der Unfallchirur­ gischen Abteilung hatte den Eindruck, dass zunehmend Patientinnen, die von familiärer Gewalt betroffen sind, im Spital erscheinen und die ausschließlich medizinische und pflegerische Versorgung für diese Patien­ tinnen nicht ausreichend sind. Zudem ist der Zeitdruck, besonders in der Ambulanz, zu groß, um auf die ganz persönlichen Probleme der Patientinnen adäquat ein­ zugehen und zu reagieren. Kenntnisse in Gesprächsführung und Beherrschen von Kriseninterventionstechniken sind sehr individuell und in unterschiedlicher Qualität vorhanden und die Hilflosigkeit der Patientinnen wird oft zur Belastung für das behandelnde Personal. Mit der neuen Konzeption einer Servicestelle war die Sozialarbeit in der Lage, schnell erreichbar zu sein und damit Kriseninter­ vention unmittelbar im Anschluss an die medizinische Versorgung anbieten zu können. Neben der umfassenden Kriseninter­ vention für Patientinnen bietet die inter­ disziplinäre Zusammenarbeit verbesserte Gefahreneinschätzung und Entscheidungs­ hilfe zur Frage der nötigenfalls stationä­ ren Aufnahme. Unsere Dienstzeiten er­ laubten es nicht, eine Rund-um-die-UhrBetreuung anzubieten. Aus diesem Grund und auch um gesicherte fachliche Kom­ petenz zu gewährleisten, bot sich die Ein­ bindung des 24-Stunden Frauennotrufs in dieses Projekt an. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit VertreterInnen aller beteiligten Insti­ tutionen und Berufsgruppen wurde gebil­ det, um die koordinierte Zusammenarbeit zu ermöglichen. Die gewünschten Mitar­ beiterInnen sollten entsprechendes Inter­ esse mitbringen, über hohe Akzeptanz in der eigenen Berufsgruppe verfügen und für den Wissenstransfer innerhalb der Berufsgruppe verantwortlich sein. Um die weitere Zusammenarbeit und all­ fällige Verbesserungen und Entwicklungen sicherzustellen, wurden weitere Bespre­ chungen in halbjährigen Abständen ver­ einbart beziehungsweise finden sie jetzt anlassbezogen statt. Themenspezifische Fortbildungsveranstaltungen finden nach Anlass und Bedarf statt. Regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen für Turnus­ ärztInnen sollen diese nicht nur befähigen, in ihrem Dienst unserem Standard gemäß zu handeln, sondern ihnen auch in weiter­ führenden Tätigkeiten hilfreiches Wissen sein.« (DSA Josef Heindl) Kontakt: Opferschutzgruppe des Wilhelminenspitals 1220 Wien, Langobardenstraße 122 62 Opferschutzgruppen in der Praxis Bericht der Opferschutzgruppe im Sozialmedizinischen Zentrum Ost Die Projektarbeit der Gewaltschutzgruppe im Sozialmedizinischen Zentrum Ost star­ tete im Jahre 2002. Zu diesem Zweck wur­ den aus den Bereichen Unfallchirurgie, Aufnahmestation, Gynäkologie und Psychia­ trie Angestellte eingeladen, mitzuarbeiten. Die Projektmitglieder sollten einen Rahmen für das Thema Gewalt in der Familie er­ arbeiten, bestehende Probleme aufzeigen und Lösungsvorschläge erstellen, die im Sinne von Opferschutz im Sozialmedizi­ nisches Zentrum Ost in der Praxis ver­ wertbar sein sollten. Nach Abschluss der Projektarbeit im Herbst 2004 wurde die Gewaltschutzgruppe offiziell als»Opfer­ schutzgruppe« im Sozialmedizinischen Zentrum Ost als fixe Einrichtung und Organisation des Hauses genehmigt. »GEWALT IST NICHT IN ORDNUNG. GEWALT IST KEINE LÖSUNG.« DGKS Margit Liebhart, Leiterin der Opfer­ schutzgruppe im Sozialmedizinischen Zentrum Ost »Es stellt sich im Laufe meiner Arbeit mit den Betroffenen immer wieder heraus, wie schwer es für die Beteiligten ist, darüber zu reden. Gewalt in der Familie ist ein äußerst sensibler Bereich. Mit ›Fremden‹ darüber zu sprechen, was tatsächlich ›Schlimmes‹ in den eigenen vier Wänden passiert, fällt nicht leicht. Es gilt, eine enorme Hemmschwelle zu überwinden, vor allem für sich selbst, denn niemand möchte sein ›eigenes Nest beschmutzen‹. Manchmal braucht es mehrere Besuche bei uns in der Unfallambulanz, die anfänglich als ›Ausrutscher‹ von den Opfern dargestellt und dementsprechend bagatellisiert werden. ›Gegen den Türstock gelaufen...‹, ›die Stiegen hinuntergefallen...‹, ›gestolpert...‹. Vielleicht beim nächsten Mal: ›Ich war ja selber schuld, hätte ich ihn/sie nicht so gereizt...‹. ›Er/sie ist eigentlich ein seelenguter Mensch und sonst eigentlich so lieb!‹. Frau M. kommt nun schon zum dritten Mal zu uns in die Unfallambulanz. Ich habe ›zufällig?‹ schon wieder Nachtdienst. Es ist 2.15 Uhr. Frau M. wird mit der Rettung gebracht. Sie ist nur mit einem Morgenmantel gekleidet, der blutdurchtränkt ist. Frau M. hat am ganzen Körper Biss- und Kratz­ wunden. Wir versorgen ihre Wunden fast zwei Stunden lang. Frau M. hat sich mein Gesicht und auch meinen Namen gemerkt. Als sie das erste Mal in meinem Nacht­ dienst als Patientin kam, wurde sie vom Lebensgefährten gebracht. Sie hatte am linken Bein eine klaffende Bisswunde. Der Hund des Lebensgefährten hätte beim Spielen zu Hause nicht das Bein von Frau M., sondern einen Ball ergreifen wollen. Frau M. zittert bei ihrer Erzählung. Sie hält meine Hand und wirkt für mich ver­ stört. Zu verstört, für einen ›Spielunfall mit dem Hund‹. Sie ist leicht alkoholisiert, nicht sehr gepflegt. Mir fällt auf, dass sie immer wieder zur Tür schielt. Nach drei Monaten wird Frau M. mit der Rettung zu uns gebracht. Eine Nach­ barin hatte die Polizei gerufen, weil sie den Hund sehr laut bellen und knurren und Frau M. schreien hörte. Frau M. ist wieder alkoholisiert, sie weint. Wir müssen ihre Wunden, dieses Mal sind es mehrere, wieder versorgen. Dieses Mal spreche ich sie direkt an. ›Frau M., ich habe das Gefühl, dass bei Ihnen zu Hause irgendetwas nicht so läuft, wie Sie es sich wünschen. Kann ich Ihnen irgend­ wie helfen? Möchten Sie mit mir darüber sprechen? Wollen Sie mit jemand anderem sprechen? Wissen Sie, ich denke, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, sich wenigstens zu Hause, in seinen eigenen Wänden sicher und geborgen zu fühlen.‹ Frau M. weint und stammelt irgendetwas vor sich hin. Ich höre nicht zu sprechen auf. Ich erzähle von Gesetzen, von vielen anderen Menschen, die betroffen sind, von 63 Opferschutzgruppen in der Praxis familiärer Gewalt, davon, dass wir in unserer heutigen Gesellschaft alle gemein­ sam daran arbeiten sollten, darüber zu reden, dass Gewalt keine Lösung ist. Frau M. hat schon lange erfasst, dass sie Hilfe braucht, um aus dieser Gewaltspirale herauszukommen. Sie erzählt mir von Selbsthilfebüchern, die sie gelesen hat. Sie erzählt von ihren vielen Versuchen, nicht nur vom Alkohol, sondern auch von ihrem Umfeld loszukommen, aber letztendlich meint sie: ›Der Hund wird immer so aggressiv, wenn wir trinken.‹ Trotzdem gebe ich ihr eine Broschüre vom Frauen­ notruf mit. Ich fülle ein Gewaltdatenblatt aus. Heute, beim dritten ›Besuch‹ von Frau M. bei uns, erzählt sie mir, dass ihr Lebens­ gefährte den Hund auf sie hetzt, wenn er zornig auf sie ist. Dieses Mal sei es ganz besonders schlimm gewesen. Wir reden und reden und reden. Heute möchte Frau M. mit einem Psychiater/einer Psychiaterin spre­ chen, Frau M. möchte mit dem Frauennot­ ruf telefonieren. Frau M. sagt, dass sie so nicht mehr leben will. Frau M. tut das auch alles mit mir. Sie umarmt mich, ich spüre, dass sie wieder einen Schritt weiter vorangekommen ist. Frau M. will wieder nach Hause fahren. Ich habe Frau M. schon über zwei Jahre nicht mehr als Patientin bei uns gesehen. Auch meine KollegInnen haben Frau M. nicht betreut. Ich hoffe sehr, dass Frau M. und viele andere ›Opfer‹, die uns in unserem Bereich begegnet sind, ein Stück weiter voran­ gekommen sind. Ich hoffe sehr, dass es sich weiter herumspricht, beim Einkauf, beim Tratsch mit dem Nachbar/der Nachbarin, in der U-Bahn, bei persön­ lichen Gesprächen zwischen Freunden und Freundinnen und in Familien: Gewalt in der Familie ist nicht ok. Ich kann etwas dagegen tun und es gibt viele Menschen und Einrichtungen, die bemüht sind, einen Weg aufzuzeigen, der herausführen kann aus dieser Gewalt­ spirale . Wir schauen nicht weg, wir schauen genau hin. Wir wollen kompetent sein in unserer Hilfestellung. Wir wollen Kontakte knüpfen, die nötig sind. Wir haben die Möglichkeit, ›stopp‹ zu sagen in der öffentlichen Insti­ tution Krankenhaus. Denn die Opfer kom­ men zu uns und wenn wir aufmerksam genug zuhören und hinsehen, sind wir vielleicht die ersten, die zu ihnen sagen: ›Gewalt ist nicht Ordnung. Gewalt ist kei­ ne Lösung.‹ Vielleicht ist das ein Anfang für das Ende von der Gewalt in einer Familie.« (DGKS Margit Liebhart) Kontakt: Opferschutzgruppe Sozialmedizinisches Zentrum Ost 1160 Wien, Montleartstraße 37 64 Opferschutzgruppen in der Praxis »Einer der wichtigsten Inhalte dieses Leitfadens ist es, eine geschützte Gesprächs­ situation zu schaffen.« Statement von Oberin Josefa Stich, Direktorin des Pflegedienstes, Sozialmedizinisches Zentrum Ost »Das Sozialmedizinisches Zentrum Ost war eines der ersten Krankenhäuser, die projekthaft das Curriculum erarbeitet und weiterentwickelt haben. Die Erfahrungen mit dem Curriculum zeigen, dass viele MitarbeiterInnen in fast allen Abteilungen neu­ gierig gemacht und zur Mitarbeit angeregt wurden. Bei uns sind noch immer die ›Pioniere und Pionierinnen‹ am Werk, die ihr Wissen an die neuen MitarbeiterInnen weitergeben. Wichtig ist, dass die MitarbeiterInnen um die Entstehung der Gewalt­ spirale Bescheid wissen. Sie können den von Gewalt betroffenen Frauen und Kindern so eine adäquate Information und Beratung anbieten. Der von den ProjektmitarbeiterInnen der Opferschutzgruppe erar­ beitete Leitfaden sichert den standardisierten Einsatz in allen Bereichen des Krankenhauses und bietet Nachvollziehbarkeit. Einer der wichtigsten Inhalte dieses Leitfadens ist es, eine geschützte Ge­ sprächssituation zu schaffen. Die MitarbeiterInnen sind zudem umfassend über die gesetzlichen Regelungen informiert. Insgesamt hat das Curricu­ lum ›Gewalt gegen Frauen und Kinder‹ zu einer Steigerung der Qualität der Betreuung von Gewaltopfern, aber auch zu einer Sensibilisierung und einer Erhöhung der Zufriedenheit der MitarbeiterInnen beigetragen. Im Namen der Kollegialen Führung danke ich allen Mit­ arbeiterInnen, die durch ihr Engagement und Fachwissen diesem sensiblen Thema im Sinne der Nachhaltigkeit professionell begegnen.« 65 ERFAHRUNGEN UND EMPFEHLUNGEN AUS DEM PROJEKT 66 67 Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Projekt Figuren im Rahmen der Projektwoche 2001 weisen im Eingangsbereich der Ambulanzen darauf hin, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder ein Thema der Medizin ist. 68 Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Projekt ERFAHRUNGEN UND EMPFEHLUNGEN AUS DEM PROJEKT Einleitung Dieses Kapitel basiert auf den Ergebnissen der unterschiedlichen Erhebungen, die im Rahmen des Projektes durchgeführt worden sind, sowie auf vielfältigen Erfahrungen der bei der Planung und Durchführung des Curriculums beteiligten Personen. 17 Es werden in Folge die wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zu einem erfolgreichen, nachhaltigen Curriculum dargestellt. Diese können als Empfehlung für andere, ähnlich gelagerte Projekte dienen. Allgemein fördernde Rahmenbedingungen Die Ebene der Politik Die Ebene der ProjektträgerInnen POLITISCHES COMMITMENT Das politische Commitment der Gemeinde Wien, aktiv gegen Gewalt gegen Frauen vorgehen zu wollen, wurde mit dem Beschluss des Wiener Frauengesundheitsprogramms durch den Gemeinderat im Jahr 1998 deutlich zum Ausdruck gebracht. Im Wiener Frauengesundheitsprogramm wurden Maßnahmen und Ziele im Bereich »Gewalt gegen Frauen« als ein zentrales Handlungsfeld definiert. Dies stellt eine wesentliche Grundlage für Planung und Durchführung von Vorhaben im Bereich der Opferschutzarbeit dar. Durch die klare Positionierung der Politik gegen Gewalt an Frauen und Kindern erhalten die Maßnahmen auch bei der Umsetzung Rückhalt und Verstärkung. KOORDINIERUNGSSTRUKTUR Wesentlich ist, wie bei allen Projekten, an denen verschiedene Institutionen und Ver­ antwortliche beteiligt sind, die Definition einer klaren Projektstruktur mit Zielver­ einbarungen und Bestimmung der Zu­ ständigkeiten und Aufgabenverteilung der jeweiligen Institutionen innerhalb des Projektes. Beim Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« hat sich die Einrichtung einer Steuerungsgruppe sehr bewährt. Diese nahm während des gesamten Projektzeitraumes nicht nur eine laufen­ de Bewertung der Zielerreichung vor, sondern war gleichzeitig für Entscheidungsfindung, Anpassung der Projektstruktur und für inhaltliche und organisatorische Abstimmungsarbeit innerhalb der eigenen Organisation verantwortlich. 69 Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Projekt KOOPERATIVER ANSATZ BEI DER ZUSAMMENARBEIT Ein zentraler Grundsatz, den es bei inter­ disziplinären und interinstitutionellen Kooperationen zu beachten gilt, ist die Bereitschaft der AkteurInnen, sich auf die »Andersartigkeit und Eigenheiten« der beteiligten Institutionen einlassen zu können, um so mögliche Ansichten oder bestehende Vorurteile zu verändern. Unter­ schiede in der Organisationsstruktur, in der Zuständigkeit, in der Hierarchie und in der Aufgabendefinition der beteiligten Ein­ richtungen bestimmen wesentlich die Art und Weise der Schnittstellenarbeit und die Möglichkeit der Zusammenarbeit. Das Interesse und die Fähigkeit, diese Unter­ schiede wertfrei zu analysieren und als Potential zu nützen, sind Vorraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklungsarbeit in einem gemeinsamen Projekt. Im Curriculum »Gewalt gegen Frauen und Kinder« wurde von den teilnehmenden Institutionen die­ se Grundhaltung durchgehend eingenom­ men. Austausch und Kommunikation stan­ den im Mittelpunkt. So gelang es, ein auf die jeweiligen Rahmenbedingungen des Krankenhauses abgestimmtes Fortbildungs­ konzept zu erarbeiten, das einen Mittelweg zwischen den vorhandenen Zeitressourcen des Personals und dem Anspruch der Vor­ tragenden an eine breite Informations­ vermittlung darstellte. Die Ebene des Krankenhauses TOP-DOWN-PRINZIP Die Durchführung eines Fortbildung­ projektes in einem Krankenhaus sollte in jedem Fall von einem Beschluss und einem Commitment der Führungsebene begleitet werden. Die vielfältigen Erfahrungen des Wiener Curriculums»Gewalt gegen Frauen und Kinder« zeigen, dass die Übernahme der Verantwortung für die Fortbildungs­ maßnahmen durch die Führungsebene der einzelnen Krankenhäuser als ein wesent­ licher Faktor für die erfolgreiche Um­ setzung des Curriculums vor Ort gesehen werden kann. UNTERSTÜTZUNG DURCH LEITUNGSEBENEN Einbindung und Information der Ab­ teilungsleitungen der jeweiligen Fachab­ teilungen sind ebenso erforderlich wie die Überzeugung der Leitungsebene von der Nützlichkeit einer Fortbildungs­ maßnahme, um die Bereitschaft der Mit­ arbeiterInnen zur Teilnahme an der Ver­ anstaltung zu fördern. KLARE POSITIONIERUNG IM INTERESSE DER OPFER Insgesamt ist eine klare Positionierung der Krankenhäuser, aktiv gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder vorgehen zu wollen, von großer Bedeutung, dies sowohl in Richtung der MitarbeiterInnen, als auch in Richtung betroffener Frauen und Kinder. Die Durchführung von speziellen Fortbildungen mit Verpflichtungscharakter für die Teilnahme ist ein starkes Signal der Krankenhausleitung, nicht nur Opfer­ schutz ernst zu nehmen, sondern auch die MitarbeiterInnen in ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen und ihre Ressourcen zu erweitern. Die lebensgroßen Figuren, die während des Curriculums in den Ein­ gangshallen der Krankenhäuser aufge­ stellt waren und Informationen zu Gewalt gegen Frauen und Kinder vermittelten, haben öffentlich auf die Thematik hinge­ wiesen. Damit wurde vermittelt:»Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Krankenhaus machen auf das Thema auf­ merksam, denn Gewalt gegen Frauen und Kinder ist keine Privatsache und Opfer können mit der bestmöglichen Hilfe und Unterstützung rechnen«. EINRICHTUNG VON OPFERSCHUTZGRUPPEN Um Gewaltschutzarbeit nachhaltig in Krankenhäusern zu verankern, wird die Einrichtung von Opferschutzgruppen em­ pfohlen. Seitens der Krankenhausleitung 70 Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Projekt sollte zur Konstituierung sowie zur Ent­ sendung einer Vertreterin/eines Vertreters in die Opferschutzgruppe ein Auftrag an die jeweiligen Abteilungen erfolgen. Wesentlich ist die Einbeziehung des ärzt­ lichen, des pflegerischen und des thera­ peutischen Personals. Abhängig von der Größe des Krankenhauses und der darin angesiedelten Fachabteilungen können Abteilungen beziehungsweise Ambulanzen der Erstversorgung, Unfall, Gynäkologie, Psychiatrie sowie Interne für eine Opfer­ schutzgruppe in Frage kommen. Die Mit­ arbeiterInnen der Opferschutzgruppen sind speziell in der Thematik Gewalt gegen Frauen geschult, sollen sich auch regelmä­ ßig weiterbilden und verfügen somit über ein spezifischen Fachwissen, das sie bei Bedarf KollegInnen im Krankenhaus weiter­ geben können. In diesem Sinne fungieren Opferschutzgruppen als zentrale Ansprech­ partnerInnen innerhalb des Krankenhauses: Sie bilden eine wesentliche Kontaktstelle für das Personal, können für die Organi­ sation interner Fortbildungen(etwa Ein­ führung des Curriculums, weiterführende Workshops, Vernetzung mit Fortbildungs­ beauftragten im Haus) verantwortlich sein, den Kontakt mit externen Einrichtungen herstellen und pflegen, einschlägige Informationen zu Gewalt sammeln und diese an die Beschäftigten weitervermitteln. Aufgrund der spezifischen fachlichen und auch rechtlichen Rahmenbedingungen bei der Versorgung von Kindern als Gewalt­ opfer sind in vielen Krankenhäusern be­ reits Kinderschutzgruppen installiert. Regelmäßiger Austausch und fallbezogene Nutzung von Fachressourcen zwischen Kinderschutz – und Opferschutzgruppe in einem Krankenhaus sind für umfassende Opferversorgung wesentlich. »Das ist ein Thema in der Gesellschaft, wovor man nicht die Augen zumachen kann.« Statement von Astrid Engelbrecht, Direktorin des Pflege­ dienstes, Krankenhaus Wien-Hietzing(vormals Lainz) »Im Pflegebereich ist es gelungen, dass die Wahr­ nehmung in Richtung Gewalt bei den Menschen geschärft worden ist und dass es den Mitar­ beiterinnen und Mitarbeitern dadurch auch leichter fällt anzusprechen, wenn sie das Gefühl haben, dass Gewalt gegen Personen vorhanden ist. Es wird ver­ sucht, eine Gesprächssituation zu schaffen, nach Möglichkeit in einem Vieraugen- oder Sechsaugen­ gespräch. Alle Informationen wie Folder, Aufkleber etc. sind in komprimierter Art und Weise vorhanden und darüber wissen die Mitarbeiterinnen und Mit­ arbeiter auch Bescheid. Wichtig ist einfach die Information. Was kann man den Betroffenen an Infor­ mationen anbieten und wo kann man sich gezielt hinwenden, wo kann man Unterstützung bekommen. Ich denke, dass das in der Situation ganz wesentlich ist, weil, wenn ich erst suchen muss, dann geht vieles an Energie verloren, die sinnvoll genützt werden könnte.« 71 Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Projekt Spezifische Rahmenbedingungen der Planungs- und Durchführungsphase Personalbezogene Faktoren • Ist-Stand Erhebung Bevor Maßnahmen zur Fortbildung geplant werden, kann eine Befragung der MitarbeiterInnen zum Wissensstand und zu den Erfahrungen im Umgang mit Gewaltopfern für eine Bedarfsab­ schätzung und die Entwicklung eines speziell auf die Bedürfnisse ausgerichte­ ten Fortbildungskonzeptes nützlich sein. • Breite Zusammensetzung des Vortragsteams Die Einbeziehung von VertreterInnen verschiedener Institutionen, die im Bereich Gewalt gegen Frauen und Kinder tätig sind, bei der inhaltlichen Gestaltung der Fortbildung trägt dem Grundprinzip Rechnung, dass bei der Versorgung von Gewaltopfern nicht alleine eine Einrichtung zuständig ist. Vielmehr ist eine Zusammenarbeit etwa zwischen Polizei, Opferschutzein­ richtungen, Jugendwohlfahrt oder Gesundheitssystem insbesondere bei Akutinterventionen von zentraler Be­ deutung. Die gleichzeitig vermittelten Informationen über die Aufgaben und Tätigkeitsbereiche der Institutionen stellen einen wichtigen Baustein für das Curriculum dar und fördern bei den TeilnehmerInnen der Fortbildung auch die Kenntnisse über extramurale Ein­ richtungen und in Folge auch die Zu­ sammenarbeit mit diesen. • Interdisziplinäre Ausrichtung Opfer von Gewalt, die ein Krankenhaus aufsuchen, haben im Rahmen der Unter­ suchung mit verschiedenen Disziplinen und Berufsgruppen Kontakt. Diese»Kon­ taktpunkte« reichen von der Anmeldung beim Ambulanzschalter über verschiede­ ne Untersuchungen, spezifische ambu­ lante Behandlungen bis hin zur statio­ nären Aufnahme. Zur Förderung der Früherkennung von Gewalt und einer gezielten Behandlung von Gewaltopfern sollten daher möglichst alle im Kranken­ haus vertretenen Berufsgruppen, wie etwa ÄrztInnen, Pflegepersonal und therapeutisches Personal von einer Fortbildungsmaßnahme angesprochen werden und auch gemeinsam an dieser teilnehmen. Inhaltsbezogene Faktoren • Praxisorientierte Aufbereitung der Inhalte Die Inhalte des Curriculums sollen inter­ disziplinär sein und neben theoretischen Informationen zur Thematik Gewalt gegen Frauen und Kinder auch praxisre­ levante Anleitungen für den Umgang mit Gewaltopfern im Krankenhaus­ alltag bereitstellen. Wesentlich ist eine kompakte Darstellung der Inhalte. Das Curriculum ist ein erster Schritt zur Vermittlung grundlegender Informationen und zur Sensibilisierung von Mitar­ beiterInnen. Wichtig ist die Bereit­ stellung von Kontaktadressen, Telefon­ nummern und E-Mailadressen, um wei­ tere Kontaktaufnahmen zu vereinfachen. Der konkrete Nutzen der Kooperation mit externen Einrichtungen für die Krankenhäuser muss klar herausgear­ beitet werden. Darüber hinaus sind rechtliche Informationen(etwa für sexuelle und körperliche Gewalt rele­ vante Gesetze sowie über berufsgrup­ penspezifische rechtliche Rahmenbe­ dingungen) von Bedeutung. 72 Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Projekt • Methodische Vielfalt Interaktive Methoden sollen zur An­ wendung kommen, es sollte jeweils nach einem Vortragsinhalt genügend Raum und Zeit für Auseinandersetzung mit der Thematik und für Diskussionen geben. • Verfügbarkeit von Arbeitsmaterialien Für die Nachhaltigkeit der Wissens­ vermittlung sollten Vortragsunterlagen für die TeilnehmerInnen bereitgestellt werden. Ebenso erweisen sich allfällige, für das Curriculum entwickelte Infor­ mationsmaterialien, etwa Folder oder Checkkarten in Brusttaschenformat mit Daten von relevanten Opferschutz- und Kriseneinrichtungen, als praktische Unterstützung in der täglichen Arbeit. Generell ist festzuhalten, dass bei der Gestaltung von Arbeitsmaterialien auf Einfachheit und BenützerInnenfreund­ lichkeit sowie auf rasche Verfügbarkeit geachtet werden sollte. Dieser Leitgedanke wurde etwa bei der Entwicklung des SpurensicherungsSets im Rahmen des Wiener Curri­ culums berücksichtigt. Die darin ent­ haltene Checkliste, der selbsterklärende Ablauf der Untersuchungsschritte und die Übersichtlichkeit der Infoblätter haben sich in hohem Maße bewährt. Organisatorisch relevante Faktoren • Umfang und zeitliche Gestaltung des Curriculums Umfang und zeitliche Gestaltung müs­ sen den Gegebenheiten und Möglich­ keiten der Beschäftigten in Kranken­ häusern angepasst sein und mit der Spitalsleitung abgesprochen werden. Beim Curriculum hat sich eine geblock­ te Veranstaltungsstruktur als vorteil­ haft erwiesen. Die Inhalte wurden an jeweils zwei Vormittagen innerhalb einer Woche(geringer zeitlicher Ab­ stand zwischen den Blöcken) ver­ mittelt. • Koordination innerhalb des Krankenhauses Für Planung und Durchführung der Fortbildung sind bestimmte Rahmen­ bedingungen wie die Bereitstellung und Reservierung der Vortragsräumlich­ keiten und des technischen Equipments sowie die Informationsweitergabe und Einladung der MitarbeiterInnen(etwa über interne E-Mailverteiler) innerhalb des Krankenhauses notwendig. Die Begleitung der Veranstaltung durch eine Moderation ist empfehlenswert. Die Kontaktaufnahme und die Ein­ bindung der für diese Bereiche im Krankenhaus zuständigen Personen sind bei der Planung notwendig. Ver­ einbarungen bezüglich der Übernahme von Verantwortlichkeiten sind mit dem Krankenhaus zu treffen. • Koordination aller Beteiligten Bei einem Projektausmaß, wie es etwa beim Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« gegeben war, ist eine Koordination zwischen den Projekt­ trägerInnen, den vortragenden Institu­ tionen und der jeweils zuständigen Organisationsabteilung der Kranken­ anstalten unerlässlich. Dies sollte durch Einsatz einer Koordinatorin, eines Koordinators geleistet werden. • Begleiterhebungen Während der Durchführung und nach Abschluss des Curriculums kann mittels Fragegebogenerhebung die Effizienz und Effektivität der Fortbildung erho­ ben werden. Weitere Maßnahmen, wie etwa die Entwicklung von vertiefenden Fortbildungsangeboten zum Thema Gewalt gegen Frauen und Kinder(etwa Workshops, Coaching) können so be­ dürfnisorientiert geplant werden. 73 Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Projekt Relevante Begleitfaktoren • Erarbeitung von Behandlungsstandards Für eine effektive Anwendung von opferspezifischen Behandlungsplänen ist weiters die Erarbeitung von Richtlinien für einen praxisrelevanten Einsatz innerhalb der Krankenhaus­ strukturen wesentlich. Die zu schaffen­ de Opferschutzgruppe könnte hierfür eine tragende Rolle für die Koor­ dinierung und Durchführung überneh­ men, wie sich dies an den bereits zwei bestehenden Opferschutzgruppen im Sozialmedizinischen Zentrum Ost oder im Wilhelminenspital zeigt. • Verbesserung der Datenlage zu Gewalt Durch die Arbeit der Opferschutz­ gruppen wird auch die Monitorisierung und Dokumentation von Gewaltfällen verbessert. Innerhalb des Kranken­ hauses fördert dies sekundär auch das Wissen und die Wahrnehmung der Häufigkeit und des Vorkommens von Gewalt. • Krankenhausinterne Vernetzung Beim Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« hat sich gezeigt, dass die Zusammenarbeit verschiedener Abteil­ ungen einen wesentlichen Erfolgsfaktor für eine optimale Betreuung von Gewalt­ opfern darstellt. Ein regelmäßiger Infor­ mationsaustausch zwischen den Ab­ teilungen und Berufsgruppen ist daher von zentraler Bedeutung. • Krankenhausexterne Vernetzung Neben der Akutbehandlung stellen die Vermittlung von Gewaltopfern an weiter­ führende Betreuungsstellen und Insti­ tutionen sowie die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Institutionen zentrale Elemente im PatientInnenmanagement dar. Beim Curriculum»Gewalt gegen Frauen und Kinder« hat sich gezeigt, dass insbesondere Einrichtungen, die rund um die Uhr erreichbar sind, wesentliche KooperationspartnerInnen sind. Beispielhaft wurde das Angebot des Frauennotrufes, bei dem es jeder­ zeit möglich ist, mit einer Fachexpertin in Kontakt treten zu können, eine Begleitung oder sofortige Betreuungs­ übernahme zu erhalten oder generelle Fragen abklären zu können, als wichti­ ge Ressource bewertet. Ebenso erleich­ tert das Wissen über Arbeitsweisen von Polizei, Jugendwohlfahrt, Gerichts­ medizin oder Opferschutzgruppen die weiterführende Zusammenarbeit. • Krankenhausinterne MultiplikatorInnen VertreterInnen des ärztlichen Bereichs und des Pflegebereichs, die gleichzeitig über Fachexpertise zur Thematik Gewalt gegen Frauen und Kinder verfügen, wir­ ken innerhalb ihrer Berufsgruppe als auch über diese hinaus als wichtige VerstärkerInnen, diese Problematik ernst zu nehmen. Diese Personen kön­ nen als Vortragende oder Seminar­ leitungen die Auseinandersetzung mit der Gewaltthematik auch innerhalb der eigenen Berufsgruppe und im Kranken­ haus gesamt vorantreiben. 74 Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Projekt Weiterführende Maßnahmen • Schaffung genereller Standards Die Erarbeitung von spitalsübergreifenden Standards zu Diagnostik, Be­ handlung und Dokumentation von Ge­ walt(Datenbank) stellt eine wichtige Grundlage für bestmöglichen Opferschutz dar. • Regelmäßige Öffentlichkeitsarbeit Um eine breite Öffentlichkeit für das Gewaltthema zu sensibilisieren sind ver­ schiedene Maßnahmen der Öffentlich­ keitsarbeit der Krankenanstalten denkbar. Dies können etwa Ausstellungen und Plakataktionen auf Vorplätzen oder im Eingangsbereich von Krankenhäusern sein. Damit wird die Thematik Gewalt gegen Frauen und Kinder nicht nur sicht­ bar gemacht, sondern es wird auch auf die Wichtigkeit der Wahrnehmung von Opfern und die Bedeutung der Hilfestellung hingewiesen. Weitere Anregungen • Breites Verständnis des Gewaltbegriffs sowie Einbeziehung von Themen wie Genitalverstümmelung, Gewalt im Alter, Gewalt gegen Personen mit Be­ hinderungen, Gewalt im Suchtbereich, Gewalt und Prostitution, Gewalt gegen Migrantinnen sowie Gewalt an Wohnungslosen • Herstellen von Informationsmaterial in verschiedene Sprachen • Einbeziehung von Einrichtungen, die auf die Problematiken der jeweiligen unterschiedlichen Zielgruppen spezialisiert sind • Öffentliche Anerkennung von besonders aktiven Spitälern (etwa Verleihung von Preisen) • Schaffung von Unterstützungsstrukturen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit Gewaltopfern arbeiten und sich mit den Folgen von Gewalt gegen Frauen und Kinder auseinandersetzen, benötigen in dieser auf Dauer belastenden Arbeit auch verschiedene Unterstützungen, die sie in ihrem Berufsalltag stärken. Dies kann etwa durch Supervision, Coaching oder interne Fallmanagementgruppen gewährleistet werden. • Implementierung der Thematik in die Ausbildung Das Einbeziehen des Themas Gewalt in die Ausbildung von MedizinerInnen, des Pflegepersonals sowie sonstiger Berufs­ gruppen ist als wichtiger Garant für nachhaltigen Opferschutz zu sehen. 75 Figuren im Rahmen der Projektwoche 2001 weisen im Eingangsbereich der Ambulanzen darauf hin, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder ein Thema der Medizin ist. 76 Mitwirkende Personen und Institutionen Projektsteuerung Mag a. Renate Balic-Benzing, Leiterin MAG ELF Erika Degendorfer, KAV-GD, Kranken- und Altenpflege Dr in. Susanne Drapalik, KAV-GD, Medizin und Leistungsplanung Margit Ernst, KAV-GD, Leiterin Organisations- und Personalentwicklung Reinhard Faber, KAV-GD, Leiter Strategische Personalentwicklung Prim. Dr. Ludwig Kaspar, KAV-GD, Stellvertretender Generaldirektor bis 2004 Dr. Wilhelm Marhold, KAV-GD, Generaldirektor Dr in. Karin Spacek, Leiterin 24-Stunden Frauennotruf der MA 57 Charlotte Staudinger, Akademische Krankenhausmanagerin, KAV-GD, Leiterin Strategische Planung und Qualitätsmanagement a.o. Univ.Prof in. Dr in. Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Organisationsbereich Mag a. Alexandra Grasl, Wiener Programm für Frauengesundheit, Projektmanagerin Mag a. Susanne Guld, Wiener Programm für Frauengesundheit, Projektmanagerin bis 2004 Gudrun Steininger, KAV, Organisations- und Personalentwicklung Mitwirkende Vortragende DGKP Friedrich Anger-Schmidt, Wilhelminenspital BI in. Veronika Berger, Bundespolizeidirektion Wien Dr in. Angelika Breser, 24-Stunden Frauennotruf der MA 57 DSA in. Andrea Brem, Frauenhäuser Wien Dr in. Andrea Berzlanovich, Institut für Gerichtsmedizin Wien Leonie Coufal, MAG ELF Dr. Wolfgang Denk, Institut für Gerichtsmedizin Wien Mag a. Karin Dietz, 24-Stunden Frauennotruf der MA 57 Prof. Dr. Walter Dobner, KAV–GD, Rechtsbüro Dr in. Elisabeth Friedrich, Institut für Gerichtsmedizin Wien DSA Andreas Freundorfer, MAG ELF Dr in. Marion Gebhart, Frauenabteilung, MA 57 Dr in. Elisabeth Grossebner, 24-Stunden Frauennotruf der MA 57 Mag a. Christine Harringer, KAV-GD, Rechtsbüro 77 Mitwirkende Personen und Institutionen Mitwirkende Personen und Institutionen DSA Josef Heindl, Fonds Soziales Wien, Sozialberatung Wilhelminenspital DSA in. Susanne Hirsch, MAG ELF Univ.Prof. Dr. Manfred Hochmeister, Institut für Gerichtsmedizin Wien DSA in. Eveline Holzmüller, MAG ELF CI Dietmar Junker, Bundespolizeidirektion Wien Mag a. Adelheid Kröss, Frauenhäuser Wien DSA a. Maria Kubik, ehem. Sozialberatung MA 47, Wilhelminenspital DGKS Margit Liebhart, Sozialmedizinisches Zentrum Ost Mag. Gerald Max, Bundespolizeidirektion Wien Dr. Wolfgang Novak, Sozialmedizinisches Zentrum Ost DSA in. Hannelore Pöschl, MAG ELF Prim. Univ.Prof. Dr. Alexander Rokitansky, Sozialmedizinisches Zentrum Ost BI in. Gerda Ruthner, Bundespolizeidirektion Wien DSA in. Karin Spacek, 24-Stunden Frauennotruf der MA 57 DSA in. Monika Schindler, Sozialmedizinisches Zentrum Ost Major Wolfgang Steinbach, Bundespolizeidirektion Wien Mag. Reinhard Sura, KAV-GD, Rechtsbüro Mag a. Marion Zajic, KAV-GD, Rechtsbüro Brigitte Zinner, MAG ELF Krankenanstalten ALLGEMEINES KRANKENHAUS WIEN Oberin Eva Gantner, Direktorin des Pflegediensts Univ.Prof in. Dr in. Karin Guiterrez-Lobos, Universitätsklinik für Psychiatrie Dr in. Helga El Hadad-Jenny, Ärztliche Direktion Univ.Prof. Dr. Reinhard Krepler, Ärztlicher Direktor Petra Omoregie, Ärztliche Direktion Univ.Prof. Dr. Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinuniversität Wien Dr in. Sabine Völkl-Kernstock, Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters KAISER-FRANZ-JOSEF-SPITAL Dr in. Margit Endler, Ärztliche Direktorin Prim. Univ.Prof. Dr. Walther Gruber, Gynäkologische und Geburtshilfeabteilung Pflegevorsteher Anton Kopinits, Direktor des Pflegediensts 78 KRANKENHAUS WIEN-HIETZING(VORMALS LAINZ) Dr in. Ursula Denison, Gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung Astrid Engelbrecht, Akademische Krankenhausmanagerin, Direktorin des Pflegediensts Univ.Prof. Dr. Friedrich Gschnait, Ärztlicher Direktor KRANKENHAUS RUDOLFSTIFTUNG Vera Ettmüller, Direktorin des Pflegediensts Elfriede Geyer, Pflegedirektion Dr in. Gislinde Forer, Ärztliche Direktion Dr. Wilhelm Marhold, Ärztlicher Direktor bis 2004 SOZIALMEDIZINISCHES ZENTRUM OST Manuela Blihal, Verwaltung Dr in. Heidrun Flores-Genger, Gynäkologische und Geburtshilfliche Abteilung DGKS Margit Liebhart, Unfallchirurgie DGKS Annemarie Linsbauer, Unfallchirurgie DGKS Eva Melich, Unfallchirurgie Prim. Dr. Christian Sebesta, Ärztlicher Direktor Oberin Josefa Stich, Direktorin des Pflegediensts Helga Schuh, Verwaltung DGKS Ursula Stribrny, Unfallchirurgie Univ.Prof. Dr. Karl Heinz Tragl, Ärztlicher Direktor bis 2003 WILHELMINENSPITAL DGKP Friedrich Anger-Schmidt, Unfallambulanz Univ.Prof. Dr. Michael Wagner, Leiter der Unfallabteilung Elisabeth Guganeder, Unfallambulanz DSA Josef Heindl, Fonds Soziales Wien, Sozialberatung DSA in. Maria Kubik, ehem. Sozialberatung 79 Anhang 1 Quelle: Hellbernd, Hildegard et al.(2003), Projekt S.I.G.N.A.L., zit. nach: Österreichischer Frauengesundheitsbericht(2005), Wien, S. 45 2 Die im Handbuch gewählte männliche Form»Täter« basiert auf der Tatsache, dass körperliche oder/und sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder hauptsächlich durch männliche Täter ausgeübt wird. 3 Wimmer-Puchinger, Beate/Regina Lackner(1997), Gynäkologische und sexuelle Kurz- und Langzeitfolgen von sexuellem Mißbrauch in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter, LBI für Frauengesundheitsforschung, im Auftrag des BM für Familie und Umweltschutz, Wien 4 Walby, Sylvia(2004), The Cost of Domestic Violence, University of Leeds, in: http:// www.womenandequalityunit.gov.uk/research/cost_of_dv_research_summary.pdf, abgerufen am 25.10.2005 5 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend(1999), Aktionsplan der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen Berlin 6 Hellbernd, Hildegard et al.(2003), Häusliche Gewalt gegen Frauen- Gesundheitliche Versorgung: Das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm, Berlin 7 Abschlussbericht der ExpertInnengruppe des Europarates zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen(Juni 1997), EG-S-VL(97)1, Strasbourg 8 Unicef, Innocenti Digest Nr. 6(June 2000), Domestic Violence against women and girls, Florenz, S. 4 9 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend(2004), Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, Berlin 10 Foa, E. et al.(2000), Effective Treatments for PTSD, Practice guidelines from the International Society for Traumatic Stress Studies, New York, London; Flatten. G. et al.(2004), Post­ traumatische Belastungsstörung – Leitlinie und Quellentext, 2. Auflage, Stuttgart, New York 11 Betretungsverbote in Österreich im Jahr 2002: 3.944, im Jahr 2004: 4.764, Betretungsverbote in Wien im Jahr 2002: 1.388, im Jahr 2004: 1.945 12 Diese Zusammenfassung basiert auf folgender Quelle: Fessel-GfK Institut(2001a), Gewalt gegen Frauen und Kinder, Executive Summery, unveröffentlichter Projektbericht, Wien 13 Die Teilnahme an der Untersuchung war an den beiden Spitälern unterschiedlich, so haben 53 Personen aus dem Kaiser-Franz-Josef-Spital und 153 aus dem Sozialmedizinischen Zentrum Ost den Fragebogen beantwortet. In der folgenden Zusammenfassung werden die allgemeinen Ergebnisse dargestellt, Unterschiede in den beiden Spitälern sind in der Studie selbst nachzulesen, siehe Fessel-GfK Institut(2001a) 14 Diese Angaben beziehen sich auf jene 41 Prozent der Befragten, die im Laufe des letzten Jahres Kontakt mit kindlichen beziehungsweise jugendlichen Gewaltopfern gehabt haben. 15 Diese Angaben beziehen sich auf jene 56 Prozent der Befragten, die im Laufe des letzten Jahres Kontakt mit weiblichen Gewaltopfern gehabt haben. 16 Die folgende Zusammenfassung basiert auf der Studie: Fessel-GfK Institut(2001b), Gewalt gegen Frauen und Kinder, Pflegepersonal/Ärzte, Textbericht, Wien 17 Es wurden Ergebnisse aus den Feedbackerhebungen des Krankenanstaltenverbundes und Rückmeldungen sowie Statements von Verantwortlichen beziehungsweise am Curriculum beteiligten ExpertInnen im Rahmen der Handbucherstellung für dieses Kapitel zusammenge­ fasst. Integriert wurden auch die Rückmeldungen aus einem Feed-Back-Round-Table-Gespräch am 21.10.05 in Wien mit den Vortragenden des Curriculums, an dem folgende Personen teil­ genommen haben: BI in. Veronika Berger, Mag a. Karin Dietz, DSA in. Susanne Hirsch, Mag a. Adelheid Kröss, DGKS Margit Liebhart, DSA in. Hannelore Pöschl, Dr in. Karin Spacek und DGKS Ursula Stribrny, Moderation: Dr in. Birgit Buchinger, Mag a. Ulrike Gschwandtner, Solution, Salzburg. 80