Welche Rolle spielen Umwelt und Technologie? In Zukunft Stadt| In Zukunft Wien Nimm die Würfel in die Hand! Welche Strategien entwickeln Städte, um Lebensraum für eine wachsende Bevölker­ung zu schaffen? Wie sieht das Zusammenleben in­ Zukunft aus? In Zukunft Stadt| In Zukunft Wien Nimm die Würfel in die Hand! Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Wiener Planungswerkstatt 15. September bis 11. Dezember 2009 www.wien.gv.at/stadtentwicklung/wpw Ausstellungskonzeption und inhaltliche Bearbeitung: Brigitte Lacina Atelier I Kaitna I Smetana Sabine Gstöttner Oliver Frey Ausstellungsgestaltung und grafisches Konzept: bindermayer; Publikation in Kooperation mit formsache| medienwerkstatt Im Auftrag der Stadt Wien Magistratsabteilung 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung, Referat Öffentlichkeitsarbeit und Wissensmanagement Wolfgang Dvorak, Gaby Berauschek, Barbara Triska Die Gastkommentare geben die Meinung der AutorInnen wieder und müssen sich nicht mit der Meinung des Auftraggebers decken. Alle Personen sind ohne akademischen Titel genannt. Wien, Oktober 2009 Inhaltsverzeichnis Vorwort Ein Gespräch zur Zukunft der Stadt mit Oliver Frey, Sabine Gstöttner, Brigitte Lacina, Kurt Smetana Zukunft der Stadtentwicklung Stadtplanung- eine Frage von Integration und Dynamik Ein Gespräch mit Stadtrat Rudi Schicker Zukunftsfähige Stadtplanung durch Lernfähigkeit und Kooperation Ein Gespräch mit Planungsdirektor Kurt Puchinger In Zukunft Wien Ein Beitrag von Thomas Madreiter. Qualität und Innovation entstehen nicht von allein Ein Beitrag von Rudolf Scheuvens Zukunft der Stadtgesellschaft Wird der virtuelle Raum den öffentlichen Raum ersetzen? Ein Facebook-Dialog zwischen Oliver Frey und Daniel Renn Zukunft des Wohnens – wie werden wir im Jahr 2030 in der Stadt wohnen? Ein Gespräch mit Daniel O. Maerki Die Stadtgesellschaft als Assoziation freier Individuen Ein Beitrag von Christoph Laimer Baugemeinschaften in Wien Ein Beitrag von Robert Temel, Maja Lorbek, Aleksandra Ptaszyska(SORA), Daniela Wittinger(SORA) Zukunft der Mobilität Auf dem Weg zur nachhaltigen und sozial gerechten Mobilität Ein Gespräch mit dem Stadtsoziologen Jens Dangschat Was bewegt uns morgen? Ein Beitrag von Angelika Winkler Umweltgerechte und nachhaltige ECOCITY- Ein europäischer Ansatz zu nachhaltiger Stadtplanung Ein Beitrag von Joachim Eble Nachhaltig bauen für die Stadt der Ein Beitrag von Ursula Maria Constanze Schneider Wie sieht eine zukunftsfähige Energieinfrastruktur in der Stadt aus? Ein Beitrag von AIT Austrian Institute of Technology: Ute Gigler, Olivier Pol, Doris Österreicher Zukunft Wissensgesellschaft Die Chancen für solidarisches Wissen für"eine" Welt sind intakt Ein Gespräch mit Hubert Christian Ehalt Wie sehen Lern- und Lebensräume der Zukunft aus? Ein Beitrag von Christian Kühn Warum nichts so sein wird, wie es ist, und dennoch viel beim Alten bleibt Ein Beitrag von Christoph Thun-Hohenstein Zukunft der Arbeit Arbeiten im Netzwerk- eine zukunftsfähige Strategie für kleine Unternehmen Ein Gespräche mit Ulrike Kogelmüller Die Zukunft der Arbeit – zu jeder Zeit ein Thema der Gegenwart Ein Beitrag von Claus Hofer Migrantische Ökonomie: Integration auf eigene Rechnung Ein Beitrag von Erol Yildiz Creative Leipzig. Stadt als Beziehungslandschaft Ein Beitrag von Iris Reuther und Andreas Paul 7 11 17 21 24 27 31 37 41 45 49 51 57 60 63 69 73 77 81 87 91 94 97 103 106 109 113 Ein Gespräch zur Zukunft der Stadt mit Oliver Frey Sabine Gstöttner Brigitte Lacina Kurt Smetana Oliver Frey, Sabine Gstöttner, Brigitte Lacina und Kurt Smetana im Gespräch(v.l.n.r.) 6 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG Vorwort Leia 1 : Was wolltet ihr mit der Ausstellung vermitteln? Brigitte Lacina: Der Reiz dieser Ausstellung liegt im gemeinsamen Nachdenken über die vielen Möglichkeiten und auch Unabwägbarkeiten, die die städtische Zukunft bietet. Im Team sind wir zu dem Schluss gekommen, dass der Titel der Ausstellung eigentlich"Die Zukünfte von Stadt" heißen müsste. Für künftige Entwicklungen gibt es immer mehrere Szenarien und Pfade. Aus unserer Sicht liegen diese möglichen Zukünfte in den Händen vieler Akteurinnen und Akteure, und wir müssen über den Weg dorthin gemeinsam diskutieren. Wie werden wir tatsächlich in dreißig Jahren leben? Die Entwicklungen gehen so rasant voran, dass man zwar vom jetzigen Standpunkt aus Trends abschätzen und Prognosen erstellen kann, aber werden diese auch zutreffen? Es ist noch nicht so lange her, da konnte sich niemand vorstellen, welchen Einfluss die digitalen Medien auf unsere Gesellschaft haben werden, und heute sind sie Alltag. Diese Geschwindigkeit der Entwicklungen, die für mich im Kern von den Städten mit ihrer Konzentration an kreativen Köpfen ausgehen, diese Dynamik ist für mich faszinierend. Kurt Smetana: Viel kann man über die Stadt der Zukunft diskutieren, jedoch scheint es mir viel spannender, über Fragen nachzudenken, die unbekannte Faktoren enthalten. Über Szenarien, die uns in Zukunft stärker beschäftigen werden. Seien es politische Weichenstellungen,(noch immer) verdrängte Problemstellungen, finanzielle Ressourcen und Wertigkeiten, die Art und Weise der Wertschätzung für Wissenschaft und Forschung, das Verständnis, die Aufgeschlossenheit und die Sensibilität für Kunst und Kultur, die Behandlung sozialer Fragen oder die globale Einbettung in den europäischen Zentral­ raum. Man lässt oft außer Acht, dass die Entwicklung der Stadt begleitet wird von den Geschichten ihrer Bewohner, ihrer Sichtweisen und ­ihr­er Schicksale. Deshalb stellt die Ausstellung eine echte Herausforderung für uns alle dar. Wir können nur Fragen aufwerfen, Blitzlichter auf eingelei­ tete Trends werfen. Sabine Gstöttner: Als Planerin setze ich mich immer wieder mit dem Gedanken auseinander, wie weit Stadt und Urbanität planbar sind. Stadt ist ein sensitiver Organismus, der mehr ist als die Anhäufung von Häusern und Menschen. Viele verschiedene Faktoren bestimmen die Entwicklung der Stadt, die sich die Stadtplanung bewusst machen, kommunizieren und aufeinander abstimmen muss. Eine Stadt kann gewisse Trends erkennen und ihrer Strategie entsprechend reagieren. Sie kann einen Rahmen schaffen und gewisse Dinge zulassen, andere nicht. Die Ausstellung soll einen Überblick über eben die Trends bzw. Themen geben, mit denen sich Städte aktuell beschäftigen müssen. Leia: Was sind eurer Meinung nach die wichtigsten Trends zukünftiger Entwicklungen in den Städten? Oliver Frey: Alle Städte sind in globale Transformationsprozesse eingebunden. Die Globalisierung von Ökonomie und Kultur sowie die weltweiten Prozesse der Digitalisierung von Informationen und Daten prägen viele Bereiche der europäischen Stadt und führen so zu einer gewissen Angleichung der Profile. Mich interessiert dabei aber auch stets der jeweilige Charakter von Städten. Welcher Eigensinn und welche spezifischen Atmosphären und lokalen Kulturen können in der Zukunft gegenüber den vereinheitlichenden Trends ausgebaut werden? Die Themen, die dabei überall in der Luft liegen, sind die Fragen zu neuen Formen der Ernährung in der Stadt, zu umweltschonenden Mobilitätsformen sowie zu den zentralen Herausforderungen der Migration. KS: Eigentlich müssten wir ja zugeben, dass alle verwendeten Themen in der Ausstellung nur oberflächlich behandelt werden(können). Jedes einzelne Thema mit ihren vielen Kontroversen würde eine eigene Ausstellung verdienen, in der die offenen Diskurse, mögliche Trends, gegensätzliche Szenarien und deren Auswirkungen umfassender abzuhandeln wären. Ich glaube auch, dass bei der Bewältigung des Themas"Integration" die Aufgeschlossenheit der BewohnerInnen und ihre Haltungen dazu in der Stadt sichtbar und erkennbar werden. OF: Leider haben wir in unserer Ausstellung das Thema Migration und Integration auf der Ebene der Stadt nur gestreift. Ich kann mir aber vorZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 7 stellen, dass der Prozess, der einmal vereinfachend"Integrationsmaschine Stadt" genannt wurde, in Zukunft sehr brüchig werden wird. Trotzdem bin ich überzeugt, dass das Zusammenleben verschiedener Kulturen in Zukunft eine große Ressource für die Städte sein wird. Wir dürfen aber die Probleme vor dieser Herausforder­ ung nicht kleinreden und schon gar nicht die unwürdige Hetze gegenüber Menschen in irgendeiner Weise billigen. KS: Die Stärke und Ressourcen einer Stadt liegen auch in der Bewältigung von Krisen, allen voran die Bewältigung ökonomischer Krisen. Krisen können verloren gegangene Werthaltungen neu positionieren. Auf alle Fälle werden ökologische Themen von alternativen Verkehrsmitteln, Verkehrskonzepten über neue thermische Verbesserungen im Hochbau bis hin zu neuen Formen der Energiegewinnung, einen stärkeren Fokus erhalten. Ein weiterer Trend scheint mir das Temporäre in der Stadt zu sein, das Kurzlebige, das Veränderbare und das Zulassen von Neuem. Nicht unerwähnt möchte ich das Branding einer Stadt lassen. Neben dem Bestehenden, dem Traditionellen, dem Musealen müssen auch neue Identitäten eine Stadt prägen. SG: Stadt bedeutet für mich vor allem Vielfalt. Das Zusammenleben verschiedener Kulturen, Altersgruppen, sozialer Gruppen... Im Jahr 2025 wird der Anteil der in Städten lebenden Bevölkerung bereits auf 60 Prozent prognostiziert. Das bedeutet, urbanes Leben wird für einen Großteil der Bevölkerung zum Alltag. Wie die Mobilität dieser Stadtbevölke­ ru­ ngen organisiert ist, also wie sie sich durch die Stadt bewegt, welche Wege sie nutzen wird, wie die Mobili­ tätschancen der verschiedenen Be­ völkerungsgruppen verteilt sind,... sind spannende Fragen. Bereits jetzt lässt sich erkennen, dass der Einsatz der eigenen Muskelkraft in der Frage der Mobilität an Bedeutung gewinnt. Denn die Fortbewegung aus eigener Kraft ist ein idealer Ausgleich zu unserer Arbeit, die uns körperlich nicht mehr fordert. Und damit bin ich auch schon beim öffentlichen Raum, der sich auch verändern wird. Nicht mehr der Park oder Platz, zu dem ich hin­ gehe- also das Ziel-, sondern die Wege, auf denen ich mich bewege, werden die Qualitäten des öffentlichen Raums ausmachen. BL: Im Zuge der Recherchearbeiten zur Ausstellung war schnell klar, dass keines der behandelten Themenfelder unabhängig von den anderen zu sehen ist. Wie heißt es so schön?"Alles hängt mit allem zusammen"- deshalb möchte ich keinen Trend, kein Thema als das Wichtigste benennen. Ohne Nachhaltigkeit keine zukunftsfähige Stadtentwicklung, ohne Lösung der Verkehrsfragen keine Nachhaltigkeit, ohne Bildung keine Arbeit usw. Aus dem Bauch heraus würde ich aber sagen, dass die Grundvoraussetzung für sämtliche positive Zukunftsvorstellungen ein stabiles gesellschaftliches Gefüge ist, was für mich vor allem ein gleichberechtigtes Miteinander bedeutet, wo alle gemeinsam, unabhängig von Geschlecht, Alter, Ausbildung, Nationalität etc., in einen konstruktiven Dialog eintreten, um gemeinsam die jeweils aktuellen Probleme zu lösen. Und hier kommt die Bildungsfrage ins Spiel: Wissen ist der Grundstock für Kommunikationsfähigkeit, Offenheit und Toleranz. Leia: Die Ausstellung zeigt auch Beispiele künftiger Stadtplanungen und städtischer Entwicklungen in Wien. Wie schätzt ihr die Zukunft Wiens ein, oder anders gefragt: Wie wollt ihr gerne in Zukunft in Wien leben? OF: Ich bin nach 8 Jahren nun zwar auch hier beheimatet, aber es ist mir oft doch zu eng und zu provinziell. Ich beobachte doch immer wieder eine erstaunliche Selbstzufriedenheit! Ich wünsche mir für Wien mehr echtes Selbstbewusstsein. Vielen ist gar nicht klar, wo das Potenzial für das künftige Wien liegt: Im Crossover, in der Stärke der Melange, in der Verbindung des lokalen kulturellen Kapitals mit globalen und offenen Strömungen! Ich nenne das die"amalgame Stadt". Das sollte das öffentliche Bewusstsein in viel stärkerer Weise bestimmen! Also auf den Punkt gebracht: Ich wünsch mir für das zukünftige Wien mehr Offenheit und Neugierde, gepaart mit der ernsten Selbstironie, dass wir immer schon der Mittelpunkt der Welt waren und bleiben werden! Und etwas mehr offene Spielräume für selbstbestimmtes Leben, Freizeit und Arbeit wären schon gut! KS: Schön von dir zu hören, Oliver, wie du die Stadt Wien als ein von außen Kommender siehst. Die Stadt hat in den letzten 40 Jahren einen gewaltigen Wandel durchlebt: sie hat sich von ihrem grauen und provinziellen Image gelöst und ist zu einer bunten, jungen und teilweise auch dynamischen Stadt geworden. Das "Wienerische" aber, das ist erhalten geblieben. Das Gefühl von Entschleunigung, Langsamkeit("nur net hudeln") ist immer noch spürbar. Trotzdem habe ich als Stadtplaner noch einige Wünsche für die Zukunft offen: Die Funktionen der Stadt dürfen sich nicht noch stärker entflechten, die Stadt der kurzen Wege muss und soll erhalten bleiben. Das muss auch für die neuen Stadtteile gelten. Dort, wo Mischnutzungen erforderlich bzw. wo sie unbedingt erhalten werden müssen, dort müssen auch Mischförderungen stärker als bisher angedacht werden. BL: Ich gebe dir recht, Kurt, wenn du sagst, dass sich Wien in den letzten Jahrzehnten zu einer lebendigen Stadt entwickelt hat. Dennoch würde ich mir für die Zukunft mehr Mut für Neues, mehr Experimentierfreude und Offenheit wünschen. Wien hat ein enormes Potenzial an Kreativen, die oft mit ihren Ideen und Inno­ vationen im Verwaltungsdschungel der Stadt stecken bleiben. Unsere gut verwaltete Stadt hat fraglos viele Vorteile, doch manchmal wäre mehr Großzügigkeit und Flexibilität im Umgang mit Vorschriften und Paragrafen wünschenswert. Wien könnte noch viel bunter und dynamischer werden, wenn wir mehr Mut hätten! SG: Da ich am Stadtrand von Wien lebe und arbeite, stellt sich für mich 8 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG natürlich die Frage, wie sich dieser Rand entwickeln wird. Wie geht die Stadt mit ihren Rändern um? Wie kann in Zukunft die Funktion des Stadtrands als Schnittstelle, Verbindung, Puffer zwischen dicht verbauter Stadt und Umland stadtpla­ nerisch genutzt werden? Meine Vision der Zukunft ist die Entwicklung einer eigenen Urbanität, die auf den gesellschaftlichen, baulichen und naturräumlichen Strukturen des Stadtrands aufbaut. Leia: "Nimm die Würfel in die Hand!" - der Untertitel der Ausstellung spielt auf die Gestaltbarkeit der Zukunft der Städte an. Warum habt ihr die Gestaltungsmöglichkeiten der Stadt in der Ausstellung so in den Vordergrund gerückt? SG: Die Zukunft unserer Städte bestimmt in einem gewissen Maße jeder von uns mit. Durch unseren Lebensentwurf, unsere Freizeitgestaltung, unsere Wohnentscheidung... nehmen wir Einfluss auf die Entwicklung unserer Stadt. Durch Information und die Einbindung der Bevölkerung in Planungsprozesse kann ein Bewusstsein für diese Verantwortung, die wir alle tragen, geschaffen werden. Die Ausstellung, die sich mit Zukünftigem beschäftigt und gezielt Entwicklungen offen lässt, bietet eine schöne Gelegenheit, diese gemeinsame Verantwortung bewusst zu machen. "Nimm die Würfel in die Hand!" soll ein bisschen von diesem Gefühl der Ohnmacht, von der Resignation,"das entscheiden eh die da oben", ablenken und Mut zur Eigenverantwortung machen. KS: "Nimm die Würfel in die Hand!" ist als eine Aufforderung an die Besucher der Ausstellung zu sehen. In einer interaktiven Form sollen die Themen und ihre Wertigkeiten für die Zukunft sichtbar gemacht werden. In bereits stattgefundenen Veranstaltungen zum Thema wurden von Laien und Fachleuten bereits Wünsche und Anliegen für die Zukunft formuliert. Sie werden in dieser Ausstellung gezeigt und sollen auch für die BesucherInnen der Ausstellung Anreiz geben, auch ihre Wünsche und Fragen entsprechend zu deponieren. Die Gestaltbarkeit der Zukunft wird nicht von diesen Ergebnissen abhängen. Doch sollen den Besucher­ Innen die Bandbreiten der Themen vermittelt werden, zum Nachdenken, Nachlesen, zur Information. Interessierte BürgerInnen haben es in der Hand, am Würfeln für die Zukunft mitzuspielen. Es wird von der Politik abhängen, wie ernsthaft partizipative Prozesse unsere Zukunft beeinflussen werden. OF: Der Untertitel ist für mich zwiespältig. Soll auch so sein! Die Strukturen der städtischen Transformation, das ökonomische System und zum Teil auch die politischen Akteure lassen doch in Wirklichkeit wenig Spielraum für die Gestaltung der Zukunft durch die Bevölkerung. Als Stadtplaner liegt mir aber daran zu verdeutlichen, dass im Planen immer etwas Ungewisses und Unplanbares liegt. Offene und streitbare Utopien für die Städte sind wichtig! Und ich bin überzeugt: Wir können viele negative Seiten der städtischen Welt anders gestalten, als wir sie heute vorfinden. Also ganz habe ich den Optimismus einer Gestaltbarkeit von Zukunft nicht verloren; aber anstrengend und widersprüchlich ist es schon. Leia: Zum Schluss noch eine visionäre, ja poetische Frage in die Runde: Die Stadt und das Urbane spaltet ja auch die Meinungen: Was liebt ihr an der Stadt bzw. was ist für euch das Besondere am Stadtleben? Was gefällt euch so an den schönen Frauen in der sommerlichen und überhitzten Stadt? OF: Es gibt unüberschaubar viele Konzepte von Städten und Stadtgesellschaften. Die Realitäten der städtischen Lebenswelten sind oftmals noch komplexer als die Stadttheorien. Wer als Stadtforscher die Stadt vollständig zu fassen versucht, scheitert meiner Meinung nach! Die Städte sind im Grunde unfassbar; sie haben ihre Individualität, sind komplex und vielfältig. Diese Vielfalt liebe ich! Ich liebe es, in verschiedenen Kreisen und Orten abzutauchen, Gewohntes wiederzuerkennen und Neues zu entdecken. Die unterschiedlichen Rhythmen- zeitlich und räumlich- erlauben ein schillerndes Stadtleben. Und dann sind da noch die Rhythmen der Menschen, insbesondere der Frauen: Sie prägen die Nervenbahnen und Aufmerksamkeiten der Stadt. Stadtmenschen sind einfach schöne Menschen! Und da kann ich mich oft für flüchtige Momente verlieben, immer wieder in dieselbe Frau! KS: So viel Optimismus und so viel poetische Betrachtung sind anste­­ ck­end und dürfen nicht schlechtgeredet werden. Es gibt nicht nur Sieger­Innen in der Stadt, nicht nur schöne und aufregende Passant­ Innen und Flaneure, es gibt sie auch: die VerliererInnen, die Ausgegrenzten, die Gebrechlichen und die am Leben Zerbrochenen. Aber das macht ja eigentlich das Urbane, die Stadt aus: das Eintauchen in ein brodelndes Gemisch von unterschiedlichen Formen von Dichten, von Chancen, von Enttäuschungen, von mühsam erarbeiteten Netzwerken, von Hoffnungen, vom Vertrauten und vom Gefühl, ein Teil dieser Stadt zu sein. Und wenn man Glück hat, ist das Korsett nicht zu eng geschnallt und man darf sich der Intensität der Stadt mit vertraut gewordenen Menschen ausliefern. BL: Dieses Aufeinanderprallen von Fremdem und Vertrautem, die immer wieder neuen Anreize, die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, hier das rasante Tempo, dort das Verharren im Traditionellen, diese Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Phänomenen, das liebe ich an der Stadt. Ich kann nach Lust und Laune in der Anonymität untertauchen oder aber in meinen persönlichen Netzwerken und im lokalen Grätzl fast"dörflich" agieren. Da könnte man noch stundenlang schwärmen, von den unterschiedlich geprägten Stadträumen, den Gerüchen, Geräuschen und, und, und. Stadt ist Möglichkeitsraum, und das ist schön! 1 Leitfigur der Ausstellung In Zukunft Stadt I In Zukunft Wien ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 9 10 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG "Waterfront" Dubai Abb.© Office for Metropolitan Architecture(OMA) Zukunft der Stadtentwicklung Herausforderungen an die Stadt Zum ersten Mal in der Geschichte wird in diesem Jahrhundert mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben. Glaubt man Prognosen, so nimmt dieser Trend in absehbarer Zeit nicht ab. Die Stadt gewinnt wieder an Anziehungskraft und Attraktivität: Einkaufsmöglichkeiten ums Eck, die Nähe von Schulen, Kindergärten und Arbeitsplätzen, das vielfältige kulturelle Angebot, die Dichte an medizinischer Versorgung, die öffentliche Verkehrserschließung, das Urbane, das Tempo – das alles zieht die Menschen wieder in die Stadt, das Einfamilienhaus im Grünen kommt zunehmend aus der Mode. Angesichts dieser Dynamik wird bereits prospektiv vom"Jahrhundert der Städte" gesprochen. Aber wie sieht sie aus, die Stadt der Zukunft? Die Herausforderungen der Zukunft sind groß: Bevölkerungswachstum, knappe Finanzen, wachsende Konkurrenz zwischen den Städten, hoher Flächenbedarf, steigender Verkehr, zu­n­ ehmende Umweltbelastung und eine drohende soziale Spaltung verlangen nach vielschichtigen, komplexen Lösungsstrategien. Ideen und Konzepte gibt es viele. Die einen sprechen vom nachhaltigen Städtebau und denken etwa an autofreie Städte und Häuser in Niedrigenergiebauweise, die anderen sprechen von integrierter Stadtentwicklung, die auch das Engagement der Bevölker­ ung nutzt, andere wiederum denken an die Stadt der Toleranz und des so­ zialen Ausgleichs oder an die Stadt als Region. Die Stadtentwicklung steht vor der Aufgabe, auf die geänderten Rahmenbedingungen und Strukturveränderungen zu reagieren und gleichzeitig eine hohe Lebensqualität zu gewährleisten. Die Stadt als Kristallisationspunkt für gesellschaftliche Modernisierung, wirtschaftliche Dynamik, technischen Fortschritt und Innovationen bietet dabei die Chance, geeignete Lösungsansätze für eine lebenswerte Zukunft zu finden. ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 11 Wie sich Wien entwickeln wird Der Stadtentwicklungsplan 2005 (STEP 05) dient als Wegweiser für die Reise der Stadt Wien in die Zukunft: Er legt fest, wo neue Stadtteile entstehen, wie Grün- und Freiräume gesichert werden, wie sich der öffentliche Verkehr und das Straßennetz entwickeln sollen. Um auf die komplexen Anforderungen der Zukunft reagieren zu können, ist der STEP 05 ein robustes und flexibles Instrument, der generelle Planungsgrundsätze definiert und mit 13 Zielgebieten die Schwerpunkte der künftigen Entwicklung ausweist. Zielgebiet Hauptbahnhof Wien- Erdberger Mais: Ein Teilbereich dieses großen Entwicklungsgebietes soll durch die Ansiedlung von hochwertigen Nutzungen aus den Bereichen Hochtechnologie, Forschung und Medien zu einem attraktiven Standort ausgebaut werden. Abb. Überblick Erdberger Mais© MA 21A Abb. Messecarree Nord© 2008 Zoom visual projects gmbh, Arch. Tillner& Willinger, Freimüller Söllinger Architektur ZT GmbH Der Stadtentwicklungsplan für Wien 2005. Abb.© MA 18 Grundprinzipien der Stadtentwicklung in Wien Dem STEP 05 liegen die Grundsätze "Lebensqualität","Nachhaltig­keit", "Partizipation","Gender- Mainstream­ ing" und"Diversität" zugrunde, die Basis für sämtliche Handlungs­emp­­ f­ehlungen und Maßnahmen darstellen. Die Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebensumstände und Bedürfnisse der einzelnen Bevölker­ungsgruppen- Frauen und Männer, Jung und Alt, Menschen mit Behinder­ungen, MigrantInnen ist dabei eine Selbstverständlichkeit. Wien soll auch in Zukunft eine weltoffene, tolerante Stadt und nicht zuletzt eine Stadt der Kultur und des Wissens mit hohem Umweltbewusstsein bleiben. 12 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG Das Entwicklungsgebiet Prater – Messe – Krieau – Stadion zeichnet sich durch seine zentrale Lage und die unmittelbare Nachbarschaft zu den Großerholungsräumen Prater, rechtes Donauufer, Donau und Donauinsel aus. Das Stadtgebiet steht im Zeichen massiver städtebaulicher Veränderungen. Projekte wie das Messecarree Nord setzen entscheidende städtebauliche Impulse. Abb. Messecarree Nord© 2008 Zoom visual projects gmbh, Arch. Tillner& Willinger, Freimüller Söllinger Architektur ZT GmbH Welche Strategien entwickeln Städte, um Lebensraum für eine wachsende Bevölkerung zu schaffen? Die 13 Zielgebiete im STEP 05 Als"Zielgebiete" wurden jene Teile des Stadtgebietes ausgewiesen, in denen in den nächsten Jahren eine hohe Aufmerksamkeit der Stadt erforderlich sein wird. Sei es, dass be­sondere Herausforderungen zu bewältigen sein werden wie etwa am Westgürtel, oder dass dort ­her­ausragende Entwicklungspotenziale und Chancen vorliegen wie bei der Seestadt Aspern, die im gesamtstädtischen Interesse genutzt werden sollen. Die Entwicklungen werden durch neue Verfahren und Vorgangsweisen unterstützt, aber im Interesse der Gesamtstadt auch mit neuen"Regeln" gelenkt und kontrolliert. Abb. Twin City Liner Station© laublab/fasch+fuchs Abb. T-Mobile© Olechowski, MA21A Der Donaukanal soll als Erholungs- und Freizeitraum aufgewertet werden und Akzente durch neue Flagship-Architektur erhalten. Abb. Jean Nouvel Gebäude am Donaukanal© AJN Ateliers Jean Nouvel- Paris ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 13 Die Stadt neu bauen? Um die großen Herausforderungen an die Stadt zu bewältigen, werden weltweit ganze Städte geplant und errichtet, die mit Hilfe der neuesten Technologien Antworten auf die Fragen der Zukunft versprechen. Abb. Waterfront City© Office for Metropolitan Architecture(OMA) In Dubai entsteht das weitgehend autofreie Stadtprojekt"Waterfront", in dem Wohnungen für ca. 1,5 Millionen neue EinwohnerInnen und rund eine Million neuer Arbeitsplätze errichtet werden sollen. Die hochverdichtete Planstadt soll weitgehend autofrei funktionieren und durch Parkanlagen und Boulevards einen qualitätsvollen öffentlichen Raum erhalten. Abb.© Office for Metropolitan Architecture (OMA) Im Nordosten von Wien entsteht derzeit auf der ca. 200 ha großen Fläche eines ehemaligen Flugfeldes mit"aspern – Die Seestadt Wiens" das größte Stadtentwicklungsgebiet Wiens. Ein dichter, klar abgegrenzter, kompakter Stadtteil für ca. 8.500 EinwohnerInnen soll ein neues Zentrum in dem noch überwiegend ländlich geprägten Umland bilden und zu einem wichtigen Knotenpunkt in der Europaregion werden. Abb.© wien3420 Die Stadt erweitern? Die horizontale Ausdehnung der Stadt, das Wachsen der Stadt an ihre Ränder, hinaus in die Region und die Vernetzung mit dem Umland werden in Zukunft eine wichtige planerische und politische Herausforderung darstellen. Die eindeutigen Grenzen zwischen Stadt und Land verschwinden, das tradierte Bild von Stadt wird von der Stadtregion mit einem mehr oder weniger klar umrissenen Kern abgelöst. Wie aber kann man mit den Rändern umgehen, um eine Zersiedelung zu vermeiden? 14 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG Die Stadt erneuern und verdichten? Der äußeren Stadterweiterung steht der innere Stadtausbau, die Stadterneuerung gegenüber: Untergenutzte innerstädtische Flächen- im Besonderen aufgelassene Industrieareale und Bahnhofsflächen- werden neuen, städtischen Nutzungen zugeführt, Baulücken mit Neubauten ergänzt, alte Bausubstanz wird modernisiert und den Bedürfnissen der BewohnerInnen angepasst. Auf der 386 ha großen Fläche des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof entsteht ein neuer, innerstädtischer Stadtteil, der nach ökologischen Kriterien und unter Miteinbeziehung der Bevölkerung entwickelt wird. Abb.© www.stadtentwicklung.berlin/aktuell/wettbewerbe Bis 2025 soll am Wiener Nordwestbahnhof ein neues Viertel entstehen, das Zukunftssicherheit bieten und alle Qualitäten des innerstädtischen Wohnens und Arbeitens mit höchstem Freizeit- und Erholungswert vereinen soll. Globale Megatrends wie Individualisierung, Wissensgesellschaft, Ressourcenknappheit, demografischer Wandel, New Work etc. stellen zusätzliche Anforderungen dar. Die Antwort der Stadt Wien ist eine innere Stadterweiterung neuen Typs. Abb.© MA 21A, ernst niklaus fausch- architekten eth Wohnbau Sperrgasse Architektur Sigs Abb.© Hertha Hurnhaus Grünflächen trotz baulicher Verdichtung? Stapelung von Freiräumen: In Zürich bietet der MFO-Park auf mehreren Ebenen Raum für vielfältige Aktivitäten. Abb.© Grün Stadt Zürich New York-"High Line Park". Abb.© Joel Sternfeld Der multikulturelle Dachgarten – Wiener Integrationshaus. Abb.© Gregor Holzinger, Universität für Angewandte Kunst Wachstum und Verdichtung der Stadt nehmen Freiflächen in Anspruch. Um den Bedürfnissen der StadtbewohnerInnen nach ausreichenden Grün- und Freiflächen nachkommen zu können, werden in Zukunft besonders für die dicht bebauten Teile der Stadt neue Herangehensweisen zur Schaffung der benötigten Freiräume notwendig werden. Zwischen- und Mehrfachnutzungen, geförderte Hofbegrünungen, Gemeinschaftsgärten, eine Erhöhung der Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum, die Schaffung von begrünten Dachlandschaften und gestapelten Freiräumen stellen Möglichkeiten dar, trotz baulicher Verdichtung der Bevölkerung Grün- und Freiflächen zur Verfügung zu stellen. ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 15 Stadtrat Rudi Schicker(r.) im Gespräch mit Kurt Smetana(l.) und Oliver Frey(Mitte) Ein Gespräch mit Stadtrat Rudi Schicker Geboren 1952 in Wien. Studium"Vermessungswesen" und"Raumplanung und Raumordnung" an der Technischen Universität Wien. Danach wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Raumplanung. Von 1978 bis 1987 Referent in der Abteilung Raumplanung und Regionalpolitik des Bundeskanzleramtes. Von 1988 bis 2001 Geschäftsführer der Österreichischen Raumordnungskonferenz ÖROK. Seit 2001 Amtsführender Stadtrat für Stadtentwicklung und Verkehr in Wien. 16 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG Stadtplanung- eine Frage von Integration und Dynamik Kurt Smetana: Sehr geehrter Herr Stadtrat, welche wesentliche Herausforderung sehen Sie in den nächsten 20 Jahren für die Stadtentwicklung in Wien? Können Sie sie kurz skizzieren und sagen, welche Trends und Aufgaben Sie vor sich sehen? Rudi Schicker: Die Entwicklung Wiens ist über die Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts hinweg sehr unterschiedlich, mit großen Brüchen und Veränderungen. Darum möchte ich vorausschicken, dass alles, was man über die künftigen 20 Jahre sagt, aus einer aktuellen Sicht kommt. Wien wird in den nächsten 20 Jahren ein kontinuierlich langsames Wachstum an Bevölkerung aufweisen und, so hoffe ich, ein stärkeres Wachstum an Wirtschaftskraft und an internationaler Reputation erleben. Wir haben dafür Vorkehrungen getroffen, die internationalen Infrastrukturwege befinden sich gerade im Ausbau. Der Hauptbahnhof ist ein großes Projekt, das die Infrastruktur in Wien- gemeinsam mit dem Lainzer Tunnel und dem Wienerwald Tunnel auf die Ebene des 21. Jahrhunderts heben wird. Wir haben damit die Initiativen zur"Magistralen für Europa" eingeleitet und wir sind gerade dabei, auch den Baltisch-Adriatischen Korridor von Danzig bis an die Adria gemeinsam mit den anderen Regionen zu entwickeln. Auch das Straßennetz und die Einbindungen in den internationalen Flugverkehr werden auf einen entsprechenden Standard gehoben. Bei aller Anerkennung der Tradition von Kunst und Kultur müssen wir ganz besonders den nächsten Schritt in Richtung einer permanenten kulturellen Erneuerung gehen. Das betrifft natürlich auch die Baukultur. Es ist nicht ausschließlich eine Frage der Anpassung an die vorhandene bauliche Struktur, sondern auch die Frage, wie sich eine Stadt im Städtebau repräsentiert. Im Wohnbau scheint mir die große Herausforderung für die nächsten 20 Jahre gegeben. Wien ist über die vergangenen Jahrzehnte wieder zu einer Zuwanderungsstadt geworden, zu einer Stadt verschiedener Ethnien, die hier zusammen treffen. Dazu gehört auch, dass wir sozial sind und die Vielfalt erkennbar bleibt, aber die Einheit gewahrt wird. Und dass es weiterhin so ist eine Wiener Tradition-, dass durch die flache Einkommensverteilung ein Universitätsprofessor neben einer Putzfrau wohnen kann, oder ein Straßenkehrer neben der Managerin eines internationalen Konzerns. Das hat Wien geprägt, das hat in Wien die Sicherheit und die Lebensqualität gebracht, und das sollte auch durch die Gestaltung der Stadterweiterungsgebiete und bei der permanenten Erneuerung der Stadt sichtbar bleiben. KS: Darf ich mit einer Frage noch nachhaken, nämlich welche Trends, glauben Sie, werden stärker als bisher auf uns zukommen, die wir vielleicht noch stärker als bisher beachten müssen? RS: Wir können in den europäischen Städten nachvollziehen, was sein kann. Wenn man puren Thatcherismus betreibt- wie es in Großbritannien viele Jahre der Fall war-, dann führt das oder dies zum Verfall der Städte. Wenn man den Städten nicht die entsprechende Finanzausstattung gibt, dass sie ihre sozialen Leistungen, ihre integrative Kraft entfalten können, dann führt das oder dies dazu, was in deutschen ­Städten auch sichtbar wird. Das heißt, die Trends, die international erkennbar sind, werden auch in Wien ihre Wirksamkeit haben. Es sei denn, es gelingt uns, dass wir unsere besondere Situation, die wir über Finanzausgleich und über die Verteilungspolitik der Stadt erreicht haben, abkoppeln. Ein Indiz dafür, dass das auch in der internationalisierten Welt möglich ist, ist die Tatsache, dass die Arbeitslosenrate in Wien in den letzten Monaten immer deutlich unter den Werten liegt, die wir österreichweit und international haben. Man kann sehr wohl eine städtische Politik betreiben, die Wien von den ganz großen Brüchen zwar nicht fern halten, aber sie entsprechend mildern und abfedern kann. Vor allem für jene, die geringere Einkommen haben, die eher auf die sozialen Leistungen der Stadt angewiesen sind. Ein weiterer Trend, der aus meiner Sicht in dieser Stadt schon vor 20 Jahren erkannt wurde und auch permanent einen Schub benötigt, ist die Technologie- und die Forschungspolitik. Der zweite Schritt bedeutet natürlich, auch international jene Felder aufzuspüren, wo ein hoher Bedarf an Forschungskapazitäten, ein hoher Bedarf an Forschungsüberlegungen, ein hoher Bedarf an Innovationskraft am Beginn eines Produktionszyklus notwendig wird. ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 17 KS: Die zweite Frage schließt direkt an die erste an. Zahlreiche Stadtforscher und Forschungsberichte benennen eine weitere Ausdifferenzierung, Heterogenisierung und Polarisierung der Stadtgesellschaften als wesentliche Herausforderung für die Stadt, auch für Wien. Wie kann unter diesen Rahmenbedingungen das Zusammenleben in Wien in Zukunft aussehen? Wenn ich noch zwei Schlagworte dazugeben darf: Integration, da der Ausländeranteil in Wien- das sagen auch alle Prognosen der MA 18 - ansteigen wird. Das zweite Thema wäre Ageing Society. RS: Gerade bei diesen Themen wird deutlich, dass die Stadtplanung nicht isoliert gesehen werden kann. Es ist die Frage der Integration und der Dynamik, die für ein gemeinsames Wien hergestellt werden muss. Dieses Momentum ist eine Aufgabe aller Geschäfts- und Aufgabenbereiche einer Stadt, eines Gemeinwesens. Wo die Stadtplanung unterstützen kann, ist darauf aufmerksam zu machen, dass solche Trends im Gange sind. Weiters wäre in den Lösungsansätzen zu schauen, dass wir überall dort, wo wir Quartiere neu planen, keine Ghettos von Reichen, Armen, besonders Armen oder einer besonderen Ethnie schaffen, sondern eine Zugänglichkeit für alle. Wenn notwendig, mit Ausgleichsmaßnahmen. Oliver Frey: Wie sehen Sie das neue "Entdecken" von"Dichte" in der Stadt? Was sehen Sie an Potenzial in dieser Form der Anerkennung von Dichte in der bebauten Stadt unter der Beibehaltung des Frei- und Grünraums für ihre BewohnerInnen? RS: Wir haben fraglos die Notwendigkeit, Stadt durch entsprechende Dichte zu manifestieren. Ich habe zufällig vor drei Wochen die Gelegenheit gehabt, 50 Jahre nach Beginn der Gründung Chandigarh zu besuchen und zu sehen, wie Großzügigkeit ­allein zu keiner Stadt führt und wie Straßenbreiten, Boulevardbreiten und niedere Gebäudehöhen einfach nicht "Stadt" erzeugen. Also, wir haben den Begriff differenziert zu sehen. Aus der Gründerzeit haben wir in Wien Bereiche enormer Dichte, wo eine gewisse Entkernung und Befreiung von all zu dichten Strukturen sinnvoll wäre. Wir müssen im Detail auch anschauen, ob die Lösung immer die"Hofentkernung" ist. Auch da sind andere Lösungen möglich. Auf der anderen Seite haben wir auch die "Licht-, Luft- und Sonnenbauten" der 50er-, 60er-Jahre bis tief in die 70erJahre hinein, wo dann schon die Plattenbauten- z. B. die Großfeldsiedlung- entstanden sind, wo wir ganz geringe Dichten- trotz höherer Gebäudehöhen- haben und eine mehrgeschossige Gartenstadt vorfinden. Dort wären die planerischen Überlegungen einer Verdichtung durchaus sinnvoll. Andererseits wissen wir aber, dass gerade dieser Freiraum von den Menschen, die dort wohnen, unglaublich geschätzt wird, und sie ihn als den Ausgleich sehen, dass sie in reinen"Wohnghettos" untergebracht sind. Im aktuellen Wohnbau erleben wir im Schnitt eine der Gründerzeit vergleichbare Dichte, die aus meiner Sicht durchaus eine Auflockerung vertragen würde. Allerdings kenne ich auch die Gründe, warum so dicht gebaut wird. Die Grundstückspreise und die Leistbarkeit der Wohnungen sind nur dann gewährleistet, wenn entsprechende Dichten erreicht werden. Die Auswirkungen einer übergroßen Dichte sind soziale Konflikte. Hier gibt es Grenzen, die man nicht überschreiten kann. Hier gibt es auch die Notwendigkeit, sowohl bei den Grundstückspreisen als auch bei den Baupreisen einen ­"Deckel" einzuziehen, sodass genügend Kapazität für entsprechenden Wohn- und Freiraum bleibt. KS: Wir haben das Jahr 2030- wir haben ein ganz spannendes Phänomen. Die Dichte der Stadt wird sich verstärken. Es gibt derzeit interessante Projekte, alternative Formen von Freiräumen anzudenken. Welcher Stellenwert wird alternativen Freiräumen eingeräumt? RS: Wien ist eine Stadt, wo 50% der Flächen nicht verbaut sind. 50% der Fläche sind Grünraum(Nationalpark, 18 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG Gewässer usw.). Das ist eine große Reserve, die alle für die Erholung und für die Nutzung in der Freizeit auch benötigen. In der kompletten Vielfalt vom Ackerbau bis hin zum Weinbau, vom Waldspaziergang bis hin zum gestalteten Donauinselbereich. Die Wohnhausanlagen, Grünflächen und Freiräume sind vor allem deswegen so spannend, weil sie sowohl für Ältere als auch für ganz Junge leicht und zugänglich sein sollen. Ich weiß schon, dass es sehr spannend ist, auch Dachflächen dafür in Anspruch zu nehmen, und dass es auch sehr nette Lösungen gibt, wenn man in der zweiten oder dritten Etage eine größere Freifläche zustande bringt. Möglicherweise bin ich da aber zu konservativ und zu bodenständig - als Naturfreunde-Obmann steht mir das wahrscheinlich zu-, dass ich mehr vom"gewachsenen" Boden halte. Ich glaube, dass eine Stadt mit 50% Freiraum es nicht notwendig hat, in die 5., 6., 20. Etage für ihre Freiräume zu gehen. Ich sehe es ganz dringend erforderlich, dass auch der Bezug zum"ground level" wieder hergestellt wird. Brigitte Lacina: Die Dichten in der Gründerzeit sind enorm hoch, die Versorgungsqualität mit den öffentlichen Freiräumen ist ganz schlecht, die Möglichkeit, neue Freiräume zu schaffen, ist im Grunde nicht gegeben, weil es keine Flächenreserven innerhalb der ganz dicht bebauten Bereiche gibt. Wo könnten da in Zukunft Freiflächen, Grünflächen entstehen? Es geht darum, dass es Freiflächen geben muss, die auch leicht erreichbar sind, die innerhalb von 5 Minuten oder 10 Minuten erreichbar sind. RS: Da sind die Fehler in der Gründerzeit gemacht worden. Wenn man die gründerzeitlichen Gebiete anschaut, so gibt es einen Bereich, der zur Zeit von Kraftfahrzeugen besonders in Anspruch genommen wird: der Straßenraum. Auch da haben wir im heutigen gründerzeitlichen Bereich relativ wenig Platz. Es wäre wichtig, dieses Problem in den Griff zu bekommen, denn dann hätten wir eine Chance, dass man unmittelbar vor der Tür des Wohnhauses einen Freiraum zur Verfügung hat, der nicht nur vom"Blech" verstellt wird, sondern frei ist für alle möglichen Nutzungen. KS: Ich habe eine Frage an die Zukunft. Welche Wunschvorstellung hat der Planungsstadtrat persönlich? Nicht nur aus fachlicher Sicht, sondern rein persönlich für die Zukunft der Stadt? Was wäre für ihn eine große Herausforderung, wenn er an das Jahr 2030 denkt? Was könnte das sein, was die Stadt als Fortschritte ausmacht und für ihn selbst ganz spannend wäre? RS: Der springende Punkt für mich ist der soziale Ausgleich, die soziale Balance in einer Stadt, die ein so hohes Gut ist, die ohne Lebensqualität weder für reich noch für arm wirklich herstellbar ist. Ich mag keine Stadt der Gated Communities, ich mag keine Stadt der privaten Sicherheitseinrichtungen. Für mich gibt es einen, der die Sicherheit zu gewährleisten hat, das ist der Staat, und dazu gehört vor allem die soziale Sicherheit. Das halte ich für das Wesentlichste, und wenn die Stadt dann auch noch eine breite Vielfalt an moderner Architektur anbieten kann. Wenn wir über Kultur, über Kunst weiter so diskutieren, wie das derzeit in Wien gang und gäbe ist, und jede Burgtheaterpremiere oder eine Premiere im Theater an der Wien oder in der Staatsoper in ganz Wien diskutiert wird, dann ist es eine Stadt höchster Lebensqualität. Dies gilt es zu erhalten, und dafür lohnt es sich zu arbeiten. ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 19 Planungsdirektor Kurt Puchinger(r.) diskutiert mit Oliver Frey(l.) Ein Gespräch mit Planungsdirektor Kurt Puchinger Geboren 1946 in Wien. Studium der Raumplanung und Raumordnung an der Technischen Universität Wien. Danach Universitätsassistent am Institut für Regionalforschung und Vertragsassistent am Institut für Örtliche Raumplanung an der Technischen Universität Wien. Von 1989 bis 2006 im freien Beruf. 2005 bis 2006 Vorsitzender des Fachbeirats für Stadtplanung und Stadtgestaltung der Stadt Wien. Seit 2006 Leiter der Gruppe Planung der Magis­ tratsdirektion-Stadtbaudirektion der Stadt Wien. 20 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG Zukunftsfähige Stadtplanung durch Lernfähigkeit und Kooperation Oliver Frey: Zum Einstieg eine allgemeine Frage zur Zukunft der Stadtentwicklung. Was werden Ihrer Einschätzung nach die wesentlichen Herausforderungen an die Stadtentwicklung in den nächsten 20 Jahren sein? Kurt Puchinger: Es sind im Wesentlichen zwei übergeordnete Themen: Das eine Thema ist die Bewältigung der funktionellen Agglomeration, der zweite Punkt ist die Bewältigung der Veränderungen der Bevölkerungs­ struktur in der Agglomeration. Beides bedeutet, dass in Zukunft mehr als bisher der Blick über die administrativen Grenzen hinaus gerichtet werden muss. Das tun wir zwar heute schon mit verschiedenen Projekten, mit Initiativen, mit dem Stadt-Umland-Management, mit den Ko­ operationen, mit gemeinsamen regionalen Entwicklungsprojekten im Rahmen der Planungsgesellschaft Ost und noch weitergehenden Ko­ operationsideen auf der Ebene WienBratislava und letztlich auch mit der CENTROPE-Region. Um ein Beispiel zu geben: Wenn wir von den Prognosen der Statistik Austria ausgehen, dann ist in den nächs­ ten Jahren ein Bevölkerungszuwachs absehbar, und damit wächst der Bedarf nach mehr Bauland. Mehr Bauland heißt innerhalb der Stadtgrenze weniger"Nicht-Bauland". Das bedeutet, dass bestimmte Funktionen, die heute noch fast selbstverständlich innerhalb des Wiener Stadtgebietes angeboten und auch wahrgenommen werden- wie etwa die Landwirtschaft- sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in Zukunft nicht mehr ausgehen werden. OF: Kann das Instrument der Stadtplanung diese Wachstumsszenarien überhaupt in geordnete, gelenkte Bahnen lenken? KP: Ich möchte zuerst noch etwas zu der vorigen Frage ergänzen, nämlich zu der Veränderung der Bevöl­ kerungsstruktur: Hier gehören neben dem Bevölkerungswachstum auch die Veränderungen der ethnischen und altersmäßigen Zusammensetzung dazu. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, der in sämtliche Bereiche des Nachdenkens über Stadtentwicklung hineinspielt. Ich bin der Meinung, dass neben der planerischen Berücksichtigung dieser Aspekte insbesondere ein zusätzliches Angebot an Dienstleistungen, an Management, an Konfliktlösungsstrategien etc. notwendig sein wird. Ich sehe aber nicht unmittelbar die Schnittstelle des Einwirkens der Planung auf die Gesellschaft. Natürlich gibt es Querverbindungen und wir wissen auch einiges über die Vorlieben der Menschen, über die neuen Lebensstile, über die Differenzierungen, sei es altersmäßig, gendermäßig, nach ethnischen Gruppen usw. Ich denke, dass man weniger von einer Einflussnahme der Stadtplanung auf diese Entwicklungen ausgehen kann, sondern dass es Teil unserer Aufgabe sein wird, mehr als bisher diese Erkenntnisse zu verarbeiten und entsprechende Angebote zu formulieren. Ich glaube nicht, dass Stadtplanung aus sich heraus gesellschaftliche Trends beeinflussen, steuern oder gar hervorrufen kann. OF: Sie haben jetzt ein weites Feld aufgemacht, den Horizont von ganz konkreten Fragestellungen der Stadt­ entwicklung bis hin zu wie sich Gesellschaft verändert und dieses Hören der Stadtplanung auf das, was sich in der Gesellschaft entwickelt. Könnten aus Ihrer Sicht in den nächsten 20 Jahren auch Entwicklungen passieren, die wir jetzt noch gar nicht so im Blickfeld haben? KP: Ich denke nicht, dass es irgendwelche spektakuläre, neue, völlig unvorhergesehene Dinge geben wird, die nicht schon heute bereits im Kern vorhanden sind. Die Kernelemente, die sich in den letzten 50 Jahren in der europäischen Stadtentwicklung - also auch in Wien- vollzogen haben, wie die Umorientierung Richtung Dienstleistungsgesellschaft, die Schwerpunktsetzung auf Kreative, auf Forschung, auf neue Prozesse in der Arbeitswelt werden auch in der Zukunft nicht verschwinden. Wir werden eine ältere Gesellschaft, wir werden wahrscheinlich eine mehrsprachigere Gesellschaft erleben. Aber über konkrete Ausformungen zu fantasieren ist schwierig. OF: Was ist das Besondere an der Wiener Form von Stadtplanung? Und wo stößt diese Form der Stadtpla­ nung vielleicht an Grenzen und hat Veränderungsbedarf? KP: Das Typische an der Wiener Stadtplanung, der Stadtentwicklungspoli­ ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 21 tik und auch an der Verwaltung ist die Lernfähigkeit dieses Systems. Das gilt für die strategische Ebene genauso wie für pragmatische Kleinigkeiten. Ich will für beides ein Beispiel bringen: Das erste Beispiel ist der Stadt­entwicklungsplan 05, in dem wir explizit formuliert haben, dass es in Zukunft darum gehen wird, sich auf besondere Schwerpunkte der Stadt­ entwicklung zu konzentrieren. Das sind die 13 Zielgebiete. Dabei wurden nicht nur programmatische Aussagen zu dieser Prioritätensetzung getroffen, sondern ebenso organisatorische Maßnahmen, also Maßnahmen in Richtung auf die Umsetzung dieser Prioritätenfestsetzung eingeleitet. Das bedeutet im Planungsbereich die Einführung einer neuen Matrix- Organisation, die in der Lage ist, systematische Vernetzungen im horizontalen Bereich, bezogen auf die jeweiligen Zielgebiete, durchzuführen und zu organisieren. Nach außen hin geht das über ein System von Plattformen und über die Einbindung von Stakeholdern, von Bezirkspolitik, von Initiativen etc. Dabei kann man nicht oft genug betonen, dass wir hier auch die systematische Kommunikation mit privaten Stakeholdern, mit Grundeigentümern, mit Investoren ermöglichen. Auf einer pragmatischen Ebene haben wir zum Beispiel in der jetzigen Bauordnungsnovelle ganz wesen­t­liche Änderungen erreicht. So wurde der Paragraf 69, der die Ausnahmemöglichkeiten von Bebauungsbestimmungen festlegt, auf eine qualitative Grundlage gestellt. Nun benötigt man einen gutachterlichen Nachweis für die Sinnhaftigkeit einer Ausnahmegenehmigung. Egal ob die Abweichung von den Bebauungsbestimmungen nun groß oder klein ist, es muss nachgewiesen werden, dass sie qualitativ einen Beitrag in Bezug auf die Zielsetzungen der Stadtentwicklung leistet. Diese an der oberen und an der unteren Grenze angesiedelten Beispiele untermauern die Aussage, dass dieses System hochgradig lernfähig ist. Wir werden auch in Zukunft auf allen Ebenen, von der strategischen bis hin zur ganz pragmatischen, flexibel reagieren und uns auf die jeweiligen Erfordernisse einstellen können. Deswegen ist für mich die Frage"Wann stößt die Stadtplanung an ihre Grenzen?" obsolet. Solange wir uns diese Lernfähigkeit bewahren, bin ich total positiv in Bezug auf die Zukunft. OF: Als zugereister"Piefke", der unterschiedliche Stadtplanungen kennt, würde ich gerne eine kleine Nachfrage stellen: Warum ist diese Lernfähigkeit, diese Flexibilität Ihrer Meinung nach in Wien so ausgeprägt? Was braucht es dazu, woher kommt dieses flexible, lernfähige, kooperative, kommunikative Verfahren? KP: Ich glaube, dass es der heutigen Generation der Planer gelungen ist, sich von der Philosophie der"Diktatur der Planung" zu lösen. Eine ganze Generation von Planern wurde in den 60er-Jahren so ausgebildet, dass der Planer immer recht hat und dass der Planer entscheidet, wo es langgeht. Die neue Generation hat Schritt für Schritt zu mehr Pragmatismus, zu mehr Einsicht in die Realität gefunden, und sich von der Vorstellung getrennt, Stadt möge sich entlang von Planungsmodellen und von gezeichneten Vorstellungen entwickeln. Das hat uns jahrzehntelang in dieser Stadt beschäftigt, das ist überwunden, und was bleibt, ist die Auseinandersetzung mit der Realität. OF: Manchmal erscheint von außen die Stadtplanung in Wien eher passiv, reaktiv und eher defensiv, also reagierend auf das Pragmatische. KP: Ich sehe das absolut nicht als reaktiv oder passiv, weil man ein großer Illusionist sein muss, um die Hypothese zu vertreten, dass Planung stärker ist als der Markt und stärker ist als das Privateigentum. Und über diese Dimension von Passivität bin ich dann bereit zu reden, wenn das Privateigentum abgeschafft ist und der Markt nicht mehr dominiert. Das Richtige, was man machen kann und muss, ist zu überlegen, in welcher Art und Weise kann ich gewisse Entwicklungen, Trends, Marktkräfte und Logiken nutzen, um immer besser öffentliches Interesse durchzusetzen. Wenn ich mich der Illusion hingebe, dass es anders geht, dann erreiche ich gar nichts. OF: Wie sehen Sie da die veränderte Rolle vom privaten Kapital in der öffentlichen Stadtentwicklung? Wie sehen Sie die Rolle des Privaten? Wie kann ein Interessenausgleich stattfinden? KP : Es gibt doch keinerlei Anzeichen, dass sich die Logik des Marktes in irgendeiner Weise ändert oder ändern kann. Jeder private Investor, jeder Grundeigentümer unterliegt seinen eigenen Regeln. Ich kann dies ignorieren oder als Realität zur Kenntnis nehmen und darauf entsprechend unter Wahrung beidseitiger Inter­ essen reagieren. Ich schaue mir die Interessenlage an und lote aus"Was ist verhandlungsfähig zwischen dem zu akzeptierenden Privatinteresse und dem ebenfalls zu akzeptierenden öffentlichen Interesse?". Diesen Interessenausgleich gilt es im Vorfeld auszuhandeln. Wie kommen wir zu einem gemeinsamen Produkt? Das ist keinenfalls ein Plädoyer für einen "neuen Liberalismus", sondern das ist, aus meiner Sicht, eine Einsicht in die Realität. OF: Wünschen Sie sich eine stärkere öffentliche Debatte über die Rolle der Interessenkonstellation zwischen Markt und öffentlicher Hand? Als konkretes Beispiel nenne ich das Museumsquartier, wo mit neuen Kommunikationsformen der öffentliche Raum thematisiert wurde. KP: Dieser Diskurs über die Nutzung des öffentlichen Raums ist sehr interessant und, wenn er vernünftig geführt wird, auch wünschenswert. Diese Thematik haben wir unter dem Titel"Stadt Fair Teilen" nicht unberücksichtigt gelassen. In dieser programmatischen Aussage geht es genau um das Ausverhandeln der Nutzung des öffentlichen Raums. Das ist ein ständiger Verhandlungs22 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG prozess, weil eben die öffentlichen Interessen sehr heterogen sind, weil es Teilöffentlichkeiten und verschiedenste Anspruchsberechtigte gibt. Das ist auf unterschiedlichen Ebenen ein Prozess des Aushandelns. Manchmal ist er konfliktreicher, manchmal ist er weniger konfliktreich, aber er ist sicher nicht zu fassen in einer plane­ rischen Vorgabe. OF: Die Qualität des öffentlichen Raums ist eine der wesentlichen Fragen, wenn es um Lebensqualität und die Positionierung der Städte untereinander, um das"Branding" von der Stadt geht. Welche Herausforderung stellt sich da für Wien im Rahmen einer europäischen Städtekonkurrenz? KP: "Branding" ist nicht unbedingt das zentrale Thema für die Stadtentwicklung und für die Stadtplanung. Es ist wichtig, dass es Touristiker gibt, die ihre PR-Strategien mit Lipizzaner, Riesenrad und Melange fahren. Aber das Thema Lebensqualität auf der Ebene der Städtekonkurrenz zu argumentieren, halte ich für einen Gedankenfehler. Eine Verbesserung der Lebensqualität strebe ich nicht an, um besser zu sein als München oder Prag, ich strebe sie für die Menschen an, die hier leben. Klarerweise zieht es Menschen und Unternehmen an, wenn es sich herumspricht, dass man hier gut arbeiten kann, gut leben kann, dass es internationale Schulen gibt, dass es genügend Kindergärten gibt, dass es ein gutes Gesundheitssystem gibt. Wien ist ein attraktiver Standort mit Einwohnerzuwachs, was für mich der beste Beweis dafür ist, dass die Entwicklung der Lebensqualität stimmt. Für mich stellen sich auf der europäischen Ebene ganz andere Fragen, was die Stadtentwicklungspolitik anbelangt. Der Kern unserer Aufgabe ist es, Netzwerke zu intensivieren und Kooperationen einzugehen. Das ist eine Chance, die wir früher nicht gehabt haben. Diese Netzwerke können zum Beispiel die Funktion haben, dass man gemeinsame städtische Interessen auf EU-Ebene lobbyiert. Es gibt Netzwerke, in denen ich von anderen Städten im Sinne von"bad practice" und"good practice" lernen kann. Das ist ganz wichtig. Und umgekehrt kann ich innerhalb dieser Netzwerke auch meine Erfahrungen, mein Wissen in die Struktur der europäischen Städte hineinspielen. Für mich sind diese Kooperationen in verschiedenartigsten Typologien von Netzwerken der zentrale Punkt. OF: Können Sie ein Beispiel für diese Rolle nennen, die Wien in diesen Netzwerken zur europäischen Stadt gespielt hat? KP: Wien engagiert sich in mehreren wesentlichen Netzwerken."Eurocity" ist z. B. ein Netzwerk, in dem hauptsächlich die Lobbying-inter­essen und die Abklärung von Interessen der europäischen Städte zum Tragen kommen. In einem anderen Netzwerk, "AdR- Ausschuss der Regionen" heißt es, spielt die Stadt Wien als Bundesland eine Sonderrolle. Wien hat hier die Möglichkeit, städtische Interessen zu vertreten, eine Chance, die Städte wie Paris oder Berlin nicht haben, weil sie keine Provinz oder Region sind. Es gibt auch professionelle Netzwerke, wie das"METREX-Netzwerk", das sich an der Schnittstelle zwischen Verwaltung, Forschung und Wissenschaft mit Fragestellungen beschäftigt, die im Zusammenhang mit dem europäischen Raumentwicklungskonzept stehen. Wir haben sehr viele Kooperationsverträge mit Partnerstädten, wo dann bilateral Vielfältigstes passiert und wo gemeinsame Interessen thematisiert werden. OF: Gibt es etwas, was noch nicht angesprochen wurde, was Sie aber noch gerne mitgeben würden, was Sie in 1 bis 2 Sätzen als Gedanke in das Interview mit einbeziehen wollen? KP (entsetzt): Noch ein Thema? OF: Vielen Dank für das Gespräch, das wirklich vielfältig, facettenreich und sehr spannend war. KP: Okay, es hat Spaß gemacht. ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 23 In Zukunft Wien Ein Beitrag von Thomas Madreiter Wie sehen alternative Bilder der zukünftigen Entwicklung einer Stadt aus? Welche Möglichkeiten der Gestaltung dieser Entwicklungen haben wir? Mit diesen beiden Fragen sind wir sehr rasch beim Kern der Aufgaben der Stadtentwicklung gelandet. Aus diesem Verständnis heraus, nämlich dass in Kenntnis wesentlicher Wirkungszusammenhänge Zukunft gestaltbar, beeinflussbar ist, entsteht eine durchaus lustvolle Auseinandersetzung mit dem komplexen Gesamtsystem Stadt. In welche Richtung entwickelt sich Wien? Die aktuelle Dynamik der Entwicklung Wiens, die in Spitzenphasen der vergangenen Jahre ein hohes Bevölkerungswachstum von rd. 1,5% angenommen hat, rechtfertigt einen grundsätzlicheren Blick auf die mög­ lichen Zukünfte des Systems Stadt. Natürlich ist dabei zu berücksichtigen, dass die mitteleuropäische Stadt ganz spezifischen Rahmenbedingungen unterliegt, die Entwicklung sehr geordnet abläuft und insofern die zweifelsfrei interessanten Herausforderungen globaler Megacities für Wien nur eingeschränkt von Bedeutung sind. Der fundamentale Wandel der Funktion Wiens seit dem Fall des Eisernen Vorhanges 1989, also vor genau 20 Jahren, ist mittlerweile voll Realität geworden. Nicht nur die Position der Agglomeration Wien im Wettbewerb mit anderen Metropolenregionen in Europa – Stichwort CENTROPE –, sondern auch die Entwicklung der Kernstadt haben sich komplett gewandelt. So blickte Wien Ende der 1980er-Jahre auf eine Phase der Schrumpfung oder bestenfalls Stagnation zurück und erreichte mit unter 1,5 Mio. EinwohnerInnen einen Tiefststand. Ganz im Gegensatz dazu wächst Wien derzeit wieder. So wurde z. B. innerhalb der letzten sieben Jahre ein Wachstum um rd. 120.000 EinwohnerInnen auf gegenwärtig knapp unter 1,7 Mio. verzeichnet; im Spitzenjahr 2004 ist Wien um rd. 24.000 EinwohnerInnen netto gewachsen. Nach Prognosen der Statistik Austria soll 2035 die 2-Millionen-Grenze erreicht werden, für die Gesamtregion wird bis 2035 ein Wachstum von 400.000 bis 500.000 EinwohnerInnen prognostiziert- die zusätzlich in der Region lebende Bevölkerung bewegt sich damit in der Dimension der Größe Bratislavas. Was bedeutet das für die Zukunft? Die Kernfrage ist dabei wohl Folgende: Wie entwickelt sich das soziale System der Stadt? Die städtische Gesellschaft muss eine außergewöhnliche Integrationsleistung vollbringen. Wir müssen auf allen Ebenen, von der schulischen Bildung über den Arbeitsmarkt, den Wohnungsmarkt, den öffentlichen Raum etc. die notwendigen Justierungen vornehmen, um der wachsenden Stadtbevölkerung in ihren unterschiedlichen Ansprüchen adäquate Voraussetzungen zu bieten. Zuwanderung darf aber insbesondere nicht bloß als zu lösendes Problem verstanden werden, sondern auch als notwendiger Prozess in einem existierenden globalen Wettbewerb der Städte um die besten Köpfe. Dazu bedarf es einer professionellen Sichtweise, sowohl was die Rechte 24 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG als auch die Pflichten von Zuwander­ Innen anlangt. Neben der Frage nach dem Zusammenleben in der Gesellschaft, quasi der Software der Stadt, stellt sich für die Stadtplanung aber auch ganz unmittelbar die Frage nach der Flächeninanspruchnahme der zukünfti­ gen Stadt. Wir müssen die notwendigen planerischen Voraussetzungen für das absehbare Flächenwachstum Wiens organisieren, quasi die Hardware der Stadt. Wie sehen die zukünftigen Infrastrukturen aus, welche Standorte verbinden sie und welche ökonomischen Rahmenbedingungen werden dafür existieren? Welche Innovationen werden stattfinden? Wien hat dazu im kürzlich evaluierten Masterplan Verkehr 2003 die Grundsätze einer intelligenten Mobilität festgeschrieben. Die Her­ ausforderung stellt sich natürlich für die gesamte Agglomeration Wien. Lösungen bedürfen daher der intensiven Zusammenarbeit der Länder und Gemeinden in Wien, Niederösterreich und Burgenland. In Reaktion auf die geschilderten Herausforderungen wird zur Zeit im Auftrag der drei Landeshauptleute Wiens, Nieder­ österreichs und des Burgenlands im Rahmen der Planungsgemeinschaft Ost(PGO) eine übergeordnete Strategie zur räumlichen Entwicklung der Stadtregion erarbeitet. Innerhalb Wiens wird in den 13 Zielgebieten des Stadtentwicklungsplanes STEP05 mit Methoden des Projektmanagements die Entwicklung forciert. Gleichzeitig mit der Frage nach dem Flächenbedarf der zukünftigen baulichen Struktur stellt sich auch die Frage nach dem öffentlichen Raum, den Grün- und Erholungsräumen. Wien ist Nummer 1 im weltweiten Mercer-Ranking. Wie entwickeln wir diese Spitzenposition? Wie verändern sich die Ansprüche an den öffentlichen Raum? Was bedeutet es, wenn sich etwa im Zuge des Klimawandels die Renaissance des Zufußgehens verstärkt, oder das Radfahren noch mehr zum Lifestyle-Faktor wird? Mit dem neuen Leitbild für den öffentlichen Raum hat Wien dazu interessante Antworten formuliert. Und nicht zuletzt: Wie entwickelt sich die intellektuelle und wirtschaftliche Basis der Stadt? Stadt war immer schon der Ort vielfältiger Formen der Innovation. Auch zukünftig wird der ökonomische Erfolg einer Stadt nicht zuletzt davon abhängen, inwieweit sie im Stande ist, ihre Wissensbasis zu verbreitern und attraktiv für kritische, neugierige, innovative Menschen von außerhalb zu sein. Wien hat hier etwa mit dem Universitätsstandortkonzept oder mit der Strategie zur Forcierung von Forschung, Technologie und Innovation(FTI) bereits wichtige Grundlagen geliefert. Wie kann die Stadt auf sich bereits abzeichnende Trends des weiteren Verschmelzens von Arbeitswelt und Freizeit reagieren? Die Stadt lebt. Leben bedeutet Veränderung – viele sehen darin eine Chance, manche aber auch eine Bedrohung. Im Sinne der vorhin geschilderten Hauptherausforderungen sei auf Richard Florida und sein Konzept der"3 Ts"(Technology, Talent and Tolerance) verwiesen. In seinem Buch The Rise of the Creative Class entwickelt Florida einen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Stärke einer städtischen Region und der Anwesenheit von"kreativen" Menschen. Gerade was die erfolgreiche Gestaltung der Zukunft unserer Stadt anlangt, werden wir neben der Bewältigung technischer und ökonomischer Fragen aktiv den Wert von Offenheit, Verschiedenheit und Toleranz sowie Veränderung vermitteln müssen. Die Stadt gehört uns allen: auch in Zukunft! Thomas Madreiter Jahrgang 1967, in Radstadt(Salzburg) geboren. Studium der Raumplanung und Raumordnung an der Technischen Universität Wien. Danach ein Jahr Assistent am Institut für Finanzwissenschaft und Infrastrukturpolitik der Technischen Universität Wien bei Prof. Wilfried Schönbäck. Von 1995 bis 2001 in der Stadtplanung Wien u. a. mit dem Schwerpunkt Stadtentwicklungsmanagement befasst. Von 2001 bis Juni 2005 persönlicher Mitarbeiter vom Wiener Wirtschaftsund Finanzstadtrat und Vizebürgermeister Dr. Sepp Rieder. Seit Juli 2005 Leiter der Wiener Magistratsabteilung 18, zuständig für Stadtentwicklung und Stadtplanung. ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 25 Ein Beitrag von Rudolf Scheuvens Stadtqualität verlangt Prozessqualität. Die Zusammenarbeit der verschiedensten Akteure ist dabei ebenso von Bedeutung wie die Vernetzung unterschiedlicher Aufgaben- und Handlungsfelder der Stadtentwicklung. 26 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG Qualität und Innovation entstehen nicht von allein In Wien ist vieles anders. Auch, dass die Stadt seit Jahren wieder kontinuierlich wächst und sich damit von einem europaweit verbreiteten Trend der Stagnation bzw. der Schrum­p­ fung abhebt. Nun erklärt sich dieses Wachstum aus einer internationalen Zuwanderung. Im direkten Vergleich der Wanderungszahlen zwischen Kernstadt und Umland fällt die Bilanz nicht mehr ganz so günstig aus. Währ­end der Trend nach Suburbia auch in Wien noch anhält, lassen sich jedoch auch Anzeichen einer para­llelen Entwicklung erkennen. Die Stadt entfaltet wieder eine besondere Anziehungskraft. Vor allem die wohlhabende Mittelschicht zieht es zurück in die Stadt, in die gewachsenen Stadtquartiere oder in die neuen Standorte auf aufgegebenen Bahnflächen oder obsolet gewordenen Kasernen. Innerstädtische Entwicklungsprojekte wie die Neunutzung aufgelassener Bahnflächen oder ehemaliger Kasernen arbeiten mit diesem neuen Wertebewusstsein und Nachfragepotenzial und verstärken damit gleichzeitig die Gravitationskraft der Stadt. Beispiele wie die HafenCity in Hamburg oder die Entwicklung eines ehemaligen Industriequartiers zu einem eigenständigen Stadtteil in Zürich West gelten als herausragende Beispiele einer Reurbanisierungsbewegung. Ein Mix aus Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Kultur und eine herausragende Architektur werden zu neuen Bezugspunkten urbaner Lebensstile. Nach einer Phase des ausgeprägten urbanen Zukunftspessimismus wird die Stadt und wird das städtische Leben neu entdeckt. Städte gelten als Wissenszentren und Motoren für Wachstum und Innovation, so wie dies eine Studie der Europäischen Kommission zum Zustand der europäischen Städte zum Ausdruck bringt. Auch die kulturellen und baulichen Qualitäten, die sozialen Integrationskräfte und die außergewöhnlichen Entwicklungschancen werden herausgestellt, wenn es in der Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt um die Beschreibung des Phänomens der europäischen Stadt geht. Die Entwicklung unserer Städte steht in einem denkwürdigen Spannungsfeld. Auf der einen Seite steht das zarte Pflänzchen der Reurbanisierung mit der Neuentdeckung der städti­ schen Kultur und Lebensqualität. Auf der anderen Seite stehen die Prozesse der Deurbanisierung, ausgelöst und forciert durch teilweise massive Einwohner- und Funktionsverluste. In diesem Spannungsfeld zwischen Wachstum und Schrumpfung gerät die Auseinandersetzung mit der Stadt, gerät die Neuinterpretation des Städtischen und wird die Notwendigkeit einer integrativen Stadtentwicklungspolitik zu der großen Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Wie geht eine verantwortungsvolle Stadtentwicklung mit diesen scheinbar widersprüchlichen Entwicklungen um? Und vor allem: wie stellt sie sich den Herausforderungen des demografischen Wandels, einer verstärkten ökonomischen und auch gesellschaftlichen Polarisierung und Segregation, einer steigenden Armut und letztlich auch den zunehmenden Umweltproblemen und ökologischen Notwendigkeiten? Vorbei sind die Zeiten, in denen das Flächenwachstum die Entwicklung der Stadt bestimmte. Mehr und mehr geht es um Fragen einer qualitativen Entwicklung, um die Sicherung einer gesellschaftlichen Integrationsfähigkeit und kulturellen Vielfalt – letztlich um die Neuinterpretation der urbanen Qualitäten des Lebensraumes Stadt. In verstärktem Maße sind die Städte darauf angewiesen, sich in ihrer Entwicklung auf die eigenen Kräfte und Potenziale zu besinnen. Es zeichnet sich ab, dass sich dabei vor allem jene Großstädte weiterentwickeln werden, denen es gelingt, die Interna­ tionalisierung für eine großstädtische Lebenskultur produktiv zu gestalten, die Ressourcen aus Wissen und Kultur wertschöpfend zu nutzen und Innovationsfähigkeit immer wieder aufs Neue anzuregen, so wie dies die Internationalen Bauausstellung Hamburg 2013 in ihrem Memorandum verankert hat. Auch für eine wachsende Stadt wie Wien geht es um das Herausschälen der Zukunftsthemen, um die Definition von Schwerpunkten und Schlüsselprojekte der Stadtentwicklung, um Akzentsetzungen und um Profilbildung. Doch ebenso wie die Stadtentwicklung kreative Impulse und strahlkräftiger Projekte bedarf, ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 27 hat sie dafür Sorge zu tragen, dass die neuen Akzente nicht zu sozialen Erosionen und kulturellen Überformungen in den Stadträumen führen, die in den Fokus geraten oder jenen, die sich außerhalb des stadtöffentlichen Interesses befinden. In jedem Fall rückt die Auseinandersetzung mit den Beständen in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung. Weniger der Neubau am Stadtrand als vielmehr die Konversion aufgegebener Liegenschaften wie Bahnflächen, militärische oder infrastrukturellen Anlagen bestimmen mehr und mehr das Alltagsgeschäft der Stadt­ entwicklung und werden zu einer großen ökologischen, stadtkulturellen und sozialen Herausforderung. Und auch die Entwicklung bestehender Quartiere bindet mehr und mehr die planerische Aufmerksamkeit. Es geht um die Sicherung eines bezahlbaren Wohnraumes, um die kontinuierliche Erneuerung bestehender Stadtteile, um die Gestaltung einer sozial verantwortlichen Stadtentwicklung. Qualität und Innovation entstehen nicht von allein. Will man neue Formen des Zusammenlebens in einer Stadt entwickeln und Erneuerungsprozesse in Gang setzen, muss man die Bevölkerung in den betroffenen Quartieren nicht nur informieren, sondern sie aktiv an Planungs- und Entscheidungsprozessen beteiligen. Die"Güte" der Stadtentwicklung misst sich damit nicht nur an der Qualität der Architektur und des Städtebaus, sondern auch an der Qualität der Prozesse. Um die Herausforderung der Stadtentwicklung zu bewältigen, müssen die Akteure der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und der Bürgerschaft kooperativ handeln und die Ziele und Maßstäbe für Qualitäten und Innovationen in der Entwicklung des Stadtraumes, der Infrastruktur, Kultur und Wirtschaft im Diskurs entwickeln. Hierzu braucht es geeigneter Plattformen des Dialogs und kräftiger Impulse zu einer kreativen Auseinandersetzung. Vorbei sind daher die Zeiten ei­nes ausgeprägt wissenschaftlich-tech­ Stadtentwicklugsprojekte in Berlin und Wiesbaden. Abb.© Rudolf Scheuvens nischen Planungsverständnisses, als man noch davon überzeugt war, die künftige Entwicklung mittels komplexer Modelle abbilden zu können. Konventionelle Pläne und technokratische Prozesse verlieren mehr und mehr an Bedeutung. Informelle und vielschichtige Pläne werden immer wichtiger. Zu beobachten ist, wie prozessual und kommunikativ angelegte Planungsansätze zur Ausbildung neuer Instrumente führen. Mehr und mehr sind diese darauf angelegt, den Prozess des Wandels zu initiieren, zu begleiten, und diesem eine Orientierung zu geben – anstatt ihn über starre Pläne korsettieren zu wollen. Was bedeutet dies für die Stadtentwicklung?"Planners are moderators of change", so Peter Zlonicky. Er verweist damit auf die Notwendigkeit des planerischen Handelns, Ziele und Maßstäbe für die Qualitäten in der Entwicklung des Stadt- und Landschaftsraumes im Diskurs zu entwickeln und zu schärfen. Gerade in Zeiten des Wandels wird die Stadtentwicklung zu einer höchst anspruchsvollen, kreativen und zukunftsorientierten Angelegenheit. Rudolf Scheuvens Geboren 1963. Nach dem Studium der Raumplanung in Dortmund gründet er 1994 das Büro Faltin Scheuvens Wachten, ab 2003 scheuvens + wachten in Dortmund. Daneben war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Städtebau und Bauleitplanung der Universität Dortmund tätig. Nach einer Professur für Städtebau und Baugeschichte an den Fachhochschulen Hannover und Oldenburg leitet er seit 2008 den Fachbereich Örtliche Raumplanung der Technischen Universität Wien. Seit 2009 ist er stellvertretender Vorsitzender des Grundstücksbeirates der Stadt Wien. 28 ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG Die Transformation aufgegebener Bahnflächen oder verlassener Industrieareale wird zu einer der großen Herausforderungen künftiger Stadtentwicklung. All dies trägt dazu bei, die Gravitationskraft der Städte zu stärken und Entwicklung zurück in die Kerne zu holen. Die Projekte aus Berlin wie aus Wiesbaden stehen beispielhafte für solche Ansätze der Neuinterpretation und Rückgewinnung städtischer Räume in den Alltag der Stadt und des städtischen Lebens. Stadtentwicklugsprojekte in Berlin und Wiesbaden. Abb.© Rudolf Scheuvens ZUKUNFT DER STADTENTWICKLUNG 29 30 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT Ackermannbögen in München Wohnbaugenossenschaft. Abb.© Robert Temel Zukunft der Stadtgesellschaft Die Stadt tritt in ein neues Zeitalter Die zukünftige Gesellschaft wird immer vielfältiger und unterschiedlicher. Der demografische Aufbau ändert sich, neue Lebensstile und Haushaltsformen entstehen, der Trend zur Individualisierung hält an. Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft verlangt nach neuen Arbeits- und Wohnformen, neue Kommunikationsstrukturen ver­ändern das Berufsleben genauso wie den privaten Bereich. Damit steht die Stadt vor der Herausforderung, auf die Potenziale, aber auch auf die Probleme dieser neuen gesellschaftlichen Entwicklungen einzugehen. Wie aber kann das Miteinander von Einheimischen und MigrantInnen, von Jungen und Alten, von Armen und Reichen organisiert werden? ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 31 Die Stadt wird heterogener Das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, sozialen, ethnischen, religiösen und weltanschaulichen Hintergründen stellt eine wesentliche Herausforde­ r­ung für die Zukunftsfähigkeit der Stadt dar. Inwieweit wird es gelingen, Bedingungen zu schaffen, die es allen Menschen ermöglichen, die eigenen Fähigkeiten möglichst optimal zu entwickeln und einzusetzen? Vor diesem Hintergrund bedeutet Integra­ tion gleichberechtigte Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zu schaffen und zu erhalten sowie vor individueller und kollektiver Ausgrenzung zu schützen. WIEN WÄCHST IM ZEITRAUM 2005- 2035 UM 21% AUF NAHEZU 2 MIL. EINWOHNER 2 MIL. 1.626.440 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 82% 78,5% 75,8% 74,2% 73,3% 72,7% 72,3% 2 MIL. 1.963.041 1 MIL. 1 MIL. 21,5% 24,2% 25,8% 26,7% 27,3% 27,7% 18% 2005 2010 2015 Gesamtbevölkerung Inländer Ausländer 2020 2025 2030 2035 Quelle: Kleinräumige Bevölkerungsprognose für Wien 2005- 2035 von Mag. Dr. Gustav Lebhart, Bev M ö ag l . k D e r. r St u ep n ha g n s M p a r ri o k g Le n b o ec s k, e Joh f a ü nn r es W Klot i z e e n - Se 2 ite 0 3 0 7, 5 Tab e 2 lle 0 2 3 .4 5 inkl. Anteil der AusländerInnen. Abb.© Mag. Dr. Gustav Lebhart, Mag. Dr. Stephan Marik-Lebeck, Johannes Klotze- Seite 37, Tabelle 2.4 Abb.© Michael Altendorf Wie sieht das Zusammenleben in Zukunft aus? Die Stadtgesellschaft wird älter In Europa führen sinkende Geburtenraten und die steigende Lebenserwartung zu einem ausgeprägten demografischen Wandel. Das Altern der Stadtgesellschaft verlangt nach neuen Strategien, um ein solidarisches Zusammenleben in der Stadt von Alt und Jung zu ermöglichen. Es gilt die Vorzüge der jeweiligen Lebens- und Altersphase für das Zusammenleben im Quartier zu mobilisieren und die Chancen einer altersmäßig und sozial durchmischten Quartiersbevölkerung hervorzuheben. In einer älter werdenden Stadtgesellschaft wird es im Interesse der Integration von Alt und Jung wesentlich werden, nicht nur ausreichend Angebote für die älteren Menschen zu schaffen, sondern auch Kindern und Jugendlichen in umfassendem Maße Rückzugsräume bzw. soziale Erfahrungsräume zu gewähren. "ALTERUNG" DER GESELLSCHAFT 20% 15% 10% 20% 15% 10% HAUPTERGEBNISSE DER BEVÖLKERUNGSPROGNOSE FÜR WIEN 2 MIL. 100% (1.626.440) 100% (1.838.674) 100% (1.963.041) 2 MIL. 1 MIL. 64,8% (1.054.034) 62,8% (1.153.644) 61,3% (1.203.306) 1 MIL. 5% 5% 19,7% (319.868) 15,5% (252.538) 20,4% (375.764) 16,8% (309.267) 20,9% (410.333) 17,8% (349.401) EU D Ö CH IN EUROPA WIRD SICH, BEDINGT DURCH NIEDRIGE GEBURTENRATEN UND HÖHERE LEBENSERWARTUNG, IN RUND 40 JAHREN DER ANTEIL DER ÜBER 65 JÄHRIGEN AUF 33% ERHÖREN. 2005 Gesamtbevölkerung 0- 19 Jahre 20- 64 Jahre 65+ Jahre 2020 2035 Quelle: Wohnen 2018, smart living von Daniel O. Maerki, Andrea Schikowitz- S Q e u it e e ll 3 e 6 : , K A le b in b r il ä d u u m n i g ge 7 Bevölkerungsprognose für Wien 2005- 2035 von Mag. Dr. Gustav Lebhart, Für Wien wird eine Zunahme der B M e ag v . D ö r l . k St e ep r h u an n M g a s rik p r L o eb g ec n k, o Jo s h e ann b es i K s lot 2 ze 0 - S 3 e 5 ite 3 f 8 ü , Ta r be W lle 2 i . e 5 n nach Altersüber 65-Jährigen bis 2035 um 38% gruppen. Abb.© Mag. Dr. Gustav Lebhart, Mag. Dr. Ste(+97.000 Personen) prognostiziert. phan Marik-Lebeck, Johannes Klotze- Seite 38, Tabelle Abb.© Wohnen 2018, smart living 2.5 von Daniel O. Maerki, Andrea Schikowitz- Seite 36, Abb. 7 32 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT PROZENTUALE VERTEILUNG DER HAUSHALTE NACH ANZAHL DER PERSONEN 1 MIL. 100% (806.072) 100% (844.987) 100% (881.066) 100% (911.469) 100% (936.272) 100% (958.232) 100% (978.699) 1 MIL. 45,9% (369.898) 27,9% (224.617) 13,2% 13,0% (106.417) (105.140) 47,6% (401.948) 25,9% (219.010) 13,0% 13,5% (109.404) (114.625) 2005 Haushalte, gesamt mit einer Person mit 2 Personen mit 3 Personen mit 4 und mehr Personen 2010 Quelle: MA 18, Referat Stadtforschung und Raumanalysen 49,0% (431.909) 24,3% (214.093) 12,7% (111.759) 14,0% (123.305) 2015 50,6% (461.003) 22,5% (205.222) 12,4% (112.678) 14,5% (132.566) 2020 50,9% (476.931) 22,0% (206.407) 12,3% (115.175) 14,8% (137.759) 2025 51,1% (489.224) 21,8% (209.331) 12,3% (117.861) 14,8% (141.816) 2030 51,2% (500.952) 21,8% (212.952) 12,3% (120.321) 14,7% (144.474) 2035 Die Gegensätze werden größer Die moderne städtische Gesellschaft wird zunehmend gekennzeichnet durch die Bildung unterschiedlicher sozialer Milieus, Kulturen und Subkulturen, sozialer Netze und die Ausprägung differenzierter Lebensstile. Die klassische Familie wird von neuen Formen des Zusammenlebens abgelöst, die neue Organisationsstrukturen, soziale Netze und Wohnformen verlangen, wie z. B. Single-Haushalte, generationsübergreifendes Wohnen u. Ä. Sozialpolitische Befunde warnen vor einer zunehmenden Polarisierung in der Gesellschaft. Die"Wissensgesellschaft" eröffnet zwar neue Chancen und zusätzliche Optionen – allerdings lediglich für diejenigen, die über Bildung, Wissen, Kompetenz und entsprechende Netzwerke verfügen. Diejenigen, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Zugang zu diesen gesellschaftlichen Ressourcen haben, werden zunehmend ausgeschlossen. Eine der großen Anforderungen an die zukünftige Stadtgesellschaft wird sein, Strategien gegen soziale Ungleichheiten zu entwickeln. youXcity, ein innovativer geobasierter Webdienst, fordert die User auf, den Lebensraum Wien zur Diskussion zu stellen und aktiv mitzugestalten. Daraus soll eine Datenbank aus Empfehlungen, Tipps, aber auch diskussionswürdigen Kritikpunkten entstehen. Abb.© www.youxcity.com Traditionelle Mitbestimmungsprojekte wie das Wiener Beteiligungsverfahren Zielgebiet Gürtel können nicht gänzlich durch virtuelle Kommunikationsformen ersetzt werden, da der direkte Kontakt zwischen allen Beteiligten auch in Zukunft Bedeutung haben wird. Abb.© B. Lacina Die Bevölkerung stimmt mit Die Menschen der Stadtregion verstehen sich nicht länger nur als Konsumenten von staatlichen Leistungen, sondern wollen aktiv ihr Lebensumfeld mitgestalten. Die zukünftige Entwicklung der Stadt wird maßgeblich davon mitbestimmt werden, in welcher Form der Dialog zwischen Bevölkerung, Wirtschaft, Verwaltung und Politik stattfinden wird. Dabei werden informelle Netzwerke, neue Kommunikationsformen und der erleichterte Zugang zu Informationen über digitale Medien stärker als bisher an Bedeutung gewinnen. Mit Community-Features wie Blogs, Foren, einem Chat oder Social Media Diensten wie Twitter, Facebook und Co. wird die Kommunikation immer vielfältiger- ohne Ansehen von Status und Hierarchieposition vorausgesetzt, dass ein gleichberechtigter Zugang zu diesen Technologien gewährleistet wird. ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 33 Solidarisches Wohnen gegen Isolation? Als Gegenentwürfe zur Vereinzelung und Ausgrenzung entstehen zunehmend Wohnformen, die auf ein solidarisches Miteinander von jungen und alten Menschen, von Behinderten und Nicht-Behinderten, von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten abzielen. In der Wohnhausanlage"Interethnische Nachbarschaft" in Wien-Liesing leben etwa 300 Menschen aus ca. 20 Nationen in unterschiedlichen Haushaltsformen- vom Single-Haushalt über Alleinerziehende bis hin zu Großfamilien. Vielfältige Gemeinschaftsbereiche(Dachgarten, Waschküche etc.) fördern die kommunikative Auseinandersetzung mit den anderen. Abb.© Scheifinger+Schöbfeld Ziviltechniker GmbH Selbst organisiertes Bauen als Zukunftsmodell? Baugemeinschaften sind Zusammenschlüsse von zumeist privaten Bauwilligen, die gemeinsam und selbstbestimmt Wohnraum zur Selbstnutzung schaffen wollen. Mit gemeinschaftlichen Bauvorhaben wird dem Wunsch nach Mitbestimmung, Individualität und selbstgewählter Nachbarschaft entsprochen, gleichzeitig können jedoch auch sozialkulturelle Ziele verfolgt werden. Dies können Mehrgenerationslösungen, Gemeinwesengruppen oder andere integrative Ansätze für gegenseitige Unterstützungen sein, die das nachbarschaftliche Wohnumfeld mit einbeziehen. Wohngemeinschaften sind ein Trend der Zukunft, die zunehmend auch für Menschen im reiferen Lebensalter interessant werden. Um Wohnformen zu forcieren, die ein aktives Miteinander bieten, entsteht in Wien-Ottakring das Pilotprojekt"Wohngruppen für Fortgeschrittene", das sich an die Generation 55 Plus richtet. Eine innovative Form der Wohngemeinschaft, in der alle MieterInnen über eigene Wohnungen verfügen, sich aber zu einer engen Wohngemeinschaft mit vielen gemeinschaftlichen Aktivitäten bekennen. Abb. Arch. Knötzl© 2008 Zoom VP_Knoetzl Ackermannbögen in München: errichtet von der Wohnbaugenossenschaft wagnis e.G. mit A2 Architekten: 92 Wohnungen in vier Häusern und Gemeinschaftsflächen auf einem ehemaligen Kasernenareal in zentraler Lage, unweit des Olympiaparks. Abb.© Robert Temel 34 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT Das Wiener Pilotprojekt"sALTo" zeigt auf, wie Menschen möglichst lange selbstbestimmt, gesund und aktiv im heimatlichen Grätzl leben können und welche Angebote sie benötigen. Abb.© plansinn/ MA 18 Wie werden wir im Alter leben? Die absehbare Alterung der Gesellschaft, im Besonderen auch die steigende Anzahl an Hochbetagten, verlangt nicht nur nach neuen Wohnformen, sondern ebenso nach altersgerechten Angeboten im öffentlichen Raum. Dabei ist davon auszugehen, dass sich Alterungsprozesse, die mit Altern verbundenen Zuschreibungen und gesellschaftlichen Konstruktionen sowie Selbstwahrnehmungen weiter verändern werden. Die Fragen nach neuen Formen des politischen und gesellschaftlichen Handelns und nach dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Altern sind zukünftig verstärkt zu stellen. Wohnprojekt Grundsteingasse: Unter dem Motto"Neues fürs Altwerden" entsteht in Wien-Ottakring ein gemeinschaftliches Wohnprojekt mit moderierter Planungsbeteiligung mit dem Ziel, seniorengerechte Wohnangebote in den geförderten Wiener Wohnbau zu integrieren. Abb.© raum+kommunikation Das Wiener Pilotprojekt"sALTo" zeigt auf, wie Menschen möglichst lange selbstbestimmt, gesund und aktiv im heimatlichen Grätzl leben können und welche Angebote sie benötigen. Abb.© plansinn/ MA 18 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 35 Sommer im MQ 2007. Abb.© Ali Schafler Ein Facebook-Dialog zwischen Daniel Renn und Oliver Frey 36 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT Wird der virtuelle Raum den öffentlichen Raum ersetzen? Oliver Frey, July 15 at 1:10pm Lieber Daniel! Wir machen für die Stadt Wien eine Publikation zum Thema"In Zukunft Stadt| In Zukunft Wien". Wir würden gerne ein Interview mit euch führen. Wir könnten einen Facebook-Dialog machen. Was hältst du davon? Ich stelle ein paar Fragen und du antwortest drauf eine Art virtuelles Gespräch? Oliver Frey Daniel Renn, July 23 at 12:12am Hey, also von mir aus gerne... nur her mit den Fragen. Daniel Renn, July 29 at 12:26pm Hallo, kommt da noch was oder war´s das? Oliver Frey, July 29 at 7:23pm Danke für Nachfrage! War grad unterwegs, aber die nächsten Tage: Ja! Vielleicht fangen wir einfach mal an: Welches war deine Rolle bei der Facebook-Aktion MQ und wie bewertest du es im Nachhinein? Daniel Renn, July 30 at 1:10am Hey, also ich war gemeinsam mit Florian Gründer der Facebook-Gruppe "Freiheit im MQ". Wir haben die Gruppe gegründet, nachdem wir eines Samstags von den damals noch im MQ herumstreifenden Securities aufgefordert wurden, unser selbst mitgebrachtes Bier zu entsorgen. Ausschlaggebend war ebenfalls, dass eine Gruppe, die neben uns auf Betonsockeln und auf dem Boden(die Enzis waren alle besetzt oder vom Regen davor noch nass) saßen, angewiesen wurde, aufzustehen, da es aus einem uns unergründlichen Zweck verboten sei. Wir erwarteten durch diese Gruppe nichts, es war für uns eher eine Art Frust gegenüber der plötzlich so streng durchgesetzten Hausordnung und den Securities loszuwerden. Als der Gruppe jedoch nach kürzester Zeit an die 5000 Mitglieder beitraten, merkten wir, dass es mehreren Leuten genauso erging wie uns und dass man gemeinsam etwas erreichen könnte. Nach nur einer Woche hatten wir um die 20.000 Mitglieder, und 2.000 davon unterstützten dann auch tatkräftig die Protestaktion am 13. Juni (welche nur 4 Tage vorher angekündigt wurde). Was ich hier auch anmerken muss, ist die schnelle und für uns erfreuliche Reaktion von Seiten des MQ-Vorstandes, der nach nur wenigen Tagen die Verbote wieder lockerte. Im Nachhinein bin ich sehr zufrieden mit der ganzen Aktion, da man einfach merkt, dass es noch einen Sinn hat, für etwas aufzustehen und zu kämpfen. Auch erfreulich war, dass dadurch eine Diskussion um die Nutzung des öffentlichen Raumes und die fortschreitende Privatisierung von genau jenem aufkam. Was jedoch wichtig ist, ist dass das Ganze nicht als kurze"Modebewegung" endet, sondern dass sich PolitikerInnen und die Gesellschaft im Allgemeinen damit auseinander setzen, weil wir ja schlussendlich alle davon betroffen sind. Eine wichtige Rolle bei der ganzen Aktion spielte auch das Internet als Verbreitungsmedium. Ohne jenes wären wir nicht im Stande gewesen, in so kurzer Zeit eine solche Protestwelle ins Rollen zu bringen. Der Nachteil hier ist jedoch, dass man schnell mal einer Internetgruppe beitritt, weil man die"Idee" ganz gut findet, aber wenn es ans tatkräftige Eintreten für diese Idee geht, sieht die Welt gleich anders aus. Wobei wir uns weniger beschweren können und uns nochmals bei allen bedanken möchten, die dabei waren und sich für"Freiheit im MQ" eingesetzt haben. Lg Daniel Oliver Frey, August 3 at 4:51pm Lieber Daniel! Danke für deine Initiative und die gute Beschreibung der Hintergründe eurer Aktion. Sorry, dass ich erst jetzt wieder an den Rechner komme und Zeit finde, dir zu antworten. Nun also eine Nachfrage zur"Rolle des Internets" als Verbeitungsmedium. Bist du selber vor eurer Aktion schon ein"professioneller" Facebook-User gewesen oder hat dich die MQ-Facebook-Gruppe erst zu einem "richtigen" User gemacht? Bzw. etwas Konkreter und Philosophischer: Was waren deine Erwartungen an Facebook vor eurer Aktion und wie beurteilst du jetzt dieses Medium als "schnelles" Kommunikationsmittel und"Beschleuniger" von Interessen? Oliver Frey, August 11 at 11:37am Bist du eigentlich noch da? Oder hast du es schon aufgegeben? Urlaub? Ohne Netz? Grüße! Oliver ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 37 Daniel Renn, August 11 at 12:19pm Die Gruppe an sich hatte keinen Einfluss auf meine jetzigen FacebookAktivitäten. Ob ich ein"richtiger" User bin, weiß ich nicht, da ich die Begriffsbestimmung eines solchen nicht kenne. Als wir die Gruppe im Facebook gegründet haben, hatten wir eigentlich keinerlei Erwartungen. Wir sahen sie mehr als Mittel, um uns mitzuteilen, und waren selbst überrascht, als sich uns, nach nur kurzer Zeit, so viele Menschen angeschlossen haben. Ohne Internet wäre das Ganze vielleicht auch möglich gewesen, aber nie so schnell und intensiv wie mit der Hilfe des Internets. Auch der Austausch verschiedener Informationen innerhalb der Gruppe wurde durch Facebook erleichtert, da man hier an alle Gruppenmitglieder Nachrichten verschicken kann(was jedoch ab ca. 1.000 Mitgliedern nur mehr zeitverzögert passiert und ab 10.000 leider nicht mehr möglich ist). Schade ist nur, dass sich viele der Leute, die sich bequem im Internet für eine Sache"einsetzen", aussteigen, sobald es ernst wird und man zeigen muss, dass man auch bereit ist, für seine Sache aufzustehen und zu kämpfen. Um einen"Ich bin dagegen Button anzuklicken", braucht man nicht viel zu tun und muss sich keine Gedanken machen. Dadurch werden"Bewegungen" kurzatmiger und weniger intensiv als in den"Pre-Internet"-Zeiten, was eigentlich sehr zu bedauern ist. Deshalb war es uns wichtig, es nicht bei dieser Internet-Gruppe zu belassen, sondern auch eine Protestaktion vor Ort zu organisieren, einfach um Präsenz zu zeigen und auch, dass sich die Leute untereinander ein wenig kennenlernen, denn von Internet-Bekanntschaften halte ich relativ wenig. Allgemein finde ich das Internet als Kommunikationsmittel gut, da man sich mit Freunden unterhalten und verabreden kann, ohne am Ende des Monats eine hohe Telefonrechnung zu erwarten. Jedoch sollte man sich nicht allzusehr auf das Internet als Kommunikationsmittel beschränken und seine Freunde dann auch noch im"echten" Leben treffen. Kurzgesagt, das Internet hat wie alles so seine Vor- und Nachteile, wobei erstere überwiegen. Oliver Frey, August 11 at 2:27pm Was bedeutet dir eigentlich der öffentliche Raum in der Stadt? Ist das nicht ein Widerspruch: Internetkommunikation und reale Kommunikation auf einem städtischen Platz? Es gibt eine These in der Stadtsoziologie, die besagt, dass der öffentliche Raum in bestimmten Bereichen der Stadt abstirbt und durch virtuelle Räume ersetzt wird? Stimmst du dem zu? Oliver Frey, August 14 at 4:57pm Wo bist du? Hast du meine Fragen vom Dienstag gelesen? Willst du noch antworten oder machst du Urlaub vom Netz? Grüße, wo immer du auch sein magst! Bist du noch dabei? Daniel Renn, August 18 at 10:53am Hallo, entschuldige meine Abwesenheit bitte, aber es war mir in letzter Zeit nicht möglich zu antworten. Öffentlicher Raum ist generell sehr wichtig, da man sich an solchen Orten mit Freunden treffen kann, ohne zum Konsum gezwungen zu werden. Würde es den öffentlichen Raum nicht geben, wäre das nur noch in den eigenen vier Wänden möglich, und ich wünsche es keinem Menschen, ständig zum Daheimsein verdonnert zu werden. Ein großes Problem ist auch, dass vieles privatisiert wird, das aber trotzdem mit Steuergeldern finanziert und unterstützt wird, wie z. B. das Museumsquartier. Alle Steuerzahler finanzieren dieses mit, warum sollte es ihnen dann nicht als öffentlicher Raum zur Verfügung stehen, und zwar ohne die Bedingung zum Konsum in den dortigen Cafés und Gaststätten. Wie darf ich das verstehen: Internetkommunikation und reale Kommunikation auf einem städtischen Platz? Ich frage mich, wie man öffentlichen Raum durch virtuellen ersetzen kann. Im virtuellen Raum wird die Kommunikation über direkten Kontakt durch ein virtuelles Gespräch ersetzt, und was ich von solchem halte, habe ich ja schon geschrieben. Für mich ist es 38 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT wichtig, dass man sich nicht nur auf die Kommunikation via Telefon und Internet beschränkt, da bei dieser Art Emotionen verloren gehen, die wir nur im direkten Kontakt miteinander teilen können. Dass öffentlicher Raum in den Städten abstirbt, ist traurig, aber wahr, jedoch sollten wir uns nicht damit zufrieden geben und eine Lösung(wie z. B. virtueller Raum im Internet) dafür finden, sondern wir sollten für uns und unsere Mitmenschen neuen öffentlichen Raum erschaffen und für den bestehenden kämpfen. Denn öffentlicher Raum ist wichtig für uns alle, denn dieser unterscheidet auch nicht zwischen den Menschen. Öffentlicher Raum ist für uns alle, egal welchen Geschlechts man ist, aus welcher sozialen Umgebung man kommt und egal welcher Abstammung man ist. Unser ganzes Leben lang werden wir nach diesen Kriterien eingestuft und auch dementsprechend behandelt(ob in der Arbeitswelt, Bildungssystem, beim Ausgehen etc.). Das ist ein wichtiger Grund, warum auch das Museumsquartier(so wie wir es kennen und lieben) erhalten bleiben sollte. Hier treffen sich Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und gehen friedlich miteinander um. Oliver Frey, August 18 at 11:03am Danke für deine Antwort! Vielleicht zum Abschluss noch zwei Fragen in die Zukunft: a) Welches sind deine Ideen und Vorstellungen zur Zukunft der Stadt? Also, wenn du dich in 20-30 Jahren Zukunftsentwicklung hineinversetzt: Wie denkst du, wird das Stadtleben, die Urbanität und der öffentliche Raum sein? Wo denkst du, wirst du Leben wollen? b) Hast du Wünsche für die Zukunft der Stadt? Was hoffst du, dass sich in Wien in den nächsten Jahren/Jahrzehnten ändert? Was stört dich am Stadtleben in Wien und was wünschst du dir anders? Mit besten Grüßen, Oliver Daniel Renn, Today at 2:05pm Das ist eine schwierige und komplexe Frage über die Zukunft der Stadt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Konsum immer wichtiger wird, um sich selbst zu definieren und zu etablieren. Dadurch werden öffentliche Räume immer mehr verschwinden und durch"kapitalistische" Zentren wie z. B. die Mariahilfer Straße, Lugner City und Ähnliches ersetzt. Wenn rechte Parteien weiterhin zunehmen, wird auch eine immer stärkere Abgrenzung gegenüber Immigranten und von den Parteien sogenannten"Nicht-Heimischen" stattfinden. Was für mich persönlich wichtig wäre für die Zukunft der Stadt, wäre zum einen das Aufrechterhalten und Neueröffnen öffentlicher Räume. Und zum anderen eine bessere Integration oder Inklusion anderer Kulturen. Alle Menschen sollten in der Lage sein, friedlich miteinander auf engem Raum leben zu können. Hierzu fehlt es aber momentan leider am nötigen Respekt und Toleranz. Auch würde es mich freuen zu sehen, dass die Stadt mehr für ihre Bewohner unternimmt. Hierzu zählt die Unterstützung im Bereich Kultur und Freizeitaktivitäten. Jedoch sollten nicht nur die längst etablierten Institute wie Staatsoper, Volkstheater unterstützt werden, sondern auch kleine und teils alternative Organisationen. Auch im Bereich Freizeitaktivitäten könnte mehr geschehen, wobei ich hier die City-bike-Aktion loben muss, die jedoch noch mehr ausgebaut werden sollte. Wird das Ganze irgendwo publiziert? Oliver Frey, Today at 11:34pm Danke für das Gespräch- so würde ein Spiegelinterview enden. Ich danke dir für die Zeit, die du dir genommen hast, und für die Orte, an denen das möglich war, mit dir in Kontakt zu treten. Vielen Dank und gute Nacht oder schönen Morgen! Oliver Daniel Renn Einer der Gründer der Facebook-Gruppe"Freiheit im MQ!". Ist 20 Jahre alt, kommt aus Vorarlberg, wo er die AHS mit Matura abgeschlossen hat. Lebt und arbeitet seit einem Jahr in Wien und studiert Tontechnik. ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 39 Daniel O. Maerki Ein Gespräch mit Daniel O. Maerki Gebürtiger Schweizer, aufgewachsen in Schweden und Österreich, Studium der Soziologie& Ökonomie, Kunstund Kulturmanagement in Österreich, Studienaufenthalte in den USA und Kanada(New York, Seattle, Vancouver) Arbeitsschwerpunkte: Strategisches Management, Strategieentwicklung& Coaching, strategische Kommunikation und Organisation, Zukunftsforschung Gründung und Aufbau von"das fernlicht": Leitung zahlreicher Forschungs- und Beratungsprojekte in den Bereichen Zukunft und Lebenswelten, Methodenentwicklung im Bereich Zukunftsforschung; Mitglied der World Future Society, der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung sowie diverser Netzwerke von Zukunftsforschern. Mitautor von"Wohnen 2018. Smart Living" 40 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT Zukunft des Wohnens – wie werden wir im Jahr 2030 in der Stadt wohnen? Die Stadtgesellschaft ist stärker denn je in Veränderung begriffen. Sie wird aller Voraussicht nach heterogener, die sozialen, ökonomischen und kulturellen Unterschiede werden zunehmen. Zu welchen Lebens- und Haushaltsformen kann dieser Trend führen? Daniel O. Maerki: Generell kann man davon ausgehen, dass sich die Lebensformen verändern und damit das Wohnen der Zukunft ebenfalls bunter werden wird. Die klassische Kleinfamilie mit 1-2 Kindern ist heute schon lange nicht mehr Standard. Neue Lebens- und Haushaltsformen hängen vor allem von den gesellschaftlichen Entwicklungstrends ab. Da ist einmal der Trend zur Individualisierung mit der Folgewirkung, dass Einpersonenhaushalte zunehmen. In manchen Stadtteilen unserer Städte bewegt sich dieser Anteil schon bis zu 70% aller Haushalte. Dann haben wir – damit in Zusammenhang- die wachsenden Scheidungszahlen(z. B. in Wien werden 2 von 3 Ehen geschieden) mit den bekannten sozialen Folgen wie Patchworkfamilien und Alleinerziehende. Weiters sind wir mit einem wachsenden Lebensalter konfrontiert, das neue Herausforderungen auch im Wohnbau mit sich bringt. Von 1995 bis 2050 haben wir eine Verdoppelung des Anteils der 65-Jährigen in der EU25. Prägend für den Wohnbereich ist weiters die steigende Zuwanderung. In manchen Kommunen haben wir heute über 50% Zugewanderte. Hier werden vor allem Größe und Struktur der Kommunen ein entscheidender Faktor werden. Kleinere Städte oder solche mit einer gelebten Stadtteilkultur haben hier eine stärkere Integrationskraft. Es werden dabei neue Lebensformen durch die Zusammenführung unserer traditionellen Lebensweisen mit jener der MigrantInnen entstehen. In größeren Städten werden wir aber vermehrt auch Parallelgesellschaften haben, die un­abhängig voneinander leben. Hier erfolgt die Integration erst über mehrere Generationen. Auch stellen wir eine starke Zunahme der Differenz zwischen Arm und Reich fest, die Mittelschicht löst sich langsam auf. Bei weiterem Auseinanderdriften der individuellen ökonomischen Situation werden wir auch in Stadtgesellschaften eine stärkere Segmentierung von bevorzugten Wohngebieten von Wohlhabenden und den belasteten, weniger attraktiven Gebieten der finanziell schwächeren Bevölkerungsgruppen erleben. Mit der weiteren Privatisierung wichtiger Infrastrukturbereiche wie Bildung, Ver- und Entsorgung, Gesundheit etc., aber auch weiterer fiskalpolitischer Bevorzugung privilegierter Gruppen werden diese Unterschiede auch im Wohnumfeld stärker sichtbar werden. Eine weitere Rahmenbedingung stellen der zunehmende Klimawandel und die kommende Energieknappheit dar. Das Postulat der nachhaltigen Lebensformen begünstigt in vielem per se städtische Lebensformen, doch wird das Wachstum der Städte und vor allem Megacities auch ökologische Herausforderungen mit sich bringen. Im Vordergrund des Wohnens der Zukunft stehen dabei neben sozialer Nachhaltigkeit auch die Energieeffizienz sowie die Verwendung erneuerbarer Energien. Diese Entwicklungen führen dazu, dass das Primat der kurzen Wege eine neue Dynamik in Richtung Funktionsdurchmischung der Städte auslösen wird, womit der Wohnbereich wieder stärker mit seinem Umfeld vernetzt wird. In welchen sozialen Kontexten und Beziehungen werden die Menschen dann leben? DOM: Es entstehen vermehrt heute schon sichtbare neue"postfamiliäre" Formen des Zusammenlebens wie Zweckgemeinschaften, Interessensgemeinschaften und Genossenschaftsmodelle. Diese werden sich entlang der Achse zwischen den Polen selbst organisierter Lebensmodelle(z. B. neue genossenschaftlich organisierte Baugruppen) und fertigen individuellen, meist teuer inszenierten Wohnangeboten (z. B. hotelähnliches Wohnen) bis zu Discountmodellen von der Stange aufspannen. Die Interventionen der Kommunen werden hier entscheidend sein, um großräumige"Gated Communities" ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 41 mit Luxusresidenzen einerseits und Verslummung von Stadtbereichen andererseits zu vermeiden. Die Lebensbereiche Wohnen und Arbeiten werden auch mit den Möglichkeiten der digitalen Technologien wieder stark zusammenwachsen. Die"Creative Industries" siedeln sich heute schon in lebendigen Stadtquartieren an(siehe z. B. die neue Attraktivität des Wiener Brunnenmarktes für diese Zielgruppe). Diesem ganzheitlichen Lebensansatz, bei dem fast alles zu Fuß erreichbar ist, steht das Modell der Schlafstädte und der dezentralen Shopping Cities inklusive ortloser Dienstleistungen in seelenlosen Industriequartieren wie z. B. Vertriebsorganisationen internationaler Konzerne, Call Centern in den Speckgürteln der Städte, gegenüber. Einerseits haben Kommunen viel zu tun, um diese ganzheitlichen Modelle zu entwickeln, andererseits tun sie noch zu wenig, um dezentrale Shopping Center zu vermeiden. Wird sich aus den unterschiedlich strukturierten Lebensformen auch ein verändertes Freizeitverhalten ergeben? DOM: Das Freizeitverhalten im gesellschaftlichen Kontext zu betrachten, beinhaltet die Frage, welche Auswirkung die wieder kommende Verflechtung von Wohnen und Arbeiten auf das Freizeitverhalten haben wird. Mit der bevorstehenden Erdölknappheit wird das Reisen in Zukunft für große Bevölkerungsgruppen immer weniger leistbar. Parallel entstehen spannende und vielfältige städtische Eventkulturangebote. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass langfristig vermehrt Freizeit nicht automatisch mit Urlaub in mediterranen Feriendestinationen verknüpft werden wird. Die räumliche Nähe wird wieder mehr im Zentrum der Überlegungen stehen. Damit steigt auch die Interaktion zwischen Städten und ihrem jeweiligen Umfeld. Zudem stellt sich auch die Frage, ob jemand, der in einem spannenden, dynamischen und vielfältigen Stadtquartier lebt, ebenso viel Bedarf hat, Freizeit strikt als eigenen Lebensbereich zu definieren, wie jene, die in Schlafsiedlungen wohnen. Welche veränderte Rolle in der Gesellschaft werden die Älteren einnehmen und welche Wohnformen wird die künftige Generation Älterer verstärkt in Anspruch nehmen? DOM: Das Spannungsfeld der unterschiedlichen Bedürfnisse der Generationen wird sich auch im Wohnbereich zeigen. Wir definieren ja heute schon z. B. ältere Bevölkerungsgruppen nicht mehr als homogene Gruppe jener, die aus dem Berufsleben aus­ geschieden sind und dem Lebens­ abend entgegensehen. Vielmehr gibt es zahlreiche Nuancierungen von jenen, die noch alle Möglichkeiten des Lebens genießen, bis hin zu Pflegefällen. Heute wird den Technologien, die den Senioren möglichst lang ein unabhängiges Leben in ihrer eigenen Wohnung ermöglichen, viel Aufmerksamkeit gewidmet. In Zukunft werden die zentralen Fragen des Wohnens von Senioren jene sein, wie die Integration der älteren Mitbürger aussehen wird. Gerade in den großen Metropolen beobachten wir schon länger eine Zunahme der Geschwindigkeit unseres Alltagslebens. Die Frage wird sein, wo Platz für jene bleibt, die nicht bereit oder fähig sind, diese Geschwindigkeiten mitzugehen. Wird es Platz geben für seniorentaugliche Lebensmodelle? Zum Wohnbereich gehört hierzu nicht nur ein entsprechendes Angebot an Pflegeeinrichtungen. Nein, es geht hier auch um Möglichkeiten, den Alltag selbständig organisieren zu können, und zwar in einer Form, die für SeniorInnen adäquat ist. Daher ist es wichtig, neben neuen Wohnformen wie Seniorenwohn- und Hausgemeinschaften, der Koppelung von Wohnhäusern mit ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen auch genug Möglichkeiten für jene 42 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT vorzusehen, die das Tempo nicht mehr mithalten wollen(z. B. seniorentaugliche Fortbewegungsmittel und den Platz hierfür außerhalb des autozentrierten Straßenraumes). Die Art und Weise, wie wir wohnen, ist über die Jahrzehnte einem Wandel unterworfen. Auffälligste Veränderung ist der Flächenbedarf pro Person. So standen 1950 jedem Einwohner im Durchschnitt 25 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, heute ist diese Zahl auf 43 gestiegen, und Prognosen gehen davon aus, dass in den nächsten 10 Jahren die durchschnittliche Wohnfläche pro Einwohner auf 50 Quadratmeter weiter ansteigen wird. Welche Ansprüche werden sonst noch an den Wohnraum bzw. an das Wohnen gestellt? DOM: Das Wohnen wird komplexer (Grafik 3). Der zukünftige Fokus der Wohnungswirtschaft liegt nicht mehr ausschließlich auf der Errichtung und Betreuung von Wohnungen, sondern auf immer umfassenderem Wohnen im Sinne der Entwicklung von Wohnangeboten, seien es ökologische, technologische, Dienstleistungs- oder Kommunikationsangebote oder Möglichkeiten zu Ressourcenteilung. Wir von das fernlicht haben dies als Smart Living definiert und auch in unserem jüngsten Buch beschrieben (Maerki, D./Schikowitz, A.(2008): Wohnen 2018. Smart Living. Innovationen für Bewohner und Wohnungswirtschaft). Darunter verstehen wir eine sehr umfassende zukunftsorientierte Sicht des Wohnens, die soziale Aspekte, ökonomische Entwicklung, ökologische Prinzipien und technologische Innovationen miteinander vernetzt und das Verständnis von Wohnen auch um das Wohnumfeld erweitert(Grafik 1). Die Herausforderung besteht nun darin, dass Wohnbaugesellschaften die Käufer bzw. Mieter einer Wohnung zwar nicht kennen, aber doch zielgruppenspezifische und/oder situative Angebote für sie entwickeln. Und ganz entscheidend: Diese müssen leistbar sein. Die Lage einer Wohnung bleibt natürlich ein wesentliches Kriterium, aber viele soziale Entwicklungen mit ihren vernetzten Folgewirkungen werden das Wohnen der Zukunft mit beeinflussen. Das bedeutet für die Akteure der Wohnungswirtschaft neuer Wissensbedarf, neue Fertigkeiten, neue v. a. flexible Wohnlösungen und auch neue, über das reine Wohnen hinausgehende Wohnangebote zu entwickeln. Digitalisierung des Wohnens_ Technische Infrastruktur_ Unterstützende Technologien_ Datensicherheit und Datenschutz_ Technologische Aspekte Soziale Aspekte Gesellschaftl. Rahmenbedingungen_ Wohntrends_ BewohnerInnenbedürfnisse_ Nutzungskonzepte_ Wohnumgebung_ Soziales Management_ Wohnen _Nachhaltiges Wohnen und Bauen _Energieeffizienz _Ressourcensharing Ökologische Aspekte Ökonomische Aspekte _Dienstleistungen _Finanzierungslösungen _Leistbares Wohnen _Strategische Positionierung von Bauträgern Grafik 1 Bauträger Mehr ExpertInnen sind in den Bauprozess involviert, z. B. IT, SoziologInnen, Marketing Immobilienmakler Entscheidungsprozess wird komplexer, mehr Informationsgrundlagen notwendig Wohnen wird komplexer Hausverwaltung Neue Betreuungsbereiche, neue Qualifikationen, neue Abrechnungsanforderungen Grafik 3 Home Service Provider Neue Heimservices, v. a. online Dienste(Sicherheit, eHealth, Video on demand) ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 43 Ein Beitrag von Christoph Laimer 44 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT Die Stadtgesellschaft als Assoziation freier Individuen Um das Wunschbild einer Stadtgesellschaft der Zukunft zu zeichnen, müssen keine großartigen, neuen Überlegungen angestellt werden. Das Idealbild der Stadt, wie es seit Jahrhunderten existiert, ist ausreichend faszinierend und erstrebenswert genug, um auch weiterhin dafür einzutreten. Dieses Idealbild zeichnet die Stadt als einen Ort für Menschen, die als Individuen frei und selbstbewusst Verantwortung für ihr Leben übernehmen können und sich von keiner Religion, keiner Kultur und keiner Ideologie vereinnahmen lassen müssen. Als Ort für Menschen, die Gestalter ihres eigenen Lebens sein wollen. Als Ort, der es ermöglicht, den Bindungen an Blut und Boden zu entfliehen, als Ort, der allen die Chance gibt, eine neues Kapitel im Leben aufzuschlagen. Ein Ort der Offenheit, der jenen, die sich entscheiden, ihr Leben oder einen Lebensabschnitt hier zu verbringen, gleiche Rechte garantiert und die notwendige Basis bietet, um Chancen wahrnehmen, Träume entwickeln und Ideen umsetzen zu können. Die hier skizzierten Wünsche an die Stadtgesellschaft sind in ihren Auswirkungen ebenso folgenreich wie – unter Betrachtung der realpolitischen Situation – naiv. Die Idee der Stadt als Ort der unbegrenzten Entfaltungsmöglichkeit ist idealisierend und wahrscheinlich niemals vollständig umzusetzen – auch weil eine gebotene Chance noch lange nicht ihre Ergreifung zur Folge hat. Viele Zwischenschritte und ziemlich sicher auch Umwege werden notwendig sein, um der idealen Stadt nahe zu kommen. Umso notwendiger ist es daher, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ebenso wie die BewohnerInnen von ihrer Stadt viel verlangen, profitiert die Stadt von ihren BürgerInnen. Eine Stadt, deren BürgerInnen eine homogene Masse bilden, ohne Inspiration und Möglichkeiten, Ideen zu verwirklichen, wird im besten Fall in ihrer Entwicklung stehen bleiben und zu einem Freilichtmuseum verkommen. Weltoffenen, unternehmens- und lebenslustigen BewohnerInnen kann eine solche Stadt wenig bieten und sie werden sie vermutlich verlassen, um sich einen neuen, lebendigeren und spannenderen Ort für ihr Leben zu suchen. Offene Städte ermöglichen ihren BürgerInnen hingegen einen individuellen Lebensentwurf und können deshalb mit urbaner Vielfalt, hoher Lebensqualität und Attraktivität wie auch ökonomischem Erfolg rechnen, was Erol Yildiz und Birgit Mattausch in ihrem jüngst erschienenen Buch Urban Recycling eindrucksvoll belegen. All diese Faktoren führen dazu, dass solche Städte immer wieder Menschen anziehen, die neue Ideen, neues Wissen, neue Perspektiven und neue Energie einbringen, was eine Voraussetzung bildet, den Charakter und die Atmosphäre von Städten aufrecht zuhalten. Für die Stadtentwicklung und die Gestaltung der Städte kann das nur heißen, eine möglichst flexible Basis und Struktur zu schaffen, die Entwicklungen nicht hemmt und für individuelle Wünsche adaptierbar ist. Ideologien wie der Multikulturalimus, die den Menschen in erster Linie als Träger einer Kultur, Religion etc. wahrnehmen, mögen zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt eine akzeptable Option gewesen sein, sollten im 21. Jahrhundert aber überwunden werden; von Ideologien, die eine einzige"Kultur" oder Religion als Norm sehen bzw. den zwangsbeglückten Angehörigen einer"Kultur" Vorschriften in der Gestaltung ihres Lebens machen wollen, ganz zu schweigen. In welcher Weltgegend man geboren wurde, ob man religiös ist oder nicht, welcher Religion man sich zugehörig fühlt, welche Form der Sexualität man bevorzugt, ob man alt oder jung ist etc. dürfen nicht länger Kriterien sein, die im öffentlichen Leben der Stadt eine Rolle spielen. Toronto wird seit einigen Jahren beispielsweise regelmäßig als Vorbild genannt, wenn es darum geht, MigrantInnen einen guten Start in ihrer neuen Lebenswelt zu bieten und sie in die Stadtgesellschaft zu integrieren. Der Stadt Toronto ist auf jedenfall Respekt zu zollen, was die Offenheit gegenüber MigrantInnen und die Aufnahmebereitschaft für neue BewohnerInnen betrifft. Doch auch das Torontoer bzw. das kanadische Modell basieren auf der Idee des Multikulturalismus, d. h. Herkunft, Kultur, Religion etc. der EinwanderInnen besitzen hohe Bedeutung. Zahlreiche neue BürgerInnen bleiben diesen Bindungen deswegen verhaftet, was neue Perspektiven verhindern und die freie Entwicklung hemmen kann ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 45 und vielleicht mit einer der Gründe dafür ist, dass MigrantInnen aus bestimmten Herkunftsländern in ihrer neuen Heimat schlussendlich weniger erfolgreich sind als solche aus anderen, wie in aktuellen Studien von z. B. Roger Keil eindrücklich nachzulesen ist. Zu Recht kann eingewandt werden, dass es nicht ganz leicht ist, im komplexen Gefüge Stadt ideale Voraussetzungen für eine prosperierende urbane Entwicklung zu schaffen. Es bestehen sehr viele unterschiedliche, sich gegenseitig auch widersprechende Ansprüche von immer unterschiedlicheren – und auch unterschiedlich mächtigen – Individuen und Gruppen, was es scheinbar notwendig macht, sehr viel über die BewohnerInnen, ihre Lebenssituation und ihre Bedürfnisse zu wissen. Vielleicht liegt ein Schlüssel jedoch darin, sich wieder vermehrt darauf zu konzentrieren, was den Menschen gemeinsam ist und welche Werte sie miteinander teilen, anstatt ihren Unterschieden zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei kann und soll es nicht wieder einmal darum gehen, den"neuen Menschen" schaffen zu wollen, diesmal ohne jegliche Bindungen an Herkunft, Religion, Kultur etc. Gerade die Stadt sollte jedoch ein Ort sein, der es Menschen ermöglicht, diese Bindungen auf Wunsch auch zu kappen bzw. außerhalb der Netzwerke, in die man hineingeboren wurde, ein in jeder Hinsicht erfolgreiches und befriedigendes Leben zu führen. Marxens Idee einer Gesellschaft als einer Assoziation freier Individuen ist auch für die Stadtgesellschaft der Zukunft eine erstrebenswerte Vorstellung. Daher gehört es zu den Grundbedingungen einer offenen Stadtpolitik, allen BewohnerInnen gleiche Rechte zu garantieren, ihnen den gleichen Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Universitäten zu ermöglichen und ihnen die Teilhabe am politischen Willensbildungsprozess zu sichern. Finden alle BewohnerInnen diese Voraussetzungen vor und sind somit BürgerInnen der Stadt, eröffnet dies erst die Freiheit der Entscheidung, welchen politischen, kulturellen etc. Netzwerken und Communities sie angehören wollen – oder eben nicht. Zugegeben ist die Schaffung dieser Voraussetzungen für Städte unter heutigen Bedingungen meist nur in eingeschränktem Maße möglich, weil sie nur begrenzten Einfluss auf die nationalen Gesetzgebungen und ökonomischen Rahmenbedingungen besitzen. Möglicherweise bringt die Zukunft aber auch hier neue Chancen, die den Einfluss und die Macht der Städte im Verhältnis zu den Staaten ansteigen lassen. Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen in Städten leben, wäre das nur logisch. Schon heute entstehen immer mehr Städtenetzwerke, vielleicht bieten auch sie Möglichkeiten, mehr Druck zu erzeugen und Lobbys zu schaffen, damit Städte künftig mehr ökonomische und politische Macht und damit mehr Freiheiten für die Gestaltung und Verwaltung ihrer Gesellschaften und Räume besitzen. 46 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT Christoph Laimer ist in einem Salzburger Dorf mit weniger als 2.000 EinwohnerInnen aufgewachsen und lebt nun seit vielen Jahren in der Bundeshauptstadt Wien, von der er hofft, dass sie möglichst bald 2 Mio. EinwohnerInnen hat. Er hat an der Universität Wien Politikwissenschaft und Philosophie studiert, war jahrelang Journalist und Aktivist im Alternativmedienbereich, ist Gründer und Herausgeber von dérive- Zeitschrift für Stadtforschung(www.derive.at) und Mitarbeiter der Österreichischen Gesellschaft für Architektur. ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 47 Ackermannbögen in München. Abb.© Robert Temel Ein Beitrag von Robert Temel, Maja Lorbek, Aleksandra Ptaszyska (SORA), Daniela Wittinger (SORA) 48 ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT Baugemeinschaften in Wien Baugemeinschaften sind Zusammenschlüsse von Bauwilligen, die gemeinsam und selbstbestimmt Wohnraum zur Selbstnutzung schaffen wollen. Die Gemeinschaften umfassen gewöhnlich 5 bis 30 Haushalte und bauen bei freier ArchitektInnenwahl auf eigenem Grundstück. Der Zusammenschluss von Menschen, die ähnliche Wohnideen haben, macht es ihnen möglich, nach den eigenen Vorstellungen zu bauen. In deutschen Städten wie Hamburg und Berlin, München, Tübingen und Freiburg sind solche Projekte weit verbreitet, allerdings oft rein privat finanziert. Einige werden gegenwärtig auch im Rahmen der Wiener Wohnbauförderung realisiert, z. B. das Frauenwohnprojekt ro*sa Donaustadt und die Gemeinschaft B.R.O.T. in Kalksburg. Diese Art des Wohnens ist eine wichtige Möglichkeit, die von Vizebürgermeister und Wohnbaustadtrat Dr. Michael Ludwig eingeführte vierte Säule der"sozialen Nachhaltigkeit" als Bewertungskriterium für geförderten Wohnbau in Wien(neben Architektur, Ökologie, Ökonomie) umzusetzen. Und Baugemeinschaften erlauben es, in Stadterweiterungsgebieten von Anfang an soziale Durchmischung und Dynamik zu fördern. Aus diesem Grund will die Stadt Wien Baugemeinschaften unterstützen, insbesondere durch die Vergabe von Grundstücken an solche Gruppen im Rahmen von Bauträgerwettbewerben. Als Basis dafür wurde eine Wohnbauforschungsstudie beauftragt, die einige Rahmenbedingungen klären soll. Dazu gehören > eine Potenzialabschätzung darüber, wie viele InteressentInnen es in Wien gibt, die eine derartige Wohnform realisieren möchten; > Anforderungen an Bauplätze, Widmung, Infrastruktur; > ein Handbuch für Baugemeinschaften, das sich mit gesetzlichen Grundlagen, Rechts- und Realisierungsformen beschäftigt; > ein Vorschlag für Kriterien der Grundstücksvergabe an Baugemeinschaften im Rahmen eines Wettbewerbsverfahrens; > eine Klärung rechtlicher Festlegungen hinsichtlich Wohnbauförderung, Finanzierung, Rechtsform für Baugemeinschaften. Ergänzend erfolgt eine Darstellung des"Modells Baugemeinschaft" in einigen deutschen Städten, in denen dieses Modell erfolgreich angewandt wird. Robert Temel Robert Temel ist Architekturforscher in Wien sowie Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Architektur(ÖGFA). Publikationen: Christian Kühn, Robert Temel:"Wohnen als Anlass. Housing as Opportunity – An Austrian Perspective", in: Before Architecture. Vor der Architektur, Wien 2008; Florian Haydn, Robert Temel(Hg.): Temporäre Räume, Basel 2006. ZUKUNFT DER STADTGESELLSCHAFT 49 50 ZUKUNFT DER MOBILITÄT Mechanische Hochgarage als platzsparende Lösung. Abb.© ausmotive.com/ VW Zukunft der Mobilität Die mobile Gesellschaft Die räumliche und mentale Mobilität der Gesellschaft ist eine wichtige Voraussetzung für Fortschritt, Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung. Allen Prognosen zufolge ist für die nächsten Jahre ein erhebliches Verkehrswachstum zu erwarten. Die große Herausforderung der Zukunft des Verkehrs wird sein, einen verantwortungsvollen Mobilitätsmix aus Autoverkehr, öffentlichem Verkehr sowie Gehen und Radfahren zu erreichen und den Verkehr so umweltfreundlich und sozial gerecht wie möglich zu gestalten. Die Zukunft des Verkehrs hängt in hohem Maße davon ab, wie ressourcenschonende Methoden miteinander zu einem Netzwerk verbunden werden: Die Attraktivierung des öffentlichen Raumes, die Ausweitung des Fahrradverkehrs, Verbesserungen beim öffentlichen Verkehr, eine Ökologisierung des Güterverkehrs, die Förderung alternativer Antriebstechnologien, ein Ausbau von Verkehrsinformationssystemen sind nur einige dieser Maßnahmen, deren Wirksamkeit in ihrer Vernetzung liegt. Gleichzeitig muss es ein Umdenken im Mobilitätsverhalten geben, um eine spürbare Reduktion des motorisierten Individualverkehrs zu erreichen. ZUKUNFT DER MOBILITÄT 51 Weniger Autos, mehr öffentlicher Verkehr Flächenverbrauch, Feinstaub, CO 2 Emissionen, Lärm – die vom Kfz-Verkehr verursachten Umweltprobleme sind hoch. Zwar werden in Wien bereits heute mehr Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt als mit dem PKW, aber dennoch ist eine weitere, spürbare Verringerung des motorisierten Individualverkehrs notwendig. Der Masterplan Verkehr definiert als Ziel, dass im Jahr 2020 40% des Verkehrsaufkommens mit öffentlichen Verkehrsmitteln, 25% mit dem Kfz, 8% mit dem Rad und 27% zu Fuß bewältigt werden, wobei 8% Radfahranteil schon für 2015 angestrebt werden. Dies kann nur durch ein Bündel an Maßnahmen erreicht werden, wobei hierbei der Förderung von umweltfreundlichen Verkehrsarten eine bedeutende Rolle zukommt. U-Bahn-Ausbau, Bahnhofsoffensive, Effizienzsteigerung und Modernisierung von Straßenbahn- und Busverkehr, innovative öffentliche Verkehrsmittel und freundliche Haltestellengestaltungen sollen zur Attraktivierung des öffentlichen Verkehrs beitragen. iAnnÖtesitledrreericVher2u0r0sa7c(hSetranvdon20C0O9 2 Emis ). sionen Abb.© Umweltbundesamt Abb. Bahnhof Praterstern Arch. Albert Wimmer © beyer.co.at Anteil des Verkehrs an den Gesamtemissionen der jeweiligen Schadstoffe in Öster­ reich 2007(Stand 2009). Abb.© Umweltbundesamt Der Trend zum Rad Viele Städte setzen auf das Rad als Alternative zum Auto. Durch den Ausbau und die Vernetzung der Radwege, aber auch durch technische Neuerungen wie etwa moderne Elektro- und Klappräder wird dieses Verkehrsmittel gerade im Stadtverkehr immer attraktiver. Städte wie Wien oder Paris bieten Gratis-Radservices als Selbstbedienungssystem an, um die Menschen zum Umstieg auf das Rad zu überzeugen. Auch die Errichtung von Wohnhausanlagen wie die Wiener"Bike City", die auf die Bedürfnisse der RadfahrerInnen abgestimmt sind, soll den Trend zum Rad weiter fördern. Attraktive Bahnhofsbauten mit umfangreichen Serviceeinrichtungen sollen einen Qualitätssprung hinsichtlich Logistik, Komfort und Sicherheit bringen und so zum Umsteigen animieren. Abb.© Hotz/Hoffmann, Wimmer Weltweit erfährt die Straßenbahn eine un­ übersehbare Renaissance. Moderne Straßenbahnen wie etwa in Le Mans oder die Wiener ULF-Straßenbahn sind niederflurig, problemlos für Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen zu betreten und sind mit Hilfe einer intelligenten Signalsteuerung nahezu so schnell wie die U-Bahn. Abb.© Jochen Schulz Städte wie Kopenhagen zeigen das hohe Potenzial des Radverkehrs: Mehr als ein Drittel der Kopenhagener (36%) wählt für ihre Alltagswege das Fahrrad: ein gut ausgebautes Radwegenetz, breite Radwege, Ampelschaltungen mit"grüner Welle" für das Rad, Duschen in den meisten Betrieben etc. machen das Rad zum wichtigsten Verkehrsmittel für kurze Wege. 52 ZUKUNFT DER MOBILITÄT Abb.© criticalmass.at/Peter Pils Abb.© www.hercules-bikes.de Wien will mit der Errichtung hochrangiger Radverkehrsanlagen Radfahren als Fortbewegungsmittel im Alltag attraktiver machen. So wird der geplante"Wiental-Highway" eine direkte und sehr schnelle Verbindung vom Stadtrand bis hinein in die City gewährleisten". Abb.© AXIS Gut zu Fuß Das Konzept der"Stadt der kurzen Wege" bleibt auch in Zukunft ein wichtiger Baustein zur Verkehrsvermeidung. Geringe Wege zwischen Wohnen, Arbeiten, Kindergarten, Schulen und Einkaufen ermöglichen es, Alltagswege zu Fuß zurückzulegen. Aber nicht nur eine Nutzungsmischung und die Multifunktionalität von Stadtquartieren fördern das Zufußgehen, ebenso wichtig sind die Sicherheit und Barrierefreiheit im öffentlichen Raum, Chancengleichheit und Nutzungsmöglichkeiten für alle sozialen Gruppen, eine hohe Aufenthaltsqualität durch breite Gehsteige und attraktive Platzgestaltungen, die soziale Kontakte und Nachbarschaften entstehen lassen. In Wien tragen Konzepte wie"Stadt fair teilen" und das"50-Orte-Programm" wesentlich zur FußgängerInnenfreundlichkeit bei. Im Rahmen des"50-Orte-Programms" werden in Wien Plät"Stadt fair teilen"- ein Programm für Chancengleichheit im öffentlichen Raum. Abb.© B. ze wie z. B. der Ilgplatz in Wien-Leopoldstadt zu attraktiven Lacina Aufenthaltsorten umgestaltet. Abb.© Karin Zeitlhuber ZUKUNFT DER MOBILITÄT 53 Wie sieht das Auto der Zukunft aus? Auf dem Autosektor sind bereits zukunftsfähige Technologien alternativer Antriebe wie Hybrid- und Elektroantriebe mit Strom aus regenerativen Quellen, Gasmotoren oder durch Fotovoltaik gestützte Elektromobilität erhältlich. In Kürze wird auch die Brennstoffzellen-Technik marktreif. Bei der dabei verwendeten Wasserstoff-Verbrennung verlässt nur Wasserdampf den Auspuff. WissenschaftlerInnen, wie etwa die ForscherInnen des Fraunhofer Instituts, gehen davon aus, dass sich in näherer Zukunft ein Mix aus kleineren Elektrofahrzeugen für den Stadtverkehr und herkömmlich betriebenen Automobilen für längere Strecken durchsetzen wird. Abb.© Salzburg AG Wo werden wir parken? Neben dem Flächenbedarf des fließenden Kfz-Verkehrs ist der Flächenbedarf des ruhenden Verkehrs gerade in den Innenstädten ein wachsendes Problem. Eine zusätzliche Umweltbelastung stellt der Parksuchverkehr dar, der im Innenstadtbereich rund 20% des Verkehrsaufkommens ausmacht. Wie kann der Raum, der zum Parken benötigt wird, in Zukunft effizienter und attraktiver gestaltet werden? Parkraumbewirtschaftung und ein intelligentes Parkraummanagement sind dabei genauso Thema wie innovative Parkraumkonzepte, z. B. mechanische Hoch- und Tiefgaragen, Parksafes und Parklifte. Abb.© ausmotive.com/ VW Berliner CarLoft: Architekt Manfred Dick entwickelte ein Wohnprojekt, bei dem man den Wagen mit einem Aufzug bis auf die Terrasse fahren kann. Abb.© www.carloft.de Preisträger des StudentInnen-Wettbewerbs"Parkplätze für Ernsting’s family in Coesfeld-Lette", bei dem eine Lösung für eine zentrale Parkierungsanlage gesucht wurde. Abb.© Lars Thier 54 ZUKUNFT DER MOBILITÄT Was kann Verkehrsmanagement leisten? Dynamische Verkehrsleitsysteme und IT-gesteuerte Informationsdienste für den Kraftfahrzeugverkehr und den öffentlicher Verkehr, die auf eine Optimierung der Verkehrsflüsse abzielen, sind bereits Stand der Technik. Laufende Verbesserungen bei der Datenerfassung und –auswertung sowie die Kombination der Daten­ sätze unterschiedlicher Verkehrsmittel machen die Verkehrsinforma­ tionen immer exakter und sollen Hilfestellung bei der Routen- und Verkehrsmittelwahl sowie bei der Parkplatzsuche bieten. www.AnachB.at- das Echtzeit-Verkehrsinfo-Service von ITS Vienna Region für Wien. Abb.© www.anachb.at Abb.© B. Lacina Wie bewegen wir uns in Zukunft durch unsere Stadt? Abb.© Opel Werden Fahrzeuge kommunikativ? In Zukunft werden die Fortschritte auf den Gebieten Vernetzung und Kommunikation einen wesentlichen Beitrag zu den Innovationen im Fahrzeug liefern. Vernetzung ist hier nicht nur die Vernetzung der Systeme im Fahrzeug, sondern vor allem die Vernetzung des Fahrzeugs mit der Umgebung. Fahrerassistenzsysteme und Telematikanwendungen erlauben eine neue Aufgabenverteilung zwischen Fahrer und"intelligentem Fahrzeug". Fahrzeuge tauschen sich per Funk fortwährend mit dem Gegenverkehr, dem Vordermann und Schildern am Fahrbahnrand aus. Automatisch finden sie sich zu einem Konvoi zusammen, der Luftwiderstand sinkt. Informationen über Unfälle, Staus und den Straßenzustand werden weitergereicht, ein zentraler Verkehrscomputer schlägt Ausweichrouten vor und schaltet bei Bedarf sogar zusätzliche Fahrspuren frei. Ampeln wissen sofort, wie viele Autos an der Haltelinie warten und wohin diese wollen. So können sie das optimale Tempo für die grüne Welle vorgeben. ZUKUNFT DER MOBILITÄT 55 Jens Dangschat(r.) im Gespräch mit Brigitte Lacina(l.) Ein Gespräch mit dem Stadtsoziologen Jens Dangschat Geboren 1948 in Wiesbaden, Soziologiestudium in Hamburg, von 1993 bis 1998 Professor an der Universität Hamburg, seit 1998 Professor für Siedlungssoziologie und Demografie an der Technischen Universität Wien, Fachbereich Soziologie. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Soziale Ungleichheit und Segregation, Partizipation und kommunale Regulation, Raum- und Planungsthe­ orie, soziale und soziologische Aspekte nachhaltiger Regionalentwicklung, Verkehrsverhaltens-Forschung. 56 ZUKUNFT DER MOBILITÄT Auf dem Weg zur nachhaltigen und sozial gerechten Mobilität Als Stadtsoziologe befasst  du dich auch mit dem Thema"Verkehr und Mobilität". Du erforschst insbesondere die Zusammenhänge zwischen sozialem Milieu und Verkehrsverhalten, und hier spielt auch die Frage der Verkehrsmittelwahl hinein. Was ist aus deiner Sicht notwendig, um ein Umdenken bei der Verkehrsmittelwahl zu erreichen? Heute geht es vor allem darum, Verkehr zu vermeiden, die Wege mit umweltfreundlicheren Verkehrsmitteln zurückzulegen und die dann immer noch notwendigen Verkehre effizienter zu machen, d. h. mit weniger Verbrauch an fossilen Brennstoffen, mit weniger CO 2 -Belastungen, weniger Feinstaub- und Lärmbelastung. Um dieses zu erreichen, werden in der Raumplanung und den Kommunalund Regionalverwaltungen jedoch die falschen Wege eingeleitet, indem man fast ausschließlich auf technologische Innovationen setzt. Diese entsprechen dem naturwissenschaftlich-technologischen Denken – die Zukunft fest im Griff – und lässt sich über Anreizsysteme der öffentlichen Hand fiskalisch steuern, aber sie haben bislang nichts daran geändert, dass die Umweltbelastung aus dem Verkehrsbereich zurück gegangen ist – übrigens der einzige größere die Umwelt belastende Bereich, in dem sich noch keine Trendwende abzeichnet. Wir haben beispielsweise innerhalb eines EU-Projektes zur nachhaltigen Entwicklung der Region Wien festgestellt, dass etwa die Hälfte des ökologischen Fußabdrucks, also die Hälfte der Spuren der ohnehin zu großen Füße der Westeuropäer, die wir der Zukunft hinterlassen, ausschließlich auf den Verkehr zurückzuführen ist. Die wesentliche Ursache hierbei ist das Verkehrsverhalten – genau darauf hat die Stadt Wien in ihrem Klimaschutz-Programm jedoch keine ihrer Maßnahmen zur Zurückführung tet. ihrer CO 2 -Belastung gerichWas sollte man aus deiner Sicht denn tun? Man sollte sich an den umfangreichen, aber zugegebenermaßen schwierig zu beeinflussenden Teil auch heranwagen. Dazu muss man zuerst einmal mehr über die Motive, Anlässe und Wertvorstellungen der Menschen erfahren – und das ist nicht einfach, denn Menschen verhalten sich in wechselnden sozialräumlichen Umgebungen immer wieder unterschiedlich. Grundsätzliche Werthaltungen treffen dabei auf spontane Herausforderungen, zufällige Kontakte mit Freunden und Bekannten und Routinen der Bewegung im Raum. Vor dem Hintergrund sind Prognosen über das Verkehrsverhalten von Menschen weitaus schwieriger als das Zusammenwirken von Klimaeinflüssen auf Brückentragwerke oder Fahrbahnoberflächen – dorthin wird jedoch deutlich mehr Forschungsgeld geleitet. Klagen hilft hier jedoch nicht weiter, was kann man denn tun, um"das Rätsel Mensch" zu entschlüsseln? Da würde ich als Soziologe antworten: Mit einer differenzierten Handlungstheorie, die vor allem mehrdimensionale Aspekte der sozialen Ungleichheit – eben Geschlecht, Einkommen, Zuwanderungsgrund und Haushaltstyp zusammen – betrachtet, die räumliche Kategorien wie Lage und Erreichbarkeit sowie Ausstattungsmerkmale einbezieht und vor allem den grundlegenden Verhaltensdispositionen mehr Raum gibt. Das ist mir zu wissenschaftlich, zu abstrakt. Du argumentierst dabei immer mit"sozialen Milieus". Was ist das und welche Vorteile hat man, wenn man sie berücksichtigt? Soziale Milieus lösen das Problem der"statistischen Zwillinge". Damit sind zwei Personen gemeint, die beispielsweise beide weiblich, zwischen 30 und 40 Jahre, verheiratet und erwerbstätig sind und einen Matura-Abschluss haben, aber andere Wertvorstellungen und daher andere Präferenzen für ihren Wohnstandort haben und damit auch das Verkehrssystem anders nützen. In der Verkehrsverhaltensforschung werden zu meiner Überraschung überwiegend sehr einfache Erklärungsmodelle verwendet, deren Erklärungskraft für unterschiedliches Verkehrsverhalten daher schrittweise nachlässt, weil sie die gesellschaftliche Ausdifferenzierung immer schlechter abbilden. Genau hier setzen die Milieu-Ansätze ein, die übrigens überwiegend aus der Marktforschung kommen. Milieus basieren auf Wertegemeinschaften, d. h. auf ZUKUNFT DER MOBILITÄT 57 Gemeinsamkeiten dessen, was man gut findet und was man ablehnt. Okay, man kann nun nach deiner Meinung mit Hilfe solcher komplexeren Modelle das unterschiedliche Verkehrsverhalten besser erfassen damit ändert sich jedoch noch nichts im Verkehrsverhalten! Richtig, das differenzierte Wissen ist nur die Voraussetzung. Immerhin weiß ich aber, warum eine soziale Gruppe lieber beim Auto bleibt, als den öffentlichen Verkehr zu nutzen. Hier setzt nun die Mobilitätsberatung ein. Im Gegensatz zur Verkehrsberatung, bei der die einmal gewählten Verkehrsmittel in ihrer Nutzung beispielsweise durch verkehrslenkende, meist technische Maßnahmen optimiert werden, setzt die Mobilitätsberatung auf Aufklärung, Information, Innovation und Gespräche. Natürlich wird es immer einen harten Kern geben, die sich darauf nicht einlassen will, es gibt aber einen gewissen Hinweis aus der Forschung, dass vor dem Hintergrund des steigenden Umweltbewusstseins und der steigenden Mobilitätskosten der Kreis der"Hinhörer" größer wird. Erst wenn ich weiß, warum bestimmte Menschen in ihrer Weise handeln, erst dann habe ich Anhaltspunkte dafür, wie die Mobilität nachhaltiger gestaltet werden kann. Nun haben wir bei dem Ziel einer nachhaltigen Mobilität auch andere Ziele als die der Ziele des Umweltschutzes. Mobilität ist auch die Voraussetzung für eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft! Da hast du Recht. Hier gibt es Gruppen, die in der Mobilitätsforschung – aber auch in der Soziologie – weitgehend übersehen werden, obwohl diese nicht nur umfangreich sind, sondern auch im zunehmend modernisierten Mobilitätssystem einen immer schwierigeren Zugang haben – das sind Menschen mit eingeschränkten Sinneswahrnehmungen und körperlichen Einschränkungen, Menschen mit wenig Geld und Menschen, die durch das komplexe großstädtische Mobilitätssystem sprachlich, kulturell oder intellektuell überfordert sind. Diese Gruppen werden meist dahingehend analysiert, ob sie Auto- oder mit der Straßenbahn fahren können oder nicht. Die Schwierigkeiten liegen aber nicht dabei, sondern schon auf dem Fußweg dort hin. Rollstuhlfahrer, Blinde, Seheingeschränkte, Gehörlose, Gehörgeschädigte, Taubstumme- diese Gruppen haben enorme Schwierigkeiten, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. Fußwege durch den öffentlichen Raum, zum Bahnhof, im Bahnhof sein, die Bahn zu benutzen- jeder Weg, den sie neu machen, ist ein Abenteuer. Die Vorstellungswelt dieser Gruppe taucht auch bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes ganz selten auf. Aber an und für sich haben wir die Leitstelle für alltagstaugliches und frauengerechtes Planen und Bauen... ... die wird aber zu spät in die Planungsprozesse einbezogen. Das Bewusstsein für diese Gruppen steckt nicht in den Köpfen derer, die für die Planung zuständig sind. Gehöreingeschränkte etwa hören teilweise Verkehrsmittel nicht, Fahrräder sind für sie eine absolute Gefährdung, insbesondere dort, wo die Fahrradwege und die Fußwege gemeinsam geführt werden. Und auch künftig Elektroautos hören sie nicht und sind daher schon völlig verunsichert. Und diese Verunsicherung ist ein großes Thema bei den Behinderten. Sie führt dazu, dass sie einfach immer wieder Wege unterlassen, im öffentlichen Raum nicht präsent sind. Welche Strategien sind notwendig, um in Zukunft sozial gerecht verteilte Mobilitätschancen gewährleisten zu können? ExpertInnen müssen früher einbezogen werden, schon bei der Planung, nicht erst bei der Abnahme von Bauprojekten. Viel liegt daran, dass die Welt der Behinderten – und da schließe ich mich auch nicht aus – in unseren Vorstellungen nicht existiert. Es wird einfach zu sehr von den gesunden Menschen ausgegangen. Wir gehen immer nur vom gesunden Mann aus, der voll erwerbstätig ist. Höreingeschränkte haben beispielsweise zudem gar keine professionelle Vertretung. Die Kommunen haben für Kinder und alle möglichen Gruppen eine Sozialeinrichtung. Unter den Behinderten haben nur die Rollstuhlfahrer eine gewisse Unterstützung und die Blinden. Aber die mit den Rollies oder die Stockgeher, was ja eine Vorstufe zum Rollstuhlfahrer sein kann, haben keine Vertretung. Eine Lobby gibt es dann, wenn ein ökonomisches Interesse besteht. Die Frage nach sozial gerechten Mobilitätschancen betrifft ja auch die alternde Gesellschaft. Jede Prognose sagt, wir gehen einer alten Gesellschaft entgegen. Wenn ich von Mobilität im Alter spreche, denke ich meist an eingeschränkte Mobilität bezogen auf körperliche Dinge. Auf Demenz, auf Gehprobleme. Aber was völlig übersehen wird, ist: die Sinneswahrnehmungen gehen zurück. Ältere Menschen können nicht mehr so gut differenzieren, sie werden immer verunsicherter. Farbliche Kontraste sind beispielsweise sehr wichtig, Haltestangen müssen von den Kontrasten her sehr gut sichtbar sein. Ein Problem sind die Haltegriffe; ab einem bestimmten Gesundheitszustand kann ein älterer Mensch das Körpergewicht nicht mehr auffangen. Die Beschleunigung in den modernen Straßenbahnen sind für ältere Menschen ein Problem. Der ULF ist als Transportmittel für ältere Menschen nicht geeignet, da er zu schnell beschleunigt und zu scharf abbremst. Die alten Leute bereiten sich frühzeitig auf das Aussteigen vor, d. h. sie stehen und sitzen noch nicht, wenn die Straßenbahn beschleunigt, und noch nicht, wenn sie abbremst. Das Problem ist zum einen das Verhalten der Bimfahrer und zum anderen eine Technologie, die den Transport schneller macht. Das heißt die vielen technischen Optimierungen übersehen völlig ältere Menschen, Menschen mit eingeschränkten Sinneswahrnehmungen. 58 ZUKUNFT DER MOBILITÄT Räumliche und auch geistige Mobilität ist in Zukunft ein zentrales Thema für Arbeit. Einerseits wird ja die Mobilität am Arbeitsmarkt immer wieder gefordert, andererseits denken die Stadtplaner immer die Stadt der kurzen Wege, die verbunden ist mit lokalen Netzwerken, hoher lokaler Identität, Nachbarschaft. Wie passt das eigentlich zusammen? Gibt es Ideen für die Stadt der kurzen Wege, die auf zukünftige Mobilitätsansprüche auf dem Arbeitsmarkt abgestimmt sind? Die Stadt der kurzen Wege hat mit den Bedingungen des Arbeitsmarkts für mich nur wenig miteinander zu tun. Stadt der kurzen Wege bedeutet von der Planungsseite her eine möglichst gute Nutzungsmischung und insbesondere eine räumliche Überlagerung von Arbeiten und Wohnen. Ob die Menschen auch tatsächlich an einem Ort arbeiten und wohnen, kann jedoch von einem Stadtplaner nicht beeinflusst werden. Die Entscheidungsmuster dafür, eine Wohnung und eine Arbeit zu finden, sind innerhalb einer Stadtregion sehr unterschiedlich. "Stadt der kurze Wege" bedeutet für mich zweierlei: was kann ich planerisch tun – nämlich eigentlich wenig – und was wird dann tatsächlich als Aktionsraum gelebt. Es gibt sicherlich einen verstärkten Trend, dass immer mehr Menschen sagen"ich will innenstadtnah wohnen, denn da kann ich zu Fuß gehen, das Fahrrad nehmen, ich habe alles, was ich brauche, im Grätzel". Eine kurze Schilderung: Mobilität im Jahr 2030, wie wird das ausschauen? Kein Auto mehr im heutigen Sinne, Antriebssysteme und Steuerungs­ systeme verändern sich – das, was ich in Aspern umgesetzt sehen möchte. Ich stelle mir die Mobilität in Aspern, Stadt des 21. Jahrhunderts, so vor: Wenn man aus der U-Bahn aussteigt, fahre ich mit dem gleichen Ticket im Aspern-Mobil weiter. Das sind kleine Einheiten – Smartgröße oder auch etwas größer, wie ein Van – da steig ich dann ein gebe meine Adresse oder einen Code ein und schon fährt mich das Vehikel dahin. Es gibt kein Lenkrad, keine Bremse, kein Gaspedal, man fährt auf diesen Induktionsschleifen, Abstandwarnsystemen, … Wenn ich dann ausgestiegen bin, sagt dem Gefährt ein integriertes System, wie der Bedarf ist und es schnurrt dann automatisch zurück. Während es auf den nächsten Einsatz wartet, lädt es sich wieder auf. Strom bekommen wir natürlich auch sauber – alles ist CO 2 frei, energieneutral, weitgehend ohne schadstoffhaltige Emissionen. Und all diese Dinge entwickelt von der TU Wien, in Kooperation mit einem Hersteller dieses Prototyps, den man auch weltweit vermarkten kann. Es gibt für Fußgänger den Verkehr ebenerdig, man kann über die Straße laufen, die Kinder können spielen, weil diese Fahrzeuge sanft abbremsen und dann wieder beschleunigen. Ein sehr entschleunigter Verkehr für die letzten Wege bis zur Arbeit mit Abstellflächen. ZUKUNFT DER MOBILITÄT 59 Was bewegt uns morgen? Ein Beitrag von Angelika Winkler Angelika Winkler Stellvertretende Abteilungsleiterin MA 18- Stadtentwicklung und Stadtplanung, Magistrat der Stadt Wien Geboren 1967, Studium der Raumplanung und Raumordnung auf der TU Wien, seit 1983 im Magistrat der Stadt Wien beschäftigt, ab 2005: Leiterin des Referates Verkehrsplanung und Mobilitätsstrategien in der MA 18) mit den Arbeitsschwerpunkten Strategische Verkehrsplanung für alle Verkehrsträger, U-Bahn-Planung und Straßenbahnplanung, Planung Hauptstraßennetz Wien, Fußgängerplanungen, Mobilitätsmanagement und-strategien Schwebende Autos, fahrerlose Steuerung, elektronische Deichsel oder doch flanierende Spaziergänger, radelnde Geschäftsfrauen und tratschende Jugendliche. Klar ist, der Verkehr nimmt laufend zu, die Verkehrsflächen sind aber begrenzt. In Zukunft wird der Mensch mehr im Mittelpunkt stehen, unterstützt durch die Mobilitätsangebote der Zukunft, die sich heute schon abzeichnen. Die Mobilität der Zukunft wird sich vor allem in den Köpfen der Menschen abspielen müssen. Nicht mehr die Frage, wie fahre ich mit dem Auto von A nach B, sondern die komplexe Aufgabe, welches Verkehrsmittel wähle ich für welchen Weg oder Zweck, wird im Vordergrund stehen. Die Verkehrswelt wird multimodaler. Mit dem Auto zu S-Bahn, mit dem Rad in der U-Bahn und doch nicht mit dem Auto in die Innenstadt? Diese Entscheidungen trifft jede jeden Tag und mehrmals pro Woche. Mit etwas Nachdenken und dem Wissen über die Auswirkungen der persönlichen Mobilität auf das Gesamt­system Stadt(Verkehrsbelastung, Kosten,...) fallen diese Entscheidungen bereits heute in Wien zugunsten der Verkehrsmittel des Umweltverbundes(öffentlicher Ver­ kehr, Fahrrad, zu Fuß gehen mit einem Anteil von 66%) aus, Tendenz steigend. Im Sinne der Nachhaltigkeit ergänzen sich die Verkehrsmittel des Umweltverbundes gegenseitig und stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Gemeinsames Ziel ist es, den KFZ-Verkehr auf diese umweltfreundlichen Fortbewegungsarten zu verlagern und somit zu reduzieren. Der Verzicht auf das Auto hat immer weniger ökonomische Gründe. Bei Arbeits- und Ausbildungswegen wird heute schon in Wien das Auto immer weniger benutzt. Vor allem besser Verdienende verzichten bewusst auf den Besitz eines Autos. Bei allen anderen ist ein weiterer Anstieg der Motorisierung zu beobachten, der umso stärker ausfällt, je niedriger das Einkommen ist. Freiwilliger Autoverzicht ist offensichtlich ein Ergebnis des steigenden Wohlstandes und ein Rückbesinnen auf immaterielle Werte. Es kommt mehr Bewegung in die Mobilität. Bewusst im Alltag mehr zu Fuß gehen oder mit dem Rad zu fahren hält nicht nur fit und trägt zur Gesundheit bei, sondern verhilft auch einer Großstadt zu einer nachhaltigeren Mobilität, die gleichzeitig urban ist. Begegnung im öffentlichen Raum, mehr Platz und Zeit für persönliche Beziehungen und direkte Kommunikation. Urbanität sind nicht die verstauten Autobahnen, sondern die tägliche Interaktion der Bewohnerinnen in einem attraktiven öffentlichen Raum. Bewusste Verlangsamung in einer komplexen Hochgeschwindigkeitswelt bringt ein Vielfaches an Erlebnis- und Lebensqualität für jeden selbst, aber auch für die anderen. Denn schlecht ist immer nur der Verkehr, den die anderen verursachen, und nicht der eigene. Wien ist eine Stadt mit einem der längsten Straßenbahnnetze weltweit, 60 ZUKUNFT DER MOBILITÄT die WienerInnen lieben ihre U-Bahn über alles. Das merkt man auch an der Beliebtheit und Nutzung des öffentlichen Verkehrs, die stetig weiter steigen. Aber es geht noch mehr. Bis zum Jahr 2020 sollen in Wien 40% der Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden, heute sind es bereits 35%. Die Wiener bleiben aber immer seltener "ihrem" Verkehrsmittel treu. Es wird kombiniert und gewechselt, was das Zeug hält. Auch im öffentlichen Verkehr wird es ein differenziertes Angebot geben müssen. Fahrradständer an jeder Haltestelle der Straßenbahnen, City-Bike-Stationen an den U-Bahnen. Für die zunehmenden flexibleren Arbeitsverhältnisse wie Teilzeit oder Telearbeit sind die derzeitigen Tarifangebote zu starr – zwischen Monatskarte oder Einzelfahrschein gibt es nicht mehr viel? Maßgeschneiderte flexible Abrechnungsmodalitäten werden darauf reagieren müssen. Das digitale Zeitalter wird auch vor den Fahrscheinen nicht haltmachen, die Mobilität für unterschiedliche Verkehrsmittel aus einer Hand ermöglichen. Schnell mal am Handy den billigsten oder schnellsten Weg abgefragt, maßgeschneiderte Information, abgestimmt auf das eigene Nutzerprofil und die persönlichen Vorlieben herausgefiltert und auch gleich mit dem Handy bezahlt. Preise werden sich je nach Nachfrage unterschiedlich gestalten, wie es heute bereits bei den Fernreisen der Fall ist. Wer fährt eigentlich in Wien noch nicht mit dem Rad? Vieles wurde in den letzten Jahren in den Ausbau der Radweginfrastruktur gesteckt. Generell fahren Männer immer noch tendenziell mehr und häufiger mit dem Rad als Frauen. Die steigende Radnutzung korreliert mit dem sinkenden Motorisierungsgrad und dem steigenden Haushaltseinkommen. Um all jenen, die noch nicht mit dem Fahrrad fahren, den Umstieg zu erleichtern, geht es natürlich um den weiteren Radwegebau und um sichere Abstellanlagen. Die beste Werbung fürs Radfahren sind aber die RadfahrerInnen selbst, das Sichtbarmachen des Fahrrades im öffentlichen Raum. Es gilt als schick, mit dem Rad zu fahren. Es gibt keine Korrelation zwischen der Zunahme der Fahrradhäufigkeit und dem Anwachsen des Radwegenetzes. Radfahren beginnt im Kopf, es ist dann unerheblich, ob aus ökologischen, gesundheitlichen, gesellschaftspolitischen oder Zeitersparnisgründen, Hauptsache, es wird mit dem Rad gefahren. Straße fair teilen heißt mehr Flächen für die Fußgänger und RadfahrerInnen. Durch die Entschleunigung und der dadurch möglichen besseren gegenseitigen Rücksichtnahme wird wieder der Mensch in den Vordergrund gerückt. Direkte Kontakte sind erwünscht und vorprogrammiert. Es geht um ein Miteinander bzw. zumindest um ein konfliktfreies Nebeneinander der verschiedenen VerkehrsteilnehmerInnen, wo jeder auf die andere Rücksicht nimmt und die Verantwortung nicht an unbeteiligte Verkehrsschilder delegiert wird. Was kann eine Stadt zur Zukunft der Mobilität beitragen? Schwerpunkt in den nächsten Jahren wird das Anstreben der weiter oben beschriebenen Zielsetzungen sein, aber auch ein Fokussieren auf die"weichen" Maßnahmen. Verstärkte Bemühungen werden in Lenkungsmaßnahmen zu setzen sein, wie Pflichtabstellplätze in der Bauordnung oder verstärktes- an Zielgruppen orientiertes Marketing z. B. fürs Radfahren. Mobilitätskonzepte für Schulen und Amtshäuser befassen sich direkt mit der Mobilität der einzelnen NutzerInnen. Es geht um die verstärkte Auseinandersetzung jedes einzelnen Bürgers mit den Fragen der täglichen Mobilität und dem Wissen um alternative Angebote. Gleichzeitig gilt es aber auch durch eine intelligente Steuerung des KFZ-Verkehrs(Parkraumbewirtschaftung, Verkehrsberuhigung usw.) zur Verlagerung auf umweltfreundlichere Verkehrsarten. Fürs"gescheit unterwegs" sein, das der Masterplan Verkehr 03/08 propagiert, bedarf es aber noch weite mehr an Köpfchen und Herz- seitens der Stadtverwaltung, aber auch seitens der BürgerInnen. Mehr Verantwortung des Einzelnen gepaart mit dem Angebot an bedarfs- und umweltgerechten Mobilitätsangeboten zu unterschiedlichsten Preisen, um die mannigfaltigen Bedürfnisse einer urbanen Gesellschaft auch in Zukunft adäquat stillen zu können. ZUKUNFT DER MOBILITÄT 61 62 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT Vertikale Gärten. Abb.© Patrick Blanc Umweltgerechte und nachhaltige Zukunft Nachhaltiger Städtebau Städtebau ist immer verbunden mit Eingriffen in natürliche Prozesse. Der hohe Energie- und Flächenverbrauch, Abgase und Müllberge gefährden die Ressourcen für zukünftige Generationen. Angesichts der großen, von der Stadt verursachten Umweltprobleme sind Konzepte für einen ökologisch nachhaltig konzipierten Städtebau notwendig, um die Zukunftsfähigkeit der Städte zu gewährleisten. Nachhaltiger Städtebau bezieht die gesamte Siedlungsstruktur mit ein und muss soziale und schließlich auch ökonomische Faktoren berücksichtigen. Die Handlungsfelder für die Entwicklung einer nachhaltigen Stadt sind somit vielfältig. Die Einsparung von Ressourcen wie Fläche, Energie und Wasser sowie die Reduktion von Verkehr, Abfall und Emissionen und die Lösung sozialer Probleme zählen zu den vordringlichsten Themen der Stadt von morgen, um"den Bedürfnissen der heutigen Generation zu entsprechen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen." (Brundtland-Report 1983) UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT 63 Auf dem Weg zur Zukunfts­bestän­digkeit Ein wichtiger Schritt in Richtung nachhaltige Lebensweise wurde bereits 1992 auf der"Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen" in Rio mit der Einführung der Lokalen Agenda 21 gemacht. Hierbei sind die Kommunen der Welt aufgefordert, im Dialog mit der Bevölkerung Handlungsprogramme für eine nachhaltige Entwicklung zu entwerfen und Lösungen für die steigenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme zu erarbeiten. Der Rio-Konferenz folgten eine Reihe weiterer Schritte auf dem Weg zur Zukunftsbeständigkeit wie die Charta von Aalborg:"Wir haben die Vision integrativer, prosperierender, kreativer und zukunftsfähiger Städte und Gemeinden, die allen Einwohnerinnen und Einwohnern hohe Lebensqualität bieten und ihnen die Möglichkeit verschaffen, aktiv an allen Aspekten urbanen Lebens mitzuwirken."(Auszug aus: Aalborg Commitments 2004) Das Konzept der Nachhaltigkeit zielt auf eine dauerhaft zukunftsfähige Entwicklung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension menschlicher Existenz ab. Diese drei Säulen der Nachhaltigkeit stehen miteinander in Wechselwirkung. Abb.© Alexandro Kleine, 2008 In Wien wurden im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung bezirksweise Lokale Agenden 21 installiert, um die Bevölkerung in die zukünftige Gestaltung ihres unmittelbaren Lebensumfeldes mit einzubeziehen. Abb.© LA 21 Alsergrund Abb.© Agenda Wien-Margareten Im Hafengebiet südlich von Malmö entstand das Projekt"bo 01- City of tomorrow- Die Stadt von morgen", bei der die benötigte Energie vor Ort aus erneuerbaren Quellen erzeugt wird: Wind, Sonne und Wasser. Die dazu notwendige Technik ist bewusst in die Architektur integriert. Abb.© Väsk 64 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT Die umweltgerechte Stadt Weltweit sind Bestrebungen im Gange, Strategien gegen die negativen Auswirkungen des Städtebaus auf die Umwelt zu entwickeln. Der Einsatz von innovativen Technologien, energieeffizientem Wohnungsbau, umweltfreundlicher Energieversorgung, integriertem Wassermanagement, intelligenten Verkehrssystemen, neuen Wegen in der Abfallwirtschaft und Grünflächensicherung sind nur einige der Forderungen an die Stadt der Zukunft. Als Modellprojekt für eine nahezu emissionsfreie und sich selbstregulierende Stadt präsentiert sich z. B."Masdar City", welches östlich von Abu Dhabi errichtet wird. Der Energiebedarf für die rund 50.000 EinwohnerInnen soll vollständig durch erneuerbare Energien abgedeckt werden. Solarthermische Kraftwerke(STK) transformieren Sonnenenergie mit Hilfe von Spiegelkonfigurationen und liefern über Wärmespeicher auch dann Strom, wenn die Sonne untergegangen ist. Ein konsequentes Recyclingsystem zielt auf eine massive Reduktion des Abfalls."Masdar City" soll zudem einen signifikant reduzierten Wasserverbrauch aufweisen und dank eines unterirdischen Verkehrssystems autofreie Straßen haben. Abb.© Foster+ Partners Verlangsamung als Strategie Die"Slow-City-Bewegung" ist ein Beispiel für eine zielgerichtete nachhaltige Stadtentwicklung, die als Zielsetzung die Förderung von regionalen Besonderheiten und des städtischen Charakters hat. Die neue Langsamkeit ist dabei nicht als rückständig zu verstehen, sondern will mit Blick in die Zukunft durch nachhaltige Lösungsansätze die Lebensqualität in der Kommune verbessern. Neue Technologien zur Verbesserung der Umweltqualität und der Stadtstruktur werden eingesetzt und sozial, ökologisch und ökonomisch sinnvolles Flächenmanagement betrieben. Auch ist die Slow-City-Bewegung eng mit der Slow-Food-Bewegung verbunden, die sich als Gegenströmung zur FastFood-Kultur entwickelt hat. Welche Rolle spielen Umwelt und Technologie? In den Niederlanden ist die Nutzung von Wasserflächen für städtebauliche Entwicklungen Standard. Schwimmende Städte allerdings, die ihre Energie völlig autonom aus Solarenergie, Windkraft und aus den Strömungen unterhalb der Stadt produzieren, als Antwort für den prognostizierten steigenden Meeresspiegel, sind noch nicht umsetzbar. Abb© Vincent Callebaut UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT 65 Wie sehen zukunftsfähige Technologien aus? Insbesondere im Energiebereich gibt es weitreichende Entwicklungen bei umweltfreundlichen Technologien. Mit Solar-, Wind- und Abfallenergieanlagen können Gebäude schon heute ihren eigenen Energiebedarf decken, teilweise produzieren sie sogar einen Überschuss. Begrünte Fassaden, Wintergärten, Speicherböden und-wände sowie die Ausnutzung der Sonnenwärme durch große Fensterfronten an der Südseite ermöglichen das Einsparen von Heizwärme. Nicht zuletzt sind hierbei die benutzten Baumaterialien sehr entscheidend. Das Passivhauskonzept hat sich in den letzten Jahren von der innovativen Idee mit Experimentalcharakter zur anerkannten Bauweise der Zukunft entwickelt. Bei dem zukunftsweisenden Bürogebäude ENERGY-base in Wien-Floridsdorf kann durch die Anwendung des Passivhausstandards und dem Einsatz erneuerbarer Energieträger(Geothermie, Solarenergie, Fotovoltaik) der Energiebedarf um 80% im Vergleich zu Bürogebäuden herkömmlicher Bauweise gesenkt werden. Neueste Technologien wie Solar Cooling und natürliche Raumklimatisierung durch Pflanzen kommen dabei zum Einsatz. Abb.© pos Architeken Die Entwicklung der Solar- und Fotovoltaikzellen ist weit fortgeschritten und ökonomisch einsetzbar. Abb.© images provided by permission of www.brightfarmsystems.com Abb.© BMVBS/ Christoph Vohler Im Rahmen des Forschungsprojekts"Haus der Zukunft"- gefördert vom BM VIT- wird anhand eines Gründerzeitbaus gezeigt, dass eine Sanierung alter Bausubstanz zum Passivhaus mit moderner Energietechnik, hohem Raumklimakomfort und neuen Freiräumen durchaus effizient ist. Abb.© pos architekten Das Haus als Kraftwerk Gebäude könnten zukünftig durch einen intelligenten Einsatz von Solarenergie, Wärmedämmung, kontrollierten Lüftungsanlagen etc. mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Technologien zum energieeffizienten Bauen(neueste Dämmstoffe wie Vakuumdämmungen, hochdämmende Fenster sowie Latentwärmespeicher­ materialien) und zur effizienten Bereitstellung von Raumwärme, Warmwasser und Strom werden hier angewendet. 66 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT Cityfarming Gemüse aus dem Hochhaus Städte der Zukunft könnten einen Großteil ihrer Lebensmittel innerhalb der eigenen Stadtgrenzen erzeugen - in hocheffizienten Treibhäusern. "Vertikale Farmen‘‘, also Hochhäuser mitten in der Stadt, könnten mehr Nahrungsmittel erzeugen als traditionelle Bauernhöfe. In den Stockwerken werden Obst- und Gemüseplantagen angelegt, die benötigte Energie soll aus erneuerbaren Quellen stammen, wie etwa beim"lebenden Turm" des Pariser Ateliers SOA, bei dem Windräder auf dem Dach eingesetzt werden. Die Loslösung von öffentlichen Freiräumen von der Erdoberfläche ist Thema des von departure geförderten Projekts von Michael Wallraff. Dabei wird das Potenzial multifunktionaler Dach- und Fassadenlandschaften untersucht, die ins Vertikale gekippt einen Raum zwischen innen und außen, zwischen Gebäude, Stadt und Natur bilden. Abb.© Michael Wallraff Architekten Abb.© www.verticalfarm.com Vertikale Gärten Die wichtigen ökologischen Aufgaben von städtischen Grünflächen, wie die Verbesserung des Wasserhaushaltes und des Mikroklimas oder der Reduktion der CO 2 -Emissionen, sind bekannt. Vertikale Gärten bieten auch bei baulicher Verdichtung die Möglichkeit dieser ökologischen Ausgleichsfunktion. Innovative Technologien, wie etwa die von Patrick Blanc entwickelte Bepflanzungsmethode, zeigen innovative Ansätze zur weiteren Begrünung unserer Städte. Nachbarschaftsgärten als soziale Treffpunkte Um in dicht bebauten Gebieten nutzbare Grünräume zu schaffen, setzen sich die"Nachbarschaftsgärten" oder "community gardens" immer mehr durch. Seit den 70er-Jahren werden Brachflächen in vernachlässigten Stadtteilen New Yorks selbstbestimmt von den BewohnerInnen begrünt. In vielen dieser Gärten arbeiten Menschen aus verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen, Alte und Junge lernen sich beim gemeinsamen Gärtnern kennen und verstehen. Abb.© GB 16 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT 67 ECOCITY-Luftbild. Abb.© Eble Ein Beitrag von Joachim Eble 68 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT ECOCITY – Ein europäischer Ansatz zu nachhaltiger Stadtplanung 1. EU-Projekt ECOCITY Im Rahmen des Projekts ECOCITY Urban structures for sustainable transport wurden mit dem vorrangigen Ziel, durch urbane Strukturen möglichst nachhaltige Mobilität zu gewährleisten, in Tübingen und sechs anderen europäischen Städten neue Stadtquartiere geplant. Im Sinne eines integrierten Nachhaltigkeitsverständnisses berücksichtigte der interdisziplinäre Projektansatz aber auch andere wichtige Planungssektoren wie Energie, Materialflüsse, Wasser und Sozioökonomie sowie Partizipation. 2. ECOCITY Tübingen-Derendingen Grundgedanke des Projekts in Tübingen-Derendingen ist, durch Ausweisung neuer Siedlungsflächen an Haltestellen der geplanten Regionalstadtbahn weitere Landschaftszersiedelung zu vermeiden. Das ECOCITY-Gebiet umfasst drei verschiedene Bereiche: die Industriebrache Wurster & Dietz(jetzt Mühlenviertel), den Verdichtungsbereich Mühlbachäcker und die Grünfläche Saiben. Ziel war die Entwicklung einer Strategie, mit der der Konflikt zwischen Flächenverbrauchsminimierung, Landschaftsschutz und Bedarf an neuen Siedlungsflächen beigelegt werden kann. Bürgerbeteiligung Am Beginn des umfassenden Bürgerbeteiligungsprozesses stand vor Entwicklung des Masterplans eine Perspektivenkonferenz, aus der Visionen für 2020 und eine Liste von Gemeinsamkeiten resultierten. Diese bildeten die Grundlage für den Entwurf zweier unterschiedlicher Szenarien, die in einem zweiten Workshop mit Bürgern und Interessengruppen diskutiert wurden. Es zeigte sich eine hohe Übereinstimmung zwischen den allgemeinen Zielen des ECOCITYProjekts, den Leitlinien nachhaltiger Stadtentwicklung Tübingen 2030 und den Wünschen der Bewohner. Stadtstruktur Für eine nachhaltige Stadtstruktur wird ein neues autofreies Quartier Saiben, das mit Alt-Derendingen vernetzt wird und eine Grünzone zum Bahnbetriebsgelände im Norden als Teil der Sternstadt-Struktur Tübingens hat, vorgeschlagen. Im zentralen Bereich ist eine dichte und kompakte Stadtstruktur, die von den nachverdichteten Mühlbachäckern aus über die Bahnlinie springt, vorgesehen. Eine Hofstruktur stellt nach Süden hin die Verbindung zur dörflichen Bebauung des alten Ortskernes her und eine zur Landschaft orientierte und solarisierte Bebauungsstruktur ergänzt das Quartier am Westrand. Am westlichen Ortsrand Alt-Derendingens wird eine kleinmaßstäbliche Dorferweiterung und für den Bereich Wurster+Dietz eine kompakte, dichte Mischnutzungs- und Gewerbestruktur geplant. Freiraumkonzept Im Rahmen des ökologischen Freiraumkonzeptes wurde ein neuer Stadtrand geplant, der traditionelle Freiraumelemente wie Streuobstwiesen oder Kleingärten sowie ökologische Infrastruktur zur Wasserreinigung und-versickerung enthält, und damit ein Weiterwachsen der Siedlungsstruktur in der Zukunft verhindern soll. Ein Stadtbauernhof am nördlichen Rand der SaibenBebauung soll unter anderem die angrenzende Grünzone mit ökologischem Landbau bewirtschaften, die Produkte dann direkt vermarkten und die Funktion eines Kinderbauernhofes übernehmen. Unterstützt durch urbane Landschaftselemente und Wassergestaltung wurden die öffentlichen Räume insbesondere für Fußgänger und Radfahrer entwickelt. Stadtklima Das Stadtklima wurde z. B. durch das Vergrößern des Querschnitts der Grünzone nördlich des SaibenQuartiers als Luftaustauschbahn und die Nichtbebauung des direkt östlich angrenzenden Mühlbachäcker-Teils berücksichtigt sowie durch ein Gutachten abgesichert. Wasserkonzept Es wurde ein nachhaltiges Wasserkonzept entwickelt, das gegenüber der unbebauten Fläche die Abflussspitzen nicht verstärkt, den Verduns­ tungsan4teil verringern kann und den Versickerungsanteil im Bereich Saiben erhöhen soll- hin zu einem"grundwasserneutralen Stadtteil". Dazu ist unter anderem auch die Versickerung UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT 69 ECOCITY Transport Classification. Abb.© Eble ECOCITY Energiemasterplan. Abb.© Eble von Regenwasser und gereinigtem Grauwasser im Saiben-Quartier vorgesehen. Mobilitätskonzept Innerhalb eines Mobilitätskonzeptes, das auf einem attraktiven schienengebundenen öffentlichen Nahverkehr mit der geplanten Regionalstadtbahn oder einer verbesserten Regionalexpress-Anbindung basiert, wurden angepasste Konzepte für die einzelnen Bereiche nach Klassifizierungen erarbeitet: Autoreduziert in den Mühlbachäckern-Ost, autoarm für das Wurster+Dietz-Areal und ­autofrei im Saiben am vorgeschlagenen Regionalstadtbahnhalt mit Mobilitätszentrale. Das autofreie Konzept soll durch das Angebot von Quartiersdienstleistungen und eines City-Logistik-Konzept, z. B. mit Abhol- und Bringdiensten, unterstützt werden. Energiekonzept Die Stadtstrukturen wurden energe­ tisch optimiert und die Energiever­ sorgungskonzepte wurden zu einem "Rahmenplan Energie" aufbereitet. So ist z. B. für das Wurster+DietzGelände ein Nahwärmenetz auf Holzhackschnitzelbasis als erste Priorität vorgesehen. Für den zentralen Bereich des Saiben-Quartiers ist eine Versorgung mit Holzpellets und Bioöl, das direkt von im Saiben oder in der Region angebauten Sonnenblumen oder Raps gewonnen werden kann, vorgesehen. Am Westrand soll eine Passivhaussiedlung entstehen. Sozioökonomiekonzept Für die einzelnen Teilbereiche wurden differenzierte Mischnutzungskonzepte mit unterschiedlichen Wohn­ formen, Eigentumsformen und Angeboten für Gewerbe erarbeitet. Als Attraktoren für den neuen SaibenStadtteil wird eine Internationale Schule und eine Mehrzweckhalle vorgeschlagen. Diese Halle nördlich der Festwiese soll sowohl von der Schule direkt genutzt werden als auch eine Einrichtung für ganz Derendingen sein. Schlussfolgerung Durch einen integralen Planungsprozess und eine intensive Bürgerbeteiligung gelang es, verschiedene städtische Aktivitäten und mit ECOCITY-Kriterien zu einem nachhaltigen Stadtentwicklungskonzept für Tübingen-Derendingen zu verbinden. 3. E.V.A. Lanxmeer Culemborg Das ca. 40 ha große vorher landwirtschaftlich und gärtnerisch genutzte Gebiet Lanxmeer liegt im Südosten des Stadtgebietes Culemborg und war als Wassergewinnungsgebiet eingestuft. Nach einer Rückstufung wurde ein wertvolles altstadtnahes Entwicklungsgebiet direkt am Bahnhof(15 Minuten Utrecht) zur städtischen Nutzung frei. Die Stadt Culemborg entschied sich schon 1994 für ein innovatives nachhaltiges Entwicklungskonzept, das vom niederländischen Bauministerium VROM als Beispielprojekt für Duurzaam Bouwen ausgezeichnet wurde. Zusammen mit der Stiftung E.V.A. wurden Ziele für Städtebau und Baurealisierung sowie eine sozioökologische Strukturierung des Planungsprozesses mit umfassender Beteiligung der Öffentlichkeit definiert. Um die zentrale Grünzone mit Wasserturm gruppieren sich Quartiere mit differenzierten Nutzungen und Identitäten: Ein Wohnquartier mit autofreien Sonnenhöfen, ein Büro- und Dienstleistungsquartier am Bahnhof, das Pioniersfeld für experimentelles Wohnen und ein gemischt-genutztes Quartier entlang der Bahnlinie sowie das E.V.A.-Zentrum als soziokulturelles Bindeglied und Integrationspunkt. Ein wichtiges Ziel war eine große soziale Vielfalt und Mischung. Umgesetzte Projektbeispiele hierzu sind der Kwarteelhof für gemeinschaftliches Wohnen im Alter, das therapeutische Konzept des Wohnsorg-Projekts zum Zusammenleben von Dementen und jungen Familien mit Tieren und ein Projekt für temporär Wohnsitzlose. Darüber hinaus gibt es Initiativschulen und neue Modelle für Wohnen und Arbeiten. Der städtebauliche Ansatz wird aus der landschaftlichen und hydrogeologischen Strukturierung hergeleitet und beinhaltet einen ökologischen Stadtbauernhof im Nordosten. Durch das Permakulturkonzept, bei dem die Bepflanzung nach Zonen differenziert wird, erhält das Gebiet einen Gartenstadtcharakter. Die Freiräume wurden durch den Bewohnerverein(BEL) mit entwickelt und bewirtschaftet. Dieser Verein ist auch für die Selbstverwaltung des Projekts zuständig und gibt eine Quartierszeitung heraus. In den Freiraum wurde das komplexe ökologische Siedlungswassermana­ gement integriert. Regenwasser wird zurückgehalten, die Straßenabläufe werden versickert und das Grauwas70 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT ser aus Küche und Bad wird in Pflanzenkläranlagen(Helophyten-Filter) im Gebiet gereinigt. Zukünftig soll auch das Schwarzwasser mit einer Living Machine vor Ort behandelt werden. Das CO 2 -neutrale Energiekonzept integriert hohe Gebäudeenergie­ standards, aktive und passive Sonnenenergienutzung sowie die Wärmenutzung aus der Trinkwassergewinnung in Verbindung mit einem Nahwärmenetz. Ein ökologisch und gesundheitlich sehr ambitionierter Materialkatalog und das städtebauliche Farbkonzept schlagen die Verbindung zwischen den einzelnen Quartieren und geben dem E.V.A. Lanxmeer Gebiet seinen unverwechsel­baren Charakter. Der Masterplan wurde als ein offenes Entwicklungskonzept entwickelt, um die Umsetzung ökologischer und sozialer Wohnkonzepte sowie innovativer Gewerbe- und Mischnut­­ zungsprojekte zu ermöglichen. Die Qualitätssicherung und städtebauliche Oberleitung erfolgt durch die Entwurfsgruppe mit Joachim Eble Architektur als Stadtplaner und die Projektgruppe. 4. ECOCITY TainanTaiwan Dieses Projekt beinhaltet die Masterplanung für eine nachhaltige Modellstadt für 40.000 Einwohner, ein Industriegebiet, eine Universität und das EXPO-Gelände an einem Hochgeschwindigkeitszugbahnhof mit bio­klimatischem Städtebau und agriurbanem Verbundkonzept zur Einbeziehung der umgebenden Landschaft in landwirtschaftlicher, energetischer und stadthydrologischer Hinsicht. Für weitergehende Informationen: www.eble-architektur.de Daten: ECOCITY Tübingen Programm: Masterplan Tübingen-Derendingen für 1100 WE+ Gewerbe(3300 EW+ 750 AP) unter Anwendung des ECOCITY-Rahmenwerkes für nachhaltige Stadtentwicklung Ort: Tübingen-Derendingen mit den Bereichen Mühlbachäcker, Saiben, Mühlenviertel und westlicher Rand des alten Ortskernes Größe Plangebiet: 24,2 ha Planungszeitraum: 2002-2005 Planungsteam ECOCITY Tübingen Stadtplanung und Projektleitung: Joachim Eble Architektur Verkehrsplanung: Technische Universität Hamburg-Harburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik Energieplanung: ebök, Tübingen Sozioökonomie: IAW, Tübingen Landschafts- und Wasserplanung: Atelier Dreiseitl, Überlingen Partizipationsprozess: Andreas von Zadow, Potsdam und Helmut Bauer/ UFIT Tübingen Stadtklimatische Beratung: Vogt, Tübingen Städtische Projektleitung: Umweltbeauftragte der Universitätsstadt Tübingen Literaturhinweise ECOCITY Book 1 und Book 2, www.ecocityprojects.net Hartmann, Sybille+ Messerschmidt, Rolf(2005) ECOCITY Nachhaltige Stadtentwicklung- Kommunikation und Beteiligung in einem Forschungsprojekt in Kommunikation Gestalten, Rösener, B.+ Selle, K.(Edit.) Dortmund 2005 Gaffron, Philine+ Wagner, Tina: ECOCITY-Integrierte Planung nachhaltiger Stadtstrukturen in: PlanerIn 2_06 Förderung Das Projekt"ECOCITY-Urban Development towards Appropriate Structures for Sustainable Transport" wurde von der Europäischen Kom­ mission unter der Leitaktion"City of Tomorrow and Cultural Heritage" im 5. EU-Rahmenprogramm als Forschungs- und Demonstrationsprojekt gefördert. Joachim Eble, Freier Architekt BAU BDA, Leiter des Büros Joachim Eble Architektur in Tübingen. Als einer der Pioniere im ökologischen und biologischen Bauen hat er mehr und mehr das Prinzip der integralen Planung von Architektur – Städtebau - Freiraum und Infrastruktur verfolgt und viele nachhaltige Projekte im Wohn- und Siedlungsbau, Gewerbebau und Städtebau realisiert. Ein frühes Beispielprojekt ist die Ökosiedlung Schafbrühl in Tübingen, gefolgt von Pionierbauten wie dem ökologischen Stadtquartier Prisma in Nürnberg Gostenhof oder dem holländischen Beispielprojekt eines"Duurzaam Stedenbouw" EVA Lanxmeer in Culemborg. In jüngerer Zeit liegt der Fokus auf Baugruppenprojekten in Passivhausbauweise und im Städte­ bau auf nachhaltigen Stadtentwicklungsprojekten im In- und Ausland. Diese Projekte bauen auf den Ergebnissen des EU-Forschungsprojektes ECOCITY auf, einem europäischen Projekt mit 7 beteiligten Ländern, in denen Jochim Eble Architektur das Deutsche Team geleitet hat. UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT 71 Ein Beitrag von Ursula Maria Constanze Schneider Energy base; Passivhausbürogebäude mit Nutzung erneuerbarer Energie. Abb.© Hertha Hurnhaus 72 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT Nachhaltig bauen für die Stadt der Zukunft Nachhaltig bauen ist ein umfassendes Programm, dem wir uns, nach einem halben Jahrhundert der zunehmenden Maßlosigkeit und endlosen Machbarkeitsgläubigkeit, wieder anzunähern versuchen. In diesem Programm ist der Begriff Energieeffizienz(Reduktion des Verbrauches und Steigerung des Wirkungsgrades) ein erstes Kernthema gewesen, das in den vergangenen 20 Jahren stark beforscht wurde und unter anderem als eines der wesentlichsten Ergebnisse den Passivhausstandard hervorgebracht hat. Da 95% der Gebäude Bestandsgebäude sind, ist oberstes Ziel, Passivhausstandard in der Sanierung anzuwenden, in einem ganzheitlichen Sanierungskonzept gleichzeitig aber auch funktionale und qualitative Mängel(Grundriss, Freiraum, Belichtung) zu beheben. Passivhausstandard bedeutet, für den Gesamtbetrieb eines Gebäudes samt der Energie für die darin stattfindenden Tätigkeiten u. a. einen bestimmten Wert an Primärenergie(120 kWh/m² netto beheizt, a) nicht zu überschreiten. Damit dies gewährleistet ist, muss ein Gebäude in unserem Klima normalerweise sehr hoch wärmegedämmt werden(ca. 25-35 cm), muss 3-fach verglaste Fenster besitzen, eine luftdichte Gebäudehülle aufweisen, die im sog. blower door test geprüft wird, es muss Wärmebrücken minimieren, eine hoch stromeffiziente Lüftungsanlage(0,3 W/m³) mit Wärme und Feuchterückgewinnung und sommerlichen Wärmeschutz z. B. in Form einer außen liegenden Jalousie, ausreichender Lüftungsmöglichkeiten und Speichermassen besitzen. Darüber hinaus muss der Aufwand für Warmwasser und Beleuchtung minimiert werden, und ebenso alle Aufwendungen im Betrieb wie Haushaltsgeräte, Computer oder andere Verbraucher. Dieser Standard bringt(intelligent angewendet) neben seinem geringen Energieverbrauch auch noch eine deutliche Komfortverbesserung für den Nutzer mit sich. An Forschung und Wissen fehlt es in diesem Bereich derzeit nicht, lediglich an der Verbreitung dieses neuen Standes der Technik. Das globale und lokale Werte- und Wirtschaftssystem der vergangenen Jahrzehnte jedoch, das ausschließlich auf kurzfristigen maximalen monetären Gewinn abstellte und weder in der Lage, noch willens, noch in­ teressiert war, monetäre Lebenszykluskosten als Entscheidungsgrundlage anzuerkennen, geschweige denn ökologische Lebenszyklusbetrach­ tun­gen, wie dies erforderlich wäre, unterstützte und unterstützt die großflächige Umsetzung von hoher Energieeffizienz kaum. Den Boom, den das Passivhausprinzip dennoch erlebte, verdankt es dem visionären Engagement von Einzelpersonen und einzelnen Munizipalitäten wie z. B. Wien. Die Energieeffizienz der Gebäude ist jedoch nur ein kleiner Teil des Nachhaltigkeitspaketes und der Passivhausstandard nur ein Teil der Energieeffizienz. Prinzipiell gilt, dass ein kleines Volumen energetisch immer wesentlich ineffizienter ist als ein großes, weswegen die Zukunft der Effizienz in der qualitätvollen dichten Stadt liegt und keinesfalls im zersiedelnden Einfamilienhaus. Um dies umzusetzen, ist die Durchgrünung der Stadt und der ausreichende, hoch qualitative private Freiraum eine condition sine qua non. Darüber hinaus wird, energieeffizienten Baustandard vorausgesetzt, die Mobilitätsenergie zu einem dominierenden Faktor der Energieeffizienz. Einerseits ist hier der einzelne gefordert, von Auto und Flugzeug auf Fuß, Rad, Öffi und Bahn umzusteigen, andererseits die Kommunen z. B. darin, für eine gleiche Entfernung der Wohnung von PKW-Abstellplatz und Straßenbahn zu sorgen, als auch darin, den öffentlichen Verkehr auszubauen, Folgefragen des Komforts(wie z.B. Gepäckservices, Internetanschluß) zu beantworten und alter­ native Mobilitätsmodelle(z. B. Carsharing, Elektrofahrräder) zu forcieren. Selbstverständlich liegt auch in der Raumordnung einerseits und in der grauen Energie in der Herstellung andererseits ein wesentlicher Schlüssel zu Energieeffizienz. Diese letztgenannten Themen hinken derzeit dem Fortschritt in der Energieeffizienz auf Gebäudeebene hinterher. Faktoren wie der(derzeit steigende) Wohnflächenverbrauch und Komfortwunsch pro Person als auch das steigende Konsumverhalten generell(Art und Menge des Konsums z. B. von Fleisch oder wasserintensiven Gütern) konterkarieren heute den Fortschritt in Effizienz und Nachhaltigkeit. UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT 73 Energy base; Passivhausbürogebäude mit Nutzung erneuerbarer Energie. Abb.© Hertha Hurnhaus Auch die derzeit völlig ungenügende Effizienz von Computern bei denen 95% der Energie in Abwärme umgesetzt wird, birgt ein hohes Verbesserungspotenzial, das auch großen Einfluss auf die Energiekonzepte von Gebäuden haben wird. Verbrauch an Ressourcen und Energie ist ein Thema, das nicht per m², sondern per capita betrachtet werden muss. Dazu hat die Schweiz den wesentlichsten Beitrag mit der sogenannten "2000-W-Gesellschaft" geleistet, einer umfassenden Lebensstandarddefinition, nach der für gleichwertige, gute Lebensbedingungen weltweit jedem einzelnen 2000 W Dauerleistung, zwei Drittel aus erneuerbaren Ressourcen, zur Verfügung steht. Die Energie, die dafür gebraucht wird, soll nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus Gründen der politischen Stabilität erneuerbar erzeugt werden. Dominant ist hier der Umgang mit der Ressource Sonne im jeweiligen Klima. In Mitteleuropa geht es dabei einerseits um einen jahreszeitabhängigen Umgang mit solaren Einträgen, um Gewinne, Beschattung, Wärmespeicherung(neu sind hier z. B. sog. PCM phase changing materials oder Gläser, die ab einem höheren Sonnenstand die direkte Strahlung reflektieren). Andererseits geht es um aktive Technologien, von der solaren Warmwasserbereitung, solaren Heizung, solaren Kühlung bis zur Stromerzeugung. Bereits realisiertes Ziel sind hier sog. Null- und Plusenergiegebäude, die 100% der benötigten Energie am Gebäude decken können. Sowohl die Forschungscalls des BM VIT als auch die Überlegungen der Stadt Wien in der Stadterweiterung aspern seestadt gehen massiv in diese Richtung. Neben der Sonne sind derzeit auch Wasserkraft, Windkraft, lokale Biomasse und lokale geothermische Energie wesentliche Strategien einer nachhaltigen Energieversorgung. Das Klima(solare Einstrahlung, solare Inklination, Temperatur, Wind, Feuchtigkeit) ist Ausgangspunkt jedes nachhaltigen Entwurfs(von der Planung von Stadtteilen bis hinunter auf die Gebäudeebene). Die Grundvoraussetzungen für die sparsame und damit kostengünstige Verwendung von innovativen Technologien werden im intelligenten Umgang mit dem Klima wesentlich im Gebäudeentwurf determiniert. Um die hier anfallenden Optimierungsaufgaben lösen zu können, ist die kreative Zusammenarbeit im integralen, interdisziplinären Planungsteam von Anfang an unbedingt erforderlich. Für die Herausforderungen dieser rückgekoppelten Optimierungsprozesse gibt es derzeit keine adäquate Ausbildung. In weiterer Folge geht es um die beim Bauen verwendeten Stoffe und den Stoffkreislauf. Ziel muss sein, dass alle verwendeten Bauteile trennbar und recyclierbar oder biologisch abbaubar und frei von schädlichen Emissionen sind und dass alle recyclierten Materialien ­wieder in den Stoffkreislauf eingebunden werden. Das"cradle to cradle"-Prinzip(M. Braungart) wendet sich von der Effizienz zur Effektivität und proklamiert, es sei wesentlich, Abfall als Nährstoff zu betrachten, analog der Natur und der dort vorhandenen Überfülle. Gelingt es, alle Stoffe in einen Kreislauf einzubinden, so braucht nicht gespart, sondern nur die Fülle richtig verwendet werden. Dies betrifft nicht nur die Baustoffe, sondern in gleichem Maße auch die im Bauprozess anfallenden Stoffe, 74 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT Energy base; Passivhausbürogebäude mit Nutzung erneuerbarer Energie. Abb.© Hertha Hurnhaus Gefaltete Solarfassade: Beispiel für die Integration klimatischer Bedingungen in den Gebäudeentwurf. Abb.© pos architekten Privater wohnungszugeordneter Freiraum als Bedingung für verdichtetes Wohnen. Abb.© pos architekten wie Verpackungsmaterial, Abfälle aus Verschnitt und Baustellenaushub. Die hier dargestellten Aspekte konnten nur die ökologische Säule der Nachhaltigkeit grob behandeln, neben der wesentlich noch die soziale und ökonomische zu ergänzen sind. Als Architekten sind wir überzeugt, dass der Schlüssel zum nachhaltigen Bauen in der gezielten und adäquaten Bildung der 10 bis 14-Jährigen liegt, denn das in dieser Lebensphase gelernte hat wesentlichen Einfluss auf die meisten späteren Entscheidungen dieser zukünftigen Generation. Ursula Maria Constanze Schneider, geboren 1961, BRD, Studium der Architektur Technische Universität Wien, Gastsemester an der North Carolina State University, Raleigh, N. C., USA, bei Arch. Gerald Allen, New York. Seit 2002 Geschäftsführerin bei pos architekten ZT KG. Berufliche Schwerpunkte: Solares Bauen(17-jährige Bürotätigkeit in den Büros der österreichischen Pioniere der Solararchitektur: Prof. Dipl.-Ing. Georg W. Reinberg und Prof. Dipl.-Ing. Dr. Martin Trebers­ purg), energieeffizientes und nachhaltiges Bauen, Passivhausbauweise (seit 2000 laufend Durchführung von nationalen und internationalen Forschungsprojekten) und integrale Planung im größeren Projektteam in enger Abstimmung mit TGA, dyn. Gebäudesimulation und Bauphysik UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT 75 Ein Beitrag von AIT Austrian Institute of Technology Ute Gigler Olivier Pol Doris Österreicher Ostfildern: Scharnhauser Park, Concerto project Polycity. Abb.© AIT 76 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT Wie sieht eine zukunftsfähige Energieinfrastruktur in der Stadt aus? Städte sind komplexe Systeme, meist historisch gewachsen, abgegrenzt und mit einer eigenen Versorgungsstruktur, die- obwohl mit Schnittstellen nach außen- stark zentralisiert und auf die Bedürfnisse der jeweili­ gen Bewohner abgestimmt sind. Die Vielfalt einer Stadt zeigt sich sowohl in ihren Bewohnern als auch in ihrer Erscheinungsform und Struktur, jede Stadt ist daher einzigartig. Die Energieinfrastruktur einer Stadt basiert auf ihrem jeweiligen Energiebedarf, der wiederum von einer Vielzahl an Faktoren und Interaktio­ nen abhängig ist. Klima, Lage und Orientierung formen die Grundparameter. Stadtmorphologie(Dichte, Höhen, Bebauungsarten), Nutzungsmischung(Flächenanteil der verschiedenen Nutzungen, räumliche Nähe der Nutzungen zueinander), Gebäudeeigenschaften(Bauphysik, Eigenschaften der Energieanwendung), Erreichbarkeit(Verkehrsanbindung) und sozioökonomische Faktoren(Ausbildung, Einkommen, Alter etc.) bilden dabei die zentralen Einflussfaktoren des Energiebedarfs im Gebäude und Verkehrsbereich. Eine nachhaltige Energieinfrastruktur berücksichtigt und - im Idealfall- optimiert demnach die­se Einflussfaktoren. Die Vielfalt der maßgeblichen Einflussfaktoren zeigt den hohen Komplexitätsgrad und die inhärente Dynamik, die in urbanen Systemen vorzufinden ist. Die Energieinfrastruktur muss zudem flexibel und wachstumsfähig sein, eine starre Lösung führt zu Einschränkungen, sei es im Wachstum als auch in der Möglichkeit zur Anpassung an Klimaschwankungen oder geänderte Anforderungen in der Zukunft. Die Energieversorgung einer Stadt spiegelt demzufolge die Bedürfnisse ihrer Bewohner wider. Um eine zukunftsfähige und damit nachhaltige Energieinfrastruktur zu definieren, muss daher auf die individuellen Parameter der jeweiligen Stadt eingegangen werden. Energiekonzepte orientieren sich an den gegebenen Parametern und – bei bestehenden Städten oder Stadtteilen- an der vorhandenen Infrastruktur. Bei Renovierungen von einzelnen Gebäuden oder ganzen Stadtteilen sollten diese vorhandenen Strukturen geschickt in zukunftsfähige Konzepte eingebaut werden, was in manchen Fällen Adaptionen bestehender Systeme in anderen Ergänzungen erforderlich macht. Bei neuen Stadtteilen, wie z. B. dem Flugfeld Aspern, welches zurzeit im Osten von Wien entsteht, können noch vermehrt einige wesentliche Parameter der Stadtgestaltung zur Optimierung des Energiekonzepts verändert werden, einige Anknüp­ fungspunkte wie z. B. für Verkehr, Ener­gie, Wasser und Abwasser werden jedoch von der bestehenden Infrastruktur übernommen. Gänzlich neue Städte, die vom ‚Reißbrett‘ geplant werden, bilden dabei eine etwas andere, jedoch eher seltene Herausforderung. Mehr noch als bei der Planung von einzelnen Stadtteilen, kann dabei ein nachhaltiges Gesamtenergiekonzept in einem frühen Stadium des Entwurfs die Stadt- bzw. Gebäudeplanung beeinflussen. In den neuen ‚Eco Cities‘ wie z. B. Dongtan in China oder Masdar City in den Vereinigten Arabischen Emiraten steht ein ganzheitlicher Ansatz bezüglich Nachhaltigkeit und Energieversorgung im Vordergrund. Zahlreiche europäische Beispiele sind in der europaweiten Initiative ‚CONCERTO’ zu finden, welche in 45 Gemeinden exemplarische Beiträge zu einer nachhaltigen Stadtund Regionalentwicklung liefert. In Abhängigkeit der Ausgangslage gibt es daher keine allgemeingültige Lösung, sondern eine Vielzahl an Lösungsansätzen, die bei der Planung und Umsetzung eines nachhaltigen Energiekonzeptes abgewogen werden sollen. Die wesentlichen Einflussfaktoren bzw. zu berücksichtigenden Parameter für eine zukunftsfähige Energieinfrastruktur lassen sich jedoch skizzenhaft zusammenfassen: Die Reduzierung des Energiebedarfs sowie die hauptsächliche Nutzung erneuerbarer Energiequellen bilden wesentliche Grundvoraussetzungen eines nachhaltigen Energiekonzeptes. Ein hohes Maß an Vielfältigkeit in der Nutzung und Art der Bebauung erhöht zudem die Flexibilität und erlaubt eine Bandbreite an effizienten Konzepten. Dabei muss das Energiekonzept bedarfsorientiert ausgelegt werden. Die Qualität der Energie(z. B. Temperatur und Leistung bei thermischer Energie) sowie die Energieumwandlung spielen dabei eine wesentliche Rolle. Vor allem bei der Planung von neuen Stadtteilen ist die Exergie des UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT 77 Ostfildern: Concerto Project Polycity. Abb.© AIT Gesamt­energiesystems zu beachten. Ein hohes Maß an Dezentralisierung erhöht die Autonomie und Eigenversorgung der Stadt, die Energiebereitstellung sollte so nahe wie möglich am Verbraucher stattfinden. Gebäude werden dabei von ausschließlichen Energieverbrauchern zu Energieproduzenten, wobei vor allem die Gebäudehüllen als Energiegewinnungsflächen für erneuerbare Energiequellen und die Gebäudemassen als Energiespeicher für die thermischen und elektrischen Netze genutzt werden. Die Herausforderung einer Dezentra­ lisierung liegt dabei vor allem im Energiemanagement und im Abgleich der – bedingt durch die hauptsächliche Nutzung von erneuerbarer Energie - nicht kontinuierlichen Einspeisung in ein thermisches oder elektrisches Versorgungsnetz. Der gezielte Einsatz von Speicherkapazitäten, die zudem eine Vielfalt an Speicherzeiten abdecken(z. B. saisonale- oder Tagesspeicher) spielt dabei eine wesentliche Rolle. Eine hohe Resilienz der Stadt und des gesamten Energiesystems ist unbedingt erforderlich und ist dann gegeben, wenn ein System mit genügend Regelungsmechanismen ausgestattet ist, um Störungen auffangen zu können. Eine geringe Resilienz würde bedeuten, dass schon kleine Störungen zu massiven Systemveränderungen führen können. Ein dezentrales Versorgungssystem, welches von einer Vielzahl an externen(z. B. Klimaveränderung) und internen Faktoren (z. B. geänderte Bevölkerungsdichte) beeinflusst werden kann, erfordert eine extrem hohe Störungstoleranz. Eine Versorgung durch erneuerbare Energiequellen bedingt einen ausgewogenen Technologiemix, abgestimmt durch ein intelligentes Energiemanagement. Nur Netzwerklösungen mit einem breiten Energieträgermix können eine kontinuierliche Energieversorgung sicherstellen. Monovalente Systeme und einzelne Energieträger bzw. Energieversorger verursachen im Gegensatz dazu Abhängigkeit und gefährden damit eine nachhaltige Entwicklung. Die Technologien müssen dabei auch nachhaltig in Bezug auf die Verfügbarkeit der Ressourcen ausgewählt werden. So kann z. B. die Abhängig­ keit einer gewissen Müllverbrennungsmenge genauso problematisch werden wie die Abhängigkeit von Biomasse oder fossilen Energieträgern. Die größte Herausforderung, um ein nachhaltiges und damit zukunftsfähiges Energiekonzept umzusetzen, liegt in der detaillierten Planung. Dabei müssen Querschnittsthemen erkannt und optimiert und eine Vielzahl an Einflussfaktoren durch Multikriterienoptimierung abgestimmt werden. Durch den Umfang und der inhärenten Komplexität, die mit einer Definition eines neuen Energiekonzeptes einer Stadt einhergehen, ist vor allem Interdisziplinarität und eine enge Koordination und Kooperation zwischen den beteiligten Interessengruppen (Verwaltung, Planer, Bauwirtschaft, Energiewirtschaft etc.) gefordert. Die Städte der Zukunft verlangen nach innovativen und nachhaltigen Lösungen im Bereich der Energieinfrastruktur und damit nach einer neuen Art der Auseinandersetzung mit dem Thema Energie in der Stadtplanung. 78 UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT Neckarsulm: Concerto Project energy in minds! Abb.© AIT Ute Gigler ist seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Geschäftsfeld Nachhaltige Gebäudetechnologien im Austrian Institute of Technology(AIT). Sie studierte Environmental Sciences an der University of California, Berkeley mit einem Schwerpunkt in Ökologie und erhielt ihren Master of Urban Planning von der University of Washington in Seattle. Frau Gigler befasst sich mit der Revitalisierung urbaner Brachflächen, Nachhaltigkeit und adaptives Management im urbanen Raum, der Entwicklung von energie- und raumrelevanten Indikatoren und Kriterien sowie integrierten Planungsansätzen. Olivier Pol ist seit 2004 bei AIT im Geschäftsfeld Nachhaltige Gebäudetechnologien tätig. Er hat sich bereits während seines Studiums als Bauingenieur in Lyon(Ecole Centrale) und Milano (Politecnico) mit dem Thema Ecobuilding beschäftigt, hauptsächlich mittels thermischer dynamischer Gebäudesimulation. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei AIT bearbeitet er Projekte, in denen es um nachhaltige Energiekonzepte für Stadtteile und Siedlungen und um Rückkopplung zwischen gebäudeseitigen Maßnahmen und thermischen Netzen geht. Doris Österreicher ist stellvertretende Leiterin des Geschäftsfeldes Nachhaltige Gebäudetechnologien und seit 2006 im Austrian Institute of Technology(AIT). Davor arbeitete sie über 8 Jahre in Großbritannien und den USA, wo sie für eine Reihe innovativer Niedrig­ energie-Projekte als Architektin und wissenschaftliche Beraterin tätig war. Sie unterrichtete in Gastvorlesungen auf der"Yale School of Architecture" und ist in Wettbewerben und Universitäten als Tutor tätig. Frau Österreicher ist als Architektin in Österreich (Ziviltechnikerin) und Großbritannien (ARB) registriert, hat einen Abschluss der Technischen Universität Wien in Architektur und der South Bank University London in"Advanced Environmental and Energy Studies". UMWELTGERECHTE UND NACHHALTIGE ZUKUNFT 79 80 ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT Kita Taka-Tuka-Land in Berlin. Abb.© baupiloten Zukunft Wissensgesellschaft Die Wissensgesellschaft Wissen, Bildung und Forschung spielen nicht nur als Produktions- und Wirtschaftsfaktor, sondern ebenso als Ressourcen für die zukünftige Stadtentwicklung eine immer wichti­ gere Rolle. Mit der Verlagerung der Wertschöpfung auf immaterielle Güter wie Wissen ist Wohlstand möglich, ohne dabei zwangsläufig die Umwelt belasten zu müssen. Besonders die einstigen Industrienationen begreifen Bildung, gut ausgebildete Menschen und hochqualifizierte Arbeitskräfte als ihr wichtigstes Kapital. Bildung, Forschung und Entwicklung können dazu beitragen, gesellschaftliche Probleme zu lösen, sei es in den Bereichen Verkehr, Umwelt, Gesundheit oder Sicherheit. Der Förderung von Forschung und Innovation, der Kommunikation und Vermittlung von Wissen und der Schaffung von Kooperationen zur Teilung von Wissen kommen dementsprechend eine hohe Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit der Stadt zu. In Wien tragen Fördereinrichtungen wie das Zentrum für Innovation und Technologie(ZIT) oder departure, beides Unternehmen des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds, sowie der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds wesentlich dazu bei, dass sich Wien als Stadt des Wissens dynamisch entwickeln kann. ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT 81 Wissensmetropolen Für Städte war und ist es entwicklungspolitisch wie ökonomisch immer von Bedeutung, sich als Orte der Wissensproduktion und des –austauschs zu positionieren. Das begründet beispielsweise auch das große Interesse von Städten, Standort für Universitäten, Hochschulen und anderen Forschungs- und Bildungseinrichtungen zu sein. Die Verfügbarkeit von AkademikerInnen und gut ausgebildeten Arbeitskräften ist für viele Unternehmen von hoher Bedeutung, auch gehören die von einer Universität ausgehenden allgemeinen Bildungsmöglichkeiten und das von ihr geprägte soziale und geistige Klima zu den"weichen" Standortfaktoren einer Stadt. Ab 2013 steht mit dem neuen WUCampus beim Prater ein Ort der Forschung und Bildung mit einer ganz besonderen Atmosphäre und Architektursprache zur Verfügung, der den Wissensstandort Wien weiter stärken wird und ein zusätzliches Image verleihen wird. WU-Campus, Library& Learning Center. Abb.© Heiland- Zaha Hadid Architects Welche Bedeutung haben Bildung, Forschung und Kultur in der Zukunft? Überblick WU-Campus, BUSarchitektur. Abb.© www.BOAnet.at WU-Campus, Innenansicht BUSarchitektur. Abb.© www.BOAnet.at 82 ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT Der Zugang zur Bildung In der Wissensstadt der Zukunft ist von hoher Bedeutung, dass alle Mitglieder der Gesellschaft Zugang zu relevantem Wissen haben. Nur so kann vermieden werden, dass sich die Gesellschaft in Menschen aufteilt, die über genug Wissen verfügen, und Menschen, die von der Teilhabe an der Wissensgesellschaft ausgeschlossen sind. Bildung ist der Schlüssel zur Integration und zum Ausgleich sozialer Ungleichheiten. Der chancengleiche Zugang zu Bildung und die zielgruppen- und altersgerechte Aufbereitung der Wissensvermittlung stellen wichtige Ziele für eine Stadt dar. Lernservicezentren, Lernläden, Lernfitness-Studios, niederschwellige Computerkurse für MigrantInnen verfolgen ebenso dieses Ziel wie Frühförderung und neue Raumkonzepte für Schulen, die innovative und zukunftsweisende Formen der Wissensvermittlung ermöglichen. Abb.© departure Abb.© LOOP Abb.© LOOP Laborschule Bielefeld. Abb.©www.bielefeld-marketing.de Innovative und experimentelle Lernräume wie in der Laborschule Bielefeld oder in der HellerupSchule in Kopenhagen sollen neue Formen des Lehrens und Lernens und des Zusammenlebens in der Schule ermöglichen. Abb.© LOOP Vernetzung, persönliches Kennenlernen und schneller Wissensaustausch stehen hinter der Idee des ExpertInnen-Speed-Datings, die u.a. in Wien von departure veranstaltet werden. Departure ist eine Wirtschaftsförderungs- und Servicestelle für Unternehmen der Creative Industries in Wien, welche inzwischen europaweit als erfolgreiches Modell der Innovationsförderung auf Wettbewerbsbasis gilt. Abb.© www. absolventa.de Wissen ist vernetzt Weltweite Kommunikationsstrukturen und Netzwerke der Wissensproduktion, aber auch Kontaktnetze, die auf dem direkten persönlichen Austausch aufbauen, sind Grundvoraussetzung für Wissenstransfer und –austausch. Die Stadt der Zukunft setzt dabei auf Netzwerke, in denen unterschiedliche Akteure zusammentreffen und ihre Ziele und Handlungen aufeinander abstimmen, ihre Interessen dabei aber nicht aufgeben. Eine wichtige Rolle können hierbei Einrichtungen spielen, die den Kontakt erleichtern, die Reflexions- und Lernfähigkeit fördern und als Impulsgeber und Wissenstransfereinrichtungen eine wichtige Rolle spielen, wie z. B. Wirtschaftsparks, Gründer-, Innovations- und Technologiezentren. Dadurch kann ein innovatives Klima geschaffen werden, welches Experimente und neue Entwicklungen unterstützt. ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT 83 Kindergarten Schukowitzgasse: Das"Wiener Modell" des Kindergartens bietet die Chance, großzügig viele Lernimpulse zu geben, sodass jedes Kind für seine Interessen, seine Begabungen, für seine Entwicklungsstufe das Adäquate findet- auch jenseits vordefinierter gesellschaftlicher Rollenfixierungen. Abb.© zoom vp, Arch. C. Kirsch Lebenslang lernen Wissen und Kreativität sind Bindekräfte unserer Gesellschaft und Grundkapital für die Zukunft. Diese zu stärken heißt, den inneren Zusammenhalt der Stadtgesellschaft zu kräftigen. Um mit der steigenden Komplexität des zur Verfügung stehenden Wissens umgehen zu können, ist es notwendig, kontinuierlich dazuzulernen. Die Grundlagen dafür werden bereits im Kindergarten und in der Schule gelegt, wo geeignete Methoden zur aktiven Aneignung, zur lustvollen Verwertung von Wissen und Spaß am Lernen vermittelt werden sollen. Die Erika-Mann-Grundschule in Berlin liegt inmitten eines sozialen Brennpunktes mit einer Arbeitslosigkeit von über 50%. Die Schülerinnen und Schüler stammen aus 25 Nationen. Die neue Architektur der Schule soll ihnen helfen, spielerisch Sprachkompetenz zu erwerben und Kulturbarrieren zu überwinden. Abb.© baupiloten Die als Provisorium errichtete Kita Taka-TukaLand in Berlin soll durch eine architektonische Transformation als wichtige soziale Institution einen dauerhaften Platz in ihrer Umgebung einnehmen. Abb.© baupiloten Abb.© zoom vp, Arch. C. Kirsch 84 ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT "Hole in the Wall" ist eine Initiative, die es sich zum Ziel gemacht hat, Kindern in armen Regionen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Statt auf traditionellen Schulunterricht setzt"Hole in the Wall" auf eigenständiges Lernen am Computer in unüberwachter Umgebung. Abb.© Ian Banerjee(ISRA) Chancengleichheit durch Bildung Bildungschancen sind nach wie vor ungleich verteilt: SchülerInnen aus bildungsfernen Familien haben noch immer schlechtere Chancen auf eine gute Ausbildung und damit auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz als SchülerInnen aus bildungsnahen Familien. Die Forderung nach gleichen Bildungschancen für alle zielt nicht nur auf soziale Gerechtigkeit und gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe, sondern ist in Hinblick auf den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften eine ökonomische Notwendigkeit. Der"Vienna Knowledge Space" will Besucher­ Innen dazu anregen, Wissenschaft und Innova­ tion kennenzulernen, sich aber auch hinterfragend damit zu beschäftigen und neue Bildungswege zu beschreiten. Abb.© TU Wien Abb.© TU Wien Wissen ist vernetzt Um im Zeitalter der Wissensgesellschaft bestehen zu können, benötigt die Stadt der Zukunft gut ausgebildete Menschen. Offensive Wissenschaftskommunikation und ein Hinausgehen der Universitäten an die Öffentlichkeit sind notwendig, um Hemmschwellen abzubauen und jungen Menschen Forschung und Wissenschaft nahezubringen. Programme wie die sommerliche KinderUni in Wien oder"University meets Public" sind nur einige der Maßnahmen, um die wissenschaftlichen Institutionen der Öffentlichkeit besser bekannt zu machen. Die Technische Universität Wien wird erweitert und belebt mit einem modernen, offenen CityCampus und neu gestalteten Grünflächen. Die Öffnung gegenüber dem Umfeld ist integraler Bestandteil von"TU Univercity 2015". Sie hat viele Facetten: von der Vernetzung mit den AnrainerInnen über die Bereitstellung attraktiver Veranstaltungsräume bis hin zur Verbesserung der Wegeverbindungen. Abb.© TU Wien ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT 85 Hubert Christian Ehalt 86 ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT Ein Gespräch mit Hubert Christian Ehalt Hubert Christian Ehalt, geb. 1949 in Wien, Studium der Geschichte, Soziologie und Kunstgeschichte in Wien, Habilitation für Sozialgeschichte der Neuzeit. Universitätsprofessor an der Universität Wien, Gast- und Honorarprofessor an mehreren Universitäten. Seit 1984 für die Förderung von Wissenschaft und Forschung verantwortlicher Referent der Stadt Wien, seit 1987 Planung und Koordination der Wiener Vorlesungen. Generalsekretär der Jubiläumsfonds der Stadt Wien für die Österreichische Akademie der Wissenschaften und für die Wirtschaftsuniversität Wien sowie des Viktor-Frankl-Fonds der Stadt Wien zur Förderung einer sinnorientierten humanistischen Psychotherapie und des Fonds der Stadt Wien für innovative interdisziplinäre Krebsforschung. Forschungsfelder, u. a.: Sozial-, Mentalitäts- und Alltagsgeschichte Wiens; Wissens- und Wissenschaftsgeschichte Wiens; Gesellschaftsgeschichte der bildenden Künste (17.-20. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung Wiens); Geschichte der Schule(19.-20. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der österreichischen Schulgeschichte); Studien zum Verhältnis von"Natur" und"Kultur". Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen zu kulturwissenschaftlichen Themen. Die Chancen für solidarisches Wissen für"eine" Welt sind intakt Oliver Frey: Neue Formen von Wissen, technologischen Innovationen und neuartige Formen des sozialen Umgangs mit Information prägen den gegenwärtigen gesellschaftlichen Wandel. Wo sehen Sie die Herausforderungen der Transformation von einer fordistischen zu einer postfordistischen Gesellschaft? Hubert Christian Ehalt: Wir leben in einer interessanten Welt. Dieser Begriff ist aus dem chinesischen Fluch geläufig,"ich wünsche dir, in einer interessanten Zeit zu leben". In den tausenden Jahren der chinesischen Geschichte vor unserer Zeitrechnung, in der Dynastien sehr lange an der Macht waren, galt Kontinuität als besonderer Wert. In der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts waren Routine und Kontinuität bis zum Ende der 80er-Jahre sehr wichtig. Große Institutionen setzten auf bewährte Handlungszusammenhänge. Man(n)/frau waren auf der Suche nach der Entwicklung, Elaborierung guter Routinen, von denen man sich wünschte, dass sie möglichst lange halten mögen. Die sogenannte "fordistische Gesellschaft" beruhte auf Routine und Kontinuität, sowohl was das Regelwerk und die"Philosophie" der Institutionen als auch was das"Leben", den"Alltag" der AkteurInnen betraf. Lebensläufe, Karrieren, Bildungs- und Aufstiegschancen, die Orientierung in der Welt insgesamt waren absehbar, vorausplanbar. Die Gesellschaft, die Institutionen, die Werte, die Normen formierten einen Handlungszusammenhang, der durch ein buntes Gemisch an Interessen und Mächten gesteuert und geleitet wurde, und nicht – wie das seit Mitte der 90er-Jahre der Fall ist – einseitig durch Markt-, Kapital- und Profitinteressen. Seit Mitte der 90er-Jahre wurden die Gesellschaften dieser Welt – mit vielen Ungleichzeitigkeiten und auch gegenläufigen Bewegungen – aus ­ihrem Bewahrungs-, Beharrungs- und Kontinuitätsstatus herauskatapultiert in "flexible","Wissens-","Informations-", "Innovationsgesellschaften". In den letzten 15 Jahren wird mit wachsender Geschwindigkeit – Tendenz Echtzeit – identifiziert, was am globalen Markt Erfolg und vor allem Profit verspricht. Seither läuft – man gestatte mir die Analogie zu Molekularbiologie und Genetik – eine Sequenzierung aller Güter, Ressourcen und Leistungen dieser Welt hinsichtlich der Frage, wie groß ihre Marktfähigkeit und wie groß ihr Potenzial im Hinblick auf Profitgenerierung sein könnte. Die Welt vor ihrer neoliberalen Neuorientierung seit den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts hatte noch"Freiräume", die privaten Nutzungs- und Profitinteressen nicht zugänglich waren. OF: Die Gefährdung von Freiräumen zur eigenen Lebensgestaltung hat, wie Sie beschreiben, eine Ursache in der neoliberalen Durchdringung der Gesellschaft. Wie äußern sich diese Tendenzen einer durchrationalisierten Lebenswelt? HCE: Die aktuelle neoliberale Wirtschaftsordnung hat in einer machtvollen Dynamik, die als politisches Phänomen bedrohlich, als Untersuchungsgegenstand höchst interessant ist, geografisch die gesamte Welt von den USA bis nach China und alle gesellschaftlichen Teilsektoren von der Arbeitswelt über die Wissenschaft bis zur Kunst erfasst. In der lange Zeit autonomen und kritischen Gegenwelt der Künste sind die zentralen Begriffe heute unangefochten"Kunstmarkt" und"Creative Industries"; beide verweisen geradewegs auf die Verwertungsdimension künstlerischer Arbeit. In der Wissenschaft sind die Hauptbegriffe Anwendungsorientierung, Verwertbarkeit, Hebelwirkung (wie wird der Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft dynamisiert), in der Bildungspolitik geht es wesentlich um Begabtenund Exzellenzförderung: Schulen und Universitäten sollen zielsicher zum frühestmöglichen Zeitpunkt die "klügsten Köpfe" aussortieren und das System nicht mit den weniger Begabten belasten. OF: Hat Bildung immer so funktioniert? Welche Rolle spielen Bildung und Forschung eigentlich in der Gesellschaftsformation des 20. Jahrhunderts? HCE: Bildung, Forschung und Kunst waren große Felder der intellektuellen Auseinandersetzung, die jedenfalls durch explizite Interessen der Wirtschaft nicht berührt wurden; am wenigsten wahrscheinlich die Schule, an deren Themen und Dramaturgien stets viele Instanzen privater und öffentlicher Interessenpolitik zwischen Kirchen und Industriellenkammern interessiert waren. Wissenschaft, ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT 87 Forschung und Kunst, Bildung, Ausbildung, Kreativität und Innovation waren eben bis Ende der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts in den Händen der Traditionsmächte und werden seither durch jene, die private Profit­ interessen bedienen, appropriiert. OF: Was bedeutet für Sie heute die Rede von der Wissensgesellschaft? Welche Wissensformen werden in Zukunft in einer Stadtgesellschaft eine bedeutendere Rolle spielen und wie können diese gefördert werden? HCE: Die Ideologie von Wissensgesellschaft und Wissensmanagement und ihre Derivatideologien verdecken den allgegenwärtigen Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse, von Macht und den Feldern der ­Geisteskultur(vor allem Wissen­ schaft und Kunst). Während es bei der Verteilung von Wissen, Bildung, Wissenschaftsinstitutionen, Wissenschaftsfinanzierung, Forschungsthemen und-thesen stets um Macht und die Maximierung und(ungleiche) Verteilung von Profiten ging und Demokratie und demokratische Impulse stets einen schweren Stand hatten, signalisiert der Begriff"Wissensgesellschaft", Wissen sei ein machtunabhängiges Gut. Die durch das Wissensmanagement in der Wirtschaft und in der Managementliteratur angeregten"Teilungsprozesse" gehen jedoch stets nur in die eine Richtung, die dem Unternehmen und dem Unternehmensgewinn nützt und nie in die andere Richtung, die dem/der Mitarbeiter/in nützen würde. Wann hat man in der Wissensmanagementdiskussion schon davon gehört, dass MitarbeiterInnen in der Arbeitszeit über ihre Arbeitsrechte instruiert werden, oder Weiterbildungen absolvieren können, die nicht unmittelbar dem Unternehmen nützen? Nun wohnt gerade jenen Wissens- und Bildungsinhalten, die durch die Ideologie der Wissensgesellschaft zurückgedrängt, ausgesondert, attackiert werden – z. B. literarische und gesellschaftsanalytische Texte von Voltaire und Diderot über Hannah Arendt und Simone de Beauvoir bis Richard Sennett und Eric H. Hobsbawm –, jener in der Tat unabgeschlossene, unermessliche, öffnende, bereichernde Charakter von Wissen inne. Während analytisch-kritisch literarisches Wissen die Welt in ihrer Gestaltung und Interpretation offen für alle Bürgerinnen und Bürger der Erde hält, also eine weltbürgerliche Dynamik in Gang bringen kann, bezweckt und bewirkt das von Wissensmanagement fokussierte Wissen in seinen aktuellen Praktiken gerade eine Sortierung von Wissensinhalten nach ihrer Brauchbarkeit im Sinn und im Dienst aktueller singularer und partialer Profitinteressen. OF: Sehen Sie auch potenzielle Räume jenseits partikularer Profitinteressen, die für die zukünftigen Stadtgesellschaften für eine politische Gestaltung von Zukunft bedeutsam werden können? HCE: Geschichte bedeutete und bedeutet die Durchsetzung von Machtinteressen, aber auch die Fähigkeit, die Möglichkeit und die Realisierung von Analyse und Kritik mit dem Ziel der Fantasie für die Gestaltung einer sozialen und solidarischen Gesellschaft Raum zu geben. In den 70er- und 80er-Jahren wurde das alte Modell sozialer Ungleichheit, in dem sich insbesondere in den 70erJahren unterschiedliche Formen der intellektuellen und der sozialen Öffnung und der vertikalen Mobilität etablierten, erodiert. Diese Erosion hatte zwei Ursachen: 1. die Kritik der Demokratie- und Bürgerrechtsbewegungen, jener Kräfte, die sich für die Ausdifferenzierung der Zivilgesellschaft, für Genderfragen, für die Öffnung der Bildungseinrichtungen und der Universitäten etc. einsetzten, 2. die Entwicklung eines neuen, liberalen Kapitalismus, nach dem Motto "Marktwirtschaft ohne Adjektive" (Václav Klaus) nach dem Vorbild von Margaret Thatcher. Das Ende des Ost-West-Konflikts und des"Systemwettbewerbs" gab den Kräften und Interessenzusammenhängen dieser zweiten Entwicklung einen gleichermaßen kraftvollen wie dynamischen Anschub. Für jene intellektuellen und politischen Kräfte, die Demokratie, soziale Symmetrie, Menschenrechte, Öffentlichkeit, Zivilgesellschaft und lokale, nationale und internationale Solidarität anvisierten, bot der Zwischenraum zwischen diesen skizzierten großen und starken Entwicklungslinien des 20. Jahrhunderts – die 70er- und 80er-Jahre –(Fordismus und Neoliberalismus und ihre sozial­ en und kulturellen Derivate) die besten Entfaltungschancen. Aus der Perspektive einer Gesellschaftsgestaltung, die Demokratie, Fairness, Offenheit, soziale Symmetrie und Solidarität fokussiert, ent­ hielten und enthalten sowohl das "alte", die Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschreibende gesellschaftsstrukturierende, als auch das neue neoliberale Modell ­massiv wirksame demokratiefeindliche Momente. Im"alten" Modell waren deutliche soziale Unterschiede(im Hinblick auf Besitz, Verdienst, Bildung, Partizipationschancen) fest zementiert. Viele Studien aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts zeigen, wie schwer es damals war, Bildungs- und Kulturbarrieren zu überwinden. Die wissenschaftliche Arbeit von z. B. Pierre Bourdieu hat die"longue durée" von großen sozialen Unterschieden und deren kulturelle Perpetuierungsmechanismen(vergleiche z. B. Pierre Bourdieu,"Die feinen Unterschiede") eindrucksvoll dargestellt. OF: Die Betonung kultureller Phänomene für die Strukturierung von Gesellschaft bietet ja auch eine Öffnung von Gestaltungsraum durch Bildung und Wissen. Auf der einen Seite benennen Sie die zunehmende Profitorientierung von Wissen und Kreativität als Gefahr; auf der anderen Seite steht die Frage: Welche neuen Formen der Neugestaltung von Gesellschaft stimmen Sie positiv für die zukünftige Entwicklung? HCE: Die Möglichkeit für dieses Alternativendenken ist stets intakt. Es sind besonders heute und in immer stärkerem Maß überall auf der Welt sehr viele Türen und Fenster da, die, wenn man sie öffnet, die Möglichkeit 88 ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT bieten, reaktionären Mief abziehen zu lassen und Raum für kollegiale, solidarische, kreative, dem menschlichen Maß angemessene Nachdenkarbeit und Neugestaltungen zu geben. OF: Zum Abschluss noch eine Frage in den virtuellen Raum des Netzes: In Wien gab es vor kurzem eine virtuelle Facebook-Initiative zur Frage der Nutzung des öffentlichen Raumes im Museumsquartier. Welche Rolle messen Sie in Zukunft dem Internet bei zur Herstellung von städtischer Öffentlichkeiten? HCE: Ich sehe in den Entwicklungen, die mit dem Begriff"Web 2.0" angesprochen werden, wichtige, ja ent­scheidende wissenschaftliche, technologische, wissenspolitische, vor allem aber auch gesellschaftliche Chancen. Die Schwächen der elektro­ nischen Kommunikation waren und sind bis dato ja, dass die User in einer gewissen Weise immer noch"stand alones" sind. Die Öffentlichkeit, das waren früher die Zeitungen, die Zeitschriften, die Bücher, das Radio, das Fernsehen etc. In demselben Maß, in dem aus den Produkten, die Medien erzeugen, wertvolle, profitträchtige Handelsware wurde und aus den Medien Konzerne, die sich wie z. B. die Automobilindustrie in schärfster Konkurrenz um Marktanteile befinden, wurde Öffentlichkeit durch Medien im Habermas’schen Sinn zurückgedrängt und zerstört. Mit dem Internet trat die Möglichkeit einer Interakti­ vität ohne Verzug – die berühmte Echtzeit – auf den Plan; wenn man so will, ein den Globus umspannendes offenes Podiumsgespräch zu allen wichtigen Fragen dieser Welt. Gegenwärtig befinden wir uns in einer Übergangssituation. Die alte Öffentlichkeit der Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, des Radios und des Fernsehens etc. funktioniert nicht mehr(so wie sich das jeder, der an sehr lebendiger Demokratie interessiert ist, wünschen würde). Die neue Öffentlichkeit von Chats, Blogs, Twitter etc. funktioniert noch nicht. Es fehlen noch die weltumspannenden elektronischen Plattformen, die sortieren, bewerten, reihen, wie das ansatzweise ja Google, Wikipedia etc. tun. Gegenwärtig sehe ich überall noch Öffentlichkeitsdefizite."Web 2.0" ist jedenfalls Schlüssel­ wort und Programm für ein Netz, das über alle wichtigen Fragen dieser Welt in jedem Augenblick kommuniziert und gleichzeitig politisch so präsent ist, dass von diesem großen Kommunikationsprozess politische Konsequenzen z. B. in Richtung einer weltweiten Ächtung der Folter und Abschaffung der Todesstrafe ausgehen könnten. Es besteht die Chance, dass hier die Tür in jene Weltbürger­ Innengesellschaft aufgeht, die wir uns seit der Aufklärung wünschen. ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT 89 Hellerup-Lernsituation. Abb.© Kühn Ein Beitrag von Christian Kühn 90 ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT Wie sehen Lern- und Lebensräume der Zukunft aus? Das Bildungssystem in Österreich befindet sich im größten Umbruch seit den 1960er-Jahren. Die Analysen der PISA-Studie zeigen klar, dass das österreichische Schulsystem viel zu wenig aus der vorhandenen Begabung einer viel zu großen Anzahl seiner Schützlinge herausholt. Über die nötigen Veränderungen besteht im Wesentlichen Konsens, ganz gleich, ob die Konzepte von der Industriellenvereinigung, von Bildungswissenschaftlern oder von Praktikern kommen. Sie betreffen zum einen den organisatorischen Rahmen: verpflichtende Vorschule zur Frühförderung sowie spätere Weichenstellung in der Bildungskarriere durch ein – unter welchem Namen auch immer implementiertes – Gesamtschulmodell. Zum zweiten geht es um eine Reform pädagogischer Prinzipien: Förderung statt Selektion als primärer Auftrag, mehr Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler, mehr fächerübergreifende Kooperation unter Einbeziehung der aktuellen Informations- und Kommunikationstechnologien. Dass drittens auch die Räume, in denen unterrichtet und gelernt wird, sich von denen, die wir gewohnt sind, radikal unterscheiden müssen, zeichnet sich international immer deutlicher ab. Es ist kein Zufall, dass die Länder mit den besten PISA-Ergebnissen auch die ambitioniertesten und innovativsten Schulbauprogramme aufzuweisen haben. Die Schule als Aneinanderreihung von Klassen an einem langen Gang, ergänzt um Sonderunterrichtsräume für den Kunstunterricht und die Naturwissenschaften, ist ein Modell des 19. Jahrhunderts. Die damals entstehende Massengesellschaft brachte mit der Gangschule einen Bautypus hervor, in dem Arbeitskräfte für eine neue, von der industriellen Revolution geprägte Arbeitswelt abgerichtet werden sollten. Die Pädagogik kann mit diesen Räumen freilich immer weniger anfangen. Inzwischen haben nämlich weitere industrielle Revolutionen stattgefunden: die zweite industrielle Revolution, die von der verstärkten Automatisierung in der Produktion ausging, und die dritte industrielle Revolution, die mit den Fortschritten in der Telekommunikation und Digitalisierung verbunden ist. Diese beiden jüngeren industriellen Revolutionen verlangen neue, immer anspruchsvollere Qualifikationen am Arbeitsmarkt, während gleichzeitig neue individuelle und soziale Belastungen entstehen, zu deren Bewältigung die Schule ihren Teil beitragen muss. Vor allem in skandinavischen Ländern wird der Raum als"dritter Pädagoge" (neben den Lehrern und den anderen Schülern) betrachtet und versucht, neue pädagogische Konzepte räumlich umzusetzen. Ein Trend dabei ist die Kreuzung von Hallenschule und offener Großraumschule, zwei Schultypen, die bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren populär waren. Klassenzimmer im üblichen Sinn kennen diese Schulen nicht mehr, einige kommen überhaupt ohne geschlossene Räume aus, wenn man vom Turnsaal und Werkstätten absieht. Organisatorisch gibt es in diesen Schulen zwar nach wie vor Stammklassen, denen allerdings kein eigener Raum zugeordnet ist. Stattdessen dienen kleine sechseckige Paravents, die rund 25 Kinder für Phasen aufnehmen können, als Orte des konzentrierten Zuhörens. Mehrere solcher Gruppen teilen sich altersgemischt einen größere Lernzone mit frei aufgestellten Tischen und PC-Arbeitsplätzen, einer offenen Küche und einem eigenen Lehrerarbeitsraum. Gelernt wird hier in einer planvollen Abfolge von Instruktions- und selbständigen Arbeitsphasen, ohne Schulglocke, aber mit klaren Vereinbarungen. Ob die Schule der Zukunft überall so aussehen wird, bleibt abzuwarten, da viele lokale Faktoren eine Rolle spielen. Deutlich lassen sich unter den aktuellen Rahmenbedingungen aber drei"Innovationsachsen" erkennen, die gemeinsam zu berücksichtigen sind, wenn es um die zukunftsfähige Planung von Bildungsbauten geht: erstens Innovation auf Ebene der Stadtplanung, zweitens Innovation auf der Ebene des Einzelobjekts und drittens Innovation in Bezug auf die Verfahren, die bei der Planung zum Einsatz kommen. A.) Die Schule als Teil des Netzwerks Stadt Bildungslandschaften: Bildungseinrichtungen müssen als Teil eines Netzwerks von schulischen und außerschulischen"Bildungsoptionen" betrachtet und entsprechend gestaltet werden. Neben der größeren Vielfalt lässt sich so eine bessere Effizienz der eingesetzten Mittel erzielen. Muss jede Schule Bibliothek und Turnsaal haben, oder reichen nicht entsprechende, betrieblich gut aufeinander abgestimmte Einrichtungen ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT 91 Hellerup-Zentralraum. Abb.© Kühn im unmittelbaren Umfeld? Offene Schule: Bildungseinrichtun­ gen sind halböffentliche urbane Räume, in denen auch außerschulische Nutzungen Platz finden können. Innovative Ansätze gehen über die Öffnung des Turnsaals für Sportvereine hinaus und verbinden die Schule mit anderen Nutzungen. Standortoptimierung: Im öffentlichen Schulwesen verwaltet die öffentliche Hand über Bund, Länder und Gemeinden(respektive deren ausgegliederte Gesellschaften) ein beachtliches Immobilienportfolio. Neue Entwicklungen wie etwa die gemeinsame Schule der 6 bis 14-Jähri­ gen machen es notwendig, diese Portfolios gemeinsam zu betrachten und optimal zu verwerten. B.) Das neue Schulhaus Schule ohne Klassenzimmer: Die Schulklasse im Format von 9 mal 7 m ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Aktuelle Lehr- und Lernansätze gehen davon aus, dass die Schule insgesamt ein"Haus des Lernens" werden muss, in dem es unterschiedliche räumliche Angebote gibt: große offene Zonen für die Einzelarbeit oder die Arbeit in flexiblen Gruppen, Vortragsräume für konventionellen Frontalunterricht, Projektarbeitsräume für längerfristig organisierte Gruppen. Lernen in Bewegung: Die heutige Schulmöblierung hat zwar das Zeitalter der Schulbank, in der ruhiges Sitzen oberste Maxime der Disziplinierung war, hinter sich gelassen. Die Fortschritte beschränken sich aber großteils aufs Orthopädische(verstellbares Mobiliar). Leicht bewegliche und vielfältig nutzbare Möbel sind gefragt. Ressourcenschonendes Bauen: Generell eine der heute drängendsten Innovationsfragen. Wie lassen sich geringe Lebenszykluskosten mit hoher formaler und räumlicher Qualität verbinden? Die Fragestellung muss dabei bereits beim Raumbedarf ansetzen: Besser ein Optimum an gut nutzbarer, gut gestalteter Fläche als ein großes, aber unattraktives Raumangebot, das dann mit aufwendigen technischen Mitteln auf geringen Energiebedarf getrimmt wird. Wandlungsfähigkeit: Die demografische Entwicklung legt eine flexible Konzeption von Bildungseinrichtungen nahe, wobei statt völliger Nutzungsneutralität sinnvolle typologische Entwicklungsmöglichkeiten anzustreben sind(z. B. sukzessive Umwandlung von Schuleinrichtungen in Tageszentren für alte Menschen). Radikale Sanierung: Ein Großteil der Innovationen im Schulbereich wird im Rahmen von Umbauten erfolgen müssen. Die aktuelle Tendenz bei Sanierungen geht in Richtung energetische Verbesserung unter Vernachlässigung neuer pädagogischer Bedürfnisse. Gefordert sind Konzepte für Um- und Zubauten, die sich idealerweise auch als Typenlösungen auf andere ähnliche Bestandsbauten übertragen lassen. C.) Neue Verfahren zur Qualitätssicherung Bottom-up-Planung: Die österreichische Bildungsverwaltung ist gene92 ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT rell hierarchisch von oben nach unten organisiert und lässt Nutzern auch bei der Gestaltung von Schulen nur wenig Möglichkeit zur Partizipation im Gestaltungsprozess. Das muss sich – nicht nur unter dem Aspekt der Profilbildung des einzelnen Schulstandorts – ändern: Wer sollte mehr über den Alltag in der Schule und seine Anforderungen wissen als die Lehrer und Schüler selbst? Kooperative Verfahren: Damit das Know-how der Nutzer einfließen kann, sind kooperative Verfahren, in denen Lösungsmodelle gemeinsam von Planern und Nutzern entwickelt werden, notwendig und müssen an geeigneter Stelle(vor oder nach der anonymen Phase eines Architekturwettbewerbs) zum Einsatz kommen. Hellerup-Zentralraum. Abb.© Kühn Christian Kühn Geboren 1962 in Wien. Studium an der TU Wien(Dipl.-Ing.) und an der ETH Zürich(Dr. sc. tech.). Unterrichtet an der TU Wien seit 1989. Habilitation für Gebäudelehre und Professor an der TU Wien seit 2001. Vorsitzender der Studienkommission Architektur der TU Wien von 2001 bis 2006. Studiendekan für die Studienrichtungen Architektur und Building Science an der TU Wien seit 2008. Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Architektur 1995 bis 2000. Vorsitzender der Architekturstiftung Österreich seit 2000. Publikationen: "Stilverzicht. Typologie und CAD als Werkzeuge einer autonomen Architektur", 1997;"Das Wahre, das Schöne und das Richtige. Adolf Loos und das Haus Müller in Prag", 2001;"Anton Schweighofer – Der stille Radikale", 1999."Ringstraße ist überall - Texte über Architektur und Stadt", 2008. Architekturkritiker für Zeitschriften und Tageszeitungen(unter anderem "Architektur- und Bauforum","Architecture d`aujourd´hui", ARCH+,"Die Presse"). ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT 93 Warum nichts so sein wird, wie es ist, und dennoch viel beim Alten bleibt Ein Beitrag von Christoph Thun-Hohenstein Christoph Thun-Hohenstein, Jahrgang 1960, ist seit November 2007 operativer Geschäftsführer der departure wirtschaft, kunst und kultur gmbh. Zuvor war Thun-Hohenstein, von September 1999 bis August 2007, Direktor des Austrian Cultural Forum New York und Herausgeber der Online-Zeitschrift"austria.culture". Während des Studiums der Rechtswissenschaften, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte als Assistent an der Universität Wien tätig. 1982-83 Promotion zum Dr. iur. und Dr. phil. (Politikwissenschaft/Kunstgeschichte). 1984 folgte der Eintritt in das Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten der Republik Österreich und Auslandsposten in Abidjan (1985), Genf(1986-90) und Bonn (1991-93). Zahlreiche Publikationen und Vorträge, insbesondere im Bereich der Europäischen Integration und zu Themen zeitgenössischer Kultur und Kunst in verschiedenen Sparten, sowie kuratorische und JuryTätigkeit. Auf den ersten Blick mag es paradox anmuten, dass gerade das Zeitalter der fortschreitenden, vielfach als"kalt" empfundenen Digitalisierung unseres Alltags eine neue Form menschlicher Wärme zutage gefördert hat, die zwar schon seit Jahrtausenden unverzichtbarer Teil unserer Zivilisation ist, aber vermutlich selten als so wohltuend warm wahrgenommen wurde: menschliche Kreativität. Bei näherer Betrachtung ist es logisch, dass sich der Mensch gegenüber der Allmacht und Allwissenheit der Rechner auf jene Eigenschaften besinnt, die am wenigsten berechenbar erscheinen und ihn daher vom Computer am stärksten unterscheiden. Kreativität wertet nicht nur menschliches Handeln auf, die von ihr ausgehenden Botschaften werden auch am empfangenden Ende positiv aufgenommen. Kreativität gelingt es immer wieder, eine völlig andere Qualität der Kommunikation zwischen Menschen zu erzeugen, als dies bei rein digital gesteuerten Abläufen möglich wäre. Kein Wunder, dass Kreativität mittlerweile eine wachsende Rolle in der Wirtschaft spielt – was Autoren wie Wolf Lotter mittlerweile sogar von der"kreativen Revolution" sprechen lässt. Ein weiterer scheinbarer Widerspruch besteht darin, dass die Grundlagen für das in den letzten Jahren eingeläutete Zeitalter der Kreativität gerade durch jene Entwicklungen geschaffen wurden, von denen viele anfangs befürchteten, sie würden menschliche Kreativität in den Hintergrund drängen und über kurz oder lang"kaltstellen": Es waren die durch Digitalisierung und Internet bereitgestellten"Tools", die mit einem Mal und zu vergleichsweise geringen Kosten unendliche Möglichkeiten eröffneten. Die paradox anmutende kreative Herausforderung besteht unverändert darin, auf Basis streng kalkulierter Programme das Unberechenbare und Unverwechselbare zu schaffen. Wir leben eben in einer Welt der vermeintlichen Gegensätze, und vielleicht ist es das auffälligste Merkmal unserer Zeit, dass diese Gegensätze einander auf das sinnvollste ergänzen. Dies beweist sich ja auch am Phänomen, dass Digitalisierung und Internet die Welt durch Informationsflut und Empfehlungswut völlig unüberschaubar und zugleich durchsichtig wie nie zuvor gemacht haben. Die Eckpunkte der Wissensgesellschaft im 21. Jahrhundert scheinen damit festzustehen, und doch ist ihr Kern noch nicht ausreichend definiert. Es geht nicht nur um kreative Prozesse und Fingerfertigkeiten, gefragt ist eine inhaltliche kreative Grundhaltung, nämlich soziale und ökologische Verantwortung. Kreativität muss das Kunststück leisten, um solche ernsthafte Verantwortung mit seinem Gegenteil(das heute ebenfalls mehr denn je gefragt ist), nämlich Spaß und Freude zu verbinden. Natürlich geht Kreativität oft mit technologischer Innovation Hand in Hand, doch ist das nicht zwingend; Kreativität kann auf Basis bestehender technischer Standards überraschend neue Ausdrucksformen und Lösungen finden oder sogar in technologiefreien 94 ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT Denkräumen die kleine oder große Welt auf den Kopf stellen – mit dem Ergebnis, dass man sich fragt, warum es nicht schon vorher immer so gewesen ist. Kein Wunder, dass heutzutage viele Menschen ihre kreativen Fähigkeiten beruflich nützen wollen. Damit diese Berufung nicht im Prekariat endet, braucht es entsprechende Nachfrage nach Kreativleistungen. Wirtschaft und Gesellschaft müssen erkennen, dass Kreativität der richtige und menschenwürdigste Weg in die Zukunft ist und die verstärkte Heranziehung von Kreativleistungen nicht ein Sponsoring der Kreativen, sondern kluge Investition in die eigene weitere Entwicklung ist. Überwindung und Verbindung vermeintlicher Gegensätze wie Tradition und Experiment, Jugend und Alter bleiben ein Schlüsselthema. Jugend ist heute präsenter denn je:"Digital natives"(also mitten ins digitale Zeitalter hineingeborene Menschen) gewinnen zunehmend Bedeutung in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Der tägliche Umgang mit Kreativität ist ihnen Selbstverständlichkeit, und das Leben gibt ihnen jeden Tag ein Stückchen mehr recht. Zugleich stecken sie(hoffentlich) ihre Eltern- und Großelterngenerationen an – wer kann heute noch auf Mobiltelefon oder E-Mail verzichten? Das bedeutet aber nicht, dass die Erfahrung der Älteren nichts mehr zählt. Sie muss jedoch als relevant und tauglich für die Zukunft empfunden werden. Gleiches gilt für bewährte Kulturleistungen der Vergangenheit, deren Schönheit(auch dieses Wort darf man heute wieder gebrauchen) und Kraft nachfolgenden Generationen immer neu vermittelt werden müssen. Die Zukunft einer Stadt liegt in der Kreativität ihrer EinwohnerInnen. Die Entwicklung von Metropolen wird zunehmend von Kreativität, Kultur, Wissenschaft und Forschung geprägt. Die Anziehungskraft einer Stadt auf kreative und qualifizierte Menschen ist entscheidend für deren wirtschaftlichen Erfolg. departure, die Kreativagentur der Stadt Wien und ein Tochterunternehmen des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds, fördert deshalb UnternehmerInnen und UnternehmensgründerInnen der Creative Industries, die im urbanen Gefüge etwas bewegen wollen. Menschen, denen es ein Anliegen ist, internationales kulturelles und wirtschaftliches Flair in die Stadt zu holen und somit die Innovationskraft einer ganzen Region zu stärken. departure wurde im Herbst 2003 als Österreichs erste eigenständige Wirtschaftsförderungs- und Servicestelle  für Unternehmen der Creative Industries gegründet und gilt inzwischen europaweit als erfolgreiches Modell der Innovationsförderung auf Wettbewerbsbasis. Außergewöhnliche Ideen und visionäre Projekte aus den Bereichen Design, Mode, Kunstmarkt, Architektur, Musik, Audiovision, Multimedia und Verlagswesen mit hohen inhaltlichen und wirtschaftlichen Ansprüchen bilden den Kern der Förderung durch departure. Persönlicher Einsatz, Visionen, Willenskraft und Risikofreudigkeit zeichnen UnternehmerInnen aus, die den Mut haben, ihre Ideen konsequent zu verfolgen und das Gesicht der Stadt zu verändern. Die Mitarbeit an Veränderungen im Interesse einer Gesellschaft mit Herz und Aussicht ist natürlicher Teil der Arbeit von Kreativen an der Schnittstelle von Kunst, Kultur und Wirtschaft. Neben den innovativen Ideen von Einzelpersonen und Teams sollte auch die Zusammenarbeit und der fruchtbare Austausch zwischen verschiedenen Disziplinen und Sparten ausgebaut werden. Von anderen kann man immer lernen, und auch Wirtschaftstreibende begreifen zunehmend, dass der strategische Input von DesignerInnen den entscheidenden Wettbewerbsvorteil ausmachen kann. ModemacherInnen bedienen sich neuer Materialien und arbeiten mit TechnikerInnen zusammen, um nachhaltige Produkte entwickeln zu können. In kreativem Austausch entsteht Neues, wird gemeinsam Zukunft geformt und bei glücklicher Fügung wahre Innovation geschaffen. Kreativität bleibt somit die eigentliche Stärke des Menschen, und daran haben auch Computerisierung und Internet nichts geändert. Im Gegenteil! ZUKUNFT WISSENSGESELLSCHAFT 95 96 ZUKUNFT DER ARBEIT Google Lab. Abb.© Camenzind Evolution/ Peter Wurmli Zukunft der Arbeit Rasanter Wandel der Arbeitswelt Die Arbeitswelten verändern sich schneller denn je – eine Vielzahl an Faktoren trägt zu diesem Wandel bei. Der sozioökonomische Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, die Globalisierung und technologische Innovationen lassen Arbeitsformen entstehen, in denen verstärkt"weiche" Fähigkeiten(soft skills) wie Flexibilität, Teamfähigkeit, Kommunikation, Wissensweitergabe oder Informationsverarbeitung an Bedeutung gewinnen. Auch ist das Modell der sicheren Vollzeit-Lebensanstellungen immer weniger in der Lage, allen arbeitsfähi­ gen Menschen einen Arbeitsplatz mit sinnvoller Tätigkeit bei ausreichendem Auskommen zu gewährleisten. Damit stellt sich die Frage nach zukunftsfähigen Alternativen: Neue Modelle der Mischarbeit, der"Neuen Selbstständigen" oder der solidarischen Ökonomien sind ebenso gefragt wie Grundsicherung, die Vereinbarkeit von verschiedenartigen Arbeits- und Einkommensformen und neue Formen der Büronutzung. ZUKUNFT DER ARBEIT 97 Die Arbeit wird mobiler Arbeiten im Büro, im Home-Office, in der Bahn oder im Bad – die Arbeit verliert immer mehr die Bindung an bestimmte Zeiten, einen fixen Arbeitsplatz und an einen Produktionsort. Die MitarbeiterInnen der Zukunft werden sich auf unterschiedliche Arbeitsplätze einstellen müssen und ein hohes Maß an Flexibilität und Mobilität benötigen. Für den Austausch mit KollegInnen und GeschäftspartnerInnen ist eine gute technische Infrastruktur wie Telefon und Computer heute selbstverständlich – doch die Entwicklung geht weiter: Instant Messaging, ein System ähnlich einem Chat in Echtzeit, Videokonferenzen und WebCast, einer Art Fernsehsendung im Internet, ermöglichen Mitgliedern eines Teams auf ihren Computerbildschirmen gleichzeitig z. B. Präsentationen anzuschauen und miteinander zu diskutieren – unabhängig von einem vorbestimmten Raum oder einer festgelegten Zeit. Abb.© ZIT/ menonthemoon.com Abb.© Clipdealer Ein Beispiel für eine erfolgreiche Clusterbildung im Medienbereich ist der"Media Quarter Marx" in Wien-Landstraße, welcher vom ZIT-Zentrum für Innovation und Technologie gemeinsam mit privaten Investoren entwickelt wird. Abb.© ZIT/ menonthemoon.com Abb.© ZIT/ menonthemoon.com Arbeiten im Netzwerk Netzwerke sind in einer globalen Wirtschaft die Basis der Zukunft der Arbeit. Sie ermöglichen den Austausch von Informationen, die Vermehrung von Wissen und die Herstellung von Kontakten – und das mit Hilfe der Neuen Medien auch unabhängig von räumlichen Distanzen. Trotz der immer größer werdenden Möglichkeiten im Bereich der Kommunikationstechnologien sind persönliche Kontakte zwischen den Akteuren unerlässlich. Die Bildung von Netzwerken aus mehreren verwandten Unternehmen, die in räumlicher Nähe zueinander stehen, gilt heute als eine zukunftsfähige Strategie, die speziell auch kleinen Unternehmen zugute kommen kann. Durch"Clusterbildung" können gemeinsame Interessen besser vertreten und Ressourcen optimal genutzt werden, um dadurch einen Wettbewerbsvorteil entstehen zu lassen. Networking, Wissensaustausch, gegenseitige Unterstützung bei der Durchführung von Projekten oder bei der Herstellung von Kontakten bis hin zur Lukrierung von Fördermitteln sind nur einige der Vorteile von Clusterbildungen. 98 ZUKUNFT DER ARBEIT Google Lab. Abb.© Camenzind Evolution/ Peter Wurmli Verräumlichung der"Creative Industries" in Wien aus"Die amalgame Stadt". Abb.© Oliver Frey Creative Industries als wirtschaftliches Hoffnungsgebiet Kreativität zählt in der Dienstleis­ tungs- und Wissensgesellschaft zu den wichtigen standortbildenden Inputfaktoren und gilt als einer der Schlüssel zur zukunftsorientierten, urbanen Wettbewerbsfähigkeit. Städte mit einem hohen Maß an Toleranz und Offenheit sind Nährboden für kreative Milieus, die als wichtiger Standortfaktor bei der Ansiedlung von Unternehmen wirken. In den Kreativberufen werden innovative Ideen und Projekte, aber auch Arbeits- und Geschäftsmodelle der Zukunft erprobt und entwickelt, die einen geistigen Wertzuwachs darstellen und somit zur Erweiterung der technischen, wissenschaftlichen, sozialen oder kulturellen Lebensbereiche beitragen. Trotz dieses gesellschaftlichen Mehrwerts kann nur ein Bruchteil der Kunst- und Kulturschaffenden von ihrer Kreativarbeit leben. Das durchschnittliche Einkommen der"cultural workers" ist sehr gering. Städte wie Wien, die das Zukunftspotenzial der Kreativwirtschaft erkannt haben, setzen daher auf effiziente Förderprogramme. ZUKUNFT DER ARBEIT 99 Zu Hause arbeiten? Mit dem Einzug der modernen Technologien in die Haushalte eröffnet sich die Möglichkeit, Wohnen und Arbeiten miteinander zu verknüpfen. Die Zahl der"Homeworkers" steigt laufend- sei es, weil sich familiäre Arbeit wie Haushalt, Kinderbetreuung oder Pflegeleistungen mit der beruflichen Arbeit besser verbinden lässt, sei es, um lange Wege zum Arbeitsplatz zu vermeiden oder weil ein Unternehmen gar keinen eigenen Arbeitsplatz zur Verfügung stellt. Oder man gehört zu der wachsenden Gruppe der neuen Selbstständigen und Einzelunternehmen, die ihre tägliche Lebensführung verbetrieblichen und individuelle Potenziale wie Wohnraum für ihre Arbeit nutzen. Die Compact City in Wien-Donaustadt reagiert mit der Verflechtung und Überlagerung der Nutzungen Wohnen und Arbeiten auf die komplexen Anforderungen der modernen Arbeitswelt. Abb.© Robert Korab Im Büro schlafen? Das Büro der Zukunft wird mehr sein als nur Arbeitsplatz. Immer mehr Unternehmen bieten bereits heute ihren MitarbeiterInnen Ruheräume und Fitnessbereiche an, um die Konzentrations-, Leistungs- und Reaktionsfähigkeit zu erhöhen und Stress abzubauen. Der Suchdienst"Google" zeigt mit seinem neu eröffneten Forschungslabor in Zürich, wie durch unterschiedliche Serviceleistungen die Leistungsfähigkeit und Motivation der MitarbeiterInnen erhöht werden kann: Im gesamten Gebäude stehen bunt gestaltete Kommunikationsräume und Rückzugsräume, Bars und ein Restaurant sowie Fitnesscenter und Massageräume zur Verfügung. Abb.© Camenzind Evolution/ Peter Wurmli 100 ZUKUNFT DER ARBEIT Arbeitsgemeinschaften für Mikrounternehmen? Die Zahl der Einzelunternehmen und Mikrounternehmen steigt und lässt die Nachfrage an gemeinschaftlich genutzten Räumlichkeiten steigen. Dabei geht es nicht nur um eine Reduzierung von Investitions- und Betriebskosten, sondern genauso um soziale Kontakte und Netzwerke sowie eine gemeinsame Nutzung der Infrastruktur. Rochuspark. Abb.© christine-wurnig.com Wie werden wir in der Stadt der Zukunft arbeiten? So bietet beispielsweise das UnternehmerInnenzentrum Rochuspark- Ende des 19. Jahrhunderts als Schmiede erbaut- heute Selbstständigen, UnternehmerInnen und KünstlerInnen einen physischen wie sozialen Raum, einen Ort der Arbeit, der Inspiration, des Lernens, der Begegnung, der Möglichkeiten... Abb.© christine-wurnig.com Fast ein Drittel der Wiener EinzelunternehmerInnen, das sind 16.000 UnternehmerInnen, sind der ethnischen Ökonomie zuzuordnen. Eine Zahl, die in den kommenden Jahren kontinuierlich ansteigen wird. Der Brunnenmarkt bietet mit seinem Gemenge an unterschiedlichen Kulturen ein lebendiges Bild der Stadt. Abb.© GBstern 16 Ethnische Ökonomien als Wirtschaftsmotor? Ethnische Ökonomien sind heute in allen europäischen Großstädten unübersehbar und werden auch in Zukunft ein hohes Wachstumspoten­ zial besitzen. In einigen Städten sind bereits über 50% der"neuen Selbstständigen" MigrantInnen, von denen wesentliche ökonomische und kulturelle Impulse ausgehen. Diese zu unterstützen und angemessene Rahmenbedingungen für die informellen und ökonomischen Netzwerke zu schaffen, stellt eine der Herausforderungen an die Stadt von morgen dar. ZUKUNFT DER ARBEIT 101 Sabine Gstöttner(l.) im Gespräch mit Ulrike Kogelmüller(r.) Ein Gespräch mit Designerin Ulrike Kogelmüller Ulrike Kogelmüller, Absolventin der Höheren Bildenden Lehranstalt für Mode und Bekleidungstechnik in Wiener Neustadt/Niederösterreich, Meisterprüfung an der Herbststraße/ Wien. Nach einigen Jahren Praxis als Direktrice in der Textilindustrie wechselte sie in den Marketingbereich einer Sport- und Livestylemarke. Nach fünf Jahren als Retail Marketing Manager kam der Entschluss zur Selbstständigkeit und die Gründung des Labels ulliKo. Seither kreiert Ulrike Kogelmüller zweimal jährlich Damenkollektionen und Accessoires. 102 ZUKUNFT DER ARBEIT Arbeiten im Netzwerk eine zukunftsfähige Strategie für kleine Unternehmen Unser Arbeitsalltag verändert sich und unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel von der Industriegesellschaft zu Dienstleistungsgesellschaft. Zusätzlich kommt es immer seltener vor, dass wir einer geregelten Arbeit nachgehen, mit einem Angestelltenverhältnis, was natürlich auch Chancen für neue Qualitäten der Arbeit eröffnet. Uns interessiert, wie du auf diese Situation reagierst, darum würden wir dich bitten, dass du deine Firma ganz kurz einmal vorstellst. Ulrike Kogelmüller: Ich habe ein Modelabel, das nennt sich"ulliKo", gegründet 2005. Ich bin ein Einzelunternehmen, als Modedesign gemeldet. Ich habe das Geschäft die ersten vier Jahre ganz alleine geführt. Ich mache zweimal im Jahr eine Kollektion: Frühjahr/Sommer, Herbst/Winter. Angefangen habe ich in einem kleinen Raum, in einer WG, wo ich mich eingemietet habe, das war mein ers­ tes Atelier. Dann bin ich nach Hernals gezogen, dort habe ich ein Gassenlokal gemietet, in dem ich zwei Tage in der Woche Ateliersverkauf gemacht habe. Seit November bin ich hier in der Kirchengasse. Im Moment besteht die Firma aus mir und zwei Aushilfen. Ich habe eine Produktion in Wien, mit der ich arbeite, wo die Kollektionen produziert werden. Ich entwickle die Kollektion, Entwürfe, Schnitte, Prototypen, kümmere mich um den ganzen Einkauf, Materialeinkauf, Lieferantenabwicklungen. Im Atelier hier in der Kirchengasse erstelle ich die Kollektion, ich mache die Prototypen, und dann gebe ich sie weiter in die Produktion zur Vervielfältigung. Wieso hast du dich für die Kirchengasse entschieden? UK: Ich wollte ursprünglich immer in den 7. Bezirk. Also nicht direkt auf die Mariahilfer Straße, wo der Konsum stattfindet, sondern einen Schritt dahinter. Die Gegend hat mir immer sehr gut gefallen, ich habe das Publikum gesehen, ich habe gesehen, dass sich meine Kunden ungefähr auch hier bewegen, und dass sich eine kleine Boutiquenszene, eine Kreativszene hier entwickelt hat. Ich habe mich da immer ganz gut aufgehoben gefühlt und habe mir gedacht, das ist der Platz, wo ich hin will. Du bist uns beschrieben worden als jemand, der Kooperationen eingeht und mit anderen Unternehmen im Quartier zusammenarbeitet? Kannst du dieses Netzwerk ein bisschen genauer beschreiben? UK: Hier gibt es"7tm", initiiert von Barbara Denk gemeinsam mit Lena Kvadrat von art point. Alle, die mitmachen wollen, haben sich im 7. Bezirk zusammengetan, um gemeinsam auf sich aufmerksam zu machen, gemeinsam zu sagen, hier gibt es Designer Shops, hier gibt’s heimisches Design. Wir haben einen gemeinsamen Plan-Folder, wir ko­operieren mit Wien Tourismus, mit den Hotels rundherum, wir organisieren Shoppingtouren für Touristen und für Wiener, wir machen gemeinsame Veranstaltungen... Veranstaltungen sind mit viel Aufwand und viel Kosten verbunden. Wenn man sich den Arbeitsaufwand und auch die Kosten aufteilen kann, dann kann man etwas Größeres machen, und das ist auch leichter für jeden Einzelnen. Das fruchtet und das funktioniert sehr gut. Wir sind 33 Leute, und davon gibt es eine kleine Gruppe, so 5-6 Leute, die sich regelmäßig trifft, zum Gedankenaustausch und Brainstorming. Dann wiederum entstehen temporäre kleine Netzwerke mit Kollegen. Leute, die sich zusammentun, zu fünft, zu sechst, und z. B. eine Modeschau machen. Oder in Graz etwas veranstalten. Dann gibt es Vienna-Showroom- 8 Designer, die gemeinsam auf internationale Messen gehen. Was wieder­ um ein Schritt mehr ist, als lokal zu sein und hier zu verkaufen, sondern den Großhandel zu bedienen und auf große Messen zu gehen. Der Aufwand für internationale Messen ist enorm. Das zu organisieren ist für den Einzelnen vom Arbeitsaufwand und vom finanziellen Aufwand heftig. Zu acht teilen sich die Kosten auch für Transport und Spedition und Messestand. Es werden also die Kosten und Arbeit aufgeteilt? UK: Die Arbeit wird aufgeteilt. Wir haben es so gemacht, einer kümmert sich um Förderungen, um Anträge, einer kümmert sich um Speditionen, der andere schaut, dass alle informiert sind, die nicht regelmäßig zu den Treffen kommen. Auch die Arbeit vor Ort wird aufgeteilt. Wer kümmert sich um Kleiderhaken, wer kümmert sich um Messebau. Das teilt sich schön auf, das wird in regelmäßigen ZUKUNFT DER ARBEIT 103 Treffen in der Gruppe besprochen, aufgeteilt, getan. Und das sind alles Unternehmen, die hier in der Nähe ihren Standort haben? UK: Ja, schon. Bei Vienna-Showroom waren auch andere dabei … Es sind aber ausschließlich Leute aus der Modebranche? UK: Ja, Mode, Accessoires, also Schmuck, Schuhe... Ist Arbeiten im Netzwerk eine zukunftsfähige Arbeitsform? UK: Auf jeden Fall. Viele kleine Netzwerke bilden sich, man schließt sich temporär eben für Projekte zusammen, dann geht man wieder auseinander, findet sich wieder in anderen Projekten, man lernt sich kennen, das Eine greift ins Andere über. Ich bin nicht jemand, der gezielt nach Netzwerken sucht oder unbedingt vernetz­en muss, das passiert. Und das passiert im Kreis, wo man sich gut kennt, im Kollegenkreis, wo man sich gegenseitig hilft. Wenn es funk­ tioniert, dann ist das eine Form, die auf jeden Fall eine Zukunft hat, ge­ rade in dem"KleinstunternehmenBereich". Denn dort bist du nicht in ein großes Marketing eingegliedert und hast nicht eine große PR-Abteilung, die für dich arbeitet. Der Arbeitsalltag von Einpersonenunternehmen in kreativen Jobs schaut anders aus als der klassische Nine to-five-Job. Arbeit und Freizeit verschwimmen immer mehr. Was muss eine Stadt der Zukunft bieten, damit deine Bedürfnisse abgedeckt werden? UK: Es beginnt bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Beruf und Privates vermischen sich, denn du bist eine Person, du bist Einpersonenunternehmen. Du musst alles unter einen Hut bringen, deinen Alltag organisieren. Du musst schnell einmal zum Arzt fahren können, es muss die Infrastruktur um dich stimmen für deine Bedürfnisse. Ich muss meine Wohnung gut erreichen können, ich muss schnell am Arbeitsplatz sein, ich muss schnell einen Kunden besuchen können, öffentliche Verkehrsmittel finde ich wichtig, die vielleicht mal auch rund um die Uhr gehen. Dann geht es weiter, was ist, wenn man so ein Unternehmen hat und Familie hat, oder Familie will. Kinderbetreuung. Das ist ein großes Thema für alle von uns. Man muss sich seine Zeit einteilen, der Tag hat 24 Stunden, davon ist ein kleiner Teil für mich reserviert oder für meine Beziehungen, für mein privates, soziales Umfeld und ein Teil für Arbeit. Wobei für mich Arbeit nicht Arbeit ist, sondern etwas, was ich gern mache. Aber was ist, wenn ich Kinder hätte? Wie organisiert man das? Privatbetreuung ist wahrscheinlich nicht finanzierbar. Kindergärtenplätze in der Nähe zu haben, Tagesmütter, Kinderspielplätze... Wichtig ist auch, dass die Stadt Entwicklungen zulässt und unterstützend wirkt. So eine Entwicklung der Kreativszene hier im 7. Bezirk etwa, ich glaube nicht, dass man so etwas planen kann. Man kann nicht sagen, "Leute, hier ist euer Viertel! Liebe Kreative, setzt euch dorthin und arbeitet und macht was!" Das entwickelt sich, und dann ist die Stadt gefordert, das zu unterstützen. Es soll kein Zwang sein, irgendwo hingehen zu müssen. Die Stadt muss auf das, was in der Stadt passiert, reagieren. Wie schaut dein Arbeitsalltag aus? UK: Ich bin um spätestens 10 hier, bereite mal vor, meistens wird der Shop in der Früh geputzt, vielleicht neue Schaufenster und so weiter, um 11 sperre ich auf, dann habe ich es mir so eingerichtet, dass ich hier auch das Atelier habe. Ich mache meine Kollektion, sitze am Computer etc. Wenn Kunden da sind, bin ich vorne im Geschäft, dann gehe ich wieder nach hinten, dann muss ich auch mal zusperren, weil ich zum Arzt gehe oder einkaufe. Ich versuche wirklich so strikt wie möglich die Öffnungszeiten einzuhalten, damit sich die Kunden auch daran gewöhnen. Der Plan war für mich, mindestens ein Jahr selber im Geschäft zu stehen. Damit mich die Kunden kennenlernen, was sehr wichtig ist. Das ist die Designerin, sie steht drinnen, mit ihr kann ich reden, ich kann sie fragen, sie macht mir vielleicht eine extra Anfertigung... Das schätzen die Leute und das ist sehr wichtig, weil du direkt Feedback hast. Ich sperre um 7 am Abend das Geschäft zu, meistens bin ich noch hinten und arbeite, gehe die Mails durch oder mache Abrech104 ZUKUNFT DER ARBEIT nungen. Oder ich mache in Ruhe die Schnittkonstruktion fertig. Dann ist es 8, 9, dann trifft man sich zum ­Essen mit Freunden, dann ist es 12, 1, dann geht man ins Bett und dann geht es wieder los. Das Ganze hat man bis am Samstag, dann hat man vielleicht Samstagabend oder am Sonntag eine Veranstaltung oder eine Messe. Man muss versuchen, sich wirklich an der Nase zu nehmen und seine Ruhepausen einzuhalten und nicht, wie ich es am Anfang getan habe, 2 Jahre durchzuarbeiten und dann irgendwann einmal umzufallen. Wenn du deinen Arbeitsalltag beschreibst, ist eigentlich die traditionelle Familie keine Form, die sich damit in Einklang bringen lässt. UK: Ja... was ich versuche zu pflegen, ist mein soziales Umfeld. Meine Freunde, meine Eltern regelmäßig zu sehen ist wichtig. Das zu missen wäre schlimm. Kochst du eigentlich selbst? UK: Ja. Nicht viel, aber schon. Das sind Dinge, die ich zelebriere und die ich gern mache. Mit Freunden, aber nicht regelmäßig. Das Kochen ist eher ein Hobby als regelmäßiger Alltag, weil es einfach nicht regelmäßig geht. Die Zeit ist knapp, man muss das alles managen. Hier ist es schön, es ist alles da, auch im Umkreis, den Naschmarkt am Samstagabend entlang spazieren oder den letzten Rest vom Flohmarkt mitkriegen, auf einen G’spritzten gehen oder was auch immer. Die Stadt bietet viel, das ist eh gut. Es ist sehr schön, ich bin gern da. Ich finde den Standort Wien spannend und schön. ZUKUNFT DER ARBEIT 105 Die Zukunft der Arbeit – zu jeder Zeit ein Thema der Gegenwart Ein Beitrag von Claus Hofer 106 ZUKUNFT DER ARBEIT Die"Zukunft der Arbeit" ist ein viel zu breites Thema, um es hier in seiner Gesamtheit zu besprechen, auch fehlt mir die diesbezügliche soziologische und historische Expertise, aber eines ist jedenfalls festzustellen: Entgegen manchen Prognosen der Vergangenheit geht den modernen Gesellschaften die Arbeit nicht aus. Trotz Wirtschaftskrisen, Strukturwandel, seit langem nicht mehr reduzierte Normarbeitszeiten und vor allem enormen Produktivitätsfortschritten (die zunehmend auch in vielen Bereichen des Dienstleistungssektors zu beobachten sind) – in der mittel- und langfristigen Betrachtung steigen die Beschäftigtenzahlen. Auch wenn man den hohen Anteil an Teilzeitund geringfügig Beschäftigten in Betracht ziehen muss – es gibt immer was zu tun, offensichtlich. Wissensgesellschaft, Kreativität, soziale Kompetenzen, Informationsmanagement – diese und andere verwandte Begriffe, die im Zusammenhang mit dem Thema Zukunft der Arbeit, oder auch Gegenwart der Arbeit, verwendet werden, haben ihre Berechtigung, ihre reale Entsprechung und Bedeutung. Trotzdem sollte man vorsichtig sein. Diese Anforderungen oder Rahmenbedingungen sind für viele Menschen Realität und werden es zukünftig für noch mehr werden. Aber es gilt bei weitem nicht für alle. Auch in der modernen Dienstleistungsgesellschaft gibt es die Routinetätigkeiten, gibt es die Tätigkeiten, bei denen – vielleicht zu Unrecht! – Kreativität, eigenständige Problemlösung, flexible soziale Interaktion nicht gefragt sind, sondern ein verlässliches Erledigen von durchaus tayloristisch beschränkten und abgegrenzten Aufgaben. Die Menschen, die solche Tätigkeiten verrichten, haben aber auch selten Gelegenheit, ihre Gedanken zur Zukunft der Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit darzulegen. Dies tun für gewöhnlich die WissensarbeiterInnen. Nicht auszuschließen, dass so ein gewisser Bias entsteht, das Sein bestimmt ja bekanntlich das Bewusstsein. Um die abstrakte Ebene zu verlassen: So wichtig es ist, auf die neuen Anforderungen im Zusammenhang mit der Wissensgesellschaft zu reagieren, gerade auch als technologiepolitischer Akteur, die Arbeits- und damit auch die Unternehmenswelt ist differenziert, dies muss auch für das wirtschaftspolitische Instrumen­ tarium gelten. Dies auch als Eingangsbemerkungen, um festzuhalten, dass die Entwicklungen, die ich im Folgenden darstellen werde, ein ganz wesentlicher, aber nicht der einzige Aspekt in der sich verändernden Organisation der Arbeitswelt und ihrer Abläufe sind. Die"Zukunft der Arbeit" kann man gerade in dem Bereich unserer Tätigkeit, der Technologiepolitik, recht gut erkennen, weil sie zu einem wesentlichen Teil eben schon Gegenwart ist. Gerade in Wien ist auch im Bereich der Know-how-intensiven Tätigkeiten eine Verschiebung vom"technischen" hin zum Dienstleistungsbereich zu beobachten. Eine Entwicklung, auf die Teilbereiche der österreichischen Technologiepolitik beziehungsweise des entsprechenden Förderinstrumentariums im übrigen noch nicht ausreichend reagiert haben. Der klassische entwickelnde/produzierende Technologiebetrieb scheint hier immer noch das Maß vieler Dinge zu sein. Demgegenüber sind aber gerade in großstädtischen Agglomerationen wie Wien Innovationen, Forschung und Entwicklung auch und gerade in einem Bereich zu finden, für den es meiner Ansicht nach(noch) kein wirklich passendes Wort gibt. Vielleicht kann man sich bis zu seiner Erfindung mit der Krücke"immaterielle Tätigkeiten und Produkte" behelfen. Es geht hierbei nicht nur um Dienstleistungen, sondern um mehr, gleichzeitig aber auch nicht um alle Dienstleistungen. Es geht natürlich um die ganze Palette der Elektronik, allerdings meist eingeschränkt auf Software und oft noch spezifischer auf Kommunikationssoftware, die sich nicht wirklich trennen lässt von Medien, gleichzeitig aber weit über das klassische Verständnis von Medien und Interaktion mittels dieser hinausgeht. Diese Entwicklungen führen zu einer"Kommunikationsökonomie", ohne die eine Wissensökonomie nicht denkbar ist, gleichzeitig wird erstere durch die Wissensökonomie und die damit verbundenen vielfältigen Austauschnotwendigkeiten befördert. Diese"immateriellen Produktionen" haben die Eigenschaft, schwer oder gar nicht mess- oder zertifizierbar zu sein. Dies hat aber auch Auswirkungen auf jene, die diese Produkte herstellen. Ist es schwierig bis unmöglich, das Ergebnis einer Arbeit quantitativ und standardisiert zu messen und einzuordnen, so gilt dies auch für die Qualifikation, die zu ihrer Verrichtung notwendig ist. Bislang versuchen die Ausbildungssysteme und-institutionen mit Angeboten zu reagieren, die zwar eine formale Zertifizierung beinhalten, aus den Ausbildungsinhalten selbst jedoch kann nicht wirklich auf die Fähigkeiten, die sich die konkrete Person im Rahmen dieser Ausbildung angeeignet hat, geschlossen werden. Die schwammige Disziplin des"Wissensmanagements" sei hier exemplarisch erwähnt. Wenn aber die inhaltlichen Anforderungen an die Arbeit und die Person, die die Arbeit verrichten soll, so schwierig zu definieren sind, so hat dies natürlich auch Auswirkungen bei der Suche nach MitarbeiterInnen. Social Skills, der"Eindruck", die"Chemie", das Potenzial und die Lern-, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, die jemandem zugetraut wird, gewinnen weiter an Gewicht. Lebenslanges oder lebensbegleitendes Lernen(wobei ich beide für unglückliche Begriffe halte, ersterer erinnert schon sehr an Hochsicherheitstrakt und zweiterer klingt irgendwie esoterisch nach Lebensbegleitung) heißt daher nicht unbedingt einen Fortbildungskurs nach dem anderen zu besuchen oder dem Mag. noch diverse Master und Bachelors anzuhängen. Es geht mindestens genauso sehr um Persönlichkeitsentwicklung, Nutzen von Erfahrungen, Offenheit und viele andere verwandte Dinge- und vielleicht auch ein bisschen um das berühmte Entrepreneurship, nicht nur im Sinne der Unternehmensführung, sondern im Sinne eines"packen wir´s an". Vielleicht wird die Zukunft der Arbeit eine nur schwer messbare. Als Produktionsfaktor im ganz altmodischen Sinn wird sie ihre Bedeutung nicht verlieren. Auch nicht als Gegenstand philosophischer Abhandlungen. Protestantische Arbeitsethik, Recht auf Faulheit oder Entfremdung- zumindest für zukünftige WissensarbeiterInnen gibt genug Anknüpfungspunkte. Claus Hofer, Geschäftsführer der ZIT Zentrum für Innovation und Technologie GmbH Der Jurist Claus Hofer ist Geschäftsführer des ZIT Zentrum für Innovation und Technologie GmbH, der Technologieagentur der Stadt Wien. Dr. Hofer ist in dieser Funktion für das gesamte aus Technologie- und Innovationsförderungen, Dienstleis­ tungen und Immobilien bestehende Portfolio des ZIT verantwortlich. Er berät verschiedene Einheiten der Stadt Wien bei der Konzeption wirtschafts-, forschungs- und technologiepolitischer Maßnahmen. ZUKUNFT DER ARBEIT 107 Brunnenmarkt Wien. Abb.© GB 16 Ein Beitrag von Erol Yildiz 108 ZUKUNFT DER ARBEIT Migrantische Ökonomie: Integration auf eigene Rechnung Über Jahrhunderte wurden die Städte Europas von unterschiedlichen Migrationsbewegungen geprägt. Urbanisierung ohne Migration ist schlichtweg unvorstellbar. Historisch gesehen war die Arbeitsmigration nach dem Zweiten Weltkrieg also nur eine neue Phase, in der viele Städte nachhaltig verändert wurden. Dennoch sind migrantisch geprägte Stadtquartiere oft als Ghettos, ethnische Kolonien oder neuerdings als Parallelgesellschaften verrufen. Statt von oben zu urteilen und solche Wohnviertel pauschal abzuwerten, steht in diesem Beitrag ihre Relevanz für das urbane Zusammenleben im Mittelpunkt. Aus dieser Perspektive kann gezeigt werden, dass es sich vielfach um – wenn auch unter prekären Bedingungen realisierte – Erfolgsgeschichten handelt. Viele solcher Quartiere, die von Stadtplanern und Behörden aufgegeben und ihrem Schicksal überlassen wurden, gerieten erst in Bewegung durch den Zuzug von Migranten, die trotz vielfältiger rechtlicher und politischer Barrieren heruntergekommene oder leer stehende Häuser übernahmen, kleine Geschäfte gründeten und informelle Netzwerke errichteten. Dabei handelt es sich um Strategien, mit denen Menschen ihre Existenz und ihren sozialen Aufstieg vielfach an den offiziellen Arbeitsmärkten vorbei organisieren müssen und deren Leistungen daher nur zu einem geringen Teil in die"nationale Buchhaltung" eingehen. Gerade solche Viertel zeichnen sich aber durch eine große Dichte von Dienstleistungen, Geschäften und gastronomischen Angeboten aus. Es zeigt sich, wie die Bewohner dieser Stadtteile unter schwierigen Bedingungen ihr Leben organisieren, wie vernachlässigte städtische Räume durch spezifische ökonomische Aktivitäten wiederbelebt, also"recycelt" werden(vgl. Yildiz/Mattausch 2008). In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, zunächst die Entwicklung und konstitutive Bedeutung migrantisch organisierter Ökonomien in solchen Quartieren zu skizzieren, die heute aus dem urbanen Kontext kaum wegzudenken sind. Ein Blick in die Entstehung migrantischer Ökonomie zeigt, dass es sich dabei um eine pragmatische Strategie handelt, die an konkreten Prozessen und Erfahrungskontexten orientiert ist. "Urban Recycling" Migrantische Ökonomien sind in allen europäischen Großstädten un­ übersehbar und prägen heute das Bild der"europäischen Stadt". Migranten organisieren in vielen Städten einen Großteil der gewerblichen Infrastruktur, tragen durch ihre sozialen und ökonomischen Aktivitäten wesentlich zur urbanen Lebensqualität bei. Wir können hier eine Art selbstorganisierter Integration beobachten. Obwohl politisch unerwünscht, ließen sich viele"Gastarbeiter" nach und nach dauerhaft in deutschen Großstädten nieder und versuchten unter rechtlich erschwerten Bedingungen, sich städtische Orte anzueignen, neue Orte zu schaffen und zu gestalten. In den 1970er-Jahren bezogen gewerbetreibende Migranten mit ihren quartiernahen Geschäften Ladenzeilen in Stadtvierteln, die im Zuge weltweiter ökonomischer Umstrukturierungsprozesse von einheimischen Gewerbetreibenden verlassen wurden. Sie brachten damit wieder Leben in die Straßen und auf die Bürgersteige und trugen entscheidend zur Sanierung und Modernisierung heruntergekommener urbaner Räume bei. Kioske, Speiselokale und Lebensmittelläden wurden dabei zur Haupterwerbsquelle und prägten nach und nach viele Stadtteile und Straßenzüge, sodass heute das Leben mancherorts schon ein mediterranorientalisches Flair bekommen hat. Migranten haben durch ihre Präsenz und selbstständige Aktivitäten das Gesicht vieler Städte geprägt, ihnen neue Impulse und Stadtteilen wieder Stabilität verliehen. Sie haben aus der Not eine Tugend gemacht und die Arbeitslosigkeit in ein Erwerbsleben zur Existenzsicherung umgemünzt. Paradebeispiele dafür sind bahnhofsnahe Stadtgebiete. Wie alte Filme zeigen, waren vor allem die Bahnhöfe in den Anfangsjahren der Anwerbung Haupttreffpunkt der Gastarbeiter, die imaginäre Verbindung zu ihren Herkunftsorten. Die meisten von ihnen wohnten in Baracken auf Firmengelände oder in Sammelunterkünften, konnten kaum Deutsch und hatten wenig Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Beim damaligen Stand der Telekommunikation waren auch die Verbindungen zu ihren Familienangehörigen zunächst unterbrochen. Unter diesen Umständen war der Gang zum Hauptbahnhof, dem ers­ ten Ankunftsort, mit der Hoffnung verbunden, Bekannte aus der HerZUKUNFT DER ARBEIT 109 kunftsregion zu treffen. So waren die Bahnhöfe stets ein Ort der Hoffnung, der Begegnung und Kommunikation. Es ist also kein Wunder, dass gerade in diesen Gegenden die ersten Teehäuser, Speiselokale und kulturellen Treffpunkte von Migranten eröffnet wurden. Die Bahnhöfe waren zugleich Ankunftsorte und Ausgangspunkte für urbane Entwicklungen und Erneuerungen. Migrantisch geprägte Ökonomie in vielen Großstädten zeigt, wie Arbeitsmigranten und deren Nachkommen unter diskriminierenden Bedingungen im wahrsten Sinne eine Kultur der Selbstständigkeit entwickelt haben, die ohne Nutzung informeller Ressourcen nicht denkbar wäre. In den meisten Fällen handelt es sich um Familienbetriebe, und oft sind tatsächlich ganze Familien in den jeweiligen Betrieb eingebunden. Darüber hinaus zeigt sich, dass es gerade diese Familienunternehmen sind, die in schwierigen Zeiten und an desolaten Standorten Risiken eingehen und Geschäfte eröffnen und so zu einer grundlegenden Verbesserung der Versorgungssituation in den städtischen Quartieren beitragen. Ökonomische Aktivitäten und soziale Netzwerke sind eng miteinander verflochten. Da Migranten im formellen Arbeitsmarkt marginalisiert werden, sind sie dazu gezwungen, andere Strategien und Beziehungskompetenzen zu entwickeln, als es bei der einheimischen Bevölkerung der Fall ist. Die Entwicklung migrantischer Ökonomie zeigt, dass die Geschäftsleute auf Netzwerke und Ressourcen zurückgreifen können, die für sie überlebensnotwendig sind. Indem Netzwerke und Ressourcen mobilisiert werden, werden sie automatisch auch gestärkt."Sie akkumulieren soziales Kapital", so Saskia Sassen (2000: 103). Durch Migranten geprägte Quartiere oder Straßenzüge sind nicht als Abbild der"Herkunftsgesellschaft" zu verstehen, sondern als ein lokales und spezifisches Arrangement, das die Lebenslage der Menschen in den Städten abbildet. Auf diese Weise werden lokale Erwartungen reflektiert, Traditionen zitiert und auf neue globale Zumutungen reagiert. Einzelhändler orientieren sich beispielsweise am Geschmack ihrer Kunden vor Ort. Ihre Läden und Lokale, ihre Angebotspalette ist oft ein Zugeständnis an die deutschen Vorstellungen von"Orient" oder"Mittelmeerkultur"; es sind Inszenierungen, in denen sich die unterschiedlichsten Elemente zu einem neuen Bild, einer"neuen Tradition" verbinden. Hier wird deutscher Orientalismus inszeniert, den Edward Said(1978) eine imaginäre Geografie nannte. Diese quartierspezifischen Entwicklungen spiegeln also längst eine von Lokalität und Globalität geprägte urbane Alltagswirklichkeit wider(vgl. Yildiz 2004). In den Städten wird an zahllosen Beispielen das sichtbar, was Robert Pütz(2004) als"transkulturelle Praxis" bezeichnet, nämlich sich mehrfach überlagernde und überkreuzende soziale und kulturelle Erfahrungen. Sie belegen, wie die Bewohner der Stadtquartiere grenz­ überschreitende ökonomische, soziale und kulturelle Elemente und Netzwerke für sich nutzen, neu definieren und zu neuen Strukturen und Lebensentwürfen verbinden. Neben den beschriebenen orientalischen/ mediterranen Inszenierungen in Einzelhandel und Gastronomie ist diese Mischung gerade in der Jugendszene und ihren Trends – ob Hip-Hop, Orient-Lounge oder"Kanak Sprak" – nicht zu übersehen. Es ist an der Zeit, die Entwicklung migrationsgeprägter Quartiere und deren ökonomische Struktur als Erfolgsgeschichten der Einwanderer anzuerkennen und die von Zuwanderung ausgehenden kulturellen und ökonomischen Impulse in den Mittelpunkt der Stadtpolitik zu rücken. Solche Quartiere sind zum Schrittmacher für die globalisierte Welt geworden. Gerade informelle Netzwerke, auf die Migranten bei ihren ökonomischen Aktivitäten zurückgreifen (können), sind der ökonomischen Krise eine wichtige Ressource und eine Überlebensstrategie. Angemessen und zukunftsweisend wäre es, wenn Kommunen das Phänomen Migration und die ökonomischen Aktivitäten von Migranten als konstitutives Element der Stadt­ entwicklung auch langfristig zum Leitbild erklären würden. Tante Emma ist heute eben Onkel Ali. 110 ZUKUNFT DER ARBEIT Literatur Pütz, Robert(2004): Transkulturalität als Praxis. Unternehmer türkischer Herkunft in Berlin. Bielefeld. Said, Edward(1978): Orientalism. New York. Sassen, Saskia(2000): Dienstleistungsökonomien und die Beschäftigung von Migranten in Städten. In: Schmals, K. M.(Hg.): Migration und Stadt. Entwicklungen – Defizite- Potenziale. Opladen, S. 9-26. Yildiz, Erol/Mattausch, Birgit(2008)(Hg.): Urban Recycling. Migration als Großstadt-Ressource. Basel-Boston-Berlin. Yildiz, Erol(2004): Leben in der kosmopolitanen Moderne: Die Öffnung der Orte zur Welt(unveröffentlichte Habilitationsschrift). Köln. Erol Yildiz, seit August Professur für Interkulturelle Bildung an der Alpen-AdriaUniversität Klagenfurt; Promotion zum Thema:"Halbierte Gesellschaft der Postmoderne. Probleme des Minderheitendiskurses unter Berücksichtigung alternativer Ansätze in den Niederlanden(Universität zu Köln), anschließend Habilitation zum Thema:"Leben in der kosmopolitanen Moderne: Die Öffnung der Orte zur Welt"(Universität zu Köln); Mitgründer der Forschungsstelle für interkulturelle Studien(FiSt) an der Universität zu Köln; Mitherausgeber der Reihe für Interkulturelle Studien (VS Verlag Wiesbaden); Forschungsschwerpunkte: Migrationsforschung, Interkulturelle Bildung, Stadt und Migration und Globalisierung; Aktuelle Publikationen: Was heißt hier Parallelgesellschaft? Umgang mit Differenz. 2007. Wiesbaden(mit Bukow u. a. hg.); Urban Recycling. Migration als Großstadt-Ressource. 2008. BaselBoston-Berlin. ZUKUNFT DER ARBEIT 111 Ein Beitrag von Iris Reuther, Andreas Paul Creative Leipzig. Abb.© Andreas Paul, Büro für urbane Projekte Leipzig 112 ZUKUNFT DER ARBEIT Creative Leipzig. Stadt als Beziehungslandschaft In einem Interview des Stadtmagazins wurde der erfolgreichste Galerist aus Leipzig kürzlich nach seiner Perspektive für die Stadt gefragt. Für ihn ist Leipzig ein Produktionsort für Kunst, in der es mal Industrie gab, aber eben auch jemanden, der jeden Sonntag eine Kantate abliefern musste. Deshalb muss man sich nicht nur um den Vertrieb und die Kunden kümmern, sondern vor allem um die Künstler und ihre Arbeitsbedingungen. So zeigt die Szenerie am Eröffnungstag der Galerien in der ehemaligen Baumwollspinnerei von Leipzig Plagwitz wohl eine lebendige urbane Situation, verkörpert aber nur das sichtbare Symbol einer veränderten Nutzung des Ortes und damit eine aktuelle Identität der Stadt. Die Städte sind in einen Wettbewerb um gut ausgebildete Fachkräfte und kreative junge Köpfe getreten, die das eigentliche Kapital für die Zukunft darstellen. Ihre Anwesenheit in der Stadt, ihr Eingebettetsein in Milieus und Netzwerke, ihr Zusammenwirken im Raum sowie ihre wirtschaftlichen Unternehmungen stellen neuerdings genuine Elemente und einen wichtigen Motor der Wertschöpfungskette dar. So führt die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages an, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland 2004 eine Bruttowertschöpfung von 58 Mrd. Euro erreichte und damit nur knapp hinter der Automobilindustrie rangierte. Zudem verfügen die in dieser Branche Tätigen über ein weit überdurchschnittliches Qualifikationsniveau(Deutscher Bundestag, 2007, S. 336). Es handelt sich um einen prosperierenden Wirtschaftszweig und eine tragende Säule der Wissensgesellschaft, die eine enge Bindung an den Raum hat und trotz der Entgrenzung der Arbeits- und Lebenswelt auf städtische Kontexte angewiesen ist (Läpple, 2003, S. 19). Der Fokus liegt auf der Kreativ- und Kulturwirtschaft, die als eine neue Facette der Wirtschaftsprofile und Teil der lokalen Ökonomie von großen Städten und Metropolen betrachtet werden kann. Genauer gemeint sind damit all jene Betriebe, selbständigen Unternehmen und wirtschaftlichen Akteure, die an der Vorbereitung, Schaffung, Erhaltung und Sicherung künstlerischer Produktion sowie an der Vermittlung und medialen Verbreitung kultureller Leistungen beteiligt sind oder dafür Produkte herstellen und veräußern. Dabei werden der öffentlich finanzierte sowie der gemeinnützige Sektor der Kultur zwar nicht außer Acht gelassen, aber eher die Interdependenzen zwischen öffentlichem, zivilgesellschaftlichem und privatwirtschaftlichem Kulturbetrieb gesehen(Weckerle/Gerig/Söndermann, 2008, S. 28). Die Stadt Leipzig hat wegen ihrer räumlichen Grundkonstellation eine besondere Begabung für kreative urbane Milieus. Hierzu zählen die räumliche Dichte, die robuste nutzungsgemischte Struktur, viele verfügbare Räume in ehemals industriell genutzten Arealen oder untergenutzten Wohngebäuden der Gründerzeit, identitätsstiftende kulturelle Adressen und die Tradition einer besonderen Kultur- und Bildungslandschaft. Diese Begabung ist insbesondere in der Innenstadt sowie in den inneren Stadtteilen, aber auch in den attraktiven Verknüpfungen mit einer hochmodernen Verkehrsinfrastruktur angelegt. Im stadtregionalen Kontext hat Leipzig enge Bezüge zu einer facettenreichen europäischen Kulturlandschaft der Reformation(Martin Luther), der Aufklärung(Weimar und Wörlitz), der Moderne(Bauhaus) und inzwischen auch postindustrieller Positionen(Industrielles Gartenreich und Leipziger Neuseenland). Die Stadt verfügt aufgrund ihrer sozialen und kulturellen Kapitale über einen Bedeutungsüberschuss an kreativen Potenzialen und Köpfen, der national, international und auch global wahrgenommen wird und inzwischen trotz oder gar wegen der Konkurrenz durch die Metropole Berlin eine interessante Anziehungskraft entfaltet. Der Bildenden Kunst kommt dabei mit den Erfolgen der neuen Leipziger Malerschule die Rolle eines Markenzeichens zu. Der Designbereich gehört weltweit zu den Leitdisziplinen und scheint auch in Leipzig auf dem Vormarsch. Außerdem können besondere Aktivitäten auf den Gebieten der Musik und der Literatur für Leipzig benannt werden. Insgesamt kann man feststellen, dass mit den kreativen Milieus ein Thema aufgerufen wird, das als konzeptionelle Weiterentwicklung der"perforierten" und"entspannten" Stadt verstanden werden kann. Waren es zunächst der Überfluss an leeren ZUKUNFT DER ARBEIT 113 Räumen und brachliegenden Flächen - also die materiellen Ressourcen der Stadt für die Entwicklung des kreativen Umgangs mit Raum, die einen neuen Topos generierten-, so sind es mit den Künstlern, Kulturschaffenden und den neuen wirtschaftlichen Akteuren nun die ideellen und ökonomischen Bezüge sowie die Nutzungen und Aktivitäten, die die überschüssigen Potenziale und Freiräume der Stadt füllen können. Das offene räumliche Kontinuum generiert die Beziehungslandschaft einer kreativen kulturellen Szene(Kruse, 2008, S. 38). Damit steht die Frage nach den strategischen Räumen für die kreativen Milieus und ihre Verortung im Stadtraum. Deshalb wurden zunächst die als Leuchttürme fungierenden Kunst- und Medieninstitutionen kartiert. Dazu gehören die Museen, einflussreiche Galerien und vor allem die Kunsthochschulen und Bildungsorte, wie das Literaturinstitut oder die großen Bibliotheken. Dann wurden auf der Karte die Adressen all jener Institutionen und Unternehmen vermerkt, die sich auf der Website der Initiative"5 FÜR LEIPZIG!"(5% des Kulturetats der Stadt Leipzig für die Freie Szene) engagieren. Ein sehr großer Teil ist in der inneren Stadt und ihren gründerzeitlichen sowie in der Zwischenkriegszeit geprägten Teilen lokalisiert. In einer exemplarischen Befragung von ausgewählten Protagonisten ging es darum, das soziale und wirtschaftliche Spektrum der kreativen Szene von Leipzig genauer abzubilden, verschiedene Konstellationen und Beziehungen untereinander zu zeigen, die Biografien und Karrieren im Bezug auf die Stadt Leipzig nachzuvollziehen und die Raumerfahrungen der aktuellen Standorte sowie der jeweiligen wirtschaftlichen Aktivitäten zu beleuchten. Damit sollten die Umrisse für den Habitus einer Szene skizziert werden, die in einem Schwarm durch die Stadt wandert und neben dem konkreten Raumbezug vor Ort zugleich in regionale, nationale, transnationale und globale Netzwerke eingebunden ist. Creative Leipzig Leseart. Abb.© Andreas Paul, Büro für urbane Projekte Leipzig "In wenigen Städten gibt es so viel Freiraum; hier ist man noch nicht so satt wie anderswo." Die"Seismografin" ist Absolventin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und als Medienkünstlerin tätig. Sie unterbreitet als Kulturschaffende an diversen Orten der Stadt und in verschiedenen Kooperationsformen ihre Angebote. Damit werden nach ihrer Meinung vor allem ethische Werte und ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt. Die eigene Biografie ist eng mit verschiedenen Stadtteilen von Leipzig verwoben, wobei die Wohnund Arbeitsorte der Künstlerin ausschließlich im Süden und Westen der Stadt liegen. Derzeit teilt sie sich ein Atelier mit einer Modedesignerin auf dem Areal der Baumwollspinnerei. Neben diesem lokalen Bezug reichen die Offerte und Auftritte bis in andere kulturelle Zentren und Kunstorte innerhalb von Deutschland. Die Künstlerin wünscht sich vor allem mehr Verständnis, Achtung und eine eher niedrigschwellige Unterstützung für ihr kulturelles Schaffen. "Leipzig steht in der Hierarchie kreativer Städte ganz oben, danach kommt in Deutschland nur noch Berlin." Der"Raumpionier" ist studierter Architekt und zugleich als professioneller Galerist in der Baumwollspinnerei tätig. Nebenher organisiert er mit entsprechendem Equipment diverse Aktivitäten im öffentlichen Raum der Stadt und andernorts. Ihn treiben das eigene Interesse und das unabhängige Agieren in einem kleinen Unternehmen an. Beides hat ihn im Bezug auf Wohnorte, Werkstätten, Garagen, Ateliers und die Galerie schon durch mehrere freie Räume, altindustrielle Areale sowie verschiedene illegale und offizielle Wohn- und Arbeitsformen innerhalb der Stadt geführt, bis er ganz bewusst im Leipziger Westen und in Plagwitz gelandet ist. Die Galeriegeschäfte beziehen sich aber auf Kunden in der ganzen Welt. Nichtsdestotrotz verweist der erfolgreiche Unternehmer auf eine eindeutige"Schallgrenze" bezüglich wirtschaftlich tragbarer Mietpreise und erwähnt als junger Vater ganz explizit die Ansprüche an eine qualifizierte und räumlich inte114 ZUKUNFT DER ARBEIT grierte Kinderbetreuung im Rahmen seiner Standortpräferenzen. "Hier ist man kritisch gegenüber der eigenen Geschichte, aber wir dürfen nicht müde werden." Der"Aktivist" hat seine kommunikativen Fähigkeiten und kulturellen Aktivitäten zur eigenen Geschäftsgrundlage gemacht. Mit seinem Verlag für Kulturpostkarten und ähnliche Druckerzeugnisse stellt er einen wesentlichen Kopf und Knotenpunkt in einem weit gespannten Netzwerk innerhalb der Stadt und der Region dar. Seine Aktionsorte und bisherigen Firmensitze konzentrieren sich allesamt direkt in der Leipziger Innenstadt oder in großer Nähe dazu, wobei der aktuelle Standort mit dem Schritt vom Mieter zum Immobilieneigentümer verknüpft war. Dabei war der am Boden liegende Immobilienmarkt ein ausschlaggebender Faktor. Die Wahl fiel wegen der günstigen Infrastruktursituation auf ein Objekt im ehemaligen grafischen Viertel und stellt somit eine gewisse Kontinuität und hinsichtlich der Lage im Leipziger Osten eine Art Pioniersituation dar. Allerdings ist es schwierig, für die übrigen Etagen des erworbenen Hauses passende Nutzer zu finden. "Die Stadt ist realistisch und eine Befreiung, wo man über sich selbst nachdenken kann." Der"Ermöglicher" hat unter Aufbietung persönlicher Ressourcen ein leer stehendes Fabrikareal an einer signifikanten Adresse in Plagwitz gepachtet. Er offeriert dort Arbeits- und Ausstellungsräume, aber auch Schauplätze für Events und Partys an ein breit gestreutes Klientel. Dieses sucht den Standort dezidiert wegen seiner Lage und der Offenheit des Umgangs mit dem Objekt auf. Das schließt bauordnungsrechtliche Übertretungen ebenso ein wie Ärger mit Nachbarn wegen zu viel Lärm. Neben einem bodenständigen und regionalen Bezug mischt sich die Szene mit ersten Interessenten aus Übersee und scheint ein Generationenprojekt handwerklich versierter und überwiegend studierter Kreativer zu sein. Ihnen sind der temporäre Charakter des Ortes und die dort vorhandenen Freiräume elementar wichtig. "Wenn die Absatzmärkte außerhalb und verstreut liegen, ist man mit dem Arbeitsplatz flexibel." Die"Placemaker" haben sich als Absolventen einer sächsischen Kunsthochschule in Leipzig niedergelassen und sind mit dem Projekt einer eigenen Messe – der Designers Open – zur Selbstorganisation von Aktionsräumen und in Eigeninitiative zu einer gezielten Etablierung auf dem Markt übergegangen. Neben einer Verankerung des kleinen Studios im Leipziger Westen bespielen sie mit wachsendem Erfolg temporär große zentrale Adressen der Innenstadt, zuletzt ein leeres Kaufhaus- die Blechbüchse- am Brühl. Bezogen auf das Geschäftsfeld der Protagonisten und das Selbstverständnis der Messe scheint das Thema"Design" in Leipzig bis dato wenig verankert. Deshalb ist man auf Kunden und Partner in den etablierten Zentren von Deutschland und im Hinblick auf die Messe sogar in den globalen Design-Zentren dieser Welt angewiesen. Die beiden Kreativen wollen keine"Fördermitteljunkies" sein, wünschen sich aber durchaus einen stärkeren Support seitens einer kreativen"Marke Leipzig", dem sie ihr eigenes, bis dato selbst getragenes Label bereits zur Verfügung stellen. "Leipzig ist eine lebenswerte Stadt, aber dass wir hier sind, ist Zufall, weil die Umstände und der Moment passten." Der"Komet" gehört zu einem von Absolventen einer privaten Leipziger Hochschule gegründeten Unternehmen der Online-Branche. Dessen erstaunlicher Wachstumsprozess hat es aus dem Keller der Hochschule über verschiedene Bürostandorte in Plagwitz und Produktionsstätten in Altindustriearealen sowie auf neuen Gewerbeflächen am Stadtrand schließlich in ein von einem Inves­ tor maßgeschneidertes Objekt von ausreichender Größe wiederum im Leipziger Westen geführt. Die expandierende Firma agiert weltweit und ist aufgrund der mangelnden transnationalen Verkehrsanbindung von Leipzig auf einen zweiten Sitz in Berlin sowie wegen der Lieferanten auf Produktionsstätten im Ausland angewiesen. Die eigene wirtschaftliche Interessenlage und Raumerfahrung geben Anlass, dass sich der erfolgreiche junge Unternehmer gemeinsam mit seinen Partnern auch ein radikal anCreative Leipzig Protagonisten. Abb.© Frank-Heinrich Müller, Photographiedepot Leipzig ZUKUNFT DER ARBEIT 115 deres Image von Leipzig wünscht, das weniger auf Traditionen setzt, sondern vor allem das Selbstverständnis seines Geschäftsfeldes und Kundenkreises zum Ausdruck bringt. In den Gesprächen zeigte sich der räumliche Zusammenhang zwischen Wohn- und Arbeitsorten der Kreativen und den besonderen Adressen, kulturellen Institutionen, aber auch Stadträumen, wie der City und ausgewählten Straßen sowie den für die Lebensqualität prägenden Landschaftsraum der Stadt. Man kann deshalb von den Kristallisationsorten für die kreativen Räume sprechen, die sich zu Eroberungsräumen der Kultur- und Kreativwirtschaft verdichten(Ebert/Kunzmann, 2007, S. 71). Sie bilden zugleich eine Beziehungslandschaft ab, die vom Gewicht und den Aktivitäten Einzelner, diversen Netzwerken und Abhängigkeiten und den Charakteren bestimmter Mi­ lieus geprägt werden. Bereits in einer exemplarischen Betrachtung und subjektiven Einschätzung zeigt sich tendenziell, dass bestimmte Stadträume stärker ins Gewicht fallen. Eine herausgehobene Position hat in Leipzig die Innenstadt bzw. City. Ihr folgen die Südvorstadt und Connewitz mit Tuchfühlungen zum Standort des Mitteldeutschen Rundfunks und auch zum Deutschen Platz mit der Deutschen Bücherei und hochkarätigen Forschungsinstituten. Gleichauf oder vermutlich auf der Überholspur liegt der Leipziger West, also Plagwitz und Lindenau mit dem Zugpferd Baumwollspinnerei und der KarlHeine-Straße im Aufwind. In den Gesprächen und Beobachtungen wurde deutlich, dass es sehr enge Bezüge zu den traditionellen und neuen Freizeitund Erholungsräumen der Leipziger Stadtlandschaft gibt. Der Auewald fungiert dabei als Verbindung zum gefluteten Tagebausee Cospuden, und der Karl-Heine-Kanal wird mit seiner avisierten Verlängerung in Richtung Lindenauer Hafen und dem Fragment des Elster-Saale-Kanals als weitere Achse wahrgenommen. Die hier festgehaltene Lesart zu den kreativen Räumen von Leipzig stellt eine Momentaufnahme dar. Offen ist die Frage, in welche Richtung der Schwarm der Kultur- und Kreativwirtschaft weiterzieht oder sich ausbreitet: In den Industrie- und Gewerbegürtel zwischen dem gefragten Plagwitz bzw. Lindenau und Grünau, weil hier noch genügend Räume und interessante Orte zu finden sind? Oder nach Osten, weil dort das ehemalige grafische Viertel mit seinen historischen Industriestandorten an Anziehungskraft gewinnt? Oder nach Norden auf die ausgedehnten Flächen der ehemaligen Freiladebahnhöfe mit ihrem spezifischen Ambiente? Solche Fragen nach der Perspektive dieser Räume können nicht genauer beantwortet werden, sondern legen eine laufende und kleinräumige Beobachtung nahe. Dabei scheint es hilfreich, neben der Betrachtung der Räume auch das sich entwickelnde Beziehungsgeflecht der kreativen Szene einzubeziehen. Das Bewegliche und Flüchtige der Nutzung einer entspannten und offenen Stadt braucht adäquate Darstellungen und angemessene Betreuungsformen, aber mitnichten eine traditionelle Planung. Offenbar sind Skizzen und Erklärungsmuster im Bezug auf das feste räumliche Gefüge der Stadt ein Weg, ihr als Beziehungslandschaft auf die Spur zu kommen. Nachsatz Die dokumentarische Studie zur Situation der Kreativ- und Kulturwirtschaft in Leipzig entstand im Auftrag der Stadt Leipzig in Vorbereitung auf die 11. Stadtwerkstatt zum Thema "Leipzig als Labor für kreative Mi­lieus" im Februar 2008. Ein besonderer Dank gebührt den Protagonisten aus Leipzig, die mit der Veröffentlichung ihrer Porträts und Positionen einverstanden waren. Creative Leipzig spread_shirt-Karte. Abb.© Andreas Paul, Büro für urbane Projekte Leipzig 116 ZUKUNFT DER ARBEIT Literaturverzeichnis Deutscher Bundestag- 16. Wahlperiode(Hg.): Schlussbericht der Enquete-Kommission"Kultur in Deutschland". Drucksache 16/7000 vom 11.12.2007 Ebert, Ralf/Kunzmann, Klaus R.: Kulturwirtschaft, kreative Räume und Stadtentwicklung in Berlin, in: DISP, 171, 4/2007, S. 64-79 Weckerle, Christoph/Gerig, Manfred/Söndermann, Michael: Kreativwirtschaft Schweiz – Daten. Modelle. Szene, Basel/Boston/Berlin 2008 Kruse, Christian: Mapping Hybrid Value-Added Landscapes – A Relational Landscape of Zurich’s Creative Industries, in: Thierstein, Alain/Förster, Agnes(Hg.), The Image and the Region – Making Mega-City Regions Visible!, Baden/Switzerland 2008, S. 37-54 Läpple, Dieter: Auflösung oder Renaissance der Stadt? – Herausforderungen an Planung und Städtebau, in: polis, Zeitschrift für Stadt und Baukultur 3/2003, S. 18-20 Iris Reuther, geb. 1959 in Mühlhausen/Thüringen Architekturstudium, Diplom(1984) und Promotion(1989) an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar(heute Bauhaus-Universität) tätig als freie Architektin und freie Architektin für Stadtplanung seit 1993 Mitinhaberin des Büros für urbane Projekte in Leipzig, seit Januar 2009 Inhaberin des Büros seit 2004 Professur für Stadt- und Regionalplanung im Fachbereich Architektur Stadtplanung Landschaftsplanung an der Universität Kassel Arbeitsschwerpunkte: Konzeptionelle Stadt- und Regionalplanung, integrierte Stadtentwicklungskonzepte und strategische Projekte, urbanis­ tische Forschung zum Themenschwerpunkt"Regiopolen – Die Rolle der kleinen Großstädte im deutschen und europäischen Städtesystem", Prozessmanagement und Beteiligungsprojekte, städtebauliche Entwürfe für Transformationsstandorte und Stadtumbaugebiete, Medienund Kunstprojekte Mitglied BDA, SRL und DASL Weitere Informationen unter www. urbaneprojekte.de oder www.unikassel.de/fb6/srp/ Andreas Paul, geb. 1978 in Hansestadt Wismar Studium der Stadtplanung und Stadt­ entwicklungsplanung an der Universität Kassel und der Universidad Politécnica de Valencia/Spanien, Diplom 2005 Seit Juni 2005 Mitarbeiter des Büros für urbane Projekte in Leipzig; Arbeitsschwerpunkte: Konzeptionelle Stadtentwicklungsplanung, Prozessmanagement und Kommunikationsprojekte, Gestaltung von Vermittlungsmedien, Medien- und Kunstprojekte Leipzig 2020, Integriertes Stadtentwicklungskonzept(SEKo)(2008-2009 Grafik, Plandarstellungen) Konzeptioneller Stadtteilplan Ilversgehofen/Erfurt(2006-2008/mit Film­ projekten) Das Maß an Provinz/Große weite Welt, Altenburg 2007(Katalogbeitrag und Installation) Stadtumbau – nein danke?, Leipzig 2007(Filmprojekt) ZUKUNFT DER ARBEIT 117 Impressum: Eigentümer und Herausgeber: Magistratsabteilung 18- Stadtentwicklung und Stadtplanung Referat Öffentlichkeitsarbeit und Wissensmanagement 1082 Wien, Rathausstraße 14-16, 2. Stock www.stadtentwicklung.wien.at Inhalt und Konzept: Brigitte Lacina, Atelier Kaitna|Smetana, Sabine Gstöttner, Oliver Frey Mit Textbeiträgen von: Joachim Eble, Ute Gigler, Claus Hofer, Christian Kühn, Christoph Laimer, Thomas Madreiter, Doris Österreicher, Andreas Paul, Olivier Pol, Iris Reuther, Rudolf Scheuvens, Ursula Schneider, Robert Temel,Maja Lorbek, Aleksandra Ptaszyska, Daniela Wittinger, Christoph Thun-Hohenstein, Angelika Winkler, Erol Yildiz und Interviews mit: Jens Dangschat, Christian Ehalt, Ulrike Kogelmüller, Daniel O. Maerki, Kurt Puchinger, Daniel Renn, Rudolf Schicker Grafische Gestaltung: bindermayer in Kooperation mit formsache| medienwerkstatt Technische Koordination: Gabriele Berauschek, Willibald Böck, Magistratsabteilung 18 Lektorat: Ernst Böck Druck: Paul Gerin Druckerei Gedruckt auf ökölogischem Druckpapier gemäß der Mustermappe von ÖkoKauf Wien © MA 18- Stadtentwicklung und Stadtplanung 2009 Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-902576-25-5 Welche Bedeutung haben Bildung, Forschung und Kultur in der Zukunft? Wie werden wir in der Stadt der Zukunft arbeiten? Wie bewegen wir uns in Zukunft durch unsere Stadt?