1 GABRIELLA HAUCH WIR HÄTTEN SO GERN DIE GANZE WELT BEGLÜCKT WIENER VORLESUNGEN Band 212 Herausgegeben für die Stadt Wien von Anita Eichinger Vortrag am 9. Oktober 2023 GABRIELLA HAUCH WIR HÄTTEN SO GERN DIE GANZE WELT BEGLÜCKT DIE WIENER REVOLUTION 1848 PICUS VERLAG WIEN Copyright© 2024 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien Alle Rechte vorbehalten Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien Druck und Verarbeitung: FINIDR, s.r.o., Cˇeský Teˇ šín ISBN 978-3-7117-3033-6 Informationen zu den Wiener Vorlesungen unter www.wienervorlesungen.at Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unter www.picus.at DIE WIENER VORLESUNGEN Die Wiener Vorlesungen sind seit über drei Jahrzehnten ein offenes Dialogforum der Stadt Wien und eines der wichtigsten Formate für Wissens- und Kulturvermittlung in dieser Stadt. Ihr Ziel ist es, den Analysen, Einschätzungen und Fragen renommierter Denker*innen und Wissenschaftler*innen aus aller Welt Raum zu geben, um gesellschaftliche Herausforderungen der Gegenwart anschaulich zu analysieren und kritisch zu diskutieren. So wird nicht nur der Blick für die Komplexität und Differenziertheit unserer Wirklichkeit geschärft, sondern auch im Sinne eines kritischen, digital weitergedachten Humanismus Demokratie gestärkt, indem wissenschaftliche Betrachtung und Argumentation breit nachvollziehbar gemacht und vermittelt werden. Es mag ein Paradox unserer durch vielfältige Krisen geprägten Zeit sein, dass gerade in einem Land, in dem seit jeher großartige Leistungen im Bereich der Wissenschaft erbracht wurden und werden, eine steigende Wissenschaftsskepsis zu beobachten ist. Alternative Wahrheiten haben Eingang in den allgemeinen Diskurs gefunden und persönliche Meinungen werden oft mit wissenschaftlichen Analysen gleichgesetzt, da es vielfach an Verständnis für ihre Verfahren fehlt. Wenn Algorithmen nur mehr auf uns zugeschnittene, angepasste»Wirklichkeiten« und »Wahrheiten« präsentieren, lösen sich geteilte Grundwerte und gemeinsame Referenzrahmen in sogenannten 7 Filterblasen auf – Radikalisierung und Erosion von Demokratie sind die Folgen. Die Digitalisierung hat diese Entwicklungen befördert, bietet jedoch auch Chancen für die Zukunft. Im Duell von Fake News und Fakten tragen die Wiener Vorlesungen dazu bei, antiaufklärerischen Entwicklungen mit Vehemenz entgegenzutreten und das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft wiederherzustellen sowie kritisches Denken zu fördern. Gerade aufgrund der Komplexität der multiplen Krisen(Klima, Krieg, Künstliche Intelligenz u.v.m), mit der unsere Welt konfrontiert ist, braucht es einen zukunftsorientierten Zugang und ein gemeinsames Agieren, um Demokratie und Diskurs zu stärken und Lösungsansätze zu formulieren und umzusetzen. Nichts Geringeres als die Frage»Was ist der Mensch«, die letztlich alle Wissenschaft umtreibt, ist vor diesen Hintergründen neu zu stellen. Es erfordert kreative, mutige und ungewöhnliche Antworten und Ideen, neue Formen der Kooperation und ein Zusammengehen aller wissenschaftlichen Disziplinen, um den Herausforderungen entgegnen zu können. Vor allem aber braucht es einen auf valide wissenschaftliche Grundlagen gestützten Diskurs auf breiter gesellschaftlicher Ebene, denn diese Probleme und Entwicklungen betreffen alle Teile der Gesellschaft. Kritische Analyse und Aufklärung im Sinne der Demokratie und einer starken Zivilgesellschaft sind und bleiben zentrale Anliegen der Wiener Vorlesungen. Insofern freue 8 ich mich, dass sie nicht nur digital im Internet jederzeit abrufbar sind, sondern mit vorliegender Publikation auch in gedruckter Form vorliegen. Veronica Kaup-Hasler Stadträtin für Kultur und Wissenschaft WIR HÄTTEN SO GERN DIE GANZE WELT BEGLÜCKT … DIE WIENER REVOLUTION 1848 »Alle sind dafür geschaffen, das Leben zu genießen.« Mit diesen Worten rief im Mai 1848 der Wiener Buchdruckergeselle Friedrich Sander dazu auf, einen Arbeiterverein zu gründen. 1 Auch in seiner Proklamation für das Recht aller, nicht nur auf Arbeit, sondern auf»Freude, Freiheit und Bildung«, schwingen die frühsozialistischen Träume vom guten Leben der unterprivilegierten Stände mit. Für Österreich gibt es in der ersten Hälfte des 19 . Jahrhunderts keine Quellen für solche von Nichtintellektuellen auf Papier formulierten Hoffnungen auf Glück und ein gutes Leben, wie sie Jacques Rancière für Frankreich gefunden hat. 2 Allerdings sind während der zensurfreien Monate in Wien etliche Anklänge daran zu finden, und die zeugen von der umfassenden Dimension dieses gesellschaftspolitischen Transformationsversuchs. 1 Die Constitution, 1848, Nr. 37, 548. 2 Jacques Rancière, Die Nacht der Proletarier. Archive des Arbeitertraums(1981). Übers. von Brita Pohl, Wien/Berlin 2013; Gabriella Hauch, Die Stimmen des Jacques Rancière – eine Gegen-Geschichte?, in: OeZG 27(2016) 1, 46–54. https://doi.org/10.25365/oezg-2016-27-1-3(20.1.2024). 11 Revolutionen sind das Ein- und Ausatmen von Geschichte, formulierte der Historiker Enzo Traverso. 3 Es ist ein Versuch, diese differenzierten, in sich widersprüchlichen Ereignisse metaphorisch zu bändigen, die den imaginierten»Lauf« der Geschichte unterbrechen und versuchen, ihm eine andere Richtung zu geben. Bei Revolutionen geht es um die Transformation von Machtverhältnissen in politischer, sozialer, kultureller, ökonomischer und mentaler, auch ästhetischer Hinsicht. Die in diesen Prozessen wirksamen Emotionen verselbständigen sich und setzen nicht kalkulierbare Dynamiken frei, destruktive ebenso wie konstruktive. 4 Als Massenpsychologie gefasst, waren und sind sie Gegenstand der Gesellschaftswissenschaften, allen voran die Psychoanalyse Sigmund Freuds. 5 Revolutionen produzieren nicht nur Hoffnung auf Neues, sondern auch Angst und die Sehnsucht nach scheinbar 3 Enzo Traverso, Revolution. Eine Geistesgeschichte. Übers. von Brita Pohl, Wien/Berlin 2023, 31. 4 Gabriella Hauch, Zur Geschichtsmächtigkeit von Gefühlen in der Wiener Revolution von 1848: Liebe und Vertrauen, Rache und Hass, in: Maria Mesner, Sushila Mesquita(Hg.), Eine emotionale Geschichte. Geschlecht im Zentrum der Politik der Affekte, Wien 2018, 17–48. 5 Karl Fallend, Historische Aspekte zur psychoanalytischen Massenpsychologie.»Prof. Freud wünscht, die Psychologie der Revolution von vielen Gesichtspunkten aus zu betrachten«, in: Helmut Konrad, Wolfgang Maderthaner(Hg.), Der Rest ist Österreich. Das Werden der Ersten Republik, Bd. 2, Wien 2008, 251–262. 12 Vertrautem, das angesichts des Ungewissen Sicherheit verspricht. Meist sind sie gewalttätig und Helden, Heroinnen und Opfer ihr Gesicht. Zwei Jahre nach der 1848 er Revolution formulierte Karl Marx die Metapher – dem zeitgenössischen technologischen Kontext einzuschreiben –, Revolutionen seien die»Lokomotiven der Geschichte«. Der Glaube an den stetig aufsteigenden Fortschritt der Menschheitsgeschichte in Richtung mehr Gleichheit, Freiheit und Geschwisterlichkeit, in größerem Wohlstand für alle, gipfelnd im Traum vom Sozialismus, bekam seither nachhaltige Risse. Die deterministische Auffassung von Revolution als ein Produkt der Konflikte zwischen Produktionsweisen beziehungsweise Eigentumsverhältnissen und Produktivkräften, wie sie Marx formulierte, wurde durch die Subjektivität der Akteur:innen und der transformativen Potenziale des Politischen modifiziert. Revolutionen werden von Menschen nicht nur gemacht, sondern auch durchgemacht. Das Gefühl, diese Transformationen mit etwas Gewaltigem gleichzusetzen und naturwissenschaftliche Analogien zu finden, blieb naheliegend, wie der Revolutionsakteur und Revolutionshistoriker Leo Trotzki feststellte. 6 Kein Wunder, wurde der Weg zum guten 6 Leo Trotzki, Oktoberaufstand, in: Ders., Die Geschichte der Russischen Revolution[1930], Band 2, Frankfurt a. M. 1982; Helmut Dahmer, Benjamin und Trotzki als Revolutionshistoriker, in: Kritiknetz – Zeitschrift für kritische 13 Leben doch mit technologischen Neuerungen und Beherrschung der Natur kombiniert. Allerdings waren im ersten Drittel des 20 . Jahrhunderts auch andere Töne zu vernehmen. Walter Benjamin, nonkonformer Wissenschaftsphilosoph und misstrauisch gegenüber linearen Vorstellungen von historischer Entwicklung, mutierte in seiner Wortwahl für die revolutionäre Freisetzung unterdrückter Energien von der»Atomexplosion« im »Passagen-Werk« zur»Notbremse« Ende der 1930 er Jahre: Die Revolution als Instrument, den in die Katastrophe steuernden Zug anzuhalten. 7 Die Sensibilität Walter Benjamins für die Vielschichtigkeiten und die Ambivalenzen in den Versprechungen der Aufklärung nach Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit ist heute, hundert Jahre später, aktueller denn je. Denn die Hoffnung auf ein gutes Leben für alle, oder wie es Benjamin in seinen Thesen»Über den Begriff der Geschichte« formulierte, die»geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem«, 8 Theorie der Gesellschaft 2019. https://www.kritiknetz.de/ images/stories/texte/Dahmer_Benjamin_und_Trotzki.pdf (31.1.2024) 7 Michael Löwy, Die Revolution ist die Notbremse. Die politisch-ökologische Aktualität von Walter Benjamin, in: Ders., ad Walter Benjamin. Die Revolution als Notbremse, Übers. von Vincent Wroblewsky, Hamburg 2022, 148–157. 8 Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, V. These [1940], in: Ders., Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt a. M. 1980, 251–261. 14 ringt um transnationale beziehungsweise globale Zukunftsentwürfe. Die Akteur:innen der 1848 er Revolution mussten die Umsetzung ihrer Versprechen in die Praxis nicht beweisen. Die Frage, ob sie erfolgreich war, ist regional unterschiedlich zu bewerten und prägt/e die geschichtswissenschaftlichen Diskussionen. 9 Die Wiener Revolution der »siegenden Geschlagenen«(Ferdinand Freiligrath) ist ein anschauliches Beispiel für die Metapher vom Ein- und Ausatmen in der historischen Entwicklung am Ende der »Sattelzeit«, wie Reinhart Koselleck die Zeitenwende hin zur bürgerlichen Moderne nannte. In ihr werden all die darin verwurzelten Widersprüchlichkeiten auf einen Schlag sichtbar, die bis heute die Weltentwicklung hin zu einer besseren, heißt gerechteren, umtreiben. GEDÄCHTNIS- UND GESCHICHTSPOLITIKEN Die Revolution von 1848 / 49 war eine europäische, wurde allerdings in die jeweiligen Nationalgeschichten eingepasst. 10 In allen Weltgegenden war ihr Echo 9 Etwa: Christopher M. Clark,»Frühling der Revolution«. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt, Übers. von Norbert Juraschitz, Klaus-Dieter Schmidt, Andreas Wirthensohn, München 2023. 10 Vgl. die Struktur des Standardwerkes für Europa: Dieter 15 zu vernehmen, in den Kolonien Frankreichs und Großbritanniens ebenso wie in den Amerikas. Ereignisse, Niederlagen und Siege schufen einen gemeinsamen Erfahrungsraum, den die Akteur:innen der Revolution gestalteten und zu pflegen wussten:»Deshalb sage ich es mit freudiger Erregtheit: Wer die vierziger Jahre erlebt hat, der ist mir kein Fremder, zu dem hab ich eine innere Beziehung«, schwärmte Henriette Goldschmidt, frauenbewegte 1848 erin in Sachsen. 11 Auch für Wien dokumentieren unzählige Erinnerungen, Berichte und Chroniken, oft von Exilierten, dieselben Gefühlslagen voller melancholischer Euphorie. 12 Sie feierten sich, ihre damalige Jugend und ihren Traum vom»Reich der Freiheit«. Das kollektive Wir der 1848 er:innen, resümierte Goldschmidt, basierte allerdings nicht nur auf »Empfindungen«, sondern auf der»Uebereinstimmung der Gesinnungen«. Das Fünfzig-Jahr-Jubiläum der Revolution im Jahre 1898 präsentierte sich als Erinnerungsbühne für das Narrativ des kollektiven»Wir hätten ja gern die ganDowe, Heinz-Gerhard Haupt, Dieter Langewiesche(Hg.), Europa 1848. Revolution und Reform, Bonn 1998. 11 Henriette Goldschmidt, Wir sind die Alten, in: Neue Bahnen. Organ des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 5 (1898). 12 Vgl. das ausführliche Quellenverzeichnis im Standardwerk für Wien: Wolfgang Häusler, Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung. Demokratie und Soziale Frage in der Wiener Revolution von 1848, Wien/München 1979, 497–512. 16 ze Welt beglückt«. 13 Auch die Wiener Revolution von 1848 wurde zum Gedächtnisort beziehungsweise zum geschichtspolitischen Traditionsknotenpunkt konkurrierender politischer Strömungen. 14 Seit den 1880 er Jahren gedachte die Sozialdemokratie zuerst am Schmelzer Friedhof, später am Zentralfriedhof der Toten der Märzrevolution. Zigtausende nahmen daran teil, 1898 sogar rund 200 . 000 . Auch liberale und deutschnationale Vereine feierten das Jubiläum als ihre Geburtsstunde, wenn auch mit schwindendem Engagement, die Christlichsozialen gedachten des»Bauernbefreiers« Hans Kudlich, und auch die Frauenbewegten des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereines feierten die»Betheiligung der Frauen an der Volkserhebung im Jahre 1848 « in einer Festversammlung. 15 Das Jahr 1898 in der Habsburgermonarchie bildete allerdings auch in gegenteiliger Hinsicht einen gedächt13 Joseph Alexander Helfert, Geschichte der österreichischen Revolution, Bd. 1, Freiburg/Breisgau 1907, 317. 14 Wolfgang Häusler,»O ihr Rebellen des Neuen und Guten«. Die Tradition der»Märzgefallenen«, in: Ders., Ideen können nicht erschossen werden. Revolution und Demokratie in Österreich 1789 – 1848 – 1918, Wien/Graz/Klagenfurt 2017, 107–121. 15 Susanne Böck, Radetzkymarsch und Demokratie. Zur politischen Rezeption der Revolution 1848, in: 1848»das tolle Jahr«. Chronologie einer Revolution. 241. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien vom 24.9. bis 29.11.1998, Wien 1998, 140–147; zur Frauenversammlung: Arbeiter-Zeitung, 4.4.1898, Nr. 93, 3. 17 nispolitischen Kontrapunkt: Eine Jubiläumsausstellung im Wiener Rotundengelände feierte die Thronbesteigung des achtzehnjährigen Franz Josef nach der blutigen Eroberung des revolutionären Wiens. Weitere Festivitäten wurden von der Ermordung Kaiserin Elisabeths im September 1898 in Genf überschattet. Letzteres scheint die Gleichzeitigkeit vom gescheiterten Versuch, das feudale monarchische System Habsburgerstaat in eine konstitutionelle Monarchie zu transformieren, und der autoritären, neoabsolutistischen Antwort des jungen Monarchen darauf gedächtnispolitisch zu überstrahlen. Das Gedenken des 175 -Jahr-Jubiläums der Revolution im Jahre 2023 , also des ersten Demokratisierungsversuchs des Staates, fand mit wenigen Ausnahmen in Österreich nicht im öffentlichen Raum der institutionalisierten Politik statt. Selbst der Eröffnung des konstituierenden Reichstags am 22 . Juli 1848 (in der Hofreitschule) wurde nicht gedacht. Vielmehr überwog das Gedenken an Kaiserin Sisi in Ausstellungen und TV -bzw. Streaming-Serien. 16 Fünf Jahre zuvor war der 1848 er Revolution anlässlich des 100 -Jahr-Jubiläums der Republikgründung 1918 mit einer Ausstellung im Niederösterreichischen Landhaus prominent gedacht 16 Wolfgang Häusler, Zum Tod verurteilt, vertrieben, vergessen: Vom Leben und Wirken österreichischer revolutionärer Demokraten 1848, in: Christoph Wiederkehr, Clemens Ableidinger(Hg.), 175 Jahre liberales Wien. 1848–2023, Wien 2024(im Druck). 18 worden. Bereits damals mit dem Titel:»Die vergessene Revolution«. 17 1. EINATMEN … Die Wiener Revolution ist einzubetten in den europäischen Kontext von Missernten, Hungersnot, Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit – die Wissenschaft hat dafür den Begriff des»Pauperismus« entwickelt. Das klingt so abstrakt: Nicht nur flohen etwa zwei Millionen Irinnen und Iren vor der Hungersnot in die USA , auch in der Habsburgermonarchie waren Hungertote zu beklagen und die Lebensmittelpreise schnellten in die Höhe. Zu Tausenden strömten arme Menschen aus der Landwirtschaft in die entstehenden Maschinenfabriken, auch in Wien. Die Bevölkerung der Inneren Stadt und in den Vorstädten, dem Gebiet zwischen dem heutigen Ring und dem Gürtel, stieg von 247 . 000 um die Jahrhundertwende auf 400 . 000 , Wohnungsnot und exorbitante Mieten prägten die Jahre vor 1848 . Zudem begann die einsetzende Industrialisierung im Agrarstaat Österreich das alte Gewerbe und etliche Handwerksbetriebe zu ruinieren. Unzufriedenheit griff um sich, auch im Bürgertum, das nach wie vor von politischer Mitbestimmung ausgeschlossen blieb. 17 Michaela Maier(Hg.), 1848. Die vergessene Revolution, VGA-Dokumentation, 2018, Nr. 1–4, Wien 2018. 19 In weiten Teilen Europas hatte die Politik, das Schreckgespenst der Französischen Revolution vor Augen, auf die Not in den 1840 er Jahren mit Reformen reagiert – nicht so in Österreich. Das sogenannte Metternichsche System, benannt nach dem Staatskanzler Fürst Clemens von Metternich, stand europaweit für die alte autoritär-monarchische Ordnung, auch wenn jüngst Metternichs Position als»bad guy« modifiziert wurde: 18 keine Gewerbefreiheit, keine Vereinsfreiheit, keine Pressefreiheit, sondern Überwachung und Zensur. Zeitgenössisch wurde»seine« Habsburgermonarchie als europäisches China, abgeschottet hinter einer Mauer, empfunden. Die Abdankung und Flucht Metternichs galt als Zeichen des Sieges der Märzrevolution, kann allerdings als kluge Konstruktion eines Schuldigen interpretiert werden. Die Habsburger blieben jedenfalls an der Macht. Der Startschuss für die europaweiten Aufstände war im Jänner 1848 in Italien erfolgt, im Februar wurde Frankreich eine bürgerliche Republik. Auch dank der technischen Entwicklung der Telegrafie brach in weiten Teilen Europas der Damm: Im Pressburger Landtag sprach Lajos Kossuth am 3 . März vom»Beinhaus des österreichischen Systems, aus dem eine Moderluft weht«. Zehn Tage später revoltierte Wien, dann Ber18 Wolfram Siemann, Metternich. Stratege und Visionär, München 2016. 20 lin. Die Aufstände, Umstürze beziehungsweise Machtergreifungen fanden ungleichzeitig, doch miteinander korrespondierend statt. Von Ungarn, Mailand, Venedig und Italien, den Deutschen Ländern, Prag und Böhmen, Polen und Galizien bis nach Bukarest schwappte die Welle. Die Märztage in Wien, Märzrevolution genannt, waren spektakulär: Studenten, Bürger von Besitz und Bildung, manch Adelige ebenso wie Handwerker, Arbeiter:innen und Unterschichten, Männer wie Frauen, waren von 13 . bis 15 . März auf den Straßen. Die Aktionsformen entsprachen den Lebenswelten beziehungsweise den Kulturen der jeweiligen Milieus: Studenten und Bürger formulierten Petitionen und demonstrierten in der Inneren Stadt, dem heutigen ersten Bezirk, begleitet von jubelnden Zuschauer:innen an den Fenstern und auf den Straßen. Bis das Militär eingriff, das Feuer eröffnete und die ersten Toten der Revolution zu beklagen waren, darunter auch eine»Professorengattin«. Entscheidend in den Auseinandersetzungen war der militante Protest unterbürgerlicher Schichten aus und in den Vorstädten und Vororten, also den Gegenden, die heute zwischen Ring und Gürtel und außerhalb liegen: In der Tradition von moral economy und Maschinensturm ging es gegen als ungerecht bekannte Fabriksbesitzer und Polizeikommissariate. Daneben zielte ihre Wut auf die Ämter am Linienwall, dem heutigen Gürtel entsprechend, wo die verhasste Verzehrsteuer auf Le21 bensmittel kassiert wurde. Dem Sturm auf die Innere Stadt, der Plünderung des bürgerlichen Waffendepots Am Hof folgte eine spektakuläre Nacht: Angesichts der verschlossenen Stadttore wurden die Gasleitungen entlang der Stadtmauern angezündet und ein Feuerring erleuchtete die Nacht. Diese»revolutionären Lichtzeichen«(Wolfgang Schivelbusch) symbolisierten gleichzeitig Triumph und drohende Geste. 19 Die Folgen waren konkret: Gewährung der bürgerlichen Freiheiten, Presse- und Meinungs-, Versammlungsund Vereinsfreiheit, Gleichstellung der Religionen und eine Verfassung, eine Constitution wurde angekündigt. Die Forderung nach einer Volksbewaffnung wurde in der Nationalgarde – Bürger von Besitz und Bildung, das heißt Ausschluss von Arbeitern – und der studentischen Akademischen Legion kanalisiert. Dass die Märzrevolution in Wien so schnell und so erfolgreich war, verdankte sie auch dem wenigen Militär in der Stadt. Die Abschaffung der Zensur und die Etablierung der Pressefreiheit eröffnete vom März bis Ende Oktober 1848 ein Fenster auf Meinungsäußerungen, die bis heute nachvollziehbar machen, wie das erträumte»Reich der Freiheit« verhandelt wurde:»… so war doch alles von dem bezaubernden Klang der Freiheit wie berauscht und erwartete von ihr das Glück für sich 19 Wolfgang Maderthaner, Bedenkliche Classen, moralische Ökonomie, in: Mai 1848. Die vergessene Revolution, 15–42. 22 und andere … Humanität und Lebensfreude leuchteten fast aus jedem Gesicht … Einen schöneren Frühling voll Blumen und Freude sah wohl die Welt noch nie«, formulierte der demokratische Akteur und Reichstagsabgeordnete Ernst Violand. 20 Allerdings wurden in den rund sieben Monaten – auch dank der Pressefreiheit  – die Ambivalenzen der Losung Freiheit – Gleichheit  – Brüderlichkeit deutlich, die bis heute ungelöst die bürgerliche respektive liberale Moderne umtreibt. 2. DIFFERENZEN DER NATIONALITÄT, ETHNIZITÄT, KONFESSION: ÖSTERREICH, DAS VIELKÖPFIGE UNGEHEUER(CHARLES BAUDELAIRE) Der Siegeszug des Nationalismus wurde 1848 offensichtlich. 21 Das Dilemma des Vielvölkerstaats Habsburgermonarchie evozierte beim französischen Dichter und 1848 er Charles Baudelaire die Metapher vom »Ungeheuer«. In den ersten Monaten der Revolution wurden in Wien die mit Identitäten nach Nation, Konfession oder Ethnizität verbundenen rechtlichen Un20 Ernst Violand, Die soziale Geschichte der Revolution in Österreich,[1850], zit. in: Walter Öhlinger, Wien 1848. Eine Chronologie der Ereignisse, in: 1848,»das tolle Jahr«, 8–19, 11f. 21 Ji ř í Ko ř alka, Revolutionen in der Habsburgermonarchie, in: Dowe, Haupt, Langewiesche, Europa 1848, 200–203. 23 gleichheiten und kulturellen Differenzen vor allem über die jüdische Bevölkerung verhandelt. 22 Die StudentenPetition vom 13 . März machte die Forderung nach der »Gleichstellung der Konfessionen« zum Programm der revolutionären Bewegung. Damit zielten sie vor allem gegen die Macht der katholischen Kirche über die Inhalte der Universitätslehre, meinten aber auch das Ende der Diskriminierungen der nicht-katholischen Bevölkerung im Habsburgerstaat. JUDENEMANZIPATION UND ANTISEMITISMUS Innerhalb der jüdischen Milieus kam es in den folgenden Monaten zu differenzierten und komplexen Diskussionen, was der Passus»Gleichstellung der Konfessionen« für ihre Emanzipation bedeutete. Eine der deutschen jüdischen Aufklärung verpflichtete Richtung, deren Sprecher Isak Noa Mannheimer war, suchte Religion beziehungsweise Judentum als Privatangelegenheit zu definieren, die nicht dem Zugriff des Staates ausgesetzt sein dürfe. Die Formulierung halte die Möglichkeit offen, meinte er, dass das Judentum, wie 22 Wolfgang Häusler hat breit zur Geschichte der Juden im Wiener Vormärz und der Revolution von 1848 publiziert, vgl. https://geschichtsforschung.univie.ac.at/ueber-uns/ personen/ehemalige-mitarbeiterinnen/haeusler-wolfgang/ (1.1.2024). 24 auch die anderen Religionsgemeinschaften, weiterhin eine Gruppe mit rechtlichem Status sei. Die Forderung sei zwar notwendig, um die Vorrechte der katholischen Kirche abzuschaffen, implizierte aber die Fortsetzung der politischen Institutionalisierung der Glaubensfrage und damit potenziell machtpolitische Konkurrenzen. Vielmehr würde die Erklärung der Glaubens- und Gewissensfreiheit ausreichen, um die jüdische Tradition und gleichzeitig die Integration als Staatsbürger in die liberale Gesellschaft zu sichern. Dem widersprach allerdings die Definition der Orthodoxen als Untertanen der»Schutzmacht« des Hauses Habsburg. Das bedeutete, die Emanzipation verschärfte die innerjüdischen Differenzen zwischen Orthodoxen und Citoyens. 23 Das Toleranzedikt Josephs II . hatte die Integration der jüdischen Bevölkerung eingeleitet. Angehörige der israelitischen Glaubensgemeinschaft blieben von Grundbesitz und vom freien Niederlassungsrecht wie von etlichen Berufen, auch im Staatsdienst, und einigen Universitätsstudien ausgeschlossen. In vielen Teilen der Monarchie, in Böhmen und Mähren, in Schlesien und in Galizien, existierten noch Mitte des 19 . Jahrhunderts Gettos oder wurden spezielle Steuern eingehoben. In Wien bildeten 197 privilegierte – per De23 Siegfried Mattl, Die fatale Revolution 1848. Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Wien in Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum der Stadt Wien, 12. März– 8. Mai 1998, Wien 1998, 14–24. 25 kret»tolerierte«, das heißt wohnberechtigte – jüdische Familien, vor allem Bankiers und Großhändler, den Kern des Judentums. Es waren individuelle Ausnahmen von der Regel. Für alle anderen galt, dass sie sich nach einer finanziellen Abgabe beim»Judenamt« zwei Wochen innerhalb der Stadtmauern aufhalten durften. Die meisten lösten die Schikane, indem sie am Sonntag bei einem Linientor hinaus, und beim nächsten wieder in die Stadt zurückkehrten. 24 Nirgends in Europa war die jüdische Beteiligung an der revolutionären Bewegung quantitativ so stark wie in der Habsburgermonarchie. Jüdische Studenten und Akademiker zählten zu den Stars in Wien, wie die Ärzte Adolf Fischhof, Ludwig August Frankl oder der Chemiker Josef Goldmark. In der Metropole des Habsburgerstaates gab es zwar keine antijüdischen Ausschreitungen, aber unter dem Schirm der Pressefreiheit wurden Pamphlete und Plakate gegen die Judenemanzipation veröffentlicht. Etliche nahmen rassenantisemitische Argumentationen vorweg und definierten bürgerliche Gleichstellung nicht mehr als politisches Recht, sondern diese müsse moralisch durch ein gewisses Verhalten verdient werden, was Juden nicht erfüllen würden. 25 24 Sigmund Mayer, Die Wiener Juden. Kommerz, Kultur, Politik 1700–1900, Wien/Berlin 1917, 263. 25 Wolfgang Häusler hat gezeigt, dass in Wien diese antisemitische Hetze auf wenige katholische Publizisten beschränkt 26 Kurz nach den konfessionsübergreifenden Begräbnisfeierlichkeiten für die Märzgefallenen – durchgeführt von einem katholischen und einem protestantischen Priester sowie einem Rabbi – kam es in Pressburg zum ersten Pogrom gegen jüdische Geschäfte und Einwohner:innen. Kurz darauf forderte in Pest eine antisemitische Massenkundgebung den Ausschluss der Juden aus der Nationalgarde. Das schnelle Nachgeben der ungarischen Behörden und die Passivität der Sicherheitskräfte öffneten die Schleusen für weitere antijüdische Ausschreitungen. 26 Zu Ostern wurde in Pressburg das Getto gestürmt, dabei Geschäfte und Wohnhäuser demoliert und Menschen getötet. Erst als die Behörden per Erlass alle im Stadtgebiet wohnenden Juden und Jüdinnen zwang, die Geschäfte zu schließen und wegzuziehen, endeten die mehrtägigen Ausschreitungen. 27 Nicht nur der Zeitzeuge und Historiker der Revolution Joseph Alexander Freiherr von Helfert identifizierte Agit­atoren, Seelsorger oder»christliche Kaufleute«, die erfolgreich die sozial motivierten Proteste in antisemitische Kundgebungen umzudrehen suchten. Derblieb, zentral Johann Q. Endlich: Wolfgang Häusler, Demokratie und Emanzipation, in: Studia Judaica Austriaca, H.  1, 1974, 92–111. 26 Reinhard Geir,»Keine Juden in der Nationalgarde???!« Zur Emanzipationsproblematik in der Wiener Revolution von 1848, in: 1848»das tolle Jahr«, 68–75. 27 Mattl, Die fatale Revolution 1848, 28f. 27 selbe Mechanismus mobilisierte die militanten Proteste der Kottonfabrikarbeiter:innen in Prag zu Pfingsten 1848 . 28 Der ökonomisch argumentierende, im christlichen Glauben verankerte Antijudaismus diente als Vehikel, um den von Verarmung infolge der Industrialisierung bedrohten kleinbürgerlichen Schichten eine »entlastende« antisemitische Haltung einzupflanzen. Die»Judenverfolgung« als»Consequenzen der großen Eigenthumsfrage« bildete die Basis des Narrativs vom strukturell verankerten und nachhaltig wirkenden Antisemitismus. Dass die jüdische Bevölkerung sozial äußerst divers zusammengesetzt war, spielte dabei keine Rolle, dekonstruiert allerdings das Stereotyp. Paradoxerweise eröffnete die gerade errungene Pressefreiheit der antijüdischen Propaganda Tür und Tor – nicht nur in der Habsburgermonarchie. Erste Schriften erschienen, die selbst die Assimilation der jüdischen Bevölkerung ablehnten. Die Revolutionsmonate 1848 sind als zentrales Datum für die Herausbildung des modernen rassistischen Antisemitismus zu identifizieren, wobei sich illiberale, konservative und sozialrevolutionäre Positionen trafen. 29 28 Helfert, Revolution, 65f.; Oesterreichisches Central-Organ, 1848, Nr. 6, zit. in: Mattl, Die fatale Revolution 1848, 31. 29 Reinhard Rürup, Der Fortschritt und seine Grenzen. Die Revolution von 1848 und die europäischen Juden, in: Dowe, Haupt, Langewiesche, Europa 1848, 985–1004, 1003f. 28 NATIONALISMEN IM VIELVÖLKERSTAAT Ebenfalls nach den»befreienden« Märztagen setzte der Diskurs um die Kategorisierung von Bevölkerungsgruppen im Zeichen von offen geäußerten Nationalismen ein. Die hierarchischen Differenzen zwischen den Volksgruppen – die in der Habsburgermonarchie an der Sprache festgemacht wurden – wirkten als Katalysatoren für den Ruf nach Freiheit und Gleichheit nicht nur des Individuums, sondern auch der Nation. Die erste sichtbare Spaltung der Bewegung an der Differenzkategorie Nation fand am 9 . April statt. Tschechen und Slowenen verweigerten die Teilnahme an der österreichischen Delegation zur Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Am 26 . April begann ein Aufstand im polnischen Krakau und, vor allem, Ungarn: Am 11 . April hatte Ungarn eine eigene Verfassung erhalten, verweigerte allerdings den Minderheiten in seiner Reichshälfte die Selbstbestimmung, unterstützt von der Deutschen Nationalversammlung. Ende April begannen Proteste gegen diesen ungarischen Zentralismus im Namen der kroatischen, der slowakischen, der serbischen und der rumänischen Nation und gipfelten im»Slawenkongress«, der am 2 . Juni 1848 in Prag eröffnet wurde. 340 tschechische, ruthenische und südslawische Delegierte nahmen daran teil, darunter auch der russische Anarchist Mikhail Bakunin. Gefordert wurde die Reorganisation der Habs29 burgermonarchie als ein»Bund von gleichberechtigten Völkern«. 30 Alle Aufstände der Revolution 1848 schrieben mit der Demokratisierung und der Forderung nach Freiheit auch die Selbstbestimmung und die Einheit der jeweiligen Nation auf die Fahnen, sei es in Polen, Italien, Böhmen, Ungarn oder Deutschland: Ein geeintes Deutschland war ebenso das Ziel wie ein geeintes Italien. Damit begann das Dilemma des habsburgischen Vielvölkerstaats. Die Revolutionäre in Wien waren sich nicht einig, wen sie etwa in der Lombardei oder in Venetien unterstützen sollten: die revolutionäre Bewegung, die mit Freiheit und Gleichheit auch eine Abspaltung vom Habsburgerstaat meinte, oder den Vielvölkerstaat, verkörpert durch den Feldmarschall Graf Radetzky, dessen Armee in Oberitalien gegen die revolutionäre Bewegung kämpfte. Ähnlich widersprüchlich gestaltete sich die Situation zu Pfingsten in Prag. Teile der deutschen Bevölkerung fühlten sich durch die aufgeheizte Atmosphäre des Slawenkongresses verunsichert, sodass der militärische Befehlshaber Fürst Windischgrätz die mehr rhetorische Ankündigung eines tschechischen Aufstands zum Anlass nahm, um Prag zu bombardieren. In Böhmen 30 Ji ř í Ko ř alka: Tschechen im Habsburgerreich und in Europa 1815–1914. Sozialgeschichtliche Zusammenhänge der neuzeitlichen Nationsbildung und der Nationalitätenfrage in den böhmischen Ländern, Wien/Oldenburg 1991, 140 u. 175ff. 30 entstanden daraufhin eine deutsche, eine tschechische und eine böhmisch-patriotische 1848 er Bewegung, der Konterrevolutionär Windischgrätz wurde gleichzeitig als Mörder verteufelt und als Held gefeiert. Das Zentrum der revolutionären Bewegung in der Hauptstadt, die Wiener Universität in der Inneren Stadt, inszenierte sich dagegen als kosmopolitischer Kon­ trapunkt:»Zuerst Freiheit, dann Nationalität war der Wahlspruch«, überlieferte Anton Füster, der Feldkaplan der Akademischen Legion. 31 Im neuen Europa, dessen Entstehung sich in den ersten Monaten 1848 ankündigte, meinte Charles Baudelaire in»Salut Republik«, würde »Österreich, dieses Ungeheuer mit drei Köpfen von der Landkarte verschwinden«. Die»Deutsche Republik« würde seinen»deutschen Kopf«, die Italienische den »italienischen« und die»Polnische Republik« seinen »slawischen« nehmen. 32 Es kam anders. Die Positionen zu den verschiedenen innerösterreichischen Nationen teilten die Liberalen und Demokraten mit etlichen Zeitgenossen, es gab die»mit« und die»ohne« Geschichte. Eine lange und 31 Anton Füster, Memoiren von März 1848 bis Juli 1849. Beitrag zur Geschichte der Wiener Revolution, 2 Bde, Frankfurt a. M. 1850, Bd. 1, 38. 32 Zit. in: Siegfried Mattl, Die ersten Europäer. Europäische Revolution. Warum man 1848 Nationalist, Kosmopolit und naiv sein mußte, in: Mai 1848. Die vergessene Revolution, 19–23, 20. 31 kontinuierliche Tradition in Kultur und Intelligenz sowie Herrschaftsformen zeichneten die Deutschen, Italiener, Polen und Ungarn aus, die»anderen« müssten sich assimilieren. Aber all das bildete höchstens den Resonanzboden von Verwirrungen. Konkrete Handlungen beziehungsweise Strategien, wie sie der Komplexität des Vielvölkerreichs gerecht werden könnten, blieben vonseiten der Revolutionselite aus: Wie umgehen mit dem Befreiungskrieg in Italien, wie mit der zunehmenden Eigenständigkeit Ungarns oder der polnischen Frage? Auch zu den diversen Fraktionen des Deutschen Bundes wurden keine Verbindungen geknüpft. Die bürgerlichen Freiheiten mit ihren Handlungs- und Denkspielräumen schienen zu neu, noch nicht erprobt, um ein funktionales transnationales Netzwerk gegen die alten aristokratischen Mächte zu knüpfen. MODE: DEUTSCH Die Rhetorik des Wiener Revolutionsdiskurses war deutschnational und zielte auf einen»gesamtdeutschen Staat«. Dies widersprach dem Pillersdorfschen Verfassungsentwurf vom April 1848 , der die westliche Habsburgermonarchie in einem eigenen Staatsgebilde fassen wollte. Zwar wurde dieser zurückgewiesen, wie weiter unten zu sehen sein wird, aber die Begriffspaare Staatenbund–Bundesstaat und großdeutsch–kleindeutsch, also 32 ein deutscher Nationalstaat mit und ohne österreichische Teile, prägten die Auseinandersetzungen im Reichstag in Wien ebenso wie in der Frankfurter Paulskirche. 33 Die deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold prägten die Öffentlichkeit der Revolutionsmonate 34 und galten als»verläßlichste Wettergläser der Volksstimmung«. 35 Nicht nur Fahnen wurden hergestellt und schmückten die Einheiten von Nationalgarde und Akademischer Legion oder die Barrikaden dieser Monate sowie die Universität. Eine ebensolche Farbenpolitik reproduzierte die Mode des Jahres. Deutsch stand für Demokratie, Freiheit und entsprechende gesellschaftspolitische Zukunftsszenarien. Zensurfrei und täglich nachzulesen ist ein Lebensgefühl beziehungsweise eine Haltung zu identifizieren, die sich als bürgerlich und zweckmäßig definierte. Mit dieser»Gesinnungsmode«(Silvia Bovenschen) suchte man sich nicht etwa von ungarischen, tschechischen oder slawischen Farben abzugrenzen, sondern von allem, was als französisch galt. Damit war nicht die neue Republik gemeint, sondern Frankreich als Metapher für adeligen Prunk und Verschwendung im Sinne des sonnenköniglichen Ludwig   XIV . Keine französischen Gouvernanten zu engagieren, fiel ebenso darunter wie die 33 Ko ř alka, Revolutionen. 34 Gabriella Hauch, Frau Biedermeier auf den Barrikaden. Frauenleben in der Wiener Revolution 1848, Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1990, 94–102. 35 Gold und Larve, 1848, Nr. 12, 47 ff. 33 Aufforderung, keine französischen Textilien zu kaufen und die»deutsche Tracht« der französischen Mode vorzuziehen. Diese deutsch gefärbte»Kriegserklärung der Damen« 36 hielt bis Ende des Sommers an, dann wurden zunehmend die Kaiserfarben Schwarz-Gelb und die rote Farbe des Sozialismus in Wien gesichtet. Der Diskurs um das politische Farbenspiel während der revolutionären Monate hatte einen ernsthaften Kern, es wurde aber auch dessen oberflächliches, austauschbares und in die Irre führendes Potenzial diskutiert. Der Artikel»Politischer Farbenkalender« konstatierte, dass»Furchtsame« gleich»immer verschiedene Kokarden im Sack« trügen, um je nach»Ort, Zeit und Gesellschaft verschieden Gebrauch« zu machen. 37 Die Betonung des Deutschen impliziert nicht, die Bevölkerung Wiens einzudeutschen und die dort lebenden Angehörigen anderer Nationalitäten der Habsburgermonarchie zu negieren und den Subtext der»Geschichtslosigkeit« zu reproduzieren. Auch wenn Wien von militanten nationalen Auseinandersetzungen verschont blieb, spitzte sich ab dem Mai 1848 die nationale Problematik in der Habsburgermonarchie dramatisch zu. Die Konjunktur der Revolution, die die ganze Welt zu beglücken suchte, 38 sank rapide. Als der Pariser Juniauf36 Der Humorist, 1848, Nr. 96, 389. 37 Gold und Larve, 1848, Nr. 12, 47ff. 38 Gabriella Hauch,»Wir hätten ja gern die ganze Welt be34 stand niedergeschlagen war, der versucht hatte, das Recht auf Arbeit und Eigentum, also eine soziale Revolution voranzutreiben, war die Konsolidierung der Gegenrevolution nicht mehr zu übersehen. Das, was die europäische Revolutionselite verabsäumte, war für die internationale Adelselite altgewohnte Praxis, der Einsatz von diplomatischen Netzwerken und transnationalen Strategien zum Machterhalt. Der österreichische Kaiser, der König von Preußen, der russische Zar und Napoleon III ., der neue Diktator Frankreichs, sollten bis und bei der Niederschlagung der Aufstände im Deutschen Bund, der römischen Republik und schließlich Ungarns und der Republik von Venedig im August 1849 erfolgreich zusammenarbeiten. 3. SOZIALE DIFFERENZEN: BEDENKLICHE CLASSEN UND EHRBARE BÜRGER Bereits vor den glorreichen Märztagen wurde in Wiens Vorstädten und Vororten von»zerlumpten und hungrigen Proletariern, deren Weibern und Kindern« berichtet, und in Folge der steigenden Brotpreise kam es zu Plünderungen von Bäckerläden. 39 Nicht die unsichtglückt«: Politik und Geschlecht im demokratischen Milieu 1848/1849, in: OeZG 9(1998) 4, 471–495. 39 Ernst Violand, Die sociale Geschichte der Revolution in Österreich, Leipzig 1850, 47. 35 baren Marktmechanismen wurden als Verursacher der gestiegenen Preise identifiziert, sondern konkret der Müller oder der Bäcker, deren Aufgabe es sei, einen »gerechten« Preis für ihre Produkte zu veranschlagen, oder die verhassten Steuerämter. Dieser»Volkszorn« führte nach den Märzunruhen zwar nicht zur gänzlichen Abschaffung der Verzehrsteuer, wurde jedoch »zugunsten der ärmeren Classe der Bevölkerung« per Erlass des niederösterreichischen Regierungspräsidenten am 20 . März für Grundnahrungsmittel wie Erdbirnen, Kraut, Rüben und Milch erlassen sowie für Kartoffeln, Mehl und Getreide erheblich gesenkt. Solche spontanen direkten Aktionen, eine Form, den Unmut und Zorn öffentlich sichtbar zu machen, wurden im Freiraum der revolutionären Monate nicht nur möglich, sondern fungierten als Triebkräfte der Entwicklung. Eigentlich Delikte der»Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung«, wie es im Vormärz geheißen hatte, wurden sie nun gleichsam entkriminalisiert. Anders als die Orte des bürgerlichen Beratschlagens – Kaffeehaus oder Vereine – waren sie eine»Politik der Straße« und kannten keine geschlechtsspezifische Segregation. Sie waren spontan und machten Subsistenzprobleme, Versorgungsschwierigkeiten und missliebige Arbeitsverhältnisse sowie Unmut aller Art spür- und sichtbar. Oft waren Frauen die Initiatorinnen oder standen in der ersten Reihe. Ursache war die»Hierarchie des Hungers«: Als Verantwortliche für die Existenzsicherung spürten 36 sie Mangelsituationen als Erste, sie aßen das, was ihre Kinder oder Ehemänner übrig ließen. 40 Am 28 . März kam es zum Ausbruch eines solchen »Volkszorns«, und zwar gegen den»Naschmarktkönig«, einen Gemüsegroßhändler samt gewinnbringendem Zwischenhandel mit überhöhten Preisen, den seine»Kappelbuben« absicherten. Im»neuen Geiste der Zeit«, schilderte Gustav Dorn in seiner Flugschrift, wagten die Viktualien-Händlerinnen und Hökerinnen den »Aufstand« gegen ihn und»ließen ihrer Rache freien Lauf«. Sie warfen seinen Wagen um,»zerstampften mit den Füßen die auf dem Boden herumkollernden Früchte, zerschlugen alle Gefäße und rächten sich auf diese Weise hinlänglich für alle erlittenen Bedrückungen«, hieß es weiter. Dorns Kritik galt der Marktaufsicht, deren Aufgabe die»Hökerinnen« übernahmen und»mit Muth und richtigem Takt … gewiß auch künftig darauf sehen, daß kein ähnlicher Unfug mehr eintrete«. 41 Neben diesen militanten Protestformen, die dem Konzept der moralischen Ökonomie folgten und die Dynamik der Wiener Revolution befeuerten, begannen Fabrikarbeiter:innen, Taglöhner:innen, Handwerksgesellen, ja sogar Dienstbotinnen, soziale Forderungen zu entwickeln. Im März und April kam es in vielen Spar40 Hauch, Frau Biedermeier, 167–171. 41 Gustav Dorn, Der Naschmarkt-König und der Untergang seines Reiches, Wien 1848, in: Hauch, Frau Biedermeier, 184 f. 37 ten zu Arbeitsniederlegungen. Die Maurergesellen etwa versammelten sich Ende März auf dem Stephansplatz, um eine Deputation zum Kaiser zu schicken – was dessen immer noch währende höchste Autorität in den Augen seiner»Unterthanen« zeigt. Der Magistrat schaltete sich ein und ihre Arbeitszeit wurde verkürzt auf zwölf Stunden, von sechs Uhr Früh bis sechs Uhr abends, ein voller Erfolg! Die Maurergesellen beharrten allerdings auch auf der Wahrung ihrer persönlichen Würde: Die »einem Bau vorstehenden Poliere« müssten ihnen auf »anständige, menschenfreundliche Art« begegnen, sich »aller beleidigenden Ausfällen und Beschimpfungen oder gar körperlicher Mißhandlungen« enthalten und die»gleiche humane Behandlung« hätte auch für»Lehrjungen und Taglöhner« zu gelten. 42 Ein frühes Zeugnis für standesübergreifende Solidarität. Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung standen auch bei anderen Berufsgruppen wie den Schneidern oder den Seifensiedern auf der Tagesordnung. Für Letztere galt die neue Festlegung von fünf Uhr Früh bis sieben Uhr abends als Fortschritt, auch die Nachtarbeit wurde abgeschafft, allerdings nicht die Sonntags- und Feiertagsruhe eingeführt. Oder: Am 6 . April setzt eine viel beachtete Demonstration von Lehrbuben die Streichung ihrer Schulgebühren durch. 43 42 Häusler, Von der Massenarmut, 180. 43 Kurt Mellach(Hg.), 1848. Protokolle einer Revolution, Wien/München 1968, 48f. 38 Die»Wiener Typographia«, gegründet am 30 . April, war der erste Arbeiterverein Wiens. Die 474 darin organisierten Buchdrucker und Schriftgießer forderten in ihren Vereinsstatuten unter anderem die»Abschaffung der weiblichen Arbeiter bei den Maschinen und anderen Manipulationen«. 44 Dass Frauenerwerbsarbeit nicht gleich gewertet, sondern ohne Ausbildung niedriger entlohnt als Konkurrenz zur qualifizierten Gesellenarbeit fungierte, kennzeichnete die ersten Organisationsspuren der Arbeiterbewegung. Im Zentrum ihres Interesses stand allerdings die Bildung, was der Buchbindergeselle Friedrich Sander in seinem Gründungsaufruf von Anfang Mai poetisch fasste:»… daß alle geschaffen sind, ihr Dasein zu genießen, für alle ist die Erde so schön, der Himmel so blau und die Sterne so hell! Jeder hat das Recht auf Freude, Freiheit und Bildung …« 45 Sozial bessergestellt waren die rund tausend Arbeiter der Wien-Gloggnitzer Eisenbahngesellschaft, die 1848 einen zehnstündigen Arbeitstag durchsetzen konnten. Sie bildeten mit den Studenten die»Kerntruppe der Demokratie« in der Wiener Revolution. 46 Auch in den turbulenten Maitagen. 44 Die Constitution, 1848, Nr. 19, 276f. 45 Die Constitution, 1848, Nr. 37, 548. 46 Häusler, Von der Massenarmut, 180. 39 26. UND 27. MAI 1848: EIN FEST AUF DEN BARRIKADEN Am 25 . April wurde die sogenannte Pillersdorfsche Verfassung publik. Vor allem das Zweikammersystem, das Zensuswahlrecht und das Einspruchsrecht des Monarchen wurden kritisiert und demokratische Intellektuelle der Bewegung wie Andreas Freiherr von Stifft d. J., Hermann Jellinek und Ernst Violand analysierten die Interessenskoalition von Krone, Aristokratie und Besitzbürgertum. 47 Ersten»Volksaufläufen« Anfang Mai folgte am 15 . ein machtvoller Aufmarsch der Akademischen Legion, der Nationalgarde und von mit ihren Arbeitsgeräten bewaffneten Frauen und Männern vor der Hofburg. Nach englischem Vorbild wurde gefordert:»Ein Volk, eine Kammer, einen konstitutionellen Monarchen« sowie das allgemeine Männerwahlrecht, das gleichzeitig die Beschränkung der Nationalgarde auf Bürger überwinden sollte. Die Drohgebärde funktionierte und die Verfassung wurde als provisorisch erklärt – auch weil wiederum wenig Militär in der Stadt war. Der Hof verabschiedete sich ins kaisertreue Innsbruck:»Nur außerhalb des Herdes des Aufstandes kann man dessen Herr werden«, hieß es. Zugeschrieben wurde die Abreise der soge47 Wolfgang Häusler,»Doktoren der Revolution«, in: Ders., Ideen können nicht erschossen werden, 78–95. 40 nannten»Seele der Gegenrevolution«, der Erzherzogin Sophie, der Mutter des zukünftigen Kaisers Franz Joseph. Desorientierte Erschütterung der revolutionären Bewegung war die Folge. Das Zentralkomitee der gesamten Nationalgarde löste sich auf. Der Ministerrat versuchte diesen»Katzenjammer« auszunützen und die Universität samt Akademischer Legion zu schließen. Nun allerdings formierte sich Widerstand. Rund um die Universität und nach und nach in der ganzen Inneren Stadt wurden Barrikaden errichtet. Wie sehr die Sympathien für den Kaiser nach wie vor lebten, zeigt wohl am deutlichsten die Bezeichnung»Kaiserbarrikade« am Ausgang Naglergasse zum Graben, mit der Aufschrift»k. k. Barrikade«. Aber auch ein seltenes Zeugnis nationenübergreifender Solidarität dieser Tage ist überliefert, die»Slawische Barrikade« am Stephansplatz, geschmückt mit einer roten Fahne sowie den verschiedenen Farben der österreichischen Nationen. 48 Am 26 . Mai zogen Arbeiter, in deren Mitte Arbeite­ rinnen, vom Prater, der Nord- und der Südeisenbahn, aus den Vororten und Vorstädten in die Innere Stadt, bevor um neun Uhr die Stadttore geschlossen wurden. Die Schilderungen dieser klassenübergreifenden und geschwisterlichen Aktion sind voller Euphorie:»Ehre dem Ehre gebührt! Es leben unsere braven Arbeiter« wurde ebenso hervorgehoben, wie dass sich auch»Mädchen 48 Häusler, Von der Massenarmut, 237. 41 aus einem der besten Häuser, von ihrer Gouvernante begleitet und unterstützt … in einer unermüdlichen Emsigkeit dem Barrikadenbau« widmeten. Männer und Frauen aller sozialen Schichten schienen an diesem Tag in der Inneren Stadt vereint. Bürgerliche Frauen verköstigten Barrikadenbauer:innen aus den Vorstädten oder spendeten Haushaltslinnen für Fahnen. Frauen der Unterschichten, mit Zigarre und Strohhut gezeichnet, bewachten die Universität. 160 bis 200 stockwerkhohe Barrikaden entstanden in den verwinkelten Gassen:»Es war eine wahre Hetze. Niemand kletterte eifriger und glückseliger als die Frauenzimmer.« 49 Mit Einbruch der Dunkelheit wurden Feuer entzündet, bunt zusammengewürfelte Gruppen lagerten auf den Straßen, zu essen und zu trinken gab es in Hülle und Fülle. Ein Fest wurde gefeiert. Ganze Familien nächtigten unter dieser für Wien neuen»Revolutionsarchitektur«. Die Barrikadennacht bot für Zeitgenossen Anlass, um den Verfall von Sitte und Moral zu beklagen. Sie zielten auf die revolutionäre Bewegung, als Transmissionsriemen diente das Verhalten von Frauen aus unterbürgerlichen Schichten. Mit ihrem als unsittlich kategorisiertem Verhalten wie Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit und ihrer derben Sprache würden sie »die ernste Volksbewegung zur frivolen Farce« erniedrigen. Gerüchte über Beischlaf unter freiem Himmel und 49 Hauch, Frau Biedermeier, 121–130. 42 Abbildungen halb nackter Barrikadenbauerinnen auf der einen standen Jubelgedichten über sittsame im hochgeschlossenen Kleid gezeichneten»Barrikadenbräute« auf der anderen Seite gegenüber. Es sind Zeugnisse für die Un/Gleichzeitigkeiten in der Durchsetzung des später als hegemonial gesetzten weiblichen Geschlechtscharakters und damit verbundenen Handlungsspielräumen. 50 Der Versuch, die revolutionäre Bewegung nachhaltig zu schwächen, war nicht gelungen. Die am 26 . Mai offensichtliche Manifestation der Einheit der Bewegung war erfolgreich gewesen. Die Akademische Legion blieb erhalten, die Universität wurde nicht geschlossen und Kaiser Ferdinand sagte am 3 . Juni die Einberufung eines konstituierenden Reichstages zu:»Österreich ist eine demokratische Monarchie geworden«, jubelte von Stifft. Für die den nationalen Zugehörigkeiten und den sozialen Positionen innewohnenden Differenzen wurden damit allerdings keine Lösungen angeboten. RECHT AUF ARBEIT!? Das militante Verhalten der unterbürgerlichen Bewohner:innen Wiens war die Triebkraft für die Durchsetzung der bürgerlichen Freiheiten. Deren wachsendes Selbstbewusstsein wurde in Vereinsgründungen, aber 50 Hauch, Frau Biedermeier, 130–132. 43 auch in spontan geäußerten Forderungen nach Bewaffnung deutlich. Die paternalistisch-bevormundende Haltung gegenüber»unseren braven Arbeitern«, die»heilig ist das Eigenthum« schworen, stießen an ihre Grenzen. Noch am Abend des 26 . Mai verlautbarte das Ministerium in seiner Not, die erregte Masse zu beruhigen, »den Arbeitern wird fortan Arbeit verschafft werden«, was ein»Recht auf Arbeit« implizierte. Ein heißes Thema in der europäischen Revolution 1848 . In Paris wurden im Kontext des französischen Frühsozialismus»Nationalwerkstätten« gegen die herrschende Arbeitslosigkeit errichtet. Diese zielten mehr auf die Beruhigung nach den Februarunruhen ab als auf eine Verwirklichung des»Rechts auf Arbeit«, wie es Louis Blanc entwickelt hatte. Als er im April aus der Nationalversammlung gedrängt und Auflösungspläne der Werkstätten publik wurden, begann am 23 . Juni in Paris ein dreitägiger Kampf, der viertausend Aufständische und tausendzweihundert Soldaten das Leben kostete. Damit war die Restauration des monarchistischen Prinzips eingeläutet, die lange Niederlage der europäischen Revolution 1848 begann. 51 In Wien suchte die Gründung des kurz»Sicherheits­ ausschuß« genannten Gremiums – ein Zusammen51 Roger Price,»Der heilige Kampf gegen die Anarchie«. Die Entwicklung der Gegenrevolution, in: Dowe, Haupt, Lange­ wiesche, Europa 1848, 43–83. 44 schluss verschiedener Richtungen der revolutionären Bewegung – ein neues Machtzentrum zu schaffen und die Dynamik der Politik der Straße rund um den Barrikadentag und die Barrikadennacht in legitime Bahnen zu gießen. Die Durchsetzung des Wahlrechts für selbständige Arbeiter mit bleibendem Wohnsitz für die Wahlen zum Reichstag – also das allgemeine Männerwahlrecht – sollte ein Baustein dafür sein. Vor allem jedoch sollten öffentliche Arbeiten bei Staatsbauten die renitenten Unterschichten beruhigen, etwa im Prater, bei der Verlegung der Taborstraße, beim Überschwemmungsschutzdamm der Brigittenau, bei Planierungsarbeiten oder den Staatsbahnen. Im Juni waren rund zwanzigtausend Männer, Frauen und Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren bei den sogenannten Erdarbeiten beschäftigt. Ihre Forderungen nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen beschäftigten den Sicherheitsausschuss. Die Nationalgarde und die Akademische Legion sowie die führenden Demokraten hatten alle Hände voll zu tun, deren immer wieder aufflammende Aufmärsche von der Inneren Stadt fernzuhalten. 52 Während der Debatten um(das Recht auf) Arbeit im Sommer 1848 ist zunehmend ein geschlechtsspezifischer Fokus zu registrieren und in der demokratischen Presse fand die Situation erwerbstätiger Frauen 52 Häusler, Von der Massenarmut, 241–264. 45 Eingang. Nicht der Schulleiterinnen und Lehrerinnen (ohne Ausbildung) wurde darin gedacht, die bürgerliches Frauenleben in Wien in der ersten Hälfte des 19 . Jahrhunderts auch prägten und das Narrativ von der biedermeierlichen Hausfrau konterkarierten. 53 Sondern Handarbeiterinnen standen im Zentrum, deren Durchschnittslöhne kaum die Lebenshaltungskosten deckten: machten sie bei Arbeitern 24 Kreuzer bis 1 Gulden 20 Kreuzer aus, verdienten Arbeiterinnen durchschnittlich 10 bis 30 Kreuzer am Tag, wobei ein halbes Kilogramm Brot mit 6 Kreuzer berechnet wurde. 54 Im Juli erschien in der Zeitung Der Omnibus ein ausführlicher Artikel über die Lebensverhältnisse einer Weißnäherin in Heimarbeit. Unter optimalen Umständen konnte sie ein Hemd pro Tag anfertigen, wofür sie 33 Kreuzer erhielt, allerdings hätten Weißnäherinnen durchschnittlich nur drei Tage in der Woche eine Beschäftigung. Um ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern, wurde eine Vereinsgründung empfohlen. 55 Der Wiener Buchdrucker Josef Hillisch forderte die Errichtung eines »Kommunal-Pensionats«, um dem Elend erwerbstätiger Frauen entgegenzuwirken. Finanziert durch die 53 Waltraud Schütz, Zwischen öffentlicher Kontrolle und individuellem(Ver-)Handeln: Zur Geschichte unternehmerisch tätiger Frauen im Wiener Vormärz, in: L’Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 31(2020) 2, 95–111. 54 Häusler, Von der Massenarmut, 180f. 55 Der Omnibus, 1848, Nr. 4, 15. 46 dort wohnenden Arbeiterinnen sollte es eine bürgerliche Frau leiten und günstige Großeinkäufe von Lebensmitteln die Lebenskosten senken. Neben einer Krankenund Arbeitslosenversicherung gehörten auch Bildungsveranstaltungen zu Hillischs Projekt, das unter anderem die sittliche Erziehung als Armutsvermeidung vorsah. 56 Eine Auflistung des Sicherheitsausschusses, aus welchen Sparten sich die Erdarbeiter und Erdarbeiterinnen zusammensetzten, gibt Auskunft über die als »Arbeiter-Classe« bezeichneten sozialen Schichten. Bei den 10 . 343 Männern waren die größten Gruppen Weber( 2703 ), Taglöhner( 2501 ), Zeugmacher( 382 ) und Dienstleute( 359 ), bei den 8 . 218 Frauen Taglöhner ( 2930 ), Handarbeiter( 2 . 861 ), Zimmerleute( 561 ) und Spuler( 462 ). 57 In den am niedrigsten qualifizierten Beschäftigungen Taglöhner und Handarbeiter übertraf die Zahl der Frauen die der Männer. Für einen Zehn-Stunden-Arbeitstag erhielten Männer 25 Kreuzer, Frauen 20 Kreuzer und Jugendliche 12 Kreuzer. Angesichts der 6 Kreuzer, die ein kleines Brot kostete, wird deutlich, warum die Arbeiter:innen von der Baustelle St. Marx ersuchten, auch am Sonntag arbeiten zu»dürfen«. 58 56 Hauch, Frau Biedermeier, 191. 57 Von 46 aufgelisteten Professionen wurden 17 von Frauen ausgeführt, in: Hauch, Frau Biedermeier, 189. 58 Gabriella Hauch, Gerhard Pfeisinger, Sozialer Protest und die Politik der Straße in der Wiener Revolution 1848, in: 1848»das tolle Jahr«, 36–43, 40. 47 Die Stimmung während des Sommers hatte sich gedreht, das selbstbewusste Auftreten sowie etliche »Arbeiterzüge« gegen die Innere Stadt hatten Angst erzeugt. Äußerungen wie»… gegen diese muß man Militär- und Bürger- und Nationalgarde ausschicken« und Denunziationen über die Faulheit der Erdarbeiter:innen machten Arbeitsminister Ernst von Schwarzer sicher:»Eher sollten 10 . 000 Arbeiter niedergeschossen werden, als ich von meinem Entschlusse«, der Lohnkürzung,»abstehe.« 59 Bei den Protesten gegen die geplanten Lohnkürzungen um 5 Kreuzer ging es um die Existenz. 60 21. BIS 23. AUGUST 1848: DAS ENDE DER KLASSENÜBERGREIFENDEN GESCHWISTERLICHKEIT Gleich bei der Verkündigung der Senkung des Taglohns am 21 . August reagierten die Arbeiterinnen und zogen in die Innere Stadt. Es war die erste Frauendemonstra59 Volksfreund, 1848, Nr. 101, 406. 60 Kundmachung, in: Mellach, 1848, Protokolle einer Revolution, 125; vgl. für die ausführliche Schilderung der Augustunruhen: Herbert Steiner, Karl Marx in Wien. Die Arbeiterbewegung zwischen Revolution und Restauration 1848, Wien/München/Zürich 1978; vgl. auch: https://dasrotewienwaschsalon.at/archiv/karl-marx-in-wien(21.1.2024); mit geschlechtssensiblem Fokus Hauch, Frau Biedermeier, 205–212. 48 tion in Wien. Der galizische Student Carl Borkowski schilderte seinen Eltern den»großen Zug der Arbeiterweiber«, angeführt von einer circa dreißigjährigen»sehr kräftigen Arbeiterfrau« mit langem braunem Haar. Nach der Melodie der Marseillaise sangen sie:»Für die Freiheit und für gutes Brot ziehen wir hier gern voran! Und wir lassen uns nicht schelten, von einem schwarzen Mann! Doppelt hat man uns geprellt, um Brot und Freiheit gar!« 61 Im Laufe des Vormittags gesellten sich mehr und mehr Arbeiter zu ihnen, um»ganz im Interesse ihrer Schwestern zu demonstrieren«, kommentierte die Wiener Gassenzeitung. Pfarrer Anton Füster, in der Zwischenzeit Abgeordneter der Linken im Reichsrat, rückte aus, um die aufgeregten Arbeiterinnen zu beruhigen. »Nein! Nein!«, erscholl es aus» 1000 Weiberkehlen … ich fiel vollständig durch, das erste und das letzte Mal«, bekannte er in seinen Memoiren. 62 Einzelne Scharmützel mit Verletzten folgten, wie auch am folgenden Tag. Die Augustunruhen stellten in vielerlei ­Hinsicht eine Zäsur der Wiener Revolution 1848 dar. In der Aneignung der Öffentlichkeit der Straße durch demonstrierende unterbürgerliche Akteur:innen werden traditionale und moderne Elemente von sozialem Protestverhalten deutlich. Im April, Mai oder Juni wurden Lohnforderungen 61 Peter Frank-Döfering(Hg.), Die Donner der Revolution über Wien. Ein Student aus Czernowitz erlebt die Revolution 1848, Wien 1988, 125. 62 Füster, Memoiren, Bd. 2, 101. 49 noch in Petitionen formuliert und es wurde aufmarschiert. Jetzt im August organisierten die Arbeiter:innen der Erdarbeiten im Prater eine Demonstration von einigen Tausend mit klaren sozialen Forderungen, die an spätere Kampfformen von Arbeiter:innen- und Gewerkschaftsbewegung erinnern. Gleichzeitig durchzogen sie karnevaleske Protestformen der Vormoderne, die seit dem letzten Drittel des 20 . Jahrhunderts eine Renaissance erfahren haben. Eine Musikkapelle, deren Instrumente aus den Deckeln von Arbeitskübeln und Arbeitsglocken bestanden, begleiteten Spottgesänge, Frauen marschierten in Trauerkleidung oder Strohpuppen wurden mitgeführt, die den Arbeitsminister mit einem Fünf-Kreuzer-Stück im Mund darstellten, als ob sie daran ersticken würden. Am Praterstern wurde die Demonstration, die als »Praterschlacht« in die Geschichtsschreibung einging, brutal gestoppt. Als Hüter von»Ordnung und Sicherheit« gingen nicht nur die Sicherheitswache, sondern auch Nationalgardisten mit aufgesetztem Bajonett gegen die Menge vor. Die Schilderungen über in Panik flüchtende Männer, Frauen und Kinder vor der bewaffneten Formation ihrer eigentlich»gemeinsamen« Revolution setzten den Kontrapunkt zu den Verbrüderungsfesten, den Burschenkommerschen oder den Barrikadenfesten. Das Gesicht der Revolution wurde ein anderes. Ein Blutbad wurde angerichtet. Vor allem die hohe Zahl der durch»Halsstichwunden und Schenkelwunden« verletzten Frauen verweist auf Nahkampfsituatio50 nen, in denen die Garden ohne Wenn und Aber auf das eigentlich zu beschützende schwache Geschlecht losgingen. Sie hätten sich»leidenschaftlich hingerissen«, mit»Beschimpfungen und Steinwürfen« zur Wehr gesetzt und wie»Furien … auf die roheste, empörendste, unsittlichste Weise … die Garden beleidigt«, lauteten die Rechtfertigungen. Erst dann sei ernsthaft gegen sie vorgegangen worden, da ihr Verhalten»der Würde und der männlichen Haltung eines Volkes« widersprach. 63 Als die Nationalgardisten nach der Schlacht durch die Innere Stadt marschierten und stolz ihre erbeuteten Arbeiterfahnen präsentierten, begrüßten sie winkende Frauen und Männer, ganz wie einst im März. Nun allerdings wurden sie als die Bewahrer vor Anarchie gefeiert. Der seit dem Sommer stärker gewordene Diskurs von den»Mordbrennern« und ähnlichen denunziatorischen Bezeichnungen für Angehörige der Unterschichten hatte sich gegenüber der Rede von»unseren braven Arbeitern« durchgesetzt. 64 Die politische, soziale und kulturelle Polarisierung war nicht mehr rückgängig zu machen – auch als es darum ging, die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution zu verteidigen. Der Zeitgenosse Karl Marx, von 27 . August bis 7 . September 1848 in Wien, resümierte, dass sich hier das Bürgertum und das Proletariat 63 Mellach, 1848, Protokolle einer Revolution, 24. 64 Hauch, Pfeisinger, Sozialer Protest, 41f. 51 bereits bekämpfen würden, obwohl sich das Bürgertum weder politische Macht noch politische Rechte erstritten hätte, also in der Monarchie trotz Nobilitierungen erfolgreicher Bankiers und Großindustrieller immer noch zu den Untertanen zählte. 65 Hektisch begannen erneute Annäherungen und Erklärungen sowie Rechtfertigungen, vor allem, warum auch die Studenten und die Demokraten ihre wichtigsten Verbündeten der letzten Monate im Stich gelassen hatten. Die Versöhnung sollte in den Begräbnisfeierlichkeiten für die Toten der Praterschlacht gelingen. Zentral in der Organisierung war der am 28 . August im Wiener Volksgarten gegründete»Wiener Demokratische Frauenverein« engagiert. 4. DIFFERENZEN DES GESCHLECHTS: » … WENN SELBST FRAUEN SICH DES POLITISCHEN STOFFES DER ZEIT BEMÄCHTIGEN …« »Es ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit«, dass Frauen so großes Interesse an den Sitzungen des Wiener Reichstages zeigten! Endlich stiegen sie aus dem »Pfuhl der Alltäglichkeit« und»den Kinderstuben« heraus, erfasst und festgehalten von der revolutionä65 Steiner, Karl Marx in Wien. 52 ren»Glut«. 66 Auch in der Paulskirche oder in diversen Landtagen des Deutschen Bundes waren Frauen auf den Galerien zu finden. 67 Der Resonanzboden, aus dem dieses»selbst die Frauen« spross, ist in der bürgerlichen Geschlechterordnung zu finden. Der politische Raum war für Frauen nicht vorgesehen. In der Französischen Revolution bereitete die Jakobinerherrschaft 1792 der Experimentierphase geschwisterlicher politischer Vereinstätigkeiten und öffentlichem Verhandeln über das Verhältnis von Staatsbürgerschaft und weiblichem Geschlecht ein jähes Ende. Protagonistinnen der Frauenemanzipation wie Olympe des Gouges oder Madame Roland starben als Feindinnen des Terreur auf dem Schafott, selbst der Club der Revolutionären Republikanerinnen wurde aufgelöst und verboten. 68 Die damals konstruierte heteronormative Zweigeschlechtlichkeit erlebt heute in Teilen der Welt eine gewisse Aufweichung, für die 1848 er Bewegung wa66 Der Freimüthige, 1848, Nr. 113, 457. 67 Henning Türk, Begrenzte Politisierung. Die weiblichen Zuschauer im Paulskirchenparlament während der Märzrevolution 1848/49, in: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, Mai 2023, 79, 6–27. 68 Gabriella Hauch, Gender and Revolution in Europe, 19 th – 20 th centuries,(2016), in: https://ehne.fr/en/node/12343/ printable/print oder: https://ehne.fr/en/encyclopedia/themes/gender-and-europe/gender-and-revolution-in-europe19th-20th-century/gender-and-revolution-in-europe-19th20th-centuries(15.1.2024). 53 ren – außer Beispielen für Crossdressing in diversen Armeen 69 – keine Quellen für praktizierte Queerness zu finden. Allerdings ist es wichtig, sich nicht vom zeitgenössischen Kollektivbegriff»die Frauen« blenden zu lassen. Um den diversen Hoffnungen, Ängsten, Träumen und damit verbundenen Lebensverhältnissen gerecht zu werden, die Frauen 1848 in Sympathie oder Ablehnung zur Revolution positionierten, muss Geschlecht mit anderen Kategorien verknüpft werden: der sozialen Position, dem Alter, der Nation, der Ethnizität, der Religion, dem geografischen Raum etc. Eine wissenschaftliche Praxis, die unter dem Label Intersektionalität in den letzten Jahren selbstverständlicher Usus wurde. Mit der Entdeckung ganz unterschiedlicher Frauen und ihrer Interessen wird außerdem deutlich, dass die strukturell in der bürgerlichen Moderne verankerten dichotomen und vor allem hierarchischen Geschlechterverhältnisse von Anfang an umstritten waren. Sie waren und sind Ergebnisse von Ausverhandlungen und Kämpfen, die zuungunsten der Geschlechtergerechtigkeit ausgingen. Mit der europäischen Revolution von 1848 / 49 öffnete sich fünfzig Jahre nach der Französischen Revo69 Gabriella Hauch, Bewaffnete Weiber. Kämpfende Frauen in den Kriegen der Revolution von 1848/49, in: Karen Hagemann, Rolf Pröve(Hg.): Landsknechte, Soldatenfrauen und Nationalkrieger. Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel, Frankfurt a. M./New York 1998, 223–246. 54 lution ein historisches Fenster, in dem das gesellschaftsund geschlechterpolitische Veränderungspotenzial in institutionalisierten wie als informell bezeichneten politischen Räumen sicht- und wahrnehmbar wurde. 70 »WO SIE DAS VOLK MEINEN, ZÄHLEN DIE FRAUEN NICHT MIT« Mit diesen Worten umriss die aus Sachsen stammende Louise Otto, die bekannteste und bestbeforschte sowie eine der elaboriertesten 1848 erinnen im deutschsprachigen Raum, den Umgang mit Frauen während der Revolution. 71 Die Dynamik der ersten Phase im März und April mit der Forderung nach bürgerlichen Freiheiten, nach Volksbewaffnung und einer Verfassung samt Parlamenten zeigte europaweit, dass die neue institutionalisierte Politik als Männer-Raum konzipiert war. Dies blieb auch in der Wiener Presse nicht unwidersprochen.»Frauenemancipation«, hieß es im Prophet,»Die Emancipation der Frauen!« in der Bohemia, oder in der 70 Ein früher Aufsatz, der das Raum-Konzept breit analysiert: Gabriella Hauch: Frauen-Räume in der Männerrevolution, in: Dowe, Haupt, Langewiesche, Europa 1848, 841–900. 71 Hauch, Frauen-Räume, 845–856; zu Louise Otto zuletzt: Susanne Schötz: Organisation der Arbeit, Humanität, Frauenrechte. Louise Otto in der Revolution 1848/49, in: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, Mai 2023, 79, 104–123. 55 Wahrheit:»Werfet weg Eure Sonnenschirme«. 72 Meist changierten diese Artikel zwischen Ernst und Satire. Die Rezeptionsgeschichte der Frauenfrage 1848 zeigt, dass sich Reden über Frauen im Revolutionsverlauf veränderte. Im Reisenden Teufel klärte ein allwissender Teufel einen Bauern darüber auf, dass nun auch die Frauen all das haben wollten,»was den Männern jetzt einen Vorzug vor ihnen gibt«. Der Bauer reagierte nicht ablehnend, gab jedoch zu bedenken,»Aber besser wär’s wenn man jetzt vor der Hand an andere Dinge dächte, als an die Emancipation der Frauen«. 73 Damit nahm er das Konzept vom Nebenwiderspruch in der sozialistischen Konzeption der Frauenemanzipation vorweg, die die sozialen(Klassen-)Differenzen prioritär setzte. Frauen intervenierten als Akteurinnen in diesem öffentlichen Streit. In Wien erschienen Flugschriften und Zeitungsartikel, die auf dem Gleichheitsprinzip aufbauten:»Hüten Sie sich zu glauben, daß wir nicht vom lebhaftesten Interesse für die Emanzipation der Menschheit durchdrungen sind … Wir beanspruchen Gleichheit der politischen Rechte. Warum sollen Frauen nicht in den Reichstag gewählt werden?«, formulierte eine»im Namen Unzähliger«. 74 Und in einer vierseitigen Flug72 Der Prophet 1848, Nr. 26, 102; Bohemia, 1848, Nr. 26/27, o.S.; Wahrheit! 1848, Nr. 2, 6. 73 Der reisende Teufel. Zeitschrift für Volksbelehrung über Zeitfragen, 1848, Nr. 4, 31. 74 Der Freimüthige, 1848, Nr. 75, 306. 56 schrift von Wiener Bürgersfrauen hieß es:»Es wäre falsch das Stimmrecht allgemein zu nennen, wenn von dessen Ausübung wenigstens die Hälfte der Untertanen ausgeschlossen ist.« Das Wahlrecht sei das»unläugbare, unveräußerliche, angeborene und untilgbare Recht des weiblichen Geschlechts«. 75 Die Mehrheit der 1848 erinnen definierte sich aber als komplementäres Geschlecht, in der Funktion als Mutter, Ehefrau oder Gefährtin erwarteten sie, ihren Anteil an den Staatsgeschäften zu erlangen. 76 Die Reaktion der Öffentlichkeit – meist eine Kreation männlicher Chronisten – auf diese politisch interessierten Frauen war ambivalent. Neben Lobeshymnen verliefen die Trennlinien durchaus nicht nur zwischen Demokraten, Liberalen und Konservativen, sondern spalteten auch die demokratische Linke. Die politisch interessierte Frau vernachlässige die Familien und gefährde damit das Funktionieren des Staates, hieß es. Durchtränkt war dieser Diskurs auch von der Macht der Erotik, die zwischen Abgeordneten und Zuschauerinnen entstehen und Erstere von ernsthafter Politik ablenken würde. 77 75 Gleichstellung aller Rechte der Männer mit den Frauen oder: Die Frauen als Wähler, Deputirte und Volksvertreter, Wien 1848, in: Flugschriftensammlung 1848 der Österreichischen Nationalbibliothek. 76 Hauch, Frau Biedermeier, 85–132. 77 Hauch, Frauen-Räume. 57 Die den Protesten der Anfangsphase der 1848 er Revolution folgende Praxis war die Schaffung von politischen Räumen. Davon machten auch Wienerinnen im Namen ihres Frauseins Gebrauch, waren doch die entstehenden Vereine zwar geschlechtsneutral bezeichnet, realiter aber Männern vorbehalten. Damit schufen sie einen Kontrapunkt zum revolutionären Männlichkeitspathos 78 und der damit verbundenen Politikkonzeption. »MIT VEREINTEN KRÄFTEN FÜR UNS INSBESONDERE!« – DER WIENER DEMOKRATISCHE FRAUENVEREIN Frauenassoziationen waren per se keine Erfindung der 1848 erinnen, die nach einer Alternative zu ihrem Ausschluss aus dem Männer-Raum Verein suchten. Bereits im frühen 19 . Jahrhundert entstanden, waren sie meist systemstabilisierend, monarchietreu und patriotisch mit karitativer Ausrichtung. Die Frauen- und Geschlechtergeschichte hat mit ihrem weiten Politikbegriff die politische Dimension und den öffentlich-politischen Cha78 Matthäus Kirchweger,»Jugendliche Helden, Männer des Volkes und bübisches Benehmen«. Konstruktion von Männlichkeiten in der Studentenpresse 1848 am Beispiel des »Politischen Studenten-Couriers«, unveröff. Diplomarbeit, Universität Wien 2021, https://services.phaidra.univie.ac.at/ api/object/o:1396038/get(30.1.2024). 58 rakter dieses Engagements deutlich gemacht sowie den fließenden Übergang von öffentlich und privat. Im Folgenden liegt der Fokus allerdings auf dem »Deutschen«,»Ersten« beziehungsweise»Wiener demokratischen Frauenverein«. Sie definierten sich explizit als politische Subjekte und schufen auf der Basis eines gemeinsamen Programms beziehungsweise gemeinsamer Forderungen demokratische Vereinsstrukturen für Frauen aller Schichten und Konfessionen. Damit sollte ihre Diskriminierung per Geschlecht bekämpft und ihre Stellung in beruflicher, politischer oder rechtlicher Hinsicht verbessert werden. 79 Die Gründungsversammlung am 28 .  August 1848 im Wiener Volksgarten wurde von aufgebrachten Männern gestürmt, darunter auch Mitglieder der Nationalgarde, also Bürger von Besitz und Bildung. Das, gleich Männern, von Frauen für Frauen beanspruchte Assoziationsrecht zu praktizieren, ging dann doch zu weit. 80 Der Vereinsname»Wiener demokratischer Frauenverein« wurde im§ 1 der Statuten verankert. 81 Als Präsidentin 79 Gabriella Hauch, Wien 1848: Akteurinnen der Revolution, in: Christoph Wiederkehr, Clemens Ableidinger(Hg.), 175 Jahre liberales Wien. 1848–2023, Wien 2024(im Druck). 80 Hauch, Zur Geschichtsmächtigkeit, 17–48. Mit Gewalt sollten auch die Versammelten des Pariser»Club des femmes« zum Schweigen gebracht werden, als sie über das Scheidungsgesetz diskutierten. 81 Statuten, in: Hauch, Frau Biedermeier, 235–239; Gabriella Hauch,§ Emanzipation bewegt … Im demokratischen Mi59 schien Karoline, mitunter auch Caroline, manchmal mit, aber meist ohne»von« und dem Titel»Baronin« Perin auf, 82 das Aufnahmelokal beziehungsweise die Kontaktadresse war dieselbe wie die der demokratischen Zeitschrift Der Radikale, die von Perins Lebensgefährten Alfred Julius Becher redigiert wurde. Die Statuten des Wiener demokratischen Frauenvereins stellen ein Vereinsprogramm dar, das europaweit, mit Ausnahme Frankreichs – nach bisherigem Forschungsstand –, seinesgleichen sucht. Unter den Schlagworten»politisch, sozial und human«(§ 2 ) vereinigten sie Forderungen und Absichtserklärungen. Die allgemeine Schul- und Ausbildung für Mädchen, die politische Bildung von Frauen zum Wohl des Vaterlands, für die Erziehung der Kinder und um das»demokratische Prinzip in allen weiblichen Kreisen zu verbreiten« fielen ebenso darunter wie die Gleichberechtigung der Frauen oder die Proklamation,»den tiefgefühlten Dank der Frauen Wiens für die Segnungen der Freiheit« durch ihre Solidarität mit der revolutionären Bewegung und Verpflegung der Opfer zu beweisen. Neben dieser lieu der Wiener Revolution von 1848. In: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, Mai 2023, 79, 28–47. 82 Näheres zu Perin: Hauch,§ Emanzipation. Aktuell arbeitet Andreas Kloner, an einer Biografie, vgl. auch sein RadioFeature: Lea Roma,»Karoline von Perin – Pionierin für Frauenrechte«. Hörbilder Ö1, 4. März 2023, oe1.orf.at/ programm/20230304/711949/Karoline-von-Perin-Pionierin-fuer-Frauenrechte(19.02.2024). 60 inhaltlichen Differenzierung verweisen die Formalia des Vereinslebens – Antragsrecht, Rederecht, Abstimmungsmodi – auf Egalität und Demokratie:»wirkende« und»unterstützende« Mitglieder konnten alle Frauen »von gutem Rufe und freisinnigem Charakter«(§ 7 ) gleich welchen sozialen oder familiären Standes(§ 10 ) werden, der fünfköpfige»Ausschuß«(§ 11 ) sollte nach drei Monaten seine Funktionen zur Verfügung stellen beziehungsweise konnte er jederzeit durch Stimmenmehrheit abgewählt werden(§ 13 ). Projektiert waren wöchentlich zwei Sitzungen(§ 22 ) und die Ausdehnung des Vereins auf die Wiener Vorstädte und Vororte(§ 32 ) sowie auf das ganze Land(§ 31 ); dabei sollte der Wiener als Zentral-Verein gelten. Männer konnten»nur ausnahmsweise als Ehrenmitglieder« bei den Sitzungen zugezogen werden und hatten kein Stimmrecht(§ 8 ). Die Berichte über ihre Vereinssitzungen sind nicht nur auf Information bedacht, sondern häufig von denunziatorischer Ironie beziehungsweise Sarkasmus und Sexismus geprägt. Allerdings wurden auch interne inhaltliche Differenzen überliefert, die den Trennlinien innerhalb der 1848 er Bewegung entsprechen. Wenn etwa »deutsche Frauen« zur Mitgliedschaft aufgefordert wurden, um zu verhindern, dass Frau Wertheimer, eine Jüdin, Präsidentin des Vereins würde, wird der herrschende Antisemitismus offensichtlich. 83 Oder die Französisch83 Zuletzt: Hauch,§ Emanzipation, 28–47. 61 lehrerin in Oberdöbling Louise Bouvard 84 forderte angesichts des herrschenden Elends in einer Petition an den Ministerrat, für die Aufhebung der fälligen Halbjahresmieten zu plädieren. Dies wurde als unrechtmäßiger Eingriff in das Eigentum vom Verein abgelehnt, worauf sie die Vereinsdamen empört als»politische Schlafmützen« bezeichnete, schrieb Perin in ihren Erinnerungen. 85 Der Wiener demokratische Frauenverein zählte zum radikalen Flügel der 1848 er Bewegung und mischte sich in den langen zwei Monaten seines Bestehens eminent in die Politik der Bewegung ein. In der ersten Sitzung solidarisierten sie sich mit den in der Praterschlacht vom 23 . August 1848 Verwundeten und deren Forderung nach Rücknahme der Lohnkürzungen bei den öffentlichen Erdarbeiten. Im»Aufruf an alle unsere Mitbürgerinnen« sammelten sie Geld, Kleidung, Wäsche und Ähnliches für die Not leidenden Erdarbeiterinnen. 86 Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine Aktion des Vereins am 84 Herzlichen Dank an Andreas Kloner für diese Information. 85 Bruno von Frankl-Hochwart, Aus Bechers letzten Tagen. Mit ungedruckten Aufzeichnungen seiner Braut. In: Die Zeit. Wiener Wochenzeitschrift für Politik und Volkswirtschaft, Wissenschaft und Kunst, 1898, Nr. 203, 119. 86 Wienbibliothek im Rathaus, Rc 4100; als Sammelstellen fungierten für die Innere Stadt Baronin Karoline Perin, Vorsteherin und Anna Reßmüller, für die Alservorstadt Karoline Neumayer; für die Breitenfelder Josefine Pucher, für die Josefstadt Gabriele Eckardt, für die Leopoldstadt Karoline Hilbert. 62 17 . Oktober. Louise Bouvard und Frau Bruckmüller führten gemeinsam mit der Präsidentin Karoline Perin eine aus»hunderten Frauen« bestehende Delegation an, die dem Reichstag eine von rund tausend Frauen unterzeichnete Petition zur Einberufung des Landsturms übergab. Die Landbevölkerung sollte für die Verteidigung Wiens bewaffnet werden, um der drohenden »Soldatenherrschaft« zu entgehen und die»kostbaren Errungenschaften« zu bewahren. Als Reaktion darauf wurde im Reichstag mehr über die unbotmäßige FrauenAktion als über die Petition diskutiert. 87 Die Männer der demokratischen Linken hingegen – und das ist eine europaweite Ausnahme – akzeptierten den Wiener demokratische Frauenverein als Partner im »Zentralausschuss der demokratisch-freisinnigen Vereine Wiens«, in dem die Verteidigung Wiens gegen die anrückenden kaisertreuen Truppen geplant und organisiert wurde. Möglicherweise auch aufgrund von persönlichen Verbindungen hatten diese aus adeligen und bürgerlichen Milieus stammenden Frauen 88 die ihnen gemäß bürgerlicher Geschlechterordnung zugedachten sozialen Räume verlassen können. So lächerlich sie in Wort und Schrift sowie in Karikaturen zeitgenössisch auch dargestellt wurden, die Revolutionsfeinde wuss87 Petition, in: ÖSTA, HHStA, Reichstag, Karton 81, fol. 283–311; Hauch, Frau Biedermeier, 153–155. 88 Hauch, Welt beglückt. 63 ten die Botschaft ihres Aufbegehrens zu lesen. Der Name Caroline von Perin stand auf der Liste der auszuliefernden Revolutionsprominenten, wenn Wien – so Fürst Windischgrätz – von den revolutionsfeindlichen Truppen friedlich erobert werden wollte. 89 Die Schaffung des institutionalisierten Frauen-Raumes Verein war und ist mit Ambivalenzen verbunden. Er entsprach der Konstruktion der hierarchischen bürgerlichen Geschlechterordnung mit ihren dichotomen Geschlechtscharakteren, obwohl die Vereinsgründerinnen diese zurechtrücken wollten und Geschlechtergerechtigkeit für sich einforderten. Es handelt sich um eine Variante des feministischen Paradoxons(Joan W. Scott), das den»Spezialfall weibliches Geschlecht« in der bürgerlichen Moderne begleitet: von der»Frauenfrage« des 19 . Jahrhunderts bis zur institutionalisierten Gleichstellungspolitik heute. Indem immer wieder am Ausgangspunkt der Ungleichheit/en, beim Geschlecht, anzuknüpfen ist und»als Frauen« Rechte und Handlungsspielräume eingefordert werden, bedeutet das gleichzeitig, die Geschlechterdifferenzen immer weiter zu reproduzieren. Ob die damit verknüpften Hie­ rarchien verschwinden, wird sich zeigen. 89 Hauch, Frau Biedermeier, 220–228. 64 4. AUSATMEN … Die revolutionsfeindlichen Kräfte reorganisierten sich, und im September 1848 entstanden in Wien erste konservative und monarchietreue Vereine. Gleichzeitig vernetzte sich das demokratische Milieu, auch, um programmatisch klarer zu werden: Wie sollte das neue Österreich aussehen? Nach von Stifft bezeichnete auch Hermann Jellinek seinen Zukunftsentwurf als»soziale Demokratie«. Damit ließen sie die Kompromissformulierung der 1848 er Bewegung»demokratische Monarchie« hinter sich. 90 Ebenfalls im September fand die Debatte um die sogenannte»Bauernbefreiung« mit der Sanktionierung durch den Kaiser ihren Abschluss. 91 Es handelte sich um einen Kompromiss. Der Reichstagslinken war es nicht gelungen, die Bauern als Kollektiv in der Entschädigungsfrage zu mobilisieren. Die ganze Unsicherheit, mit der im vielsprachigen österreichischen Reichstag Politik gemacht wurde, zeigte sich im Abstimmungsverhalten der galizischen Bauern: Kaum des Deutschen mächtig, stimmten sie gegen ihre eigenen Interessen und für den Passus, dass auch die Bauern selbst mit einer Teilentschädigung an ihrer»Befreiung«, der Aufhebung des grundherrschaftlichen Verhältnisses, zu beteiligen seien. 90 Hermann Jellinek, in: Der Radikale, 1848, Nr. 85, 346 u. Nr. 94, 388; vgl. auch: Häusler, Massenarmut, 370. 91 Christian Rapp, Die»Bauernbefreiung« als Erfolgsprojekt der Revolution, in: 1848. Die vergessene Revolution, 45–54. 65 Das kurzfristig herrschende labile politische Gleichgewicht zerstörte der ungarisch-kroatische Konflikt. Nach der Machtübernahme demokratisch-revolutionärer Kräfte in Ungarn wurde unter der Führung Lajos Kossuths die kroatische Armee unter Banus Jella č i ć zurückgeschlagen. An Letzterem werden die Wirrnisse rund um nationale Fragen im Habsburgerstaat besonders deutlich: Er mutierte vom nationalen Vorkämpfer für die Rechte der kroatischen Minderheit gegen das chauvinistische Ungarn zum kaiserlichen Werkzeug der Gegenrevolution. 92 Erschöpft an der österreichischen Grenze angelangt, verlangte Jella č i ć von Kriegsminister Graf Theodor Baillet de Latour neue Truppen. In Wien war zu der Zeit nur mehr das Grenadierbataillon Richter aus Oberösterreich stationiert, dessen Soldaten die Nationalgardisten ausbildeten und das bestens in der Stadt integriert war. Die Gerüchte über einen möglichen Abmarsch des Bataillons, um die kroatischen Truppen in ihrem Feldzug gegen das revolutionäre Ungarn zu unterstützen, riefen heftige Proteste hervor. Neben Interventionen beim Kriegsminister Latour, sich nicht darauf einzulassen, wurde eine Volksversammlung organisiert und selbst Nationalgardeeinheiten mobilisiert, um das Unternehmen zu verhindern. 93 92 Wolfgang Häusler, Banus Jella č i ć vor Wien. Der kroatischungarische Konflikt und das Ende der Wiener Revolution von 1848, in: 1848»das tolle Jahr«, 124–131. 93 Häusler, Massenarmut, 376–286. 66 Trotzdem befahl Latour am 6 . Oktober den Abmarsch. Etliche Grenadiere verweigerten, und Nationalgardeabteilungen, Akademische Legion und Bevölkerung besetzten den Nordbahnhof, blockierten Brücken und verhinderten erfolgreich den Abmarsch. Anschließend zogen sie im Triumph vom Tabor in die Innenstadt, wo es zu ersten Zusammenstößen mit kaisertreuen Stadtgarden kam, die, im Stephansdom verschanzt, auf die unbewaffnete Menge das Feuer eröffneten. Mehrere Tote waren zu beklagen, die Wut der aufgebrachten Menge verselbständigte sich. Unkon­ trollierbar, weit entfernt von rational-strategischem Kalkül, stürmten die zur Masse gewordenen Nationalgarden, Studenten, Männer, Frauen und Kinder Richtung Kriegsministerium. Latour, der auch den Feuerbefehl gegen die Bevölkerung nicht zurückgenommen hatte, wurde gefangen genommen und ermordet. Sein Leichnam in der Tradition der vormodernen Schmährituale auf einem Kandelaber Am Hof hängend, öffentlich zur Schau gestellt. Selbst die zum Schutz Latours herbeigeeilten demokratischen Abgeordneten der Linken, Joseph Goldmark und Adolf Fischhof, konnten diesen Meuchelmord nicht verhindern. Nach der Niederschlagung der Revolution wurden allerdings gerade sie von der neoabsolutistischen Militärjustiz zu seinen(Mit-) Mördern erklärt und in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Goldmark, in die USA emigriert, strengte 1867 die Wiederaufnahme des Prozesses an und erreichte die 67 Annullierung des Urteils gegen ihn, die Reichstagslinke und die Aula(der Versammlungsort der Studenten). 94 Der Ermordung Latours folgte ein Wüten, das die ganze Nacht anhielt und mit der Erstürmung des kaiserlichen Zeughauses endete. Fünfhundert Tote und Schwerverletzte wurden gezählt, darunter etliche Dienstmägde, Taglöhnerinnen, Handschuhnäherinnen und Pfründerinnen. 95 Die mehr museale Selbstbewaffnung der unterbürgerlichen Schichten aus den alten kaiserlichen Beständen zeugt vom herrschenden Machtvakuum. Der Hof floh, wie im Mai, diesmal nach Olmütz. Wiederum setzte Desorientierung ein, dass der pater Kaiser seine Untertanen in dieser schweren Stunde im Stich ließe. Auch etliche Reichstagsabgeordnete flüchteten, im Oberkommando der Nationalgarde herrschte Chaos, ein Befehlshaber löste den anderen ab. Einige Demokraten 94 Am 20. März 1849 wurden drei der Ermordung Latours beschuldigte Arbeiter am Glacis öffentlich am Galgen hingerichtet, ohne dass es einen Nachweis gab. Die Untersuchung des Militärgerichts lautete, dass es ein Komplott von Akademischer Legion, Demokratischem Verein und Mitgliedern der Linken des Reichstags gewesen sei, die von ungarischen Emissären bestochen gewesen seien. Diese Verschwörungstheorie wurde auch gegen andere geflohene Abgeordnete in Gerichtsverfahren in absentia durchgeführt. Etwa 1854 gegen Kudlich, 1856 gegen Füster, Goldmark und Violand, vgl. Wolfgang Häusler,»Gegen Demokraten helfen nur Soldaten«. Die Unterdrückung der Revolution von 1848, in: 1848»das tolle Jahr«, 132–139, 136. 95 Hauch, Frau Biedermeier, 215f. 68 machten sich auf, um Hilfe von außen, von Ungarn, Berlin und den Kronländern zu organisieren. Die in diesen Tagen bestehende Kampfbereitschaft wurde allerdings nicht in Taten umgesetzt und die noch in der Stadt befindlichen kaisertreuen Truppen nicht entwaffnet. Berthold Auerbach charakterisierte die Stimmung, dass»die größte Kampfeslust … unter dem Proletariat zu walten [schien], doch wogte es in ungeordneten Massen durch die Straßen … Es ist wahrhaft lächerlich, daß die Revolutionsmänner eine autorisierte Revolution wollen«. 96 Die Sympathien der bürgerlichen Schichten Wiens mit der Revolution und ihren Freiheiten waren mehrheitlich verflogen. Die Fabrikbesitzerstochter Auguste Zimmermann schilderte in ihrem Tagebuch, wie die prorevolutionäre Stimmung ihrer Familie in Angst um den Besitz umschlug – stilisierte sich aber selbst, ro­ mantisch-verbrämt, als revolutionstreu. Mit»halber Verzweiflung« blicke sie auf ihre»weiblichen Kleider«, was ein Geheimnis bleiben müsse, denn»andere zanken und lachen mich nur aus. Aber wenn es so tobt in meiner Brust und alles in mir nach Taten lechzt, und ich am Fenster stehen muß wenn alles fortzieht und die Waffen der muthigen Freiheit in den Handen schwingt.« 97 96 Berthold Auerbach, Tagebuch aus Wien. Von Latour bis auf Windischgrätz(September bis November 1848), Breslau 1849, 68 u. 119. 97 Auguste Zimmermann, Tagebuch von 5.3.1848–30.4.1849, 69 LETZTE TAGE Am 10 . Oktober vereinigte sich am Wienerberg die kaisertreue Wiener Garnison mit den kroatischen Truppen Jella č i ć s. Beide erwarteten die aus Böhmen gegen Wien ziehende Armee von Windischgrätz. Die Belagerung Wiens begann. 98 Einige Hundert Arbeiter und Freiwillige aus den umliegenden Fabriken, aus Graz, Linz und Salzburg kamen, um die Revolution zu verteidigen. Sie waren zwar voller Elan, aber keine ausgebildeten Militanten, ebenso wenig wie die 7500 erst jetzt zur »Mobilgarde« unter dem polnischen General Bem zusammengefassten Männer aus den»ungeordnet durch die Straßen wogenden Massen«. Sie bildeten den Kern der Verteidigung, die Nationalgarden waren auf ein Drittel geschrumpft. Karikaturen reagierten darauf mit der Darstellung von Frauen, die die»feigen Männer« in ihren Verstecken aufspürten. 99 Dass Frauen nicht in diese Volksbewaffnung einbezogen wurden, blieb nicht unwidersprochen. Eine versuchte, in Männerkleidung in die»Mobilcorps« aufgenommen zu werden, wurde allerdings abgelehnt. Erbost wandte sie sich an den Studentenausschuss, der sie mit»schallendem Gelächter« in: Benno Immendörfer(Hg.), Zwei Wiener Mädchentagebücher aus dem Jahre 1848/49, Wien/Leipzig 1927, 64–199, 141f. 98 Häusler, Banus Jella č i ć vor Wien. 99 Hauch, Frau Biedermeier, 226f. 70 zum Nationalgarde-Oberkommando weiterverwies. 100 Je mehr Kämpfer durch Flucht, Verletzung oder Tod wegfielen, desto mehr Frauen in Waffen –»recht munter« schießend –, würden gerichtet. 101 Die Betonung des Engagements der Frauen bei der Verteidigung des revolutionären Wien speist den revolutionspositiven Subtext, dass der Versuch der gesellschaftspolitischen Transformation der Habsburgermo­ narchie von der gesamten Bevölkerung getragen wurde. Als Sympathisantinnen und als Akteurinnen fungierten Frauen als Integrationsfiguren und als Beweis für die Gerechtigkeit der Revolutionsziele. Denn wenn sie als Schwache ihre Position als zu Beschützende aufgaben, verkörperten sie umso mehr Stärke. Das ist vor allem in den Erzählungen der hoffnungslosen Endkämpfe in den Hauptstädten der Revolution festzustellen. Frauen wurden nicht nur als die Ausdauerndsten, sondern auch als Tapferste stilisiert, wie z. B. die rumänische Hel100 Wiener Gassenzeitung, 1848, Nr. 128, 513. 101 Friedrich Unterreiter, Die Revolution in Wien. Mit all ihren Ursachen und Wirkungen fortlaufend bis auf die nächsten Tage auf das freisinnigste nach eigener Anschauung und den besten Quellen dargestellt, 8 Bde, 1848–49, Bd. VII, 31f., 34, 70; Wenzel G. Dunder, Denkschrift über die Wiener Oktober-Revolution. Ausführliche Darstellung aller Ereignisse aus sämtlichen Quellen geschöpft, mit zahlreichen Urkunden begleitet, dann nach eigenen Erlebnissen und nach authentischen Berichten von Augenzeugen und Autoritäten, Wien 1849, 741 u. 820f. 71 din Ana Ip ă tescu in Bukarest oder die»Jungfrau« im Dresdner Aufstand im Mai 1849 . Der negative Subtext zog die kämpfenden Frauen hingegen als Beweis für Chaos und Anarchie, für die letztendliche Herabwürdigung der hehren Revolutionsziele heran.»Weibergekreische« galt als das Ende der ehrhaften, ernsthaften und vor allem männlich konnotierten Volksbewegung Ende Oktober 1848 in Wien. 102 Der Angriff der 70 . 000 Mann starken Armeen Jel­ la č i ć , Auersperg und Windischgrätz begann am 22 . Oktober, der Generalangriff auf die Vorstädte am 28 . Oktober 1848 . Das aussichtslose Unterfangen, Wien zu schützen und erfolgreich zu verteidigen, kannte nur einen Fluchtpunkt, die Hilfe der ungarischen Armee. Sie erfolgte zu spät und wurde am 30 . Oktober in der Schlacht von Schwechat zurückgeschlagen. 103 Am 31 . Oktober kapitulierte Wien. Tausende Opfer waren zu beklagen. Der demokratische Aufbruch Österreichs fand damit einstweilen ein Ende – im Sinne von Freiligraths»siegenden Geschlagenen«. Aber die Eroberung Wiens, die standrechtlichen Erschießungen, auch eines Abgeordneten der Frankfurter Paulskirche, bedeuteten mehr. Durch den Er102 Hauch, Frauen-Räume, 887 f. und Frauen-Zeitung, 19. Mai 1849, Nr. 5,(Reprint) in: Ute Gerhard(Hg.), Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen. Die Frauen-Zeitung von Louise Otto, Frankfurt a. M. 1980, 70f. 103 Wolfgang Häusler, Das Gefecht bei Schwechat am 30. Oktober 1848, Wien 1977. 72 folg der habsburgischen Truppen angefeuert, besetzten die preußischen Truppen am 10 . November 1848 Berlin. Das Ende des»Völkerfrühlings«, dessen Ausläufer noch bis Mitte 1849 reichten, war unumkehrbar. Die kaiserlichen Truppen, vor allem die unter Führung des kroatischen Banus Jella č i ć, hinterließen eine blutige Spur in der Zivilbevölkerung. Vor allem viele Frauen und Mädchen wurden misshandelt und vergewaltigt. 104 Unter dem Kriegsrecht kam es zu standrechtlichen Erschießungen mit dem Ziel der politischen Abschreckung und autoritärer Disziplinierung der Bevölkerung aller sozialen Schichten. Wenzel Mes­senhauser, der glücklose Oberbefehlshaber der Nationalgarde, starb stellvertretend für die ehemaligen Offiziere, die sich in den Dienst der Nationalgarde gestellt hatten, der Demokrat Robert Blum für das verhasste Frankfurter Paulskirchenparlament, die Journalisten Dr. Alfred J. Becher und Dr. Hermann Jellinek für die demokratisch-revolutionäre Presse, und Letzterer zudem:»man brauchte einen Juden und hatte sonst keinen zur Hand«(Eduard Bauernfeld), sowie schließlich der unbekannte Pole Eduard Jelowicki stellvertretend für General Bem, dem die Flucht zur ungarischen Armee geglückt war. Zahlreiche andere Hinrichtungen, etwa eines Schmiedegesellen wegen Besitzes eines Karabiners, um den Druck auf die Anordnung der Waffenablieferung zu verstärken, zeugen 104 Hauch, Frau Biedermeier, 228f. 73 von der Racheintention der Sieger, aber auch von ihrer Verunsicherung. Überall wurden in den nächsten Jahren Verschwörungen vermutet, ein Heer von Konfidenten überwachte Wien und die Emigration, auch die zurückgekehrte ehemalige Präsidentin des»Wiener demokratischen Frauenvereins« Caroline von Perin. 105 AUSBLICK Die bürgerlichen Freiheiten wurden zurückgenommen. Allerdings prägten die während des Sturmjahres aufgebrochenen und sicht- und erlebbar gewordenen Widersprüchlichkeiten von Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit respektive Geschwisterlichkeit auch die folgenden Jahrzehnte und befeuerten das ­Entstehen sozialer Bewegungen. Die Nationalitätenkonflikte kochten hoch, vor allem in Ungarn und Böhmen, und der Deutschnationalismus und der Antisemitismus wurden zu die Massen mobilisierenden Ideologien. Die nach und nach gewährten Bürgerrechte galten nur für Besitzende und Gebil105 Häusler, Gegen Demokraten, 136–139; Gabriella Hauch, Achtundvierzigerinnen auf der Flucht. Anmerkungen zur geschlechtsspezifischen politischen Emigration und zum Transfer von Frauenemanzipation nach der Niederschlagung der Revolution 1848/49, in: L’Homme, Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 15(2004) 2, 291–295; ad Perin: Hauch,§ Emanzipation. 74 dete. Erst die Verfassung von 1867 mit ihrem Grundsatz der Gleichheit aller Staatsbürger und dem im§ 20 verankerten Vereinsrecht bot die Möglichkeit, sich zur Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung zu formieren. Politische Rechte wie einen Verein oder eine Partei zu gründen oder sich darin zu engagieren, galten nur für Männer. Die Adressierung der Staats BÜRGER meinte ausschließlich sie. Geschlecht wurde zur Ordnungskategorie Nummer eins der bürgerlichen Moderne und regelte die Ein- und Ausschlüsse in gesellschafts- und bildungspolitische Institutionen, zum Nachteil der Frauen. Erst 1918 , in der als »österreichische Revolution« bezeichneten Transformation zur demokratischen Ersten Republik, wurden sie zu gleichberechtigten Staatsbürgerinnen, allerdings waltete noch bis 1975 der Mann als Haupt der Familie( ABGB von 1811 ,§ 91 des Ehe- und Familienrechts). Das Erbe der Revolution von 1848 zeigte sich in der»österreichischen Revolution« auch biografisch präsent: Etliche Akteur:innen waren in dieser Tradition politisch sozialisiert worden, auch durch Eltern, die sich als 1848 erinnen und 1848 er deklariert hatten. 106 106 Etwa Rosa Mayreder oder Therese Schlesinger geb. Eckstein; mit der zunehmenden Digitalisierung von Massendaten wird es zum Beispiel möglich sein, die rund tausend Frauen-Unterschriften der Landsturmpetition mit den Namen der Akteurinnen des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins(seit 1893) oder anderen zu verknüpfen und direkte Bezüge herzustellen. 75 LITERATUR 1848»das tolle Jahr«. Chronologie einer Revolution. 241. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien vom 24.9. bis 29.11.1998, Wien 1998. Arbeiter-Zeitung, 4.4.1898, Nr. 93. Auerbach, Berthold, Tagebuch aus Wien. Von Latour bis auf Windischgrätz(September bis November 1848), Breslau 1849. Benjamin, Walter, Über den Begriff der Geschichte, V. These [1940], in: Ders., Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt a. M. 1980, 251–261. Böck, Susanne, Radetzkymarsch und Demokratie. Zur politischen Rezeption der Revolution 1848, in: 1848»das tolle Jahr«, 140–147. Clark, Christopher M.,»Frühling der Revolution«. 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Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft. Zahlreiche Publikationen zur Geschlechter/Geschichte Österreichs seit der Französischen Revolution: https://ifg.univie.ac.at/ueber-uns/mitarbeiterinnen/ wissenschaftliche-mitarbeiterinnen/gabriella-hauch/. Derzeit Arbeit an einer(Geschlechter-)Geschichte der Linken in Österreich am Beispiel der Familie Strasser ( 1870 – 1970 ).