Bauer, Leopold: Brief an Moritz Benedikt. Wien, 12.12.1916
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dieser Aufgabe sehr geeigneten Fachmann zu lenken,Prof. Ferdinand
FELLNER von FELDEGG. Derselbe schreibt seit etwa einem Jahre Auf-
sätze architektonischen Inhaltes für das Fremdenblatt und diese
sind mir so angenehm aufgefallen, dass ich mir die Frage vorlegte,
warum diese vorzüglichen Artikel nicht in Ihrem Blatte erscheinen,
wo sie eines größeren Leserkreises sicher wären. Da ich mit Prof.
von FELDEGG befreundet bin, fragte ich ihn vor Kurzem darüber,und
er sprach seine prinzipielle Geneigtheit aus, seine Arbeiten der
Neuen Freien Presse zur Verfügung zu stellen, wenn ihm Gelegenheit
geboten würde,hier ebenso dauernd tätig zu sein als er jetzt beschä
tigt ist; nur würde er früher loyaler Weise seine Abmachungen mit
dem FREMDENBLATT lösen müssen.
Sie werden sich sicher schon längst gefragt haben,was mich
berechtigt und was die Ursache sein mag, dass ich mit solchen Vor-
schlägen an Sie herantrete. Ich will ganz offen sein; um mein Amt,
an das mich der Staat an die erste Kunstschule des Reiches berufen
hat, wirksam ausüben zu können, brauche ich Förderer und Helfer.
Die Architektur ist in den letzten 2 Dezenien etwas aus den Angeln
gehoben worden;die Verwirrung, die durch Theorien zuerst in den
Köpfen angerichtet wurde, spiegelt sich bereits in unserem Stadt-
bilde wieder und es gilt rasch zuzugreifen, um wieder Vernunft in
die Köpfe zu bringen,bevor allzuviel Unheil angerichtet worden ist.
Ich kann nicht geduldig warten,bis meine Lehrtätigkeit Erfolge
zeitigt, oder bis entsprechende Beispiele auf die jetzige Archi-
tekten-Generation eingewirkt haben.Der schnellebigen Zeit müssen
auch wir Künstler uns anpassen und zur Verstärkung unseres persön-
lichen Einflußes auch die fördernde Kraft der Presse in Anspruch
nehmen. Haben Schlagworte und Irrlehren auf diesem Wege die Oeffent
lichkeit erreicht, so müssen sie auch auf diesem Wege bekämpft wer-
den. Ich bleibe natürlich immer der Meinung, dass künstlerische
Wirksamkeit das wichtigste Mittel ist, um Propaganda für Ideen zu
machen. Aber selbst ein RICHARD WAGNER, dem zur Propagierung seiner
Absichten doch das Theater zu Gebote stand, hat es oft für notwen-
dig befunden, in seinem Schaffen einzuhalten und dafür in Wort und
Schrift für seine künstlerischen Ideale einzutreten.
Wie allgemein angenommen wird, s ehen wir einer neuen Zeit