Engensteiner, Johann: Postkarte an Moritz Necker. Innsbruck, 4.5.1914
Innsbr. 4. Mai 1914.
L.F! Ich gratuliere dir zu deinem Feuilleton über das neue Wiener
Stadttheater. Es ist frisch u. flott geschrieben (gestört hat mich der Pleonasmus:
"ewig unvergängliche Ideale".) Du hast gezeigt, daß du noch über anderes,
als nur über Bücher schreiben kannst. – Vielleicht interessiert es Dich, zu erfahren,
wie sich Wilhelm Dilthey über Shakespear äußert. Dieser große Kenner
der Literatur meint, daß Shakespears Dramen nur mit großer Vorsicht zu Schlüssen
auf "seine Denkart, seine religiösen oder philosophischen Ueberzeugungen
u. seinen Charakter" bemüht werden können. Dilthey findet nichts gewisser,
als daß Sh. kein wissenschaftliches Interesse im strengen
Sinne hegte etc.