Faistauer, Anton: Brief an Arthur Roessler. o.O., 22.4.1914
22. 4. 1914.
Lieber Herr Roeßler
Danke Ihnen für Ihre Sendung. Wegen des Bücherkaufs kann ich
mich nicht recht entschließen, wiewohl der Preis sehr verlockend
wäre. Bin aber doch sicher, daß ich sie nicht lesen würde u.
da hat es dann keinen Zweck, daß ich sie habe.
Ich habe in meinem Leben noch keine Biographie gelesen
überhaupt nichts kunstgeschichtliches od. kunsttheoretisches außer in
Feuilletons der Tagespresse u. diese aus ganz persönlichen Interessen.
Ich bin wohl deshalb kein Ignorant, wehre mich aber gegen das
Wissen aus dem einen Grunde besonders, weil ich aus dem gänzlichen
Mangel an Gedächtnis nichts von all dem Gelesenen
behalten kann, um es zu nützen.
Das Lesen wird mir jetzt schon schrecklich schwer. Sogenannte
Litteratur mag ich gar nicht mehr besonders die "moderne" ist
für mich sehr einschüchternd. Ich kann nur mehr das sentimentale
menschliche Drama im klassischem Stil d. h. in eine höhere Wirk-
lichkeit im Gegensatz zum realistischen (Berlinerischen) ertragen u. liebe
Bücher anderen Inhalts nur mehr als Stilleben, eines Goldschnitts
od. schönen Einbandes wegen, drum danke ich Ihnen herzlich
für Ihre Freundlichkeit mir die Bücher zukommen zu lassen, u.
wünsche ihnen einen freundlichen Besitzer.
Herzlichst
Ihr Faistauer