Friedländer, Alice: Brief an Elise Richter. Tessin, 28.9.1934
Pura (Tessin) 28. Sept. 1934
Haus Kronecker
Liebe Elise, gerade ehe ich anfangen wollte, Euch zu schreiben,
kam Dein l. Brief. Bei der Schilderung der Operation ist mir
ganz schlecht geworden. Nun hoffe ich, dass die Heilung bald
fortschreitet und Du Dich schnell erholst. Ich finde es fabelhaft,
dass Du schon wieder arbeitest.-
Wir sind vorgestern hier gelandet und finden es wieder himmlisch.
Für Leute, die Ruhe u. Erholung brauchen, kann es kein idealeres
Haus geben. Es liegt ja ziemlich hoch über dem See, ganz für sich,
Aussicht auf See u. Berge. Alles behaglich und voller Erinnerungen
an alte Zeiten, als die gute Tante Lisbet (Franzens Patentante) noch
ihr schönes Heim in Berlin hatte. Jetzt ist es natürlich ein Glück, dass
sie dies Haus hat, aber sie muss sich doch sehr quälen, da nur
ganz wenig Gäste Platz haben und es sich deshalb schlecht rentirt.
Momentan sind wir allein da. Franz ist sehr elend, hatte wieder
seine Fussbeschwerden und konnte sich in München und Zürich nicht
schonen. Auch der Magen ist in Unordnung. Das soll nun Alles hier
gut werden, er hat einen Liegestuhl und braucht sich nicht zu rühren.-
In Zürich hat er wunderschöne Aufnahmen von alten Schlitten gemacht,
die mit grotesken Tiergestalten verziert sind.-
Auch mir ist es eine Wohltat, endlich einmal frei von der Leber
weg schreiben zu können. Natürlich erfahren wir in Deutschland nur
Lügen über Oesterreich. Ich kaufe manchmal die N. F. Pr., aber da
erfährt man ja auch nicht viel. Freilich glaube ich, dass überall gelogen
wird. Wenn die Oesterreicher wüssten, wie es in Deutschland wirklich
aussieht, wie ungeheuer das Elend u. die Unzufriedenheit ist, sie
würden sich die Sehnsucht nach dem dritten Reich bald vergehen lassen.
Zufrieden sind nur die Leute, die an der Krippe sitzen, die, welche
früher wegen Unfähigkeit zu nichts gekommen sind u. jetzt durch