Wien, am 3. Mai 1923.
Sehr geehrter Herr Doktor!
Verzeihen Sie daß ich mich unbekannter Weise an
Sie wende, aber da Sie bereits zum zweiten Mal in der
Urania von Egon Schieles bitterem Kampf ums Dasein,
von Not und äußeren Hindernissen, die ihn bedrängten,
sprechen wollen,erlaube ich mir, Sie, Herr Doktor, darauf
aufmerksam zu machen,daß die Menschen, welche Schiele
in den letzten 5 - 6 Jahren seines Lebens persönlich
gekannt haben,weder von einem bitteren Kampf ums Dasein
noch von Not und dergleichen etwas bemerken konnten.
Schiele ist es im landläufigen Sinn des Wortes nicht
schlecht gegangen. Er hatte durch den Krieg auch nicht
so zu leiden wie manches "bereits gedruckte biographi-
sche Material" zu erzählen für gut findet, er war nach
einer recht glimpflich verlaufenen Periode auf dem Exl-
berg bei Dornbach in einem Kriegsgefangenenlager in der
Nähe von Scheibbs und dann lange Zeit in einer militäri-
schen Konsumanstalt in Wien unter persönlich Bekannten.
Sie müssen meine Empfindlichkeit in solchen Dingen
meiner Abneigung gegen eine Legendenbildung zugute halten,
die Schiele, wir wir ja alle wissen, gar nicht notwendig
hat.
Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung
Leopold Liegler
Wien , I, Universitätsplatz 2
Akademie der Wissenschaften.
Sehr geehrter Herr Doktor!
Verzeihen Sie daß ich mich unbekannter Weise an
Sie wende, aber da Sie bereits zum zweiten Mal in der
Urania von Egon Schieles bitterem Kampf ums Dasein,
von Not und äußeren Hindernissen, die ihn bedrängten,
sprechen wollen,erlaube ich mir, Sie, Herr Doktor, darauf
aufmerksam zu machen,daß die Menschen, welche Schiele
in den letzten 5 - 6 Jahren seines Lebens persönlich
gekannt haben,weder von einem bitteren Kampf ums Dasein
noch von Not und dergleichen etwas bemerken konnten.
Schiele ist es im landläufigen Sinn des Wortes nicht
schlecht gegangen. Er hatte durch den Krieg auch nicht
so zu leiden wie manches "bereits gedruckte biographi-
sche Material" zu erzählen für gut findet, er war nach
einer recht glimpflich verlaufenen Periode auf dem Exl-
berg bei Dornbach in einem Kriegsgefangenenlager in der
Nähe von Scheibbs und dann lange Zeit in einer militäri-
schen Konsumanstalt in Wien unter persönlich Bekannten.
Sie müssen meine Empfindlichkeit in solchen Dingen
meiner Abneigung gegen eine Legendenbildung zugute halten,
die Schiele, wir wir ja alle wissen, gar nicht notwendig
hat.
Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung
Leopold Liegler
Wien , I, Universitätsplatz 2
Akademie der Wissenschaften.