Mit tiefer Trauer und einem Gefühl der Scham haben die
Unterzeichneten zur Kenntnis genommen, in welcher Weise man in
Deutschland gegen die Juden vorgeht. Wir sehen von allen "Greuelbe-
richten" grundsätzlich ab und halten uns ausschliesslich an die of-
fiziellen Verfügungen, die gegen die Juden getroffen wurden. Als
nicht von Juden abstammende Deutsche, die den geistigen und kultu-
rellen Grosstaten des deutschen Volkes mit Ehrfurcht und Bewunde-
rung gegenüberstehen, erheben wir schärfsten Einspruch gegen eine
Handlungsweise, die des Volkes, dem wir angehören, und der Gesit-
tung des zwanzigsten Jahrhunderts im höchsten Masse unwürdig ist.
Wir können es nicht ruhig hinnehmen, dass man eine Kulturerrungen-
schaft wie die Emanzipation und Gleichstellung der Juden, die vor
mehr als hundert Jahren die Besten unseres Volkes mühevoll erkämpf-
ten, mit einem Federstrich rückgängig macht. Man müsste an der
Menschheit irre werden, wenn man nicht glauben dürfte, dass es sich
bloss um eine politische Entgleisung handelt, die umgehend wieder
behoben wird. Wenn das Vorgehen als eine Art Strafe gegen Verbrei-
tung unwahrer Nachrichten im Auslande hingestellt wird, so können
wir diese Rechtfertigung keineswegs anerkennen. Man kann doch nicht
die Masse Unschuldiger für das verantwortlich machen und büssen las-
sen, was eine kleine Zahl (vielleicht) verschuldet hat(, und es steht
den Vertretern des deutschen Volkes sehr schlecht an, sich auf den
Standpunkt "Aug' um Auge, Zahn um Zahn" zu stellen.)
Wir fühlten uns verpflichtet, unsere Stimme gegen diese
durchaus undeutsche Verleugnung von Menschlichkeit und
Gerechtigkeit zu erheben, weil wir der Deutung vorbeugen wollen:
Qui tacet consentire videtur.
Marianne Hainisch
Unterzeichneten zur Kenntnis genommen, in welcher Weise man in
Deutschland gegen die Juden vorgeht. Wir sehen von allen "Greuelbe-
richten" grundsätzlich ab und halten uns ausschliesslich an die of-
fiziellen Verfügungen, die gegen die Juden getroffen wurden. Als
nicht von Juden abstammende Deutsche, die den geistigen und kultu-
rellen Grosstaten des deutschen Volkes mit Ehrfurcht und Bewunde-
rung gegenüberstehen, erheben wir schärfsten Einspruch gegen eine
Handlungsweise, die des Volkes, dem wir angehören, und der Gesit-
tung des zwanzigsten Jahrhunderts im höchsten Masse unwürdig ist.
Wir können es nicht ruhig hinnehmen, dass man eine Kulturerrungen-
schaft wie die Emanzipation und Gleichstellung der Juden, die vor
mehr als hundert Jahren die Besten unseres Volkes mühevoll erkämpf-
ten, mit einem Federstrich rückgängig macht. Man müsste an der
Menschheit irre werden, wenn man nicht glauben dürfte, dass es sich
bloss um eine politische Entgleisung handelt, die umgehend wieder
behoben wird. Wenn das Vorgehen als eine Art Strafe gegen Verbrei-
tung unwahrer Nachrichten im Auslande hingestellt wird, so können
wir diese Rechtfertigung keineswegs anerkennen. Man kann doch nicht
die Masse Unschuldiger für das verantwortlich machen und büssen las-
sen, was eine kleine Zahl (vielleicht) verschuldet hat(, und es steht
den Vertretern des deutschen Volkes sehr schlecht an, sich auf den
Standpunkt "Aug' um Auge, Zahn um Zahn" zu stellen.)
Wir fühlten uns verpflichtet, unsere Stimme gegen diese
durchaus undeutsche Verleugnung von Menschlichkeit und
Gerechtigkeit zu erheben, weil wir der Deutung vorbeugen wollen:
Qui tacet consentire videtur.
Marianne Hainisch