Hock, Stefan: Brief an Heinrich Friedjung. Wien, 24.7.1915
rischen Zwecken dient?
Es war mir interessant, aber auch schmerzlich
zu erfahren, dass ein Mann von so weitem und tiefem
Blick gerade für die geistigen Potenzen in der Geschichte,
für ein grosses und emsig, wenn auch nicht immer
erfolgreich und geschickt bebautes Forschungsgebiet
in nächster Nachbarschaft seines eigenen nur Zweifel,
Scheu und Besorgnis hat. Es ist das nur ein Zeugnis
mehr dafür, dass die eigentlichen Ziele der Litteratur-
wissenschaft selbst in gelehrten Kreisen übersehen werden,
weil eben die Litteraturgeschichte vielfach von Dilettanten
betrieben wird, die ihr ganz andere Ziele (biographische
und kulturelle Anekdoten und ähnliches) setzen.
Glauben Sie wirklich, verehrter Herr Doktor,
dass die Bewunderung für Bismarcks Grösse
darunter leidet, wenn die Historiker aus den Akten
reine diplomatische Technik studieren und
feststellen? Warum soll nur für die Dichtung nicht