HEINRICH HOLEK
WIEN
XII, GAUDENZDORFER GÜRTEL 39
Wien, den 10. Mai 1928
Sehr verehrter Herr Kraus!
Als Sie im Jahre 1924 meine kleine Skizze
mit so großem Lobe in Ihrer „Fackel” auszeichneten, war
ich in der ersten freudigen Wallung in starker Versuchung
Ihnen brieflich für die Anerkennung zu danken. Aber ich
habe es dennoch unterlassen, weil ich nicht zudringlich
scheinen wollte. Aus dem selben Grunde habe ich mich nicht
gerührt, als Sie zwei Jahre später Ihre köstliche Glosse
über die Verteilung der Kunstpreise der Gemeinde Wien ab=
geschossen hatten. Ich habe Ihnen auch damals nicht eine
Zeile des Dankes geschrieben, obwohl ich Ihnen für diese
Glosse sehr, sehr dankbar bin. Sie war mir damals eine
große Genugtuung und ist es mir seither geblieben. Denn
ich hatte mich damals um jenen Preis beworben und war
sehr verdrossen darüber gewesen, daß man mich übergangen
hat.
In diesem Jahre habe ich mir nun den
Scherz geleistet und habe jene Skizze eingereicht, wobei
ich mich in dem Begleitschreiben, dessen Kopie diesem
Briefe beiliegt, auf Ihr wiederholt ausgesprochenes Urteil
berufen habe. Ich war mir dessen wohl bewußt, daß den
Herren diese meine Berufung auf Sie nicht sehr angenehm
sein wird und daß dadurch meine Chancen nicht gerade
günstiger werden.
Die Preise sollten am 1. Mai verteilt wer=
den. Doch ist es dazu nicht gekommen. Durch Zufall ist
mir in der „Arbeiter Zeitung” vom 8. ds. eine Notiz im
Briefkasten aufgefallen, aus der zu entnehmen ist, daß
die Preise erst im Juli dieses Jahres verteilt werden
sollen. Offenbar ist das Preisrichterkollegium bisher
noch nicht einig darüber, wem es die Preise zuerkennen
soll. Ich möchte Sie, verehrter Herr, auf disen Umstand
aufmerksam machen, der Ihnen vielleicht entgehen kann.
Mir selber war es mit der Bewerbung um den Preis nicht
ernst, sondern nur darum zu tun, eine kleine Bosheit
an den Preisrichtern zu verüben.
WIEN
XII, GAUDENZDORFER GÜRTEL 39
Wien, den 10. Mai 1928
Sehr verehrter Herr Kraus!
Als Sie im Jahre 1924 meine kleine Skizze
mit so großem Lobe in Ihrer „Fackel” auszeichneten, war
ich in der ersten freudigen Wallung in starker Versuchung
Ihnen brieflich für die Anerkennung zu danken. Aber ich
habe es dennoch unterlassen, weil ich nicht zudringlich
scheinen wollte. Aus dem selben Grunde habe ich mich nicht
gerührt, als Sie zwei Jahre später Ihre köstliche Glosse
über die Verteilung der Kunstpreise der Gemeinde Wien ab=
geschossen hatten. Ich habe Ihnen auch damals nicht eine
Zeile des Dankes geschrieben, obwohl ich Ihnen für diese
Glosse sehr, sehr dankbar bin. Sie war mir damals eine
große Genugtuung und ist es mir seither geblieben. Denn
ich hatte mich damals um jenen Preis beworben und war
sehr verdrossen darüber gewesen, daß man mich übergangen
hat.
In diesem Jahre habe ich mir nun den
Scherz geleistet und habe jene Skizze eingereicht, wobei
ich mich in dem Begleitschreiben, dessen Kopie diesem
Briefe beiliegt, auf Ihr wiederholt ausgesprochenes Urteil
berufen habe. Ich war mir dessen wohl bewußt, daß den
Herren diese meine Berufung auf Sie nicht sehr angenehm
sein wird und daß dadurch meine Chancen nicht gerade
günstiger werden.
Die Preise sollten am 1. Mai verteilt wer=
den. Doch ist es dazu nicht gekommen. Durch Zufall ist
mir in der „Arbeiter Zeitung” vom 8. ds. eine Notiz im
Briefkasten aufgefallen, aus der zu entnehmen ist, daß
die Preise erst im Juli dieses Jahres verteilt werden
sollen. Offenbar ist das Preisrichterkollegium bisher
noch nicht einig darüber, wem es die Preise zuerkennen
soll. Ich möchte Sie, verehrter Herr, auf disen Umstand
aufmerksam machen, der Ihnen vielleicht entgehen kann.
Mir selber war es mit der Bewerbung um den Preis nicht
ernst, sondern nur darum zu tun, eine kleine Bosheit
an den Preisrichtern zu verüben.