Jaray, Karl: Brief an Oskar Samek. Wien, 19.2.1928
Wien, 19. Feber 1928.
Sehr geehrter Herr Dr. Samek!
Je mehr ich über unser gestriges Telephon=
gespräch nachdenke - und ich habe mit dem Gespräch
nicht aufgehört, mich damit zu beschäftigen - desto
dringender empfinde ich die Notwendigkeit, es durch
einige Worte zu ergänzen. Ich bitte Sie um die Geduld,
sie zu lesen.
Zunächst habe ich Stephan Jarays Alter nicht
richtig angegeben. Er ist, was ich auch hätte wissen
können, über 21 Jahre alt, und sein Vergehen wiegt
deshalb umso schwerer. Und Herr Karl Kraus hatte
zweifellos mit seiner uns allen wohlbekannten
Gabe, Zusammenhänge zu fühlen, recht damit,
daß der durch nichts zu entschuldigende Schul-
bubenstreich ein Akt des Hasses gegen mich ist.
Ich habe das am Telephon gestern kurz angedeutet.
Es ist die wahnwitzige Überheblichkeit eines unreifen
Schuljungen auf der einen Seite und auf der andern
Haß gegen mich, dessen Gedankenwelt ihm unzu-
gänglich geblieben ist (durch seine Schuld) und der
nun das mir Teuerste besudeln muß, um mich
zu treffen.
Ich habe ihm die notwendige Lektion erteilt,
aber seine häßliche Tat bedrückt mich mehr als ich
sagen kann. Es bedrückt mich vor allem, daß sie,
wenn auch hoffentlich nicht mehr als einen Augen=
blick lang, so doch diesen, Herrn Karl Kraus ver-
letzt haben kann. Ich war so glücklich, zu
erfahren, daß meine bescheidenen Worte Herrn Karl