Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 5.9.1927
2.
wenn er mich arbeiten sehe. Jetzt, 12 Tage nach Oberschlema,
sind die invaliden Beine fast noch schmerzhafter gewor=
den. Ich humple sehr mühsam vom Schreibtisch bis zum
Häusl, die vier Treppen abwärts kosten mich eine
Viertelstunde und viel Schweiß, und auf der Straße
bin ich vollkommen auf die Autodroschke angewiesen.
Ich suche (lasse suchen) eine andere, ebenerdige Wohnung,
die aber beim Wohnungsamt vor dem Ende meiner
Lebensfreude schwerlich zu kriegen sein wird. So
muß man sich halt mit dem endlich nicht zu ver=
weigernden - Sousterrain befreunden! Die anderen
Zustände, die das Gehirn bedrohten, waren wohl
nur Ausnahmswirkungen des Radiums. Ich arbeite
den ganzen Tag, was sein muß, soll ich einiger=
maßen die finanziellen Rückschläge der Krankheit
überwinden. Aber der Badearzt sagte ja,
es sei „herrlich“, daß das Radium mich so
verwüste, das verspreche nämlich die spätere
(wahrscheinlich zu Weihnachten -!!- eintretende)
gute Wirkung. Diesen, genau wie in Gastein, ver=
heißenen zweiten Teil des Kur=Resultats muß
ich also geduldig abwarten ....
In Oberschlema wurde ich vom Hauswirt,
einem Rittergutsbesitzer, und mehreren Kurgästen mit
einer persönlich unverschuldeten Evangelimann=Begeisterung