Kolig, Anton: Brief an Richard von Schaukal. Nötsch im Gailtale, 1.11.1915
Nötsch am 1. Nov. 1915 - verspätet aufgegeben
am 5. Nov. 1915
Lieber Freund!
Ich habe Ihnen heißen Dank abzustatten.
Ihre Lieder haben mich tief ergriffen . . . und
die Totenklage, die Einsame Siegesfeier und
[Linke Spalte]
Faß es Menschenherz
daß Du tief allein
beben mußt in Schmerz
und in dunkler Pein,
daß kein Hauch von Dir
einen andern regt,
ob er sich auch schier
neben Dir bewegt,
daß vom Menschenloos,
sei es denn gemein,
doch Dein Teil dran bloß
ganz Dein!
[Rechte Spalte]
P. Verlaine
. . . . C'est bien la pire peine
de ne savoir pourquoi,
sans amour et sans haine
mon coeur a tant de peine.
[Fortsetzung einspaltig]
Es schneit in Klumpen auf die
geschmückten Gräber. Will meine Kraft zu Ende
oder wird sie durchdrücken, das „Warum” tot-
schlagen? Warum male ich nicht ein
Kriegs-bild? Meine Doppeltreppe, die als
geschlossenes Kunstwerk mir tief im Blut und in
den Träumen liegt kommt über das erste primi=
tive Gypsmodell nicht hinaus. Ich arbeite
aber fleißig, zeichne viel. Ich sehe eine schier
unfaßbare Fülle; daher werfe ich noch alles
fort was unter meiner Hand anfängt Gut zu werden.