Liegler, Leopold: Brief an Karl Kraus. Wien, 16.10.1923
Wien, 16. Oktober 1923
Sehr geehrter Herr Kraus!
Die Gedichte, die mir zur Beurteilung übermittelt wurden, habe ich angesehen und
bin in einen argen Zwiespalt geraten; ich persönlich habe gar kein Verhältnis zu
ihnen, sie sagen mir ihrer Mehrzahl nach nichts, ich staune über diese
Energie, über diese endlose Flut von exotischen Einfällen, von aufgepulverten,
phantastischen Stimmungsfragmenten, die sich aber doch zu nichts als zu einem
unheimlichen, qualvollen Nichts zusammenfügen. Es ist eine moderne weib-
liche Nervenangelegenheit, die sicher nicht schlechter ist, als was in manchem Lyrik=
Buch des Verlages Kurt Wolff steht, ich sehe nur ihre allgemein menschliche Notwendig-
keit nicht ein- man wird halt auch schon alt.
Das alles kann man aber dieser Frau nicht sagen, denn in der Prosaeinleitung, die
ein entsetzliches Gestammel ist, steht irgendwo zu lesen, daß das Urteil über die Gedichte
ihr Kraft geben soll; und da ich unbedingt dafür bin, daß ihr diese Kraft nicht vor=
enthalten werden möge, so lassen Sie sie wissen, daß ich die Sachen interessant
gefunden habe, wiewohl sie so individuell erlebt sind, daß sie mit Literatur
im gewöhnlichen Sinne nichts zu tun haben. Das schwere Ringen um den
adäquaten Ausdruck des inneren Schauens ehrt sie, aber was dabei zustande kam,
verliert, wenn es dem unberufenen Auge ausgesetzt wird. - Nehmen Sie also
die Mappe, wie sie es verlangt, und legen Sie sie irgendwohin. - - - -
Ich freue mich schon auf das Heft, das demnächst erscheinen soll; Sie sind
von einem Fleiß und einer Arbeitslust erfüllt, die alle beschämt!
Viele herzliche Grüße, Ihr
ergebener
Liegler
K. K. H. U. ST. DR.