Necker, Moritz: Korrespondenzkarte an Sophie Lotheissen. o.O., 1.8.1914
1. VIII. 1914, 3/4 8 Abds
Im Bureau
Soeben wurde vor uns Allen die Rede des Deutschen
Kaisers vorgelesen: „Wir sind aufs niederträchtigste
(von Rußland) überfallen worden. Nun gehet in die
Kirche u. betet zu Gott um den Sieg!“ Das ist doch wohl
das Schrecklichste was seit Jahrhunderten von einem Kai-
ser gesagt wurde. Man hat ein Gefühl, wie vom Weltun-
tergang. Alle Bande der Sittlichkeit scheinen zerrissen. Ruß
land überfällt Europa mit dem Haß, den es seit mehr als
hundert Jahren gegen alle Kulturvölker genährt hat,
von denen es doch alles, was es an Kultur besitzt genom-
men hat. Der Jammer, den es damit heraufbeschwört
ist gar nicht auszumessen. So haben nicht die Zimbern u.
Teutonen auf die Römer wirken können, als sie die
Alpen überschritten, so dürften schwerlich die Spanier auf die
Indianer gewirkt haben, auch nicht die Heere der Sans-
culotten, als sie den Rhein überschritten. Es ist einfach die
Entfesselung der wilden Bestie in Rußland, das von den
Japanern zur Genugtuung ganz Europas aufs Haupt geschla-
gen wurde u. an der Schmach seitdem würgt. Es ist nicht aus-
zudenken, was das noch für Folgen haben wird. Und all
das die Folge davon, dass auf dem Zarenthron ein Schwäch-
ling