Marie: Brief an Marie Müller. Trebschen, 15.12.1917
Gott. So ist unser Leben sehr vielseitig angeregt.
Ohne meine liebe Kunst, ach! was würde da aus
mir in diesen so schweren, bitteren, aufregenden
Zeiten! - Heino lebt nach wie vor auf seinem
Marineposten. Ungefähr 2 Mal im Jahr kann
er nach seinem Besitz hier nachschauen kommen.
Das sind für mich dann stets Festzeiten.
Gott wolle bald uns den Frieden schenken,
der uns zukommt! - Oft u. viel
denke ich an Sie, mein liebes Müllerchen. Wie
mag's Ihnen Beiden gehen? Nehmen
sie noch „a Brom!” ??... -- Wenn
ich ab u zu des Zahnarztes halber od. aus
irgend anderem Grunde mich in Berlin
befinde, geh' ich stets zu den alten Meistern im
Kaiser Friedrich=Museum, namentlich zu den
wenigen Englischen Portraits u. zu einigen
Velasquez u. laße mir von ihnen die Leviten
lesen u. laß' mich tüchtig von ihnen schelten.
Sie sind so wahr, so „flächig”, so bedacht dabei
die Tonalität zu halten, mittelst Hintergrund
die Bildwirkung festzustellen. Der Unterschied
zwischen „Studie” u. „Bild”! Wie lange kann man
darüber sinnen! ... Doch ich muß schließen. Sehr viele
Grüße von m. Tochter! Sie lebt nach wie vor hier. - Immer
Ihnen das Beste wünschend in Treue Ihre alte Collegin
Marie Alexandrine Przssn. HⅦ. Reuß