Rilke, Rainer Maria: Brief an Anni Mewes. München, 1918
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der doch nur die Zeitungen endlos wiederholenden
Gespräche hinausgehoben sei. Zu öffentlichem Lesen
hab ich mich hier noch nicht entschließen können, aber gelegent=
lich lud ich fremde Menschen zu mir ein, von denen ich
vernommen hatte, dass sie mich gerne hören würden.
Am 25. wollte ich, nach neunjähriger Pause, in Zürich
das öffentliche Vorlesen wieder aufnehmen; aber
ob ich nun hinauskomme?
Sie schreiben von jemandem, den ich ja „jetzt
wohl öfter sehe” - Ellen Delp oder Deys - , ich
aber errathe nicht, wen Sie meinen. Ist es vielleicht
eine frühere Bekannte von mir, die geheiratet hat,
so dass ich ihren Namen nicht erkenne? Soviel Men=
schen ich auch sehe, sie war bis jetzt nicht darunter,
wenn Sie meinen, dass es jemand ist, den ich gerne
sehen würde, so ermuntern Sie sie zu mir, schon, damit
ich mir noch Einiges von Ihnen kann erzählen lassen.
In Freundschaft
Ihr
Rilke