Rilke, Rainer Maria: Brief an Felix Braun. München, 30.9.1918
Petrarca, Sonetto CC xxx VII.
(Nell' età sua più bella e più fiorita)
In ihres Alters blühendstem Beginn,
da Liebe Kraft giebt, dass man ganz empfinde,
der Erde lassend diese irdne Rinde,
schwand Laura, die Belebende, mir hin:
und stieg zum Himmel nackt und schön und lebend;
von dort beherrscht sie mich und drängt und quält.
Ach, dass sie mir aus Sterblichem nicht schält
den letzten Tag, zum ersten dort ihn hebend.
Wie die Gedanken stets Gefolg ihr waren,
so müsste nun die Seele hinterher
leicht, heiter, steigend, um mich zu bewahren
vor solcher Noth. Das Warten hat Gefahren
und macht mich innen in mir selber schwer.
O wie war Sterben schön heut vor drei Jahren.