Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 15.1.1925
Berlin=Wilmsdf Berlinerstr 10.
15. Januar 1925.
Mein lieber Gulian!
Sei umarmt, altes Geburtstagskind! Daß ich Dir
noch zwanzigmal zum 17. Januar schreiben könne - aber
dann hätt' ich auch meinen Achtziger auf dem Buckel! -
wünsch ich Dir; und daß Du anno 1945 die Grüße aller,
die Dich lieben, cum voluptate et dignitate entgegen=
nehmen mögest! - Vorläufig, ich bitte Dich, zähl die
Jahre nicht nach und nicht voraus. Es gehört einem jeden
doch nur der Augenblick; und der Deine ist so
freundlich, daß es undankbar wäre, die Gedanken
von ihm abschweifen zu lassen.
Ich hoffe, wir zwei können Deinen Geburtstag ein
paar Wochen später bei einem Glas Rheinwein feiern.
Mit froher Zuversicht erwarte ich für den Februar
Deinen und Hennys Besuch in Berlin. Vorher möchte
ich es möglich machen, - das hängt aber von Umständen
ab! - zum „Hassan” nach Chemnitz zu kommen. Weißt
Du etwa schon den Tag der Aufführung? Meinen
Rat, die Gelegenheit zu benutzen und in Berlin einen
Kompositionsabend zu geben, scheinst Du nicht
zu beherzigen. Ich meine, es würde zweckmäßig
und nicht allzu schwierig sein. Eventuell könntest
Du auf Deine Verleger Bock u. Weinberger einen
moralischen Druck ausüben, daß sie Vorbereitung
und Materielles Risiko übernehmen. Die Firma
Bote u. Bock müßte, wenn sie aus menschlichen
Individuen bestünde, gerne einen kleinen Obolus ihres