Kralik, Richard: Brief an Max Hussarek von Heinlein. Wien, 30.5.1914
an und die ist, daß eine öst. Gesch., die auf Springer Werk u. Friedjungs Buch über 1866
prinzipiell aufgebaut wäre, einer fortgesetzten Desorganisation Österreichs
gleichkäme, es wäre eine Geschichte Nichtösterreichs, jenes Österreichs, das nur
in der Kritik einiger einflußreicher, suggestiver Historiker besteht, nicht aber in der Wirklichkeit.
Ich gebe zu, daß andere darüber anderer Ansicht sein können u. ich ehre jede
andere Ansicht, aber es wäre charakterlos von mir, wenn ich an einem Werk
mitarbeitete, das meiner Überzeugung nach auf historisch falschen unrealen Grund-
lagen beruhte. Dann hat sich für mich persönlich die Sache allerdings völlig geändert,
seit ich weiß, daß Ew. Exz. an der Spitze des Unternehmens stehen. Ich muß darin
eine wesentliche Veränderung der Grundlagen des geplanten Werkes
sehen, und zwar eine Veränderung im Sinne meiner Überzeugungen.
Vielleicht haben sogar meine Artikel ein wenig dazu beigetragen.
Diese Tatsache, wenn ich sie richtig auffasse, muß für mich so
erfreulich und genugtuend sein, daß alle anderen Bedenken, die ich
mündlich (am 30.) geäußert habe, davor zurücktreten müssen.
Wie E. Exz. geäußert haben, ist ja auch vorauszusetzen, daß die
Mitarbeiter jenen realeren Anstrengungen immer adäquater werden.
Indem ich somit nur noch die genauere Angabe des
Umfangs, der Abgrenzung, des Termins erbitte, zeichne ich
E. Exzellenz von ganzem Herzen ergebener
Dr R. K.