Kosel, Hermann Clemens: Brief an Franz Karl Ginzkey. o.O., 30.6.1923
4.
reibung habe behüten wollen. Es steckte da auch mein Hausarzt
mit im Spiel, den ich nun auch ins Gebet nahm. So ist die
Sonne wieder über mir, und der Frieden.
Mein Brief, den ich Ihnen mit dankerfülltem Herzen schrieb,
als Sie mir die herrlichen, lieben Worte über mein Buch schickten,
ist ein Brief „der Sie nicht erreichte“. Das will ich Ihnen einmal
persönlich sagen. Es war keine Intrige dabei im Spiel, nur eine
Vorsicht. ich schrieb Ihnen, daß mir Ihre Kritik eine große,
reine Freude bereitete und dankte Ihnen dafür, daß Sie der einzige
seien, der mich verstehe und mir den Glauben erhalten hat,
daß ich nicht vergeblich gearbeitet habe. - Diese feinen, mit
so großem Wohlwollen geschriebenen Worte, die Sie meinem Buche
gewidmet haben, sind bereits gedruckt; an erster Stelle der Be=
sprechungen, die meinem zweiten Buche anhängen.
Diese meine Bekenntnisse könnten vielleicht für Sie ein Vor=
wurf für eine Erzählung sein, denn sie sind wohl selten so
eingreifend in ein Leben, wie in das meine. Aber ich spreche
zu einem Freunde, der nur wissen soll, warum ich so ver=
wildert werden konnte. Das alles mag vielleicht in mir eine
Schaffenskraft hervorgerufen haben, die mich befähigte, meinen
„Michelangelo“ zu schreiben. In diesem Buche werden Sie zwischen
den Zeilen die Ausbrüche meiner Angst und meines wilden
Trotzes herauslesen können, und mich dann ganz ver=
stehen. So hat ja letzten Endes doch wieder alles sein Gutes.
Also seien Sie bedankt. An Ihnen und Hohlbaum habe
ich endlich die Stützen gefunden, denen ich vertrauen kann.
Und dieser Zusammenbruch hat die Meinen nun, teils aus
Angst und teils aus Erkenntnis, wieder zu mir geführt. Ob
ich aber nun werde wieder schreiben können, das ist eine
Frage der Zeit. Mir ist, als wäre mir alle Kraft genommen.
Verzeihen Sie mir im guten Sinne, der Ihrer edlen Seele
innewohnt, und denken Sie nichts Arges mehr von mir.
Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr
Sie verehrender, dankbarer
H.CKosel.
Ihr Brief hat mir so wohl getan, möge Sie
der meine nun aufklären, daß ich kein Lob will.