Kosel, Hermann Clemens: Brief an Franz Karl Ginzkey. o.O., 30.6.1923
Atelier Kosel
Wien I.,Aspernplatz 1
30. Juni 1923
Liebster Herr Ginzkey, es geschieht mir ja so recht, daß
Sie mir die Kappe so ganz gehörig waschen; und daß Sie
trotz alledem noch so lieb sind dabei, das gibt mir ja alles
Vertrauen zu meinem Schaffen wieder. Aber Sie haben
mich nicht ganz richtig verstanden. Es ist nicht das, daß
ich an Hohlbaum's Kritik irgend etwas für mich wenig
günstiges erblickt hatte, nur dass ich mit einem Verlag
verknüpft bin, von dem ich keine Ahnung hatte, daß er
sich so bloßgestellt hat, um ihn nun gerade mit
meinem Buche zu vermoppeln. Ich, der ich in meinen
ganzen Bestrebungen immer nur das Reinste um mich
duldete und mich nie an Menschen oder an Dinge
angeschlossen habe, die irgendein wenig auf mich
hätten abfärben können, - wurde durch Hohlbaums
Aufklärung über den Verlag, der nur profitsüchtig
und fabriksmäßig seine Geschäfte macht, begreiflicher
Weise sehr deprimiert. Ich selbst hätte ja alles viel leichter
hingenommen und hätte in Ruhe alles bedacht. Aber da kam
mein Bruder, der Direktor der Industriebank, der viel in
Künstlerkreisen verkehrt aus dem „Dürerbund“ sofort zu mir
und wies auf die N. F. Presse mit der B[em]erkung: Du darfst für
diesen Verlag nichts mehr schreiben, Du mußt deine Bücher
zurückziehen, sonst schätzt man Dich nach diesen Dutzend=
werken ein. Wie schon immer eine Stimme die andere
weckt, kam es dazu, daß meine Frau, die liebe lebens=
tüchtige „Frau Agnes“, mit dem gleichen Arsenal ihrer
Befürchtungen einfiel. Ich habe während ich die langen