Kosel, Hermann Clemens: Brief an Franz Karl Ginzkey. o.O., 30.6.1923
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Jahre meiner qualvollen, oft erstohlenen, Arbeitsstunden, durch=
lebte, von meiner Familie die größten Hemmnisse erfahren.
Keiner glaubte an mich, nicht Frau, nicht Kinder und nicht der
Bruder. Alle belächelten meinen nutzlosen Fleiß und verhöhnten
meine Hoffnungen, bis ich in meinen Trotz eingesponnen,
noch tiefer in die Arbeit sank und die Nächte zu Tagen machte.
So mag Dürer weltflüchtig geworden sein! - Ich habe zu allem geschwiegen.
Und dann kam die Explosion. Mein „Dürer“ war fertig und das
Mißtrauen zu der Arbeit seitens der Meinen war stärker als je.
Ich aber hatte den unbeugsamen Trotz in mir: entweder Erfolg,
oder - - ! Mir wurde alles andere gleichgültig, ich lief in einer
Angst herum, die mich fast aufrieb. Da kam der Brief von Bong.
Aber das Vertrauen der Meinen nicht. Dann kamen die ersten
Fahnen; sie wurden von den Meinen nicht gelesen. Dann kam
das Buch und meine Frau las und wurde klein. Das war mein
erster, tiefer Erfolg, an den sich nun die ironische Frage der
Meinen knüpfte: Alles ganz schön! Aber was werden die Verstän=
digen dazu sagen, was wird die Presse sagen und wird das Buch
überhaupt gekauft werden? - Liebster, bester, seelenvoller
Freund! Haben Sie eine Ahnung, wie ein solches Martyrium
der Seele einen Menschen aufreibt? Ich war in einer bestän=
digen Aufregung. Galt meine Arbeit wirklich so wenig, daß ihr
die Zweifel so folgen mußten? Und die Angst umlauerte
mich. Nicht ich wollte überzeugt werden, daß mein Werk den
Durchschnitt erreicht, ich mußte die Meinen überzeugen
um Stunden erleben zu können, die mir das Leben wieder
wertvoll machten. Wie ein Verfehmter lebte ich abgeschlossen
im Kreise meiner Familie und stürzte mich aus Angst in die
Arbeit, die mir Freunde und Hoffnung verhieß.
Dann kamen die ersten Kritiken. Man staunte und glaubte
ich hätte sie beeinflußt. Wie aber hätte ich das vermocht? Ich
bemühte mich in meiner Angst überhaupt nur darum,
daß mein Buch nicht totgeschwiegen wurde, weil das mein
Lebendigbegraben bedeutet hätte. Und nun die Meinen
endlich überzeugt waren und mich in Ruhe ließen, fiel wie
eine Bombe der Zweifel am Verlag in mein Haus. Da kam
das alte Lied wieder. Ich aber war nicht mehr stark genug,
es zu ertragen, und wollte lösen, von mir werfen, vereinsamen
und den Glauben an meinen Stern verlöschen. Radikal!