Kurth, Ernst: Brief an Ernst Krenek. Bern, 2.6.1921
3
punkttechnik gewonnen ist. Denn mit dem Übergang zur Zweistimmmigkeit bleibt
die Grundbedingung das Weiterwirken energetischer Schwungkraft und darauf ist in
erster Linie zu achten, dass die Sorge um die Stimmenverknüpfung diese nicht irgendwie
erlahmen lasse. Darum beginne ich erst nach gründlicher Einführung ins
Gefühl für die zweistimmig fliessende Anlage (IV. Abschnitt, sehr erweiterungsfähig!)
die allerersten Grundzüge für die Linienverknüpfung selbst zu geben (V. Abschn. I. Kap. meines Buches),
langsam vorgehend, die allgemeinsten technischen Erscheinu[n]gen zuerst in einer Lektion,
die der ersten Aufgabe zweistimmigen Arbeitens unmittelbar vorangeht; dann weitet
sich, langsam in den Einzelteilen des V. Abschn. vorschreitend, die Technik in einer Weise, die ich weder Schüler noch Lehrer näher ins Einzelne vorschreiben möchte.
Wer meine Lehre als ein freischwebendes System linearer Kontrapunktik erfühlt
hat, soll im Schaffen wie im Unterrichten freie Flugmöglichkeit bewahren. Ohne diese
kann ein echter Kontrapunkt ohnedies nicht gelehrt werden, ein Lektionenschema reicht kaum
für die Anfangsgründe der Harmonielehre.
Sie vermuten in meinen Büchern hierüber fälschlich einen engeren Lehrgang; dennoch
hoffe ich, dass gerade die „Romantische Harmonik” (1920) über alles Historisch-Kritische und Systematische hinaus auf Schaffen und Unterricht befruchtend einwirken werde. Auch hiefür
mehren sich die Zeichen. - Ich freue mich, nach Ihrem Schreiben auch Sie zu den Anhängern
meiner Lehre zählen zu dürfen und werde mich freuen, von Ihnen wieder zu hören.
Hochachtungsvoll grüsst Ihr erg
E. Kurth,
Bern, Riedweg 19.