Schwarzwald, Eugenie: Brief an Richard Lányi. Wien, 27.1.1928
Wien, den 27. Jänner 1928
DR. EUGENIE SCHWARZWALD
WIEN, I. WALLNERSTRASSE 9
Geehrter Herr Lanyi,
heute erhalte ich aus Berlin einen
Brief von Sachs & Wolff mit der Anfrage, ob ihr
Telegramm angekommen sei, ob sie Aussicht hätten,
dass Herr Kraus ihr Angebot annimmt. Zugleich spra-
chen sie die Bitte aus, ich möchte meinerseits die
Sache der vorgerückten Saison wegen möglichst be-
schleunigen.
Gestern stand in dem Brief eines Ber-
liner Freundes die Bitte, ich möchte die Lessing-
hochschule nicht zu lang auf den Entscheid von
Herrn Kraus warten lassen.
Ich schreibe Ihnen alles das nur, um Ih-
nen zu zeigen, dass in Berlin eine Hausse in Karl
Kraus entstanden ist.
Trotzdem zweifle ich nicht, dass Herrn
Kraus in Berlin viele Anlässe; sich zu ärgern, ja
zu kränken, geboten sein werden. Denn Berlin ist
nicht geeignet, mit seltenen, zarten und kostbaren
Gegenständen umzugehen. Aber ich finde, dass Berlin
für Herrn Kraus und er für Berlin überaus nützlich
sind. Nicht nur daran denke ich, dass schon die
überall angebrachte Aufschrift "Nur für Herrschaften"
geeignet ist, ein ganzes Fackelheft zu entzünden,
und dass die Berliner bei aller Rauhbeinigkeit
wesentlich erziehbarer sind als die Wiener. Mir
liegt vor allem daran, dass Karl Kraus weltberühmt
wird. Das kann er aber nur bei längerem Aufenthalt
in Berlin werden, denn dort ist der Markt dafür.