Schwarzwald, Eugenie: Brief an Richard Lányi. Wien, 27.1.1928
Nur dort kann er und wird er in alle Weltsprachen
übersetzt werden. Die Amerikaner, Engländer und Fran-
zosen werden sich für seine todesmutige Haltung im
Weltkrieg interessieren, die Russen für die Chinesi-
sche Mauer, die Skandinavier für alles.
Es mag sein, dass Herr Kraus, der als töd-
lich gekränkter Idealist natürlich ungeheuer pessi-
mistisch ist, das alles gar nicht will. Ihm liegt
wahrscheinlich am Ruhm so wenig wie an den andern Gü-
tern der Erde: Liebe, Freundschaft, Reichtum, Macht.
Auf all dies hat er ja verzichtet. Aber auf den Welt-
ruhm, finde ich, darf er nicht verzichten, weil dieser
ja nichts Primäres, sondern die netürliche Begleiter-
scheinung der dringend notwendigen Verbreitung seiner
originalen Gedanken, seiner modernen Moral, seiner
vorbildlichen Weltanschauung ist.
Das alles schreibe ich nur, um Sie anzu-
regen, in Gesprächen mit Herrn Kraus ihn zum einem län-
geren Aufenthalt in Berlin zu bewegen und zu einigem
Verkehr mit mehr nützlichen als angenehmen Menschen.
Es ist nun einmal so, dass die Durchschnittsmenschen
sich für das Genie nur dann interessieren, wenn sie es
einmal persönlich gesprochen haben. Ich zweifle nicht
daran, dass Herr Kraus hie und da Anfälle von See-
krankheit erleiden wird, aber da sein ganzes Leben
bisher Opfer war, so möge er noch dieses kleine dazu-
fügen.
Ich möchte nicht gern zudringlich sein und
doch drängt es mich, diesen Brief zu schreiben. Das
kommt daher, dass der nur als legendäre Persönlichkeit
lebende Eremit Herr Karl Kraus doch zuletzt eine öf-
fentliche Angelegenheit ist.
Mit besten Grüssen Ihre
E. Schwarzwald.