Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 15.1.1925
2.
Aber Du müßtest doch, zum Teufel, Leute genug an
der Hand haben! Natürlich müßte es ein kluger,
geschmackvoller Mensch sein, kein Wiener Panegy=
riker, der hier eher schaden als nützen würde.
Um eine sachliche Würdigung Deines in Musik
umgesetzten Österreichertums - und wirklich
um die Volksoper und Volksmusikalität
der Österreicher handelt es sich. - Schließlich:
könntest Du nicht vielleicht selbst einen solchen
kurzen Aufsatz (150-170 Zeilen, nicht mehr!)
dem Hans Jülich diktieren, der doch gerne seinen
Namen drunter setzen würde?! Für's Märzheft
müßte ich ihn bis zum 15. Februar haben. Unter=
schätze nicht die Resonanz des Blattes! Seine
Leser sind freilich nicht ausschließlich Intellektuelle,
aber geistige Menschen von Rang beachten auf=
merksam jede Nummer.
Und warum suchst Du nicht unter Deinen
älteren Arbeiten etwas Kurzes, stofflich für
die Kultureinheitspropaganda Geeignetes aus, es
mir zu überlassen? Es könnte ruhig ein Abriß
aus einem Deiner Bücher sein (die ohnedies einen
sehr heimlichen Leserkreis haben!)
Wann steigt das Sanctissimum in Wien?
In den Berliner Blättern standen unlängst Notizen,
die die Première für die nächsten Wochen in Aussicht
stellten.