1. Dez. 1918
München
Hochverehrter Herr Kraus!
Bitte verzeihen Sie mir gütigst, daß ich
mich so lange nicht gemeldet habe! Ich war
in dieser Zeit nur zu sehr mit meinen privaten
u. beruflichen Dingen beschäftigt. Trotzdem gab
es - gerade in diesen Tagen! - genug inneren u.
äußeren Anlasses, um Ihrer in Verehrung zu
gedenken. Aus dem „Prager Tagblatt” glaubte ich
ersehen zu dürfen, daß die Karl Kraus=Vor-
lesungen in Prag sich glänzend gestalteten.
Umso mehr bedauerte ich, daß es mir - leider! -
nicht möglich war, ihnen beizuwohnen. Vielleicht
wäre es sogar möglich gewesen, nach Prag zu
kommen - aber damals war ein Urlaub (für
Böhmen) nicht erlangbar. Ein Telegramm, wo-
rin ich meinen Schwager bat, mich bei Ihnen
herzlichst zu entschuldigen, scheint nicht ein-
getroffen zu sein.
Inzwischen erhielt ich von München aus durch
meine Frau die reiche und herrliche neue „Fackel”
nachgesendet; ich las sie, nach der politi-
schen Umwälzung, und war erschüttert; auch
der rapideste Umschwung macht jedes ihrer Worte
nur umso perspektivischer; es ist wunderbar,
wie ihre Gestaltung vortempiert ist, wie sie das
Verhängnis der Zeit erfüllt, indem sie es zuende
denkt. Das hatte ich ja bereits in meiner Karl
Kraus=Schrift ausführlichst behauptet; und es
München
Hochverehrter Herr Kraus!
Bitte verzeihen Sie mir gütigst, daß ich
mich so lange nicht gemeldet habe! Ich war
in dieser Zeit nur zu sehr mit meinen privaten
u. beruflichen Dingen beschäftigt. Trotzdem gab
es - gerade in diesen Tagen! - genug inneren u.
äußeren Anlasses, um Ihrer in Verehrung zu
gedenken. Aus dem „Prager Tagblatt” glaubte ich
ersehen zu dürfen, daß die Karl Kraus=Vor-
lesungen in Prag sich glänzend gestalteten.
Umso mehr bedauerte ich, daß es mir - leider! -
nicht möglich war, ihnen beizuwohnen. Vielleicht
wäre es sogar möglich gewesen, nach Prag zu
kommen - aber damals war ein Urlaub (für
Böhmen) nicht erlangbar. Ein Telegramm, wo-
rin ich meinen Schwager bat, mich bei Ihnen
herzlichst zu entschuldigen, scheint nicht ein-
getroffen zu sein.
Inzwischen erhielt ich von München aus durch
meine Frau die reiche und herrliche neue „Fackel”
nachgesendet; ich las sie, nach der politi-
schen Umwälzung, und war erschüttert; auch
der rapideste Umschwung macht jedes ihrer Worte
nur umso perspektivischer; es ist wunderbar,
wie ihre Gestaltung vortempiert ist, wie sie das
Verhängnis der Zeit erfüllt, indem sie es zuende
denkt. Das hatte ich ja bereits in meiner Karl
Kraus=Schrift ausführlichst behauptet; und es