Viertel, Berthold: Brief an Karl Kraus. München, 1.12.1918
wird höchste Zeit, diese Schrift in Deutschland zu
verbreiten, damit sie der Verbreitung Ihres Wortes
u. Werkes dienen kann. Da Herr Mayer vom Ver-
lag Kurt Wollf es mit dieser Angelegenheit nicht so
eilig zu haben schien - der Verlag schien überlastet - :
wandte ich mich in Berlin an Oesterheld. In-
zwischen aber ließ mir Herr Kurt Wolff persön-
lich durch Herrn Siegfried Jacobsohn neuerdings
sein Interesse u. seine Bereitwilligkeit sagen.
Ich kann mich über den Verlag Kurt Wolff in
dieser Sache schließlich nicht beklagen; denn
durch meine Schuld - Krankheit u. Wandlungen
in meinem Privatleben - lag bis jetzt kein end=
gültiges Manuskript vor; und ich wollte doch
Ihre Anregungen verwerten. Die Verzögerung
scheint mir aber gar nicht bedauerlich, wenn
ich bedenke, wie die Schrift mit jedem weiteren
Tage nur umso pünktlicher einzutreffen scheint.
Auch die Revolution hat mit Ihren Problemen
nicht aufgeräumt, im Gegenteil, hat diese unge=
lösten Fragen nur umso brennender gezeigt.
Jetzt eben führt ja Kurt Eisner einen heroi-
schen, aber wohl fruchtlosen, tragisch=ver-
geblichen Kampf gegen die Presse, die, wie
der „Große Krumme”, auch weiterhin allem im
Wege liegt.